Söldner in Mali

04.03.2013

Der Fluss des Geldes, mit dem Kriege und Krieger bezahlt werden

Die allgemeinen Vorstellungen von Söldnern werden leider immer noch vorwiegend von banalen Filmen wie Expendables geformt. Dort kann man dann Hollywoods Uralt-Action-Elite von Sylvester Stallone über Chuck Norris, Jean-Claude Van Damme und Bruce Willis bis hin zu Ex-Gouverneur Arnold Schwarzenegger dabei bewundern, wie sie neben coolen Waffen noch coolere Sonnenbrillen vorführen, massenhaft Dinge in die Luft sprengen und Leute abknallen und dabei auch noch eine Menge Spaß zu haben scheinen.

Diese von Testosteron getrübte Weltsicht führt dann bestenfalls dazu, dass sich ein französischer Fremdenlegionär in Mali mit Totenkopfmaske fotografieren lässt, da er Krieg anscheinend für eine Art Computerspiel hält. Interessiert man sich dagegen für die echten Söldner, die im realen Krieg in Mali eine nicht ganz unbedeutende Rolle spielen, stößt man immer wieder auf den Namen des libyschen Ex-Diktators Gaddafi, der sozusagen noch über seinen Tod hinaus für Unruhe in der Region sorgt.

Gaddafi hatte schon zu Beginn seiner langen Amtszeit große Pläne, wollte Libyen mit seinen Nachbarländern vereinigen und ein großes panarabisches Reich schaffen. Da es in dem reichen Ölstaat nie ausreichend Rekruten fürs Militär und schon gar nicht für ausufernde Großmachtpläne gab, gründete er 1972 die "al-Failaka al-Islamiya", die "Islamische Legion". Nach dem Vorbild der französischen Fremdenlegion sollten in ihr fremde Söldner seinen Zielen dienen.

Rekrutiert wurde vor allem in den Lagern, in denen Elendsflüchtlinge und politische Emigranten aus Mali, Niger, dem Tschad und dem Sudan ihre Existenz fristeten. Dazu kamen Westafrikaner, die auf Arbeitssuche nach Libyen gekommen waren, oder weiter nach Europa wollten. Oft wurde den angehenden Legionären ihre eigentliche Bestimmung verschwiegen. Und mancher, der Arbeit in der Ölbranche gesucht hatte, fand sich plötzlich in einem Trainingslager in der Wüste wieder.

Nach einigen kleineren Einsätzen in Palästina und Ägypten und der vergeblichen Hilfe für Idi Amin wurde die Islamische Legion dann ab 1980 in dem sinnlosen Krieg im nördlichen Tschad verheizt. Als immer mehr Legionäre dort im öden Tibesti-Gebirge starben, war der Nachschub durch Werbung von Freiwilligen oder einfache Täuschung nicht mehr zu decken. Also griff die Polizei illegale Immigranten auf, die dann zum Dienst bei der Legion genötigt wurden. Dazu rekrutierte man einige tausend "Gastarbeiter" in Westafrika, Bangladesch und Pakistan, die ebenfalls bei der Legion landeten.

Die Islamische Legion wurde 1987 nach verlustreichen Niederlagen im Tschad aufgelöst. Die gepressten und getäuschten Legionäre, und das war die große Mehrheit, waren schnell verschwunden. Ein harter Kern politischer Emigranten, vorwiegend Araber und Tuareg, blieben und erhielten weiter Unterstützung. Einige wurden in spezielle Einheiten der libyschen Armee integriert, andere verblieben in eigenen Lagern, um später einmal in ihren Herkunftsländern eingesetzt zu werden.

Ehemalige Legionäre und in Libyen ausgebildete Exilanten spielten deshalb immer eine große Rolle bei den Aufständen der Tuareg in Niger und Mali (1990-1995 und 2007-2009). Als diese Bürgerkriege dann nicht zu gewinnen waren, nutzte Gaddafi seinen Einfluss, um Frieden zu vermitteln und gewährte den Tuareg wieder Zuflucht in Libyen. Oft erhielten sie die gewünschten Papiere aber nur, wenn sie sich für den Militärdienst verpflichteten.

Als sich dann Anfang 2011 die Unruhen in Libyen immer mehr ausweiteten, erwiesen sich die aus Emigranten gebildeten Einheiten schnell als die zuverlässigsten. Agenten der Regierung begannen deshalb damit, verstärkt Ausländer anzuwerben, zuerst in den Flüchtlingslagern im Süden Libyens, dann aber auch in Staaten südlich der Sahara. Besonders erfolgreich scheinen die Werbungen in Mali verlaufen zu sein. Dort bestanden besonders enge Verbindungen zu den Tuareg im Norden. Außerdem scheint es die Zentralregierung unter Präsident Touré nicht ungern gesehen zu haben, sich auf diese Weise einer guten Anzahl besonders unruhiger Tuareg entledigen zu können.

Doch wie des Öfteren bei der Umsetzung zynischer Ideen ging dieser Schuss nach hinten los. Die Heimkehr dieser oft schwer bewaffneten Söldner aus Libyen gilt heute als einer der Hauptauslöser des Tuareg-Aufstandes, der im Januar 2012 begann. In diesem anfangs sehr erfolgreichen Aufstand hatte sich die militärische Organisation der Tuareg, die MNLA, trotz ihrer säkularen Ziele mit islamistischen Gruppen wie Ansar Dine und AQIM (Al-Qaida im Maghreb) gegen die Zentralregierung verbündet.

Nach ersten Erfolgen der Rebellen putschten die frustrierten unteren Ränge des Militärs und Präsident Touré floh ins Exil. Der Siegeszug der Rebellen wurde dadurch eher noch beschleunigt. Bis Anfang April hatten sie ganz Nordmali, einschließlich der bedeutenden Städte Gao und Timbuktu erobert. Bald darauf verschärften sich die Spannungen zwischen der MNLA und den islamistischen Gruppen zum offenen Kampf, in dessen Verlauf die MNLA fast aus ganz Mali vertrieben wurde.

Einnahmen aus Lösegeldern und Drogenhandel finanzierten die politische Elite und die Islamisten

Betrachtet man diese Ereignisse, so ist weder der rasante Siegeszug des bevölkerungsarmen und rückständigen Nordens zu verstehen, noch der anschließende Triumph der Islamisten. Um hier ein paar Erklärungen zu finden, die über die üblichen globalen Verschwörungstheorien hinausgehen, muss man sich auf den Fluss des Geldes konzentrieren, mit dem Krieg und Krieger letzten Endes bezahlt werden.

Mali ist eines der ärmsten Länder der Welt mit einem geschätzten Pro-Kopf-Jahreseinkommen von knapp 1.100 US$. Das Militär gilt selbst für afrikanische Verhältnisse als chronisch unterbezahlt und miserabel ausgerüstet. Militärdienst ist oft die letzte Zuflucht der Chancenlosen. Gelder, die das Land zur Bekämpfung des Terrorismus erhielt, wurden unter Präsident Touré meistens unterschlagen oder für paramilitärische Milizen zum Kampf gegen die Tuareg verwendet.

Denn an einer echten Bekämpfung des Terrorismus bestand lange gar kein Interesse. Als sich AQIM aus Algerien zurückziehen musste, wurde sie in Nordmali mehr als stillschweigend geduldet. Ihre Kämpfer konnten auf den Straßen paradieren und natürlich ihren einträglichen Geschäften nachgehen. Kidnapping ist mit Abstand das profitabelste davon, und AQIM soll bis zu 250 Millionen US$ für europäische und kanadische Geiseln erhalten haben. Präsident Touré und malische Diplomaten, die an den Verhandlungen zur Freilassung wesentlich beteiligt waren, erhielten davon ihren Anteil und waren deshalb stets um beste Beziehungen bemüht.

Zu diesen enormen Summen kommen schnell wachsende Einnahmen aus Schmuggel und Menschenhandel. Timbuktu war schon im Mittelalter das wichtigste Tor Schwarzafrikas nach Norden. Früher durchquerten von hier aus Karawanen mit Salz und Sklaven die Sahara; heute transportieren Allrad-Pickups vor allem Immigranten und Drogen. Seit Jahren haben südamerikanische Drogenkartelle Westafrika als ideales Einfallstor nach Europa ausgemacht und dort riesige Depots eingerichtet. Der 10. Breitengrad, der die kürzeste geografische Verbindungslinie zwischen Kolumbien und Westafrika bildet, hat bei Drogenbekämpfern längst den Namen "Highway 10". Ein guter Teil dieses Kokains wird dann von Timbuktu zu den Häfen am Mittelmeer transportiert. AQIM verdient an jedem Kilo. Aber auch Präsident Touré und andere hohe Politiker und Militärs in Mali erhielten ihren Anteil.

Der Stadtteil in Gao, wo die Neureichen ihre prächtigen Villen errichtet haben, wird im Volksmund "Cocainebougou" (Kokain-Stadt) genannt. Ein Journalist stellte in Le Monde Diplomatique bezüglich der involvierten Militärs fest:

Das höhere Offizierskorps hatte einen Fuhrpark, den man mit dem gesamten Militärhaushalt nicht hätte anschaffen können.

Die niedrigeren Dienstgrade und Mannschaften konnten dagegen froh sein, wenn sie überhaupt ihren mageren Sold erhielten. In ihrer Frustration liegt die Ursache für den Putsch und das militärische Versagen. So schrieb der Korrespondent von Al-Jazeera:

Die Armee Malis litt Not und war demoralisiert. Ihre hungrigen Soldaten mussten ihre Waffen für etwas Essen verkaufen. Sie mussten zusehen wie AQIM vor ihren Unterkünften paradierte und wie Flugzeuge voller Kokain in der Nähe ihrer Stützpunkte landeten. Das System war verrottet. Konnte man sie verurteilen, als sie es stürzten?

Während also die politische Elite Malis mit den Einnahmen aus Lösegeldern und Drogenhandel hauptsächlich das eigene Luxusleben finanzierte oder sich politische Vorteile erkaufte, investierten die Islamisten einen guten Teil ihrer Einnahmen in Waffen und Kämpfer. Auch wenn die Sympathien vieler Tuareg auf Seiten der säkularen MNLA liegen, so gibt es in Nordmali genug professionelle Schmuggler, Flüchtlinge und ehemalige Söldner, die weniger nach dem Auftrag, sondern vielmehr nach der Bezahlung fragen.

Vor allen Dingen aber haben diejenigen, deren Familien in den Flüchtlingslagern dahinvegetieren, oft gar keine andere Wahl. Einige Beobachter sind deshalb der Ansicht, dass die MNLA dann an Boden verlor, als ihr das Geld ausging und viele ihrer Kämpfer zu den Islamisten wechselten, wo die Kriegskassen weiterhin gefüllt waren. Trotz aller Propaganda für den Dschihad entsprechen 900 US$ Monatssold in Mali fast einem Jahreseinkommen und sind damit für viele ein entscheidendes Motiv.

Trotzdem ist in dem dünn besiedelten Norden der Bedarf an Kämpfern damit nicht zu decken. Die Islamisten sind deshalb anscheinend bald dazu übergegangen, auch Kindersoldaten zu rekrutieren. Diese "Kindersöldner" werden den Eltern für umgerechnet 600-1.200 US$ regelrecht abgekauft, anschließend erhalten die Eltern weitere 400 US$ im Monat. Nach einem AP-Bericht vom Oktober 2012 sollen bis dahin ungefähr 1.000 Kindersoldaten vorwiegend in ländlichen, vom Krieg verwüsteten Regionen rekrutiert worden sein.

Inzwischen haben französische Truppen die Situation weitgehend unter Kontrolle. Da Frankreich seine Soldaten jedoch bald möglichst wieder abziehen will, soll später ein gemischtes Kontingent unter Kontrolle der UN den Frieden im Land sichern. Wer solche Missionen in Westafrika beobachtet, mag seine Zweifel haben. In die äußerst profitablen Geschäfte mit dem Kokain, das in immer größeren Mengen aus Lateinamerika eintrifft, sind inzwischen Entscheidungsträger fast aller westafrikanischer Staaten verwickelt, und von dort soll ja das Gros der Friedenstruppen kommen.

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