Google gewinnt

04.02.2013

Der Streit zwischen den französischen Zeitungsverlegern und dem Suchmaschinenkonzern ist durch das Eingreifen des Staatspräsidenten beigelegt. Für die Internetnutzer ist das nicht unbedingt eine gute Nachricht

Die französische Lex Google ist Geschichte. Am Freitagabend legte Staatschef Hollande das Projekt eines französischen Leistungsschutzrechts, das er den Zeitungsverlegern bis Ende Januar in Aussicht gestellt hatte, ad acta.

Statt eines Gesetzes, das im Namen des Urheberrechts und verwandter Schutzrechte die Verwendung von Textausschnitten und Links lizenzpflichtig und damit zahlungspflichtig macht, feierte Hollande ein "Weltereignis" in Form eines Abkommens mit dem US-Konzern. Dessen Chef, Eric Schmidt, sprach von einer "historischen Vereinbarung im Interesse des französischen Volkes".

Viel Pomp also zur Beerdigung einer umstrittenen Idee, an der deutsche Verleger weiter festhalten wollen. Was von französischen Unterhändlern als "Win-Win-Vertrag" am Ende wochenlanger harter Verhandlungen ("mit gehässiger Stimmung") angepriesen wird, gilt deutschen Vorkämpfern für das Leistungsschutzrecht als Verzicht mit nachteiligen Folgen.

Frankreich ist mit dem Abkommen den Spuren Belgiens gefolgt und hat die deutsch-französische Leistungsschutzrecht-Partnerschaft verlassen. Die Zurückgelassenen aus dem Lager der deutschen Leistungsschutzprotagonisten versuchen zunächst, den französischen Deal mit Google irgendwie auch als gute Nachricht verstehen.

Getarnter Nachrichtenkern?

So suchten manche nach einem getarnten Nachrichtenkern. Der bestünde darin, dass Google letztlich doch für journalistische Inhalte bezahlt hat, weil der Konzern unter dem Druck eines Gesetzes nach deutschem Vorbild nachgegeben hatte, weil er dieses Gesetz auf jeden Fall verhindern wollte (Google kauft sich frei). Doch will sich das größere Bild der Hoffnung, die damit verbunden ist, nicht fügen.

Dagegen spricht einmal die Höhe des Hilfsfonds, den Google zu bezahlen vereinbart hat und die Vereinbarung selbst. Die Verleger hatten 100 Millionen gefordert und bekommen 60 Millionen, bei einem Umsatz in Frankreich von 1,4 Milliarden im Jahr 2011 - als einmalige Leistung. Hollande hat bereits, als witzige Bemerkung getarnt, angekündigt, dass er vielleicht noch einmal eine Pressekonferenz abhalten müsste, was das Thema Nachschlag anklingen ließ.

Die 60 Millionen sollen laut Fachmagazins Numérama, das einige Details der Vereinbarungen veröffentlicht in "Modernisierungs"-Projekte fließen. Ein Komitee, dessen Zusammensetzung noch nicht geklärt ist - sicher ist nur, dass ein Vertreter von Google mit an Bord ist - soll "pure players" bestimmen, die von dem Geld-Topf profitieren. In die Auswahl kommen Publikationen, die sich mit Politik und Nachrichten ("information politique et générale") beschäftigen, keine spezialisierten oder Unterhaltungsmedien.

Zeigen, wie man mehr aus dem Internet herausholt

Dazu ist einmal zu sagen, dass französische Medien in weit größerem Ausmaß bereits vom französischen Staat unterstützt werden. Zum anderen erschließt sich nicht recht, worin die Hilfeleistung zur Modernisierung bestehen soll. In einer Unterweisung, wie man das Google-Ranking verbessern kann, wie manche vermuten?

Unbekannt ist auch, ob Blogger und andere von den Zeitungsverlagen unabhängige Publikationsformen im Netz (pure players) ebenfalls vom Fonds profitieren können. Tendenziell sieht es so aus, dass die Partnerschaft zwischen Google und den etablierten Medien, solchen, die einen größeren Verlag im Rücken haben, enger verzahnt wird; zu befürchten ist, dass die Suchergebnisse bei google.fr die Informationen nach vorne rücken, die von den Mitgliedern des Kooperationskreises stammen. Das sind häufig nicht die, die dem Leser neue Hintergründe aufdecken.

Der zweite Teil des Abkommens ist laut Numérama in Details noch weniger bekannt. Auch hier zeigt sich das Bild einer intensiveren Kooperation zwischen französischen Medien und dem US-Konzern, bei der es vor allem den Anschein hat, dass Google bei der engeren Verzahnung profitiert. Es geht hier vor allem um Werbung, als kommerzielle Partner des US-Riesen erhalten die Zeitunsgverleger privilegierte Bedingungen für die Benutzung der googleschen Werbedienste, AdExchange, AdSense und Admob.

So läuft die Vereinbarung zwischen den Verlegern und Google ganz darauf hinaus, dass der Große den Kleineren zeigt, wie man "aus dem Internet mehr herauszuholen und mit Werbung die Online-Einkünfte verbessern" kann, wie dies der Frankreichkenner der FAZ, Jürg Altwegg, treffend formuliert. Und so es sieht gar nicht danach aus, als ob der Suchmaschinenkonzern gegenüber der Phalanx der französischen Verlegern klein beigegeben hätte.

Vom Geschäftsmodell, das in dem Abkommen aufscheint, profitiert Google auf jeden Fall. Die Abhängigkeit der Zeitungsverleger von Google ist damit nicht kleiner geworden, sie hängen an der Google-Leine. Für Internet-Benutzer, die auf der Suche sind nach Informationen, die außerhalb der Redundanz der üblichen Top-News und Konsumanreize stehen, ist dies nicht unbedingt eine gute Nachricht.

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