Über die Frau, die sich hinsetzte, um für Bürgerrechte aufzustehen

04.02.2013

Rosa Parks, die "Mutter der Freiheitsbewegung", wäre heute 100 Jahre alt geworden

Rosa Louise McCauley Parks, geboren am 4. Februar 1913 in Tuskegee, Alabama, gestorben am 24. Oktober 2005 in Detroit, Michigan. Die schwarze Näherin aus einem Südstaat erhielt die höchsten Ehren der Vereinigten Staaten von Amerika. Sie gilt als "First Lady der Bürgerrechte" und "Mutter der Freiheitsbewegung". Durch seinen Einsatz für ihren Fall wurde Martin Luther King Jr. berühmt.

Rosa Parks 1955, im Hintergrund Martin Luther King. Bild: USIA

Gemeinhin ist Parks dafür berühmt, am 1. Dezember 1955 ihren Sitzplatz in einem Autobus nicht, wie vorgesehen, für einen Weißen geräumt zu haben. Sie wurde dafür zunächst verurteilt, konnte aber beim Supreme Court einen wichtigen Sieg erringen. Die einfache Näherin, die aufstand, in dem sie sitzen blieb, ist eine gute Geschichte mit Happy End. Der 1. Dezember 1955 gilt seither als Geburtsstunde der schwarzen Bürgerrechtsbewegung.

Parks war in der Tat außerordentlich mutig. Sie setzte nicht weniger als ihr Leben und das ihres Mannes aufs Spiel. Doch war sie keineswegs die Erste, die sich der Diskriminierung in Autobussen widersetze. Die Bürgerrechtsbewegung fiel nicht am 1. Dezember 1955 vom Himmel. Und das Ende der Geschichte ist nicht umfassend happy.

Die Vorgeschichte

1955 arbeitete Parks als Näherin in Montgomery, Alabama. Rassentrennung war zwar in Bundeseinrichtungen verboten, bestimmte aber in den Südstaaten den Alltag. Unmittelbare Benachteiligung war zwar grundsätzlich illegal, allerdings war der Ansatz "getrennt, aber gleich" 1896 vom US Supreme Court als verfassungskonform anerkannt worden. Also gab es getrennte Toilette, getrennte Trinkbrunnen, getrennte Eisenbahnwaggons und in lokalen und regionalen Autobussen mussten Farbige hinten sitzen - wenn noch Plätze frei waren, nachdem sich alle Weißen gesetzt hatten.

1944 sprach ein Kriegsgericht den späteren Baseballstar Jackie Robinson frei, der sich nicht ans Ende eines Armeebusses kommandieren lassen wollte und sich in der Folge über das rassistische Verhör der Militärpolizei beschwert hatte. Irene Morgan, diskriminierte Passagierin eines Greyhound-Busses, gewann 1946 einen Prozess vor dem Supreme Court. Ab diesem Zeitpunkt mussten Farbige in Omnibussen, die über Staatsgrenzen hinweg verkehrten, gleichgestellt werden. Morgan war von der NAACP (National Association for the Advancement of Colored People) unterstützt worden. Diese Organisation setzt sich bis heute für die Bürgerrechte Farbiger ein. Doch auf lokale und regionale Verbindungen war dieses Urteil nicht anwendbar.

Morde, Vergewaltigungen und Anschläge aller Art gegen Farbige wurden regelmäßig nicht geahndet. Farbige hatten zwar das Wahlrecht, konnten es aber häufig nicht wahrnehmen. Denn mehrere Staaten hatten spezielle Gesetze erlassen, die hohe Hürden für die Wählerregistrierung aufstellten. Alltäglicher Betrug an Schwarzen nimmt sich daneben klein aus - etwa Buschauffeure, die von Schwarzen den Fahrpreis kassierten, dann aber ohne sie abfuhren.

Parks war Sekretärin der lokalen NAACP-Abteilung, die von Edgar Nixon geleitet wurde. Sie unterstützte Schwarze bei dem Versuch, sich als Wähler zu registrieren. Sie untersuchte Fälle von sexueller Gewalt gegen Schwarze und hatte einen Kurs in "Rassenbeziehungen" absolviert. Sie war religiös und inspiriert von verschiedenen Leuten, die sich für die Rechte der Farbigen einsetzten.

Selbst der Bus, in dem Rosa Parks sitzenblieb, hat es ins Museum geschafft. Bild: Eege Fot vum/CC-BY-SA-3.0

Der 1. Dezember 1955

Am Donnertag, dem 1. Dezember 1955, saß sie in einem lokale Autobus in Montgomery in dem für Farbige reservierten Bereich. Als mehr Weiße Einstiegen, forderte der Chauffeur, der zu den Betrügern zählte, vier Schwarze auf, ihren Platz zu räumen. Drei folgten dem Befehl, doch Parks rutschte nur zum Fenster. Sie war es satt, immer nachzugeben.

Der Chauffeur rief die Polizei, die Parks abführte. Nixon war schon auf der Suche nach einem idealen Kandidaten für einen Prozess vor dem Supreme Court. Ein zunächst ins Auge gefasstes 15 Jahre altes Mädchen, das wegen des gleichen Vergehens verhaftet worden war, hatte sich als schwanger erwiesen. Parks hingegen war eine "ordentliche" Frau. Manche Stimmen nennen auch ihre relativ helle Hautfarbe als Auswahlkriterium. Das sei der öffentlichen Sympathie förderlich gewesen. Parks hatte nicht nur schwarze Vorfahren, sondern auch indianische und schottisch-irische Ahnen.

Rosa Parks erhält 1996 die Presidential Medal of Freedom vom damaligen US-Präsidenten Bill Clinton. Bild: nara.gov

Noch am Tag von Parks Verhaftung verteilte eine lokale Frauenrechtlerin Flugblätter, die alle "Negroes" dazu aufrief, am Montag, dem 5. Dezember, die lokalen Autobusse zu boykottieren. Dies war der Tag von Parks Gerichtsverhandlung, bei der sie zu einer Geldstrafe und zur Zahlung der Gerichtsgebühren verurteilt wurde. Nixon startete übers Wochenende gemeinsam mit einem jungen Pfarrer namens Martin Luther King Jr. eine Protestbewegung.

Der Boykott

Über ein Jahr lang nahmen die Schwarzen der Stadt die Mühe auf sich, keine städtischen Autobusse zu nutzen. Da sie den Großteil der Fahrgäste gestellt hatten, fehlte dem Busbetreiber plötzlich der Großteil der Einnahmen. Schwarze Taxifahrer führten einen Aktionspreis von 10 Cent, dem Preis eines Bustickets, ein. Die Stadt reagierte mit einer Mindestpreisverordnung über 45 Cent.

Die Schwarzen bildeten Fahrgemeinschaften, die Stadt übte Druck auf die Versicherungsgesellschaften aus, die Verträge aufzulösen. Die Aktivisten organisierten neuen Versicherungsschutz durch Lloyd's of London. Willkürliche Festnahmen, Duldung offener Gewalt gegen Schwarze, Brandanschläge auf die Wohnhäuser Kings und Nixons und zum Beispiel eine Verurteilung Kings zu einer hohen Geldstrafe gehörten zum Arsenal der Rassisten.

Am 13. November 1956 erkannte der Supreme Court die Rassentrennung in den Autobussen als rechtswidrig. Der Busboykott in Montgomery, Alabama, endete einige Wochen danach. Parks war zu einer Ikone der Bürgerrechtsbewegung geworden. Doch in Alabama fand sie keinen Arbeitgeber mehr. Dazu kamen zahlreiche Drohungen gegen sie und ihren Mann. 1957 sah sich das Paar dazu gezwungen, die Südstaaten zu verlassen. Nach einer kurzen Zeit in Virginia landeten sie in der "Motown" Detroit, Michigan.

Detroit

Die folgenden acht Jahre arbeitete Parks wieder als Näherin. 1965 unterstützte sie John Conyers bei seiner Kandidatur zum Repräsentantenhaus. Er gewann die Wahl und stellte Parks als Sekretärin und Empfangsdame ein. Diese Stelle bekleidete sie bis zu ihrer Pensionierung 23 Jahre später. Privat setzte sie sich weiter für Benachteiligte ein.

Im Alter hatte sie einen Vormund, der mehrere umstrittene Gerichtsverfahren in Parks Namen anstrengte. Geklagt wurde gegen das schwarze Hip Hop Duo Outkast sowie diverse Plattenfirmen. Outkast hatte einen Song namens "Rosa Parks" aufgenommen, in dem es inhaltlich aber gar nicht um die Dame ging. Parks fühlte sich laut der Klageschrift nicht respektiert. Nach ersten, erfolglosen Verfahren 1999 und 2000 kam es 2004 zu einer neuen Klage, die in einen Vergleich mündete. In der Klage waren mehr als fünf Milliarden US-Dollar gefordert worden.

Vor dem Hintergrund dieser obszönen Summe veranlassten Parks Verwandte ein Gericht dazu, einen neuen Vormund für Rosa Parks zu bestellen. Dazu verhalf wohl auch die schlechte Organisation von Parks Finanzen. Da sie ihre Wohnungsmiete nicht gezahlt hatte, sollte sie delogiert werden. Ihre Kirchengemeinde sammelte daraufhin Geld und der Vermieter erklärte sich schließlich bereit, Parks bis zu ihrem Lebensende gratis wohnen zu lassen. Ein Happy End sieht anders aus.

Gedenken

2005 starb Parks. Als erste Frau überhaupt wurde sie ehrenhalber in der Rotunde des US Capitol aufgebahrt. Dieses Jahr soll der Kongress die Anfertigung einer Statue in Lebensgröße beschließen. Eine solche Ehre ist seit 1870 niemandem mehr erboten worden. US-Präsident Barack Obama rief am Freitag in einer Proklamation alle Amerikaner dazu auf, den 100. Geburtstag Rosa Parks' "mit angepassten Dienst-, Gemeinschafts- und Bildungsprogrammen zu begehen um Rosa Parks fortdauerndes Erbe zu ehren."

Der Abgeordnete Conyers wurde nicht weniger als 24mal wiedergewählt und ist bis heute Mitglied des Repräsentantenhauses. Stets hat er in seinem jeweiligen Wahlkreis mehr als drei Viertel aller Stimmen erhalten. Er ist der an Dienstjahren zweitälteste Abgeordnete. Sein Büro wusste auf Anfrage von Telepolis nichts von einer Aktivität Conyers zu Parks 100. Geburtstag. Auch Veranstaltungen Dritter waren dort nicht bekannt.

Das gleiche Nullergebnis zeitigte eine Anfrage bei der NAACP. Das von Parks selbst gegründete Rosa and Raymond Parks Institute for Self Development lädt für heute, 7:30 morgens (!) Ortszeit, zu einer kurzen Präsentation einer Rosa-Parks-Briefmarke in ein Museum in Detroit. Die lokale Radiostation WCHB bringt dazu eine Sondersendung von 6 bis 10 Uhr morgens (12 bis 16 Uhr MEZ). Es gibt einen Livestream.

Dieser Artikel enthält einen Auszug aus dem Nachruf der österreichischen Bürgerrechtsorganisation Quintessenz auf Rosa Parks aus dem Jahr 2005. Der Autor bedankt sich für die freundliche Genehmigung.

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