Gehälterdebatte zwischen Extremen

06.02.2013

Die EU versucht, exorbitante Beamtenbezüge zu rechtfertigen - und die Grünen bieten einen Stundenlohn von vier Euro

Der Satz "Die Besten der Besten der Besten! Sir!" stammt aus dem Film Men in Black 1 und wurde in Deutschland unter anderem über Felix von Leitners Blog zu einer feststehenden Formulierung für besonders dreiste Unfähigkeit. Wenig verwunderlich also, dass dem slowakischen EU-Kommissions-Vizepräsident Maroš Šefčovič gestern eine Welle an Spott entgegenschlug, als er versuchte, die in den letzten Wochen in die Kritik geratenen Luxusgehälter für EU-Beamte damit zu rechtfertigen, dass man damit "die Besten holen [wolle], die man kriegen kann".

Maroš Šefčovič Foto: Pavla Frešo. Lizenz: CC BY 2.0.

Im Focus meinte Uli Dönch dazu (und zu einer ähnlichen Formulierung auf der Kommissionswebsite) überraschend deutlich:

Die Ausrede, nur mit Mega-Gehältern könne man die talentiertesten der talentierten Mitarbeiter halten, haben wir zuletzt von den internationalen Bank-Giganten gehört. Seit klar ist, welche Milliarden-Schäden diese 'Talente' bei ihren Arbeitgebern angerichtet haben, traut sich niemand mehr, dieses Argument zu wiederholen. Bis jetzt. Ausgerechnet Barrosos EU-Kommission ist es nicht zu peinlich, diesen Stuss erneut zu verzapfen. Es ist wohl wahr: Deutschland hat ohne Europa vermutlich keine Chance, in der globalisierten Welt zu überleben. Mit diesem Europa aber leider auch nicht.

Den "Besten", die man bisher in die EU-Bürokratie holte, gelang es, die Höhe ihrer Einkommen in solch einem komplizierten Zulagen- und Steuerbefreiungsgewirr zu verstecken, dass auch jetzt noch Unklarheit darüber herrscht, ob und wie viele Beamte über ein höheres Nettoeinkommen verfügen als die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Fest steht aber offenbar, dass der mit 142.500 Pfund brutto besoldete britische Premierminister David Cameron als EU-Beamter ohne Weiteres deutlich mehr verdienen könnte. Auf Twitter rät man deshalb dem ebenso glücklosen wie gehaltsunzufriedenen SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück bereits, sich doch einmal in Brüssel zu bewerben: Dort könnte er als Vater von mindestens zwei Kindern bereits auf der mittleren Führungsebene und nach vier Jahren Dienst 12.500 Euro netto verdienen - im Monat wohlgemerkt, nicht im Jahr.

Abzuraten wäre Peer Steinbrück dagegen von einer Bewerbung bei den Grünen im Wahlkreis Oberhausenen: Dort sucht die nordrhein-westfälische Bundestags-Spitzenkandidatin Bärbel Höhn jenseits der Parteiprogrammforderung nach "einen Mindestlohn von mindestens 8,50 Euro die Stunde" einen politikwissenschaftlich gebildeten Mitarbeiter für die Bereiche Presse-/Öffentlichkeitsarbeit und/oder Online-Kommunikation, von dem sie für sage und schreibe für vier Euro die Stunde selbstständiges Arbeiten, Eigeninitiative, strategisches Denkvermögen, die Fähigkeit, Konzepte zu erarbeiten und "Top-Kenntnisse" über Online-Kommunikation, Typo 3, HTML, Soziale Netzwerke und MS Office-Anwendungen erwartet. Und zwar auch am Abend und an den Wochenenden. Trotzdem handelt es sich bei der befristeten Tätigkeit, für die man sich bis 15. Februar bewerben kann, offiziell um ein "Praktikum".

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