Turbo auf der Tastatur

31.01.2013

Beschleunigung und Kontrollverlust

Die Digitalen im Gespräch mit Dirk von Gehlen. Zu schnell und zu viel, und dann noch twittern. Immer rascher updaten Contents und erreichen uns. Geben wir auf, haben wir Strategien im Umgang damit, oder ist das alles nicht der Rede wert?

Zeit rennt immer schneller, Entwicklungen im sozialen, technologischen, politischen Bereich beschleunigen sich. Digitalen Medien sind dabei nicht ganz unschuldig, denn ein Vielfaches an Inhalten erreicht uns heute im Vergleich zu früheren Jahrzehnten und verlangt unsere Aufmerksamkeit. Zu viel, um diesen Fluss wirklich noch im Detail steuern zu können. Müssen, können, sollen, wollen wir hier noch mit? Wie kommen wir mit diesem Kontrollverlust klar.

Als das World Wide Web noch neu war, da konnte man ins Schwärmen kommen. Alles war und ist verfügbar. In Massen, aber genau die haben sich in unserer Inbox verzehnfacht. Kein Problem, solange man selbst bestimmen kann, was einen wann erreicht. Auch Abschalten ist nach wie vor möglich, aber dann bleibt das ungute Gefühl, etwas vom Nachrichtenfluss zu verpassen. Denn ein Kontrollverlust über die eigene Kommunikationstruktur hat stattgefunden.

Die Angst vor Beschleunigung ist keine neue. Im 19. Jahrhundert hatte das schon Auswüchse angenommen. So mussten in Bayern Bäume wegen der immer schneller werdenden Eisenbahnen zum Schutz von leicht erschreckbaren Kühen gepflanzt werden.

Zunehmende Geschwindigkeit erzeugt Filter

Digitales erzeugt Masse, aber wir haben Mechanismen entwickelt, um damit klar zu kommen, sie benötigt immer noch die gleiche Zeit wie vor 20 Jahren, um sie zu verarbeiten. Mit dem Wissen, dass vieles dabei an Inhalten auf der Strecke bleiben muss, sich der Kontrolle entzieht. Aber gab es die jemals? Kontrollverlust scheint eher in Lebensangst seine Wurzeln zu haben, denn das Leben war noch nie geordnet, Kontrolle immer eine Illusion. Eine Erfindung der Renaissance.

Dabei erzeugen wir alle heute Big Data wir haben die Möglichkeit, in das Grundrauschen der Welt hinein zu hören. Wobei das meiste banal und informationslos bleibt, eben ein Rauschen. So sind die Filter entscheidend in der Medienwahrnehmung geworden.

Beschleunigung erzeugt vor allem dann Überforderung, wenn Multitasking angesagt ist. Aber Menschen sind dazu nicht fähig. Die Aufnahme von Inhalten während des gleichzeitigen Sammelns haben zusammen keine Chance. Aber die ruhige Fokussierung fehlt vor allem heute bei der Nutzung Digitalen Medien. Weil diese genau gegenteilig aufgesetzt sind und in Gleichzeitigkeit entropieren.

Paul Virilio hat Geschwindigkeit als Waffe im 20. Jahrhundert definiert. Wir reisen zunehmend in schnellerer Abfolge, ohne den Ort zu verlassen. Und Virilio sieht das negativ. Seine Utopie einer immer schneller ablaufenden Kommunikationskultur ist eine negative. Er sieht diese Filter als nicht wirksam.

Vorbilder

Ein Blick zurück zeigt. Die pure Masse an Inhalten ist kein Phänomen des 21. Jahrhunderts. Ein Nutzer der Bibliothek in Alexandria konnte angeblich zum Zeitpunkt des Brandes auf über 700.000 Schriftrollen zugreifen, die Library of Congress bietet dreimal mehr Bücher an als Google Books. Auch dort kann sich jeder Nutzer wie in Google verlieren. Allerdings gibt es eine sozial gelernte Form der Kontemplation in den Lesesälen. Zuerst sucht man sich Bücher aus, dann setzt man sich , um diese zu inhalieren.

Diese strikte Trennung steht im Gegensatz der heute auch von Repräsentanten der Überflutungsrhetorik wie Myriam Meckel zelebrierten Mischung aus Aggregation und Verarbeiten in einem. Wo das zusammen geworfen wird, kann keine Ruhe entstehen. Es geht um die Freiheiten von Fixierungen, auch von Gelerntem. Entlernen, etwas weg tun: das ist die Kunst des Entschleunigens, die Kunst des sich Herausziehens. Freiheit nehmen wieder frei zu nehmen.

Das ist aber eine soziale Leistung. Surfen und Zappen heißt im US-Amerikanischen "to surf". Mit TV Contents ist das eine gelernte Art der Mediennutzung. Nach der ersten Überflutung ist ein Überblick geschaffen, und man ist bereit, sich auf einen Inhalt so lange einzulassen, bis die Aufmerksamkeit darauf sinkt. So wie die Fernbedienung in unserer Generation gelernt wurde, aber die Alten das nicht können. "Meine Mutter kann nicht zappen", die nächste Generation kämpft wohl eher mit Big Data, aber surfen erzeugt dann keinen Stress mehr. Dabei geht es vor allem auch darum, Redundanzen in der Informationsaufnahme auszuklammern und Abstand zu finden. Als Antistressprogramm der Mediennutzung jetziger und kommender Generationen. Denn ein "zu wenig" an Inhalten kann im Gegensatz zu früher kaum noch vorkommen.

Dirk von Gehlen de.wikipedia.org/wiki/Dirk_von_Gehlen steht bei der Süddeutschen Zeitung im Brennpunkt der Angst auch klassischer Medien, in dieser Beschleunigung eine sorgsam gehütete Kontrollfunktion zu verlieren. Deren Angst bezieht sich darauf, dass man nicht weiß, wie beschleunigte Zukunft aussehen wird. Social Media sehen etablierte Medien als Chance, um mit zu kommen. Dabei sind sie auch mit einem veränderten Begriff von Publizität konfrontiert. Alles ist schneller, und nicht mehr zu kontrollieren, weil es im Umfeld der Social Media auf Dialog basiert.

Die Zukunft ist schon da

"Zukunft ist schon da, nur sehr ungleich Verbreitet." Von Gehlen sieht einen immensen Beschleunigungsprozess der letzten fünf Jahre, der seiner Meinung nach noch zunehmen wird. Und er hat Freude daran. Technologische Neuerungen, wie früher Beschleunigung der Reisegeschwindigkeit wurden stets als gefährlich gesehen. Diese Beunruhigung über eine Neuerung habe sich dann aber immer beruhigt. Beschleunigung habe Vorteile, da man sich auch schneller wieder von Sachen lösen und sie abhaken könne, sich schneller informiere. Dabei scheinen die neuen digitalen Kanäle einen Bedarf zu decken. Was im Bereich des Unterhaltungssports als "Drittes Stadion" ein Social Media Kanal wie Twitter zeigt, ist, dass soziale Kanäle zur sozialen Gruppenbildung führt. Und dieses Bedürfnis könnte nun Echtzeitkanäle erfüllen. Der Urwunsch des Menschen nach dem Sozialen kann dabei keine Gefahr sein.

Schneller käme es uns allen nur deshalb vor, weil wir wegen technologischen Defiziten früher so langsam miteinander kommunizierten. "Schneller" heißt nun "Echtzeit". Die Entwicklung ging dabei in 150 Jahren vom Reiter mit der Botschaft über Telegraphen und terrestrische Frequenzen hin zu einem Digitalen Kanal mit Rückkanal. Selbst an mehreren Orten gleichzeitig zu sein und damit Virilios Konzept des Rasenden Stillstands sogar zu überdrehen, ist nun problemlos denk- und durchführbar. Das wird uns verändern. Auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen, ginge eben heute doch ein bisschen. Und der Wunsch an sich ist nichts Gefährliches.

Die Digitalen

Drei Medienarbeiter, Michael A. Konitzer, Anatol Locker und Harald Taglinger, die sich schon seit Ende der 1980er in digitalen Kanälen bewegen, haben den digitalen Wandel gelebt und begleitet. Sie unterhalten sich in einem Podcast einmal im Monat über die derzeitigen Hotspots und darüber, wie sich in einer sich entwickelnden digitalen Welt die Konstante Mensch mit komplexeren medialen Möglichkeiten verhält. Das tun sie nicht alleine. Sie laden Gäste dazu ein. Sie plaudern mit ihm/ihr/ihnen über seine Sicht des Themas. Alle Folgen sind auch via iTunes als Podcast verfügbar

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