Die zweigeteilte Frau und der eine Körper des Mannes

06.02.2013

Sex, Lügen und keine Tapes: Was ist eigentlich Sexismus?

Stiere und Ochsen, Kühe und Euter - das war das Niveau des ARD-Grand-Slam, der Talkrunde von Jauch bis Beckmann. Worum ging es? Am wenigsten ging es ernsthaft um das, was Frauen an wirklich unangenehmen Dingen, jenseits aller Dirndl-Größen-Primitivanmache, so erfahren. Es ging nicht um wichtige Grenzen, sondern diese wurden gerade eingerissen. Den Frauen und dem Anliegen, vor Übergriffen und Belästigung geschützt zu werden, wurde kein Dienst erwiesen, dieses Anliegen wurde vielmehr auf lange Zeit diffamiert und lächerlich gemacht, weil plötzlich, eine Woche lang, alles Übergriff und Belästigung sein soll: ein Blick, ein Wort, ein Kompliment, kein Kompliment, ein schlechter Witz, eine Bemerkung über Fußball, ein Schweigen. Was wohl eine Hannah Arendt oder Simone de Beauvoir zu dieser Entwicklung und zur Brüderle-Debatte gesagt hätten?

"Die Power-Frauen erobern Davos", "Die neuen Wortführerinnen" - zwei Zeitungsschlagzeilen, die Ende Januar in der FAZ zu lesen waren. Es war die Woche nach der "Stern"-Ausgabe mit dem Beitrag "Der Herrenwitz", in dem die Journalistin Laura Himmelreich von einem Late-Night-Talk an der Bar des Stuttgarter Maritim-Hotels und über angebliche anzügliche Äußerungen von FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle ihr gegenüber berichtete. Es war die Woche, in der dann ganz Deutschland über Rainer Brüderle diskutierte, darüber, ob er ein "Sexist" sei, eine Woche, in der Frauen wie Claudia Roth im hohen ernsthaften Ton von Sonntagsreden Sätze formulierten wie: "Frauen wollen keine Opfer sein, Frauen sollen als Menschen behandelt werden." Als ob das jemand ernsthaft infrage gestellt hätte.

Zu hören waren Sätze, in denen Brüderle zusammen mit grapschenden Chefs, sexuellen Nötigern und indischen Vergewaltigern in einen Topf geworfen wurde, als ob der feine Unterschied zwischen einem Herrenwitz an der Hotelbar und einer Massenvergewaltigung mit Todesfolge keine Rolle mehr spielte, wenn es um das Eigentliche geht: um die Würde der Frau und den Sexismus der Männer. Man könnte dies alles natürlich als kollektive Hysterie abtun und darauf hinweisen, dass die Debatte, wie alle solche Debatten, nach einiger Zeit folgenlos im Sand verlaufen wird.

"Power-Frauen"; "Wortführerinnen" - verbirgt sich da die Angst der Männer vor neuer Frauenmacht? Oder ist die Brüderle-Debatte eigentlich genau diese neue Frauenmacht, ist dies ein Scharmützel im längst gewonnenen Feldzug der Frauen?

Wer sind die Opfer?

Also worum ging es in dieser ganzen Debatte? Die Diskussion wurde zu einer Stellvertreterdiskussion, in der es kaum um Brüderle ging, wenigstens ein bisschen um Sexismus und Feminismus, schon viel mehr um Moral und Demokratie, vor allem aber um Macht und darum, wer jetzt die Deutungshoheit hat.

Die Geschichte hat zwei Opfer. Angenommen wir treffen Rainer Brüderle auf einer Party. Worüber sprechen wir mit ihm? Wir können nicht über den Vorfall und seine Folgen sprechen, und wir können nicht nicht darüber sprechen. Das gleiche gilt noch mehr für Laura Himmelreich. Sie könnte als die Monica Lewinsky des Berliner Politbetriebs in die Geschichte eingehen, die Sex hatte, ohne Sex zu haben. Die medial missbraucht wurde von der Stern-Chefredaktion für den Scoop, den der Männerbund brauchte - was die wohl hinter geschlossenen Türen über ihren blonden Lockvogel für Dirndl-Witze machen, kann man nur vermuten.

Schade, dass die sonst so kluge taz darüber nicht geschrieben hat. Dass sie sich, im Gegensatz zur Clinton-Affaire vor fünfzehn Jahren, zur Printausgabe von Claudia Roth hat degradieren lassen. Jetzt haben wir den Salat.

Das Gespenst des Sexismus

Ein Gespenst geht um in Deutschland - das Gespenst des Sexismus. Ganz allgemein gesagt erscheinen Anti-Sexismus-Kampagnen als nichts anderes als eine Form des Narzissmus - weil sie die Beteiligten sich selbst irgendwie als bessere Menschen fühlen lässt.

Aber was ist überhaupt Sexismus? Die taz-Chefredakteurin Ines Pohl - eigentlich eine der besten Journalisten im Land - erlebte keine persönliche Sternstunde, als sie sich im Deutschlandfunk-Gespräch als "nicht das klassische Opfer" bezeichnete (im Unterschied zu Frau Himmelreich?) und "Sexismus" folgendermaßen charakterisierte:

Ich war ja auch Parlamentsreporterin und da sind dann zehn Männer und ich bin die einzige Frau. Dann ist es schon so, dass die Jungs sich natürlich aufeinander beziehen, ... oder fangen an, über Fußball zu reden oder Dinge, wo sie dann - ob jetzt ganz bewusst oder unbewusst - Frauen eher ausschließen. Das ist sicher auch eine Form von Sexismus. Oder der Politiker, der zum "Hintergrund" einlädt, bezieht sich natürlich erst mal eher auf die Männer, die er lange kennt, oder die oft dann eben auch die Chefstellen innehaben. Das ist ja auch eine Form von Sexismus.

Frei übersetzt: Wenn zehn Männer und eine Frau in einem Raum sind, dürfen sie nicht über Fußball reden, weil - das bleibt ungesagt - Frauen ja (qua genetischer Disposition?) bei Fußball nicht mitreden können. Sie haben sich bitteschön nicht miteinander zu unterhalten. Sondern alle zehn sollen bitte mit der einen Frau im Raum reden - die dann am Ende noch einen Artikel über die blöden Gockel schreibt, die sich zu zehnt mit ranzigem Charme um die eine Frau balgen.

Zero Tolerance!

Unsere Obsession mit Sexismus ist auch eine Form der Intoleranz gegenüber dem exzessiven Genießen durch den Anderen. Jean-Paul Sartre beschrieb einst in einer berühmten Passage von "Das Sein und das Nichts" die Scham als unmittelbare Beziehung zwischen uns und dem Anderen. Wenn wir diese Scham als Teil unserer selbst ein für alle mal zu tilgen versuchen, dann wollen wir eigentlich nichts anderes, als den Anderen selbst zu tilgen. Der Andere soll sein, wie wir selbst, sonst hat er kein Recht mehr zu existieren. Zero Tolerance!

Immer wenn von Sexismus, verstanden als sexuelle Belästigung, die Rede ist, sollte man überprüfen, welcher Begriff von Subjektivität hier überhaupt Verwendung findet. Wer ist eigentlich unnormal, wenn eine Person bereits Ansprechen und Anschauen als Bedrohung wahrnimmt, als fundamentale Infragestellung ihrer selbst?

Die Konjunktur des Themas Sexismus und sexuelle Belästigung ist ebenso wie diverse Anti-Kampagnen ein Symptom für unsere zunehmende Unfähigkeit, mit der Freiheit, der Selbstbestimmung und dem exzessiven Begehren der Anderen umzugehen, für unsere Unfähigkeit, uns auf das Risiko durch den Anderen und sein Genießen einzulassen. Zero Tolerance!

Natürlich haben diese intoleranten Anti-Sexisten ein gutes Gewissen. Nur hat das noch nie irgendwen vor irgendetwas geschützt. Der Intolerante hält den Anderen für intolerant und nimmt sich daraus das Recht, dessen Begehren die eigene Andersartigkeit entgegenzusetzen: Bis hierher und nicht weiter. Denn der Andere erscheint als Bedrohung.

Die Gesellschaft als Erziehungslager

Ist es nicht ein Widerspruch, dass sich die Gesellschaft am Dschungelcamp ergötzt, daran, dass leichtbekleidete Menschen, darunter überproportional viele junge Frauen, die durch anderes als überdurchschnittlichen IQ auffallen, öffentlich vorgeführt werden, indem sie sich mit Schlamm beschmieren und zum Würmeressen verführen lassen, dass eine solche Gesellschaft Politiker ächten will, die einer Frau zweideutige Bemerkungen machen?

Die Gesellschaft soll zum Erziehungslager mutieren, das hat das Dschungelcamp, das uns fit für den Primitivismus macht, mit der Brüderle-Debatte gemeinsam: Das eine zügelt das Begehren, das andere ist der Ort, wo wir es ausleben dürfen. Und beides lenkt ab vom Wesentlichen. Weil alle über Brüderle reden, redet keiner mehr über die Niedersachsenwahl, über die FDP, über Steinbrück, über Merkel ohne Bundesratsmehrheit.

Verbote und Gebote und Erziehungsmaßnahmen, die allesamt die Selbstbestimmung einschränken, auch die Selbst-Gegenwehr, und die allesamt darauf hinauslaufen, "zu unserem Besten" zu sein, sind falsch und zwar ganz grundsätzlich. Denn sie propagieren das Ideal einer ganz und gar behüteten Welt, in der wir ohne Schmerzen, sicher und komplett leben. Übrigens auch komplett gelangweilt.

In der zunehmend intoleranten Gesellschaft, die politisch vom Sicherheitswahn der Homeland-Security und der Abschottungen der äußeren Grenzen gegen die Bedrohung durch das Andere - Migration, Islamismus, Billiglohnländer - geprägt ist, zeigt sich im Inneren etwas scheinbar Gegenteiliges: Die Auflösung von Grenzen, das Öffnen der Türen zum Privaten und Intimen. Dies geschieht zunächst im Namen der Transparenz, die in der Praxis der sozialen Netzwerke ebenso wie in den politischen Pamphleten von Piratenpartei und Konsorten als ungemein progressiv rüberkommt, im Kern aber nichts anders ist als die Aussagen kleinbürgerlicher CDU-wählender Datenschutzgegner: "Wenn man nichts zu verbergen hat..."

Die Tyrannei des Intimen

Mit der Einebnung der Grenze zwischen Öffentlichem und Privatem, mit der Tyrannei des Intimen, die natürlich auch eine Abschaffung des Privaten ist, geht auch das Ende einer anderen Unterscheidung einher. Bereits mittelalterliche Juristen hatten die Theorie entwickelt, nach der die öffentliche Person, der Regent, der Amtsinhaber, der Geist von der natürlichen Person, vom Mensch und seinem Körper streng zu unterscheiden sei: die zwei Körper des Königs. Während der natürliche Körper sterblich und allen irdischen Anfechtungen ausgesetzt ist, ist der politische Körper ein Körper, der unantastbar ist, den man nicht anfassen kann, nicht einmal sehen. Der eine Körper ist schwach, der andere kennt keine Schwäche. Bisher bestand der Mann aus diesen zwei Körpern.

Diese Unterscheidung soll für Brüderle und mit ihm für alle Männer ab jetzt nicht mehr gelten. Sie haben nun einen neuen dritten Körper, der potentiell anfechtbar, schwach, verletzlich und gefährlich ist, vor allem für sie selbst, zugleich müssen sie diesen potentiell sündhaften Leib ständig kontrollieren und im Zaum halten. Er darf keinen Exzess, kein Begehren und keine Überschreitung mehr zulassen und öffentlich ausleben. Der Körper der Frau dagegen bleibt einstweilen zweigeteilt: In den, der gleichberechtigt ist und den man(n) achten soll, mit dem man über Fußball redet und über Politik, aber nicht flirtet. Der Körper, in dem die Frau keine Frau ist. Und sie hat den anderen Körper, der da ist, aber über den man nicht reden darf. Den man potentiell begehrt, was man aber nicht zeigen darf.

Das kann nicht funktionieren. Der Körper der Frau ist damit, ausgerechnet in Zeiten postmoderner Diskurse und ausgerechnet durch den Feminismus, mehr denn je zum Mysterium geworden. Was wohl eine Hannah Arendt oder Simone de Beauvoir zu dieser Entwicklung und zur Brüderle-Debatte gesagt hätten?

Der neue Frauentyp

Was für ein Frauentyp derweil zum neuen Ideal mutiert, führt prototypisch gerade die Popkultur wie die Politik vor. In der Politik wie in der Wirtschaft boomen jene Coaching-Seminare, in denen Karriere-Frauen lernen, wie Männer zu reden, sich wie Männer hinzusetzen, Männer in Schranken zu weisen, wie diese es angeblich brauchen. Aber etwas, gegen das man prinzipiell ist, wird nicht dadurch besser, dass es eine Frau auch macht: ein gewisses Gehabe von Männern, Machtgehabe. Es ist kein Fortschritt für Frauen, wenn sie lernen, wie man sich dessen auch bedienen kann. Sondern ein Fortschritt wäre erst dann erreicht, wenn Frauen auf die Art und Weise, wie sie sind, in Führungspositionen dies auch darstellen können, ohne so eine Form von Mimikry betreiben zu müssen.

In der Politik beruht der Erfolg von Angela Merkel und ein großer Teil des Respekts, der ihr geschuldet wird, darauf, dass sie jedwede Form von Weiblichkeit in ihrer öffentlichen Persona getilgt hat und trotzdem mittransportiert.

Zeitgleich erleben wir in der Popkultur Ähnliches: in dem - von einer Frau, der Regisseurin Kathryn Bigelow, gedrehten - Film "Zero Dark Thirty" und in der - von Männern gedrehten - US-Serie "Homeland": Beide zeigen mit ihren Heldinnen den CIA-Agentinnen Maya bzw. Carrie zwei der wenigen Frauen, die es in der Männer-Welt der Geheimdienstfahnder aushalten. Maya und Carrie sind burschikos und tragen Hosen, sie tragen ihr Haar meist offen.

Sie wirken zerbrechlich, sind aber tough. Sie überstehen Bombenanschläge und schreien im Film Macho-Männer an, ihre Chefs und gefesselte islamistische Terroristen im Verhör - gewissermaßen stellvertretend für alle Männer dieser Welt. Maya ist ausschließlich durch ihre Arbeit definiert. Sie hat keine privaten Seiten, hat eher asoziale und autistische Züge, einen leicht geistesabwesenden Zug und eine grundsätzliche Besessenheit für professionelle Arbeit. Eine rechthaberische, letztendlich unsympathische Figur. Eine Frau ohne Eigenschaften.

Carrie im Zentrum von "Homeland" ist scheinbar ihr Gegenteil: Carrie ist Agentin, aber sie ist auch manisch-depressiv und tablettenabhängig. Sie macht sich Vorwürfe, in der Vergangenheit versagt und Anschläge nicht verhindert zu haben, umgekehrt steht sie in der Behörde unter Verdacht, ihren Aufgaben nicht gewachsen zu sein. Carrie ist mal professionell und mutig, dann wieder unsicher und überaus unprofessionell, sie guckt Football, spielt Billard, trinkt wie ein Mann, und dann wieder ist sie ein ungeselliger Nerd. Insgesamt wirkt sie wie eine ferne Verwandte jener Clarice Starling, die einst im Kino in "Das Schweigen der Lämmer" einen Serienmörder jagte, unsicher und verbissen, kein Teamplayer, sondern eigensinnig und paranoid, selbst hochneurotisch, aber vielleicht gerade deshalb geeignet, sich in die politischen Neurosen des Terrorismius einzufühlen.

Bei allen Unterschieden ist ihnen gemeinsam: Sie sind allein, sie sind Nerds, sie müssen sich vermännlichen, um in der Männerwelt zu bestehen. Dazu die Kölner Kulturkritikerin und Poptheoretikerin Heike-Melba Fendel im Gespräch mit dem Deutschlandradio:

Ich glaube, dass es eine Qualifikation für Frauen, nach oben zu kommen, ist, und das beschreiben diese Frauen in der Regel ja auch selber, indem sie sagen, wir kleiden uns betont nicht-weiblich, sondern wir haben das Kostüm oder den Anzug als Äquivalent zum männlichen Anzug. Wir lassen nichts über unser Privatleben durchsickern, es sei denn, es ist ein familiär gefestigtes Idyll. Das heißt, im Rahmen des Aufstieges hat eine Frau überhaupt nichts davon, sich irgendwo als sexuelles Wesen zu zeigen, ... es hilft ihr überhaupt nicht weiter, bei diesem Weg nach oben überhaupt zu zeigen, dass sie eine Sexualität besitzt.

Da gibt es nur eine Ausnahme, und das ist die tatsächliche Popkultur, also das heißt, wenn wir jetzt mal nach Amerika gucken, Madonna oder Demi Moore, die haben halt ihre Boy Toys, die jüngeren Männer an ihrer Seite. Das ist aber auch mit einem Potenzgehabe verbunden. Also im Bereich Showbusiness kann die alternde Frau, um mal so einen blöden Begriff zu benutzen, einen Distinktionsgewinn mit dem jungen, schicken Mann erzielen. Sobald es aber um als seriös wahrgenommene Geschäftsbereiche geht, würde sie das vernichten.

Depolitisierung als Konsequenz

Man kann die Sexismus-Debatte auch anders begreifen. Fendel kommentierte die Sexismus-Debatte der letzten Wochen wie folgt:

Der lustgreishafte Mann würdigt sich ja selbst herab, indem das Einzige, was er einer fast 40 Jahre jüngeren Frau entgegenbringen kann, so ein paar ranzige Bemerkungen sind. Und die hat ja immerhin nun die Macht, ihn später vor der ganzen Nation bloßzustellen. ... Die mächtige Frau hat ihre Macht und den Handlungsspielraum, den er ihr ermöglicht, im Rahmen der Arbeit. Das verleiht ihr Macht. Der mächtige Mann hat ja noch eine ganz andere Folklore, die er auch so historisch und von mir aus auch pop-kulturell zu bedienen hat. Ob das jetzt die Zigarre ist, der Porsche oder der Mercedes, die junge Frau, das Balzgehabe; früher ja auch gern genommen: die Spesenritterausflüge in den Puff und so.

Fazit: Einer Frau muss es möglich sein, abends an der Hotelbar einen Wein mit jemandem zu trinken, ohne dass der Frau dann sofort unterstellt wird, dass sie eigentlich ganz andere Interessen verfolgt. Dem Mann aber natürlich auch. Es geht, das wurde oben gesagt, um Deutungshoheit. Der Kampf um diese Deutungshoheit hat gerade erst angefangen.

Viel zu wenig berücksichtigt wird die politische Konsequenz von alldem. Sie lautet: Depolitisierung. Wenn Sprache an der Hotelbar um Mitternacht bei Brüderle und sexuelle Vorlieben Strauß-Kahns wichtig werden, werden FDP-Steuerpolitik und Gesellschaftreformen der französischen PS unwichtiger. Aber die Vermutung, man würde Entscheidendes wissen, wenn man intime Details über Politiker herausfindet, ist ein Trugschluss.

Wo bleibt der feministische Diskurs über Angela Merkel?

Am Ende arbeiten auch die Frauen, die jetzt vereint gegen Sexismus aufschreien und den armen Brüderle zum Sex-Maniac stempeln, nur an ihrer eigenen Entmachtung. Sie lenken ab von den Dingen, um die es wirklich geht, führen Gespensterkämpfe, keine Stellvertreter-Debatten.

Hinter der Auflösung des Öffentlichen, der Citoyenneté, der Politik als solcher, hinter dem Ressentiment der Tugendwächter steht eine merkwürdige, aber bezeichnende Koalition einer Linken, die die Bürgerrechte und die Ansprüche der Bürgerbewegung zugunsten von Partikularinteressen vergessen hat, in der sich Feminismus, Puritanismus, Sozialneid und Political Correctness mischen und mit den neobürgerlichen Strömungen alter und neuer Konservativer verbinden. Hinzu kommt die Boulevardisierung der Medien und der Voyeurismus einer jedem Populismus aufgeschlossenen Öffentlichkeit.

Worüber stattdessen zu reden wäre: Macht. Und wozu sie gebraucht wird. Nicht die Macht der Sprache und was sie ausdrückt, sondern die Macht des Geldes, der Armeen, die Macht der Entscheidungen von Politikern, zu denen an führender Stelle auch eine Frau gehört. Wo bleibt der feministische Diskurs über Angela Merkel? Wo bleibt der Verzicht auf plumpe Frauen-Solidarität und die feministische Kritik an der Tatsache, dass Angela Merkel nicht auf Augenhöhe, nicht "wie ein Mann" kritisiert werden kann, weil solche Kritik alle möglichen, männlichen wie weiblichen, oft unbewussten Schutzreflexe auslösen würde?

Solange Angela Merkel nicht kritisiert wird und Alice Schwarzer in der Bildzeitung schreibt, sollte man von Sexismus im Allgemeinen und Brüderle im Besonderen einfach schweigen.

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