Eingesperrt: Die Kinder bleiben länger, die eigenen Eltern benötigen mehr Unterstützung

03.02.2013

Statt leeres volles Nest: Das normale Paar im mittleren Alter hat mehr Eltern als Kinder, die versorgt werden müssen

Das "leere Nest" war früher gelegentlich Zeit einer Krise. Wenn die Kinder, die bislang den alltäglichen Lebensablauf für die Eltern in mehr oder weniger erheblichem Maße mit bestimmt haben, ausziehen und nur die Eltern übrigbleiben, müssen diese ihre Beziehungen und ihren Tagesablauf neu gestalten und beleben. Das war aber auch eine Chance, weil die Eltern dann wieder mehr Zeit für sich selbst haben, wenn sie damit etwas anfangen können. Das Phänomen scheint es derzeit aber weniger oft zu geben, sagen Altersforscher von der Oregon State University.

Der "leere Nest" werde in Zeiten der Wirtschaftskrise zunehmend abgelöst von einem "vollen Nest". Die Wissenschaftler haben für ihre qualitative Studie, die im Journal of Aging Studies erschienen ist, Gespräche mit Gruppen von Menschen mittleren Alters ausgewertet, die 2009 und 2010 stattfanden, also zum Höhepunkt der Krise. Die Kinder können nicht mehr ausziehen, weil beispielsweise die Mieten zu teuer sind und sie keinen Job finden, zudem werden die eigenen Eltern immer älter und sind mehr als früher auf Hilfe angewiesen. Die mittlere Generation muss also den Kindern und den eigenen Eltern helfen.

Karriere- und Familienplanungen für die jungen Menschen sind schwerer geworden und verzögern sich, auf der anderen Seite bleiben die Eltern selbst länger Kinder, die ihre eigenen Eltern versorgen oder irgendwie unterstützen müssen. Nach den Wissenschaftlern ist damit "eine Lebensphase neuer Freiheiten, Optionen und Chancen weitgehend verschwunden". Dagegen würden oft gemischte Gefühle auftreten.

Man freue sich, weiter zusammen zu sein und den Kindern während ihrer verlängerten Zeit bis zum Erwachsen- und Selbständigwerden zu helfen. Die Eltern verstünden, dass dies länger dauert, weil eine längere Ausbildung notwendig ist und der Arbeitsmarkt schwierig geworden ist. Die Eltern rechnen, dass sie ihre Kinder bis Mitte oder Ende der zwanziger Lebensjahre unterstützen müssen.

Durch medizinische Fortschritte und eine stetig steigende Lebenserwartung werden die Menschen aber auch immer älter, bleiben aber deswegen nicht notwendig auch gesund. Hier entstehen Unsicherheit, Angst, Frustration und Erschöpfung , zumal wenn erfahren wird, wie die eigenen Eltern immer abhängiger werden, was man gerne für sich selbst vermeiden will. Die Gesellschaft, so Karen Hooker, Direktorin des OSU Center for Healthy Aging Research, habe die Menschen nicht vorbereitet, die eigenen Eltern versorgen zu müssen, aber das normale Paar im mittleren Alter habe jetzt mehr Elternteile als Kinder.

Neu ist die Erfahrung womöglich für die in der Moderne übliche Kleinfamilie. Man könnte allerdings auch sagen, dass damit die Großfamilie, wenn auch weiterhin geschrumpft, wieder kehrt, also dass die Generationen in der Familie wieder näher zusammenrutschen - nicht weil sie es wollen und nicht mehr aus Tradition, sondern im Wesentlichen aus finanziellen Gründen.

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