Die Stalingrad-Protokolle

01.02.2013

Jochen Hellbeck über die russische Perspektive auf die Entscheidungsschlacht im Osten

Die Schlacht um Stalingrad vom 13. September 1942 bis zum 2.2. 1943 markiert eine Zäsur in der Geschichte des Zweiten Weltkrieges. Bedeutete der ein Jahr zuvor fehlgeschlagene Eroberungsversuch von Moskau noch das Ende der Anfangsphase des Krieges, so war die Stalingrader Schlacht für Hitler der Anfang vom Ende. Seitdem befanden sich die faschistischen Streitmächte in der Rückwärtsbewegung.

Geblieben ist in Deutschland der Landser-Mythos von der 6. Armee, die vom "Führer" verraten und vom überlegenen Feind eingekesselt, sich zweieinhalb Monate unter widrigsten Bedingungen gegen die drückende gegnerische Übermacht behauptete und für das Vaterland opferte. Dabei geriet nicht nur der Kampf aus Sicht der Roten Armee, sondern auch das Leiden der sowjetischen Zivilbevölkerung völlig aus dem Blickfeld.

Diese noch aus der Zeit der Nazi-Propaganda stammende deutsche Interpretation wird nun mit den (vom Historiker Jochen Hellbeck hervorragend editierten) während oder kurz nach der Schlacht aufgenommenen Protokollen sowjetischer Zeitzeugen auf eindrucksvolle Weise ergänzt - beziehungsweise widerlegt.

In ihnen wird davon berichtet, mit welchem Heldenmut sich in der Anfangsphase der Schlacht die hochmotivierten Kämpfer der Roten Armee trotz großer Entbehrungen der Übermacht des Feindes stellten und die Deutschen mit teilweise einfachsten Mitteln an der Eroberung der Stadt hinderten. Arbeiter eines Traktorenwerks mussten beispielsweise ihre sechzig über Nacht produzierten T-34 Panzer selbst bemannen und mit ihnen einen Gegenschlag führen.

Herr Hellbeck, was unterscheidet die nachkriegsdeutsche Interpretation der Schlacht von jener der Nazis?

Jochen Hellbeck: Mir erscheint sehr interessant zu sehen, wie man fast archäologisch die verschiedenen Schichten des Stalingrad-Mythos verfolgen kann. Der Stalingrad-Mythos wurde von den Nazis begründet. Sie legten den Grundstein für viele nachfolgende Erinnerungsmomente, die, auch wenn sie sich gegen das Nazi-Modell umkehrten, dennoch in dieser Traditionslinie standen. Denn als sich das Kriegsgeschehen gegen die 6. Armee wendete, organisierten die Nazis um die Schlacht einen ungeheuerlichen Heldenkult: Die Eingekesselten sollten als Krieger, die sich in hoffnungsloser Lage für Führer, Volk und Vaterland opferten mit ihrer Armee in die Geschichte eingehen.

Nach dem Krieg blieb dieser Mythos in Teilen erhalten: Die 6. Armee war nach wie vor eine Heldenarmee, die für das deutsche Volk sich geopfert hatte, aber mit ihren soldatischen Werten gegen Hitler stand, der sie im Stich gelassen hatte. Hitler wurde also als tragende Komponente des Mythos herausgenommen und der Mythos wurde gegen ihn gekehrt.

Später wurden aus den soldatischen Helden sehr viel kleinere Menschen, fast schon Anti-Helden, die von der Geschichte überrollt wurden und im Grunde nicht mehr wussten, wofür sie überhaupt kämpften. Hier wurden dann Feldpostbriefe interessant, die das Schicksal des einfachen Soldaten zeigten, dessen Mentalität sich im Vergleich zum Beginn des Krieges weitgehend geändert hatte. Was weiter auffällt ist, dass Stalingrad in Deutschland überwiegend eine soldatische Erinnerung blieb und das Schicksal der Zivilbevölkerung komplett ausgespart wurde.

Jochen Hellbeck. Foto: S. Fischer Verlag.

Aus deutscher Sicht zählt für die Schlacht um Stalingrad die Zeit nach der Einkesselung, für die russische sind eher die Tage und Monate davor wichtig. Können Sie beide Seiten nachvollziehen?

Jochen Hellbeck: Das ist wie gesagt eine Frage der Choreographien: Die deutsche Choreographie ist eine des bekannten ZDF-Dreiteilers: "Der Angriff - Im Kessel - Der Untergang". Das darf man natürlich nicht auf die sowjetische Seite übertragen.

"Der Stalinkult hat nie nachgelassen"

Sie schreiben von der bemerkenswerten Loyalität der Rotarmisten gegenüber dem Parteivorsitzenden Josef Stalin. Aus deutscher Sicht ist dies geradezu unerklärlich. Wollen Sie trotzdem einen Interpretationsversuch wagen?

Jochen Hellbeck: Der Stalinkult stand seit den 30er Jahren in voller Blüte und hat natürlich Wirkung gezeigt. Gleichzeitig ist Stalingrad der große Umkehrpunkt, an dem die Deutschen zum ersten Mal umfassend besiegt worden sind und hier war die Loyalität zum Parteivorsitzenden wahrscheinlich eine größere, als es im Sommer 1941 der Fall war, obwohl auch dort eine immense Loyalität zu Stalin existierte und man nicht ihn, sondern seine ausführenden Generale, beziehungsweise seine Henker kritisierte, wenn Sie an den großen Terror denken, der ja auch von Stalin selbst kritisiert wurde.

Die Terrorspirale, die 1939 abgebrochen wurde, hat man nicht mit Stalin in Verbindung gebracht, sondern mit dem NKWD-Chef Jeschow. Das wurde als die "Jeschowschina" bezeichnet, als die unter Jeschows Führung begangenen Exzesse. Stalin hat es immer verstanden, Kritik, die sich gegen seine Person richten konnte, an ausführende Henker oder Militärs abzuleiten.

Insofern hat der Stalinkult nie nachgelassen und in allen Phasen des Krieges Wirkung gezeigt, dies aber ganz besonders zur Zeit der Schlacht um Stalingrad, die Stadt, die Stalin 1918 im Krieg verteidigt hatte und die seinen Namen trug. Man muss auch hinzufügen, dass sich Stalin selbst im Februar 1943 in einem Telegramm bei den Verteidigern von Stalingrad bedankte. Das entwickelte eine eigene Dynamik, da sich die Soldaten von Stalin persönlich gewürdigt und angesprochen fühlten.

Hat die deutsche Wehrmacht in Stalingrad russische Kriegsgefangene gefoltert und Juden exekutiert?

Jochen Hellbeck: Folterungen sind wie die Verbrechen an der Zivilbevölkerung nur lückenhaft nachweisbar. Eines der interessantesten Interviews in meinem Buch ist das mit Hauptmann Pjotr Sajontschkowski. Er beschreibt, wie er in ein Dorf hineinkommt, das von den Deutschen besetzt gewesen war, wobei die Soldaten alle jungen Frauen vergewaltigt hatten.

Hier findet er die gebrandmarkten Leichen von baschkirischen Soldaten vor, denen man auch die Augen ausgestochen hatte. Diese Menschen hat man offensichtlich gefoltert, um ihnen Militärgeheimnisse abzupressen; anschließend wurden sie umgebracht. Ein Mosaiksteinchen in einem größeren Gesamtgeschehen voller Schrecken und Hass, nicht nur auf der deutschen Seite.

"Die sowjetische Behandlung nahm sich humaner aus"

Sie berichten, dass die Versorgung der deutschen Kriegsgefangenen vonseiten der Russen verhältnismäßig gut war. Warum haben dann so wenige Deutsche die sowjetische Kriegsgefangenschaft überlebt? Wie haben die Deutschen ihre Kriegsgefangenen behandelt?

Jochen Hellbeck: Die Sowjets haben zunächst einmal versucht, den deutschen Kriegsgefangenen in Stalingrad ärztliche Hilfe zuteilwerden zu lassen, und es wurde ihnen auch Brot gegeben, laut den offiziellen Bestimmungen ähnlich große Brotrationen wie der sowjetischen Zivilbevölkerung. Das unterschied sich ganz erheblich von der Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen durch die Wehrmacht, die allein in den ersten Monaten nach Kriegsbeginn sowjetische Soldaten hat millionenfach umkommen lassen, indem man ihnen nichts zu essen gab, geschweige denn ihnen medizinische Hilfe zuführte.

In den ersten Tagen und Wochen nach der Kapitulation der Deutschen kamen reihenweise deutsche Kriegsgefangene um, ganz wesentlich deshalb, weil sie vorher bereits durch Kälte, Hunger und Krankheit geschwächt waren. Die harten Überlebensbedingungen während der Gewaltmärsche durch die winterliche Steppe und in den russischen Lagern hat natürlich das ihre dazu beigetragen.

Natürlich war die Gefangenschaft in der Sowjetunion alles andere als ein Zuckerschlecken, aber im Vergleich zu dem, was die Wehrmacht den russischen Kriegsgefangenen ein Jahr zuvor zugefügt hatte, nahm sich die sowjetische Behandlung humaner aus.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige
SETI

Seit nun mehr 50 Jahren suchen weltweit verstreute SETI-Radioastronomen mit ihren Antennen, Schüsseln und optischen Teleskopen passiv nach künstlich erzeugten intelligenten Radio- und Lichtsignalen. Auch wenn die Ausbeute bisher ernüchternd ist - schon morgen könnte es passieren ...

bilder

seen.by

Anzeige

TELEPOLIS