Indonesien: MUI pocht auf Mädchenbeschneidung

31.01.2013

Der Ulema-Religionsgelehrtenrat sieht den Brauch durch eine UN-Resolution gefährdet

Während Deutschland über Blicke auf den Busen und Dirndlkomplimente debattiert, haben Frauen in Indonesien andere Sorgen: Dort hat Maruf Amin, der Chef des Ulema-Religionsgelehrtenrats (Majelis Ulama Indonesia - MUI) alle Ärzte und Krankenhäuser des Landes aufgefordert, sich elterlichen Wünschen nach einer Beschneidung von Töchtern trotz einer im Dezember verabschiedeten Resolution der UN-Vollversammlung nicht zu verweigern.

Amins Stellvertreter Amirsyah Tambunan sprach gegenüber der Presse von einem in der indonesischen Verfassung garantierten Grundrecht auf die Beschneidung, die "Teil der Lehren des Islam" sei und "für Männer und Frauen empfohlen" werde. Huzaemah, ein weiteres Mitglied des Religionsgelehrtenrats, bezeichnete den Brauch in Jakarta Post sogar als "religiöse Verpflichtung". Sie sollte seiner Ansicht nach bei allen Frauen vorgenommen werden, um ihren Geschlechtstrieb unter Kontrolle zu halten.

Religionen in Indonesien.

Mädchenbeschneidung ist in Indonesien erst seit drei Jahren gesetzlich geregelt. Damals gelang es dem MUI durch Druck auf die Regierung, eine geplante Vorschrift zur Bekämpfung des Phänomens in eine explizite Erlaubnis für zugelassene Ärzte umzuwandeln. Diese dürfen nun den vorderen Teil der Klitorisvorhaut entfernen, ohne eine Bestrafung oder Schadensersatzpflichtigkeit fürchten zu müssen. Auch der traditionell verbreitete Stich mit einem Stück Bambus gilt als legal.

Indonesische Frauenrechtsorganisationen wie Komnas Perempuan, LBH Apik und Fatayat kritisieren diese Erlaubnis und weisen darauf hin, dass sich eine Pflicht zur Beschneidung weder im Koran noch im überregionalen Teil religiöser Überlieferungen findet. Darüber hinaus verringere sie nicht nur das Lustempfinden, sondern über Gesundheitsrisiken auch die Chancen auf Nachwuchs.

Indonesien ist nicht das einzige Land, in dem die offenere Duldung der Mädchenbeschneidung mit Verweisen auf die freie Religionsausübung gefordert wird: Im November erregte der ägyptische Gynäkologe Mohamed Kandeel mit einem Appell Aufsehen, in dem er verlangt, Elternrechte weltweit so auszudehnen, dass sie nicht nur die Beschneidung ihrer Söhne, sondern auch die ihrer Töchter umfassen.

Der Professor an der Universität in Menofiya versucht seine Argumentation dafür mit der Behauptung zu untermauern, es gebe lediglich "unzureichende Beweise", dass eine Beschneidung nach "Typ I" (bei der die Klitorisvorhaut und/oder die Klitoris entfernt wird) eine "schädliche Prozedur" ist, wenn sie "von erfahrenem Personal in einer passenden Einrichtung mit Vorrichtungen zur Schmerzkontrolle und zur Narkose durchgeführt wird". Medizinische Erkenntnisse über die Funktion der Klitoris und die Nervenkonzentration in dem entfernten Gewebe sieht der Sunnit durch Interviews infrage gestellt, in denen beschnittene Frauen behaupten, sie würden beim Geschlechtsakt subjektiv noch etwas empfinden.

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