Die Entbehrlichkeit der Heimat

Wer sich selbst treu bleibt, braucht politische Attacken nicht zu fürchten, sagt Daniel Cohn-Bendit. Der grüne Europaparlamentarier über den Preis der offenen Mediengesellschaft, die Politik des Privaten und Deutschlands Lust zu strafen

Herr Cohn-Bendit, im normalen Leben sind Sie ein respektierter Politiker, im Internet stehen Sie im Ruf, ein Kinderschänder zu sein. Wie lebt es sich als gespaltene Persönlichkeit?

Daniel Cohn-Bendit: Ach, Sie kommen mit der alten Geschichte um die Ecke. Ich lebe nicht als gespaltene Persönlichkeit, auch wenn die Vorwürfe natürlich hart sind und schmerzen.

2001 tauchte eine Passage aus Ihrem 1975 erschienenen Buch "Der große Basar" im Internet wieder auf. Darin schildern Sie Ihre Zeit in einem alternativen Kindergarten in Frankfurt und beschreiben wie kleine Mädchen Ihren "Hosenlatz geöffnet" hätten. Ihr Flirt mit den Kindern habe "teilweise erotische Züge" getragen.

Daniel Cohn-Bendit: Das war totaler Blödsinn. Da ist nie etwas passiert, deshalb gibt es ja auch einen Entlastungsbrief von einigen Eltern und Kindern, die damals bei mir im Kindergarten waren. Das war eine reine Provokation, die man im Kontext der Zeit sehen muss. Die Linke hat damals für die sexuelle Befreiung gekämpft und sich dabei teilweise völlig verrannt. Man wusste nicht, wie man mit der sich entwickelnden Sexualität von Kindern umgehen soll und das hat dazu geführt, dass einige sogar das Recht auf Sex mit Kindern gefordert haben. Ich bin nie so weit gegangen, aber ich wünschte trotzdem, ich hätte diese Zeilen nie geschrieben.

Lange hat sich niemand darüber empört, wohl auch, weil man den politischen Kontext entlastend in Rechnung stellte. Bis eine Journalistin das Zitat im Internet veröffentlicht und Zeitungen angeboten hat. Die großen Medien haben Ihnen auch 2001 wieder relativ schnell verziehen, das Netz nicht. Google schlägt, wenn man Ihren Namen eingibt, als Ergänzung für die Suche das Wort "Kinderschänder" vor. Und beinahe unter jedem YouTube-Video findet sich ein Kommentar, der darauf Bezug nimmt.

Daniel Cohn-Bendit: Das Internet bietet atemberaubende Möglichkeiten. Die gibt es aber nur im Paket mit oft unglaublicher Härte und Bösartigkeit, bedingt durch die Anonymität, die im Netz möglich ist. Aber so ist das in einer offenen Mediengesellschaft, da wird man eben für den Unsinn, den man schreibt, zur Verantwortung gezogen. Es war die härteste Zeit meines Lebens, aber wer offene Medien will, darf sich nicht beschweren, wenn er sich selbst im Auge des Sturmes findet.

Also lassen Sie es gesenkten Hauptes über sich ergehen?

Daniel Cohn-Bendit: Ich denke, man kann so etwas nur aussitzen. Das gehört für die Öffentlichkeit jetzt einfach zu meiner Geschichte, ich werde das nicht mehr wegbekommen. Wichtig ist, dass man sich in seinem Umfeld, zum Beispiel gegenüber den eigenen Kindern, erklärt.

Dieses Interview ist ein Vorabdruck aus dem Buch von Bernhard Pörksen und Wolfgang Krischke (Hrsg.): "Die gehetzte Politik. Die neue Macht der Medien und Märkte". Es erscheint im Februar 2013 im Herbert von Halem Verlag (Köln) und kostet 19,80 Euro.

Gemeinsam mit Prof. Bernhard Pörksen (Medienwissenschaft, Universität Tübingen) und Dr. Wolfgang Krischke (Journalist, Sprachwissenschaftler) haben Tübinger Studierende das Gesprächsbuch "Die gehetzte Politik. Die neue Macht der Medien und Märkte" verfasst. Sie haben prominente Politiker interviewt, einflussreiche Journalisten und desillusionierte Skandalopfer befragt, mit PR-Beratern, Netzaktivisten und Kulturkritikern gesprochen. Zu Wort kommen: Finanzminister Wolfgang Schäuble, der Bestsellerautor Thilo Sarrazin, der Europa-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit, der Empört-Euch-Aktivist Stéphane Hessel, die Merkel-Kritikerin Gertrud Höhler, die Linke Sahra Wagenknecht, der Alt-Kommunarde Rainer Langhans, die Piraten-Politikerin Marina Weisband, der Philosoph Richard David Precht, der Ministerpräsident Winfried Kretschmann, die Fernsehjournalisten Marietta Slomka und Ulrich Deppendorf, der Unternehmer Carsten Maschmeyer und viele mehr.

Kann man die beiden Identitäten, offline und online, wirklich so trennen?

Daniel Cohn-Bendit: Nicht hundertprozentig, aber das ist auch nicht nötig. Ich bin ja im Netz nicht nur der Kinderschänder. Sie finden dort genauso zahlreiche Reden von mir aus dem Europaparlament, die sich teilweise hunderttausende Menschen anschauen, die sogar ins Arabische übersetzt wurden. Auch die prägen meine Online-Identität.

Wie sehr behindert Sie der Ruch der Päderastie eigentlich dabei, Politik zu machen? Der Vorwurf wird von Ihren politischen Gegnern immer wieder gegen Sie ins Feld geführt. Von der rechten FPÖ in Österreich oder der konservativen Regierungspartei FIDESZ in Ungarn.

Daniel Cohn-Bendit: Interessanterweise überhaupt nicht. Auch im Wahlkampf in Frankreich hat nur einmal jemand versucht, die Geschichte zu instrumentalisieren - ohne Erfolg. Im Zweifel gewinne in diesen Fällen ich, weil ich mich erklärt habe und die Leute das akzeptieren. Ein paar Rechtsradikale, die versuchen, mit Schmutz zu werfen, ändern daran nichts.

Wir haben uns nie verleugnet

Die Sätze stammen aus den 70ern. Auch Joschka Fischer haben 2001, wenige Wochen vor Ihnen, Ereignisse aus dieser Zeit eingeholt, als Fotos auftauchten, auf denen zu sehen ist, wie er einen Polizisten verprügelt. Sie beide haben die Vorwürfe unbeschadet überstanden. Trainiert das Straßenkämpferdasein für die Härten der Politik?

Daniel Cohn-Bendit: Dass uns diese Angriffe politisch letztlich nicht geschadet haben, liegt weniger an unserer speziellen Vergangenheit, als daran, wie wir mit dieser Vergangenheit umgehen. Wir sind beide immer wir selbst geblieben, haben uns nie verleugnet. Joschka steht dazu, dass er Haschisch geraucht und Häuser besetzt hat, aber er kann auch glaubwürdig erklären, wie es dazu kam und warum er damit aufgehört hat.

Warum lässt man Ihnen eigentlich durchgehen, was bei anderen als Wankelmut und Opportunismus gelten würde? Zum Beispiel den Wandel vom Staatsbekämpfer, der Parlamente für Marionetten der Regierung hielt, zum Parlamentarier. Liegt das nur am Ruf, authentisch und sich treu geblieben zu sein?

Daniel Cohn-Bendit: Den Wandel zum überzeugten Anhänger der repräsentativen Demokratie habe ich in den 80ern schon vollzogen und begründet. Und ich habe mich sonst nie irgendwelchen Moden angepasst. Während des Bosnienkriegs bin ich vehement für eine Intervention eingetreten, obwohl die Grünen noch radikal pazifistisch waren. Sechs Wochen später fand der Europaparteitag der Grünen statt, auf dem ich mit Ach und Krach noch auf Listenplatz 8 für die Europawahl 2004 kam. Und das auch nur, weil Joschka gedroht hat, er würde alles hinschmeißen, wenn ich nicht auf die Liste käme. Das waren die Konsequenzen meines Engagements und ich war bereit, sie zu tragen.

Joschka Fischer hat mit Ihnen in den 70ern in Frankfurt in einer Wohngemeinschaft gelebt. Die Entscheidung für eine Wohngemeinschaft fiel zu der Zeit oft nicht aus Pragmatismus, sondern aus Überzeugung. War das Private politisch?

Daniel Cohn-Bendit: Das Private war und ist absolut politisch, das glaube ich immer noch, auch wenn wir es etwas übertrieben haben. Teilweise wurde dieser Anspruch so autoritär formuliert, dass sich einzelne unter Druck gesetzt fühlten.

In Gefahr gerät man nur, wenn man sich anders darstellt, als man eigentlich ist

Lange war es tabu im Journalismus, über das Privatleben von Politikern zu berichten. Wurde mit der Formel, auch die privaten Verhältnisse seien gesellschaftlich relevant, das Private überhaupt erst Gegenstand der politischen Berichterstattung? Anders gefragt: Hat damals eine Entwicklung begonnen, die uns bis in Rudolf Scharpings Swimming-Pool geführt hat?

Daniel Cohn-Bendit: Dass das die Wurzel für die Boulevardisierung der Politik war, glaube ich dann doch nicht. Aber unabhängig davon finde ich es schon gefährlich, dass Politiker allmählich zu gläsernen Menschen werden. In meinem Privatleben hat allerdings noch niemand geschnüffelt.

Woran könnte das liegen?

Daniel Cohn-Bendit: Vermutlich daran, dass ich noch nie eine Ideologie aus meinem Privatleben gemacht habe. Wenn man das nicht tut, interessiert es Journalisten auch nicht.

Andererseits ist über Ihr Privatleben ja sowieso schon viel bekannt. Ist es wirklich so simpel, wie Sie sagen: Solange man authentisch ist und das eigene Privatleben nicht moralisch überhöht, passiert einem nichts? Es gibt doch viele Politiker, deren Privatangelegenheiten gegen ihren Willen an die Öffentlichkeit gezerrt wurden.

Daniel Cohn-Bendit: Ich glaube, es ist wirklich so einfach: In Gefahr gerät man nur, wenn man sich anders darstellt, als man eigentlich ist, wie Horst Seehofer, der sich als Katholik präsentiert und die Familie politisch überhöht, aber ein uneheliches Kind gezeugt hat. Oder wenn man das glückliche Eheleben politisch ausschlachtet, wie Gerhard Schröder damals in Hannover im Wahlkampf mit seiner Frau Hiltrud. Wenn man auf so etwas verzichtet, wird man auch in Ruhe gelassen.

Auch Sie haben letztes Jahr mit Privatem Schlagzeilen gemacht. "Cohn-Bendit hat Krebs", hieß es. Ihnen wurde ein Tumor an der Schilddrüse entfernt und weil Sie drei Wochen später zur Nachbehandlung mussten, konnten Sie nicht bei einem Kongress der europäischen Grünen auftreten. Da hatten Sie, wenn Sie ehrlich sind, nicht die Wahl zwischen Reden und Schweigen.

Daniel Cohn-Bendit: Nein, die hatte ich in diesem Fall nicht. Ich lag damals mit der Partei ein wenig im Clinch. Wäre ich ohne Erklärung nicht erschienen, hätten das alle als politische Aussage interpretiert. Hätte ich nur gesagt, ich wurde operiert, hätten auch alle nachgefragt. Also habe ich die Tumor-Operation öffentlich gemacht. Verheimlichen kann man so etwas sowieso nicht, also versucht man, zu steuern, um Spekulationen zu verhindern. Die Dimension sollte klar werden, aber es sollte auch nicht dramatischer wirken als es war.

Das hat nicht geklappt.

Daniel Cohn-Bendit: Stimmt. Meine Frau war ganz schön überrumpelt, als sie die Meldung "Cohn-Bendit hat Krebs" in der Frankfurter Rundschau las - obwohl sie eigentlich wusste, dass die Operation schon vorbei war. Auch andere Leute haben plötzlich angerufen und sich noch mal nach mir erkundigt.

Haben Sie für den Umgang mit den Medien einen PR-Berater?

Um Gottes willen, nein! Ich bin mein eigener Berater und das funktioniert gut. Die Journalisten wissen, dass sie von mir immer eine Aussage bekommen, weil ich sehr direkt bin. Es dürfte kaum einen Journalisten geben, der mich wirklich hasst. Sich zu überlegen, wann und wie man die Medien am besten benutzen kann, ist Teil des Geschäfts. Umgekehrt tun die Medien es ja auch.

Ohne Europa werden wir nicht mehr über unser Leben bestimmen können!

Ein wesentlicher Teil Ihres "Geschäfts" ist ein vereintes Europa, für das Sie mit ganzer Kraft werben, unzählige Interviews geben, flammende Reden im Europaparlament halten. Trotzdem geben in Frankreich, Ungarn, Österreich, Finnland oder den Niederlanden mehr und mehr Menschen ihre Stimme extrem rechten Parteien. Sie dringen nicht durch.

Daniel Cohn-Bendit: Sie personalisieren unzulässig. Es ist doch lächerlich zu glauben, daran könnte eine einzelne Person etwas ändern. Im Übrigen muss man auch sehen, dass Marine Le Pen vom rechtsextremen Front National 2012 bei den Präsidentschaftswahlen in Frankreich nur 18% bekommen hat. Wir reden hier über eine Minderheit.

Eine ziemlich große Minderheit. Wir könnten außerdem darüber reden, dass der deutsche und der französische Innenminister ganz nebenbei die Reisefreiheit des Schengen-Abkommens eingeschränkt haben.

Daniel Cohn-Bendit: Da sind die Innenminister in der Tat den populistischen Strömungen in ihren Gesellschaften blind nachgelaufen und haben grundlos und gedankenlos eine der größten europäischen Errungenschaften aufs Spiel gesetzt. Sie befeuern eine Renationalisierung des Bewusstseins, die wir ohnehin schon länger beobachten.

Woher kommt denn diese Renationalisierung des Bewusstseins? Nur an den Medien wird es ja doch nicht liegen.

Daniel Cohn-Bendit: Die Menschen sind völlig verunsichert, weil Europa es seit zwei Jahren nicht schafft, adäquat auf die Krise zu reagieren. Die Öffentlichkeit reagiert mittlerweile fast trotzig: Ach, heißt es, wären wir Deutsche alleine, würde alles besser laufen. Der Fehler der Politik, auch meiner vermutlich, ist, dass es uns nicht gelingt, anschaulich zu erklären, warum wir Europa brauchen.

Bitteschön: Tun Sie es jetzt.

Daniel Cohn-Bendit: Einfaches Beispiel: In 30 Jahren wird kein europäischer Staat mehr zu den G8, den acht ökonomisch stärksten Ländern der Welt gehören, nicht einmal Deutschland.

Wir brauchen Europa, weil wir sonst im Konzert der Mächtigen keine Rolle mehr spielen? Eine langweilige, wenig mitreißende, instrumentelle Argumentation.

Daniel Cohn-Bendit: Moment! Es geht nicht einfach darum, eine Rolle zu spielen. Ohne Europa werden wir nicht mehr über unser Leben bestimmen können! Andere werden bestimmen, wie wir leben, was wir essen und wie unser Essen produziert wird. Es geht um die Freiheit, unser Leben zu gestalten. Wenn Sie das langweilig finden, kann ich Ihnen auch nicht helfen.

Es heißt oft, Europa fehle ein neues großes Narrativ, eine verbindende Erzählung. Ist das Ihr Vorschlag? Wenn wir uns nicht zusammenraufen, dann bestimmen die anderen unser Leben.

Daniel Cohn-Bendit: Genau. In der globalisierten Welt sind die Nationalstaaten, noch dazu die europäischen, die winzig sind verglichen mit Indien oder China, bald nicht mehr handlungsfähig. Sie können den Klimawandel auch mit der besten Klimapolitik nicht national bekämpfen. Die Regulierung der Finanzmärkte schafft kein Staat alleine.

Das sind wieder die bekannten Argumente, die ganz offensichtlich nicht taugen. Sonst gäbe es doch keine Renationalisierung.

Daniel Cohn-Bendit: Dieser kurzsichtige Blick und diese Hektik sind typisch für Medien. Wir tun so, als müsste Europa in drei Wochen fertig sein. Glauben Sie mir, noch 1950 wäre in Frankreich ein Volksentscheid für die Aussöhnung mit Deutschland durchgefallen, egal, wie gut man dafür geworben hätte. Geben Sie historischen Prozessen Zeit. Bestimmte Wahrheiten setzen sich nur langsam durch.

Da klingt eine sehr optimistische - und letztlich unpolitische - Teleologie durch. Es wird sich schon in die richtige Richtung entwickeln. Sind Sie wirklich so sorglos?

Daniel Cohn-Bendit: Unsinn, ich bin weder naiv noch sorglos. Mir ist schon klar, dass Europa nicht von alleine weiter zusammenwachsen wird, sondern nur, wenn wir entsprechend handeln. Es kann auch alles zusammenbrechen.

Und wenn es dazu kommt?

Daniel Cohn-Bendit: C'est la vie! Völker sind verantwortlich für sich, und wenn die Europäer die Union scheitern lassen, müssen sie mit den Folgen leben. Ich kann nicht mehr tun, als für das, was ich für richtig halte, zu kämpfen.

Jede politische Entscheidung birgt ein Risiko, das unterscheidet Politik vom Journalismus

Wir werden vor allem das Gefühl nicht los, die Staaten arbeiteten mittlerweile eher gegeneinander als miteinander. Die deutsche Regierung wirft den Krisenstaaten vor, sie hätten über ihre Verhältnisse gelebt und weigerten sich zu sparen. Die wiederum argwöhnen, Deutschland wolle eigentlich gar nicht helfen.

Daniel Cohn-Bendit: Und wahrscheinlich haben sie Recht damit. 1953 gab es in London eine Konferenz, weil Deutschland etwa 30 Milliarden Euro Kriegsschulden hatte. Diese Schulden wurden eingefroren, auch Griechenland hat sich beteiligt. Und heute? Da spielen die Deutschen den Oberlehrer mit dem moralischen Zeigefinger. Selbst wenn die Griechen beschissen haben - verglichen mit Nazi-Deutschland sind das nicht einmal Petitessen. Und trotzdem hat man damals zu Recht nicht bestraft, sondern geholfen. Schwarze Pädagogik bringt schon in der Uni und der Schule nichts. Wie soll sie bei ganzen Völkern etwas bringen?

Die Medien berichten vielleicht genau deshalb am liebsten über die Treffen der Staats- und Regierungschefs, weil sich die EU-Gipfel so schön als Kampf Staat gegen Staat erzählen lassen. Sind Sie zornig, wenn Sie sehen, dass Europapolitik nur interessant wird, wenn sich die Staatenlenker in Brüssel einfinden?

Daniel Cohn-Bendit: Es ist schon ärgerlich, dass wir hier im Europaparlament fast gar keine Aufmerksamkeit bekommen, weil die Menschen gar nicht mitbekommen, was hier entschieden wird. Im Sommer 2012 wurden unter dem Stichwort "Fiskalpakt" Maßnahmen wie eine Schuldenbremse diskutiert, die im Grunde seit Dezember 2011 in Kraft sind, verabschiedet vom Parlament.

Das ist ein gutes Stichwort: Es werden seit zwei Jahren Maßnahmen verabschiedet, aber die Krise gibt es immer noch. Täuscht der Eindruck, Regierungen und Parlamente seien sowohl mit der Ursachenforschung wie mit der Lösung völlig überfordert?

Daniel Cohn-Bendit: Es ist nicht zu leugnen, dass das permanente Krisenmanagement alle Beteiligten überfordert. Andererseits weiß man schon, was die Finanzkrise verursacht hat, nämlich die billigen Kredite in den USA, für deren Deckung Immobilien grotesk überbewertet wurden. Man weiß auch, wie verflochten die Banken waren, wie sich die Finanzsysteme verselbstständigt haben und zu mathematischen Konstrukten wurden, die niemand mehr beherrschen konnte.

Wie kann es denn gelingen, diese Konstrukte wieder zu beherrschen, auf Schritt und Tritt beobachtet von den Märkten, die permanent drohen, den Daumen zu senken? Ist die Politik unter diesen Bedingungen überhaupt noch handlungsfähig?

Daniel Cohn-Bendit: Sie muss es sein, sie muss Strukturen finden, die sie in die Lage versetzen, in dem Tempo zu reagieren. So ist Politik immer schon gewesen. Jammern darüber, wie ohnmächtig man doch ist, hilft einem nicht weiter.

Es gehört zum Wesen der Politik, der Realität hinterher zu hinken und permanent getrieben zu sein?

Daniel Cohn-Bendit: Ja, aber das gilt aber nicht nur für Politik, sondern für das gesamte gesellschaftliche Denken. Die Rentenversicherung wurde unter Bismarck geschaffen, da wurden die Leute längst nicht so alt wie heute. Diese überkommenen Strukturen sind der Gesellschaft nicht mehr angemessen, also muss man sie neu gestalten. Das dauert aber, weil die Menschen umdenken müssen.

Aber löst man allein durch Umdenken Probleme, für die auch Wissenschaftler völlig unterschiedliche Lösungen anbieten? Es gibt Wirtschaftsnobelpreisträger, die für, und solche, die gegen mehr staatliche Investitionen in der Krise sind.

Daniel Cohn-Bendit: Tatsächlich gibt es völlig unterschiedliche Vorschläge, was zu tun ist. Aber das ist weder neu noch problematisch. Politik ist keine Naturwissenschaft, in der zwei plus zwei vier ergibt. Jede politische Entscheidung birgt ein Risiko, damit muss man leben. Das unterscheidet übrigens Politik vom Journalismus: Medien können gefahr- und folgenlos heute das eine und morgen das andere schreiben. Wenn Sie aber entscheiden müssen, was Sie gegen die Krise unternehmen, dann hat das massive Konsequenzen. Leider haben Politiker momentan nicht die Kraft, die Menschen mit den Risiken, die mit den verschiedenen möglichen Entscheidungen einhergehen, zu konfrontieren.

Haben sie nicht die Kraft oder sehen sie die Risiken nicht?

Daniel Cohn-Bendit: Als die Schuldenkrise in Europa aufkam, gab es früh den Vorschlag, einen Teil der Schulden in einen gemeinsamen Fonds zu schieben, um die Zinsen für die einzelnen Länder zu senken. Frau Merkel hat den Vorschlag nach kürzester Zeit und ohne zu argumentieren vom Tisch gewischt. Politik ist nie frei von Ideologie, aber heute habe ich oft das Gefühl, Argumente zählen überhaupt nichts mehr, Ideologie dagegen alles. Was nicht in die Ideologie passt, wird ausgeblendet.

Wenn man so will, ist die europäische Einigung Ihre Ideologie. Sie sind das Kind deutscher jüdischer Exilanten, in Südfrankreich geboren,, haben in Deutschland und Frankreich gelebt und bezeichnen sich selbst als "Bastard." Versuchen Sie, sich auf ihre alten Tage noch die Heimat zu basteln, die Sie nie hatten?

Daniel Cohn-Bendit: Als ob ich so etwas bräuchte. Nein, ich fühle mich als Bastard sehr wohl, sehr frei. Wenn es um Fußball geht, ist meine Heimat heute zum Beispiel Spanien, so märchenhaft wie die spielen. Im Gegensatz zu anderen kann ich mir die Heimat aussuchen, die ich brauche.

Umso mehr gilt: Sie sind nirgends verwurzelt. Sind Sie mit ihrer Geschichte zwar der ideale Europapolitiker, aber kein idealer Volksvertreter, weil Sie die Sorgen und Nöte vieler Leute einfach nicht verstehen können?

Daniel Cohn-Bendit: Die Idee eines idealen Volksvertreters ist gefährlicher Unsinn, von dem Sie sich schnellstmöglich lösen sollten. Im Übrigen versteht niemand die Sorgen und Nöte aller Leute und wer das Gegenteil behauptet, lügt. Das ist aber auch gar nicht nötig. Wenn ich bei einer Wahl 16% der Stimmen bekomme, habe ich wirklich genug damit zu tun, ein guter Vertreter für die 16%, die meine Ideen gut finden, zu sein.

Ihre Zeit als Volksvertreter endet 2013. Sie wollen sich nach 45 Jahren aus der Politik zurückziehen. Wird Ihnen dann nicht langweilig werden?

Daniel Cohn-Bendit: Nein, wirklich nicht. Ich werde mir erst einmal meinen Jugendtraum erfüllen, Sportreporter zu werden: Es ist schon ein Film über die Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien in Planung.

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