Transplantation von Gliedmaßen statt Prothesen

30.01.2013

Ein ehemaliger US-Soldat erhielt eine doppelte Armtransplantation mit einer neuen Technik zur Unterdrückung der Abstoßungsreaktion

Das Johns Hopkins Hospital in Baltimore berichtete gestern von einer erfolgreichen Operation. Dem 26-jährigen ehemaligen US-Soldaten Brendan Marrocco, der durch eine Straßenbombe 2009 in Afghanistan beide Arme und Beine verloren hatte und der erste Soldat aus den Kriegen im Iran und in Afghanistan war, der dies überlebt hatte, wurden am 18. Dezember zwei Arme transplantiert.

Das Operationsteam bei der Arbeit. Bild: Johns Hopkins Hospital

Eine solche doppelte Armtransplantation wird selten gemacht, die Abstoßungsreaktion des Körpers stellt hier ein großes Problem dar. die Transplantation von Händen scheint hingegen erfolgreicher zu sein. Die erste doppelte und erfolgreiche Armtransplantation gelang 2008 gelang deutschen Ärzten am Klinikum rechts der Isar in München. Nach mehreren doppelten Armtransplantationen gelang dem spanischen Chirurgen Pedro Cavadas und seinem Team 2011 die erste doppelte Beintransplantation, 2012 auch an einem zehnjährigen Jungen. Er ist der Meinung, dass Transplantationen der Gliedmaßen deren normale Funktionsfähigkeit zwar nicht wieder herstellen können, dass sie aber deutlich besser als Prothesen seien, was nicht nur dem Patienten, sondern auch der Gesellschart zugutekomme.

In der Türkei wurden weltweit die ersten dreifachen und vierfachen Transplantationen von Gliedmaßnahmen ausgeführt. Beide Patienten starben aber nach den spektakulären und aufwendigen Operationen im Februar bzw. im Mai, nachdem zuerst aufgrund der Abstoßung transplantierte Gliedmaßen wieder amputiert werden mussten.

Nerven, Adern, Muskeln, Knochen und Haut müssen verbunden werden. Bild: Johns Hopkins Hospital

Marroco hatte beide Beine ab dem Knie verloren, der linke Arm hatte unterhalb des Ellbogens, der rechte schon oberhalb amputiert werden müssen. Der junge Mann hat zahllose Operationen hinter sich und wartete seit Jahren auf die Transplantation, so berichtet. Am 18. Dezember 2012 wurden die fremden Arme eines toten Spenders mit seinen Stümpfen in einer stundenlangen Operation verbunden, d.h. Muskeln, Adern, Haut, Knochen, Nerven mussten, teils unter dem Mikroskop verbunden werden. Problematisch sind vor allem die Nerven, die im Spenderorgan schon tot sind und vom Empfänger erst langsam in den Arm hineinwachsen.

Brendan: I hated not having arms. I am alright with not having legs. Arms are good enough for me.

Noch geht es ihm, den Umständen entsprechend, gut. Er ist der erste US-Soldat, der eine doppelte Armtransplantation erhalten hat, in den USA haben sonst nur weitere sechs Menschen erfolgreich eine solche Operation überstanden. Bei ihm wurde ein neues Verfahren eingesetzt, um eine Abstoßung zu verhindern. Er erhielt eine Knochenmarksinfusion, das Knochenmark stammt aus dem unteren Rückgrat des Spenders. Dadurch konnte die Menge der Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken, auf ein Drittel reduziert werden, was auch deren Nebenwirkungen vermindert.

Brendan Marrocco gestern während der Pressekonferenz. Bild: Johns Hopkins Hospital

Andrew Lee, der das Team leitet und schon Dutzende Arme transplantiert hat, sagt zwar, dass transplantierte Arme nicht normale Arme ersetzen können, aber man könne mit ihnen Schuhe binden oder auch Essstäbchen verwenden. Für das Pentagon, das bislang mit viel Geld die Entwicklung von Prothesen unterstützt hat, die direkt vom Gehirn gesteuert werden können, ist natürlich an dieser Art der Wiederherstellung der Soldaten interessiert. Viele Soldaten mussten aufgrund von Bombenanschlägen amputiert werden und erwarten, wenigstens einigermaßen wieder ins normale Leben zurückkehren zu können (Improvisierte Sprengsätze gegen Hightech-Armeen). Normalerweise erhalten sie mechanische Prothesen, aber diese werden nicht von allen, vor allem nicht von den jungen Exsoldaten akzeptiert.

Für Lee - und für das Pentagon - sind Transplantationen von Gliedmaßen die bessere, weil trotz aufwendiger Operation billigere Alternative zu Prothesen, die an die biologischen Arme und Beine nicht herankommen. Das Hauptproblem ist eben die Abstoßungsreaktion. Ansonsten würde, so Lee, die Patienten ganzheitlich wiederhergestellt: "Nach der Transplantation betrachten sie die Arme als ihre eigenen." Das ist zwar nur schwer vorstellbar, aber es gut möglich, dass die Patienten, wie Lee weiter sagt, lieber unter Menschen gehen, wenn sie nicht Prothesen, sondern Arme oder Beine aus Fleisch und Blut haben. Ist also Hightech, auch im Pentagon, der Biologie unterlegen?

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