Law-and-Order-Politik senkt Kriminalität nicht

06.02.2013

Eine empirische Studie zeigt, dass die Nulltoleranzstrategie, die Giuliani, der ehemalige Bürgermeister von New York City verfolgte, nicht den erstaunlichen Rückgang der Kriminalität in der Stadt bewirkt hat

Bis Anfang der 1990er Jahre war New York City von Kriminalität und Gewalt geplagt. Als 1994 der Republikaner Rudolph Giuliani das Amt des Bürgermeisters antrat, setzte dieser vor allem auf die harte Bekämpfung der Kriminalität mit der Strategie von "Zero Tolerance". Auch kleine Vergehen wurden verfolgt und bestraft, die Gefängnisse füllten sich entsprechend.

Manhattan vom Rockefeller Center aus gesehen. Bild: jerryfergusonphotograph/CC-BY-2.0

Die Nulltoleranzstrategie richtete sich vor allem gegen die Kriminalität der unteren Schichten und sie schien erfolgreich zu sein, Jahr für Jahr ging die Kriminalitätsrate zurück - in New York stärker als in anderen Städten und landesweit. 1990, auf dem Höhepunkt, wurden 2.245 Menschen ermordet. Dann aber begann die Mordrate bereits zu sinken, Mitte der 1990er Jahre gab es einen merklichen Rückgang, möglicherweise in Folge der Politik Giulianis, 1998 wurden schließlich nur noch 633 Morde registriert. Der Rückgang hielt kontinuierlich bis 2009 an, New York City wurde 2006 schon zur sichersten US-Großstadt erklärt.

Der Rückgang setzte sich fort, nachdem Giuliani 2002 von Bloomberg abgelöst wurde, erst einmal nicht mehr Kriminalität, sondern der Terrorismus im Vordergrund stand. 2010 stieg die Zahl der Morde auf 536, aber der Trend setzte sich trotz der Finanz- und Wirtschaftskrise nicht fort. 2011 sank die Mordrate auf 515, 2012 ging sie sogar auf 414 zurück. Auch wenn die Kriminalität in ganz USA ebenfalls weniger wurde, ist der Rückgang vor allem der Gewaltverbrechen in New York doch außergewöhnlich.

Dass die Nulltoleranzpolitik nicht maßgeblich den kontinuierlichen Rückgang der Kriminalität verursacht hat, lässt sich schon daran sehen, dass trotz der seit Bloombergs Amtsantritt sinkenden Zahlen der Gefängnisinsassen auch die Kriminalität weiter gesunken ist. 2001 waren noch 699 Menschen pro 100.000 in New York City im Gefängnis, was über dem landesweiten Durchschnitt von 620 lag. 2011 war die Zahl der Gefangenen pro 100.000 auf 474 gesunken, während sie landesweit auf 650 gestiegen ist. Viele haben schon den Zusammenhang zwischen der Law-and-Order-Politik Giulianis und der sinkenden Kriminalität bezweifelt, zumal auch anderswo in den USA und in den Industriestaate ein ähnlicher Trend beobachtet wurde. Just als dieser das Bürgermeisteramt antrat, setzte auch ein Wirtschaftsboom ein. Allerdings scheint die Entwicklung der Kriminalität, wie auch die letzten Krisenjahre zeigen, nicht direkt von Wirtschaftskrisen oder- wachstum abzuhängen.

David Greenberg, ein Soziologe an der New York University, hat nun eine empirische Studie in der Zeitschrift Justice Quarterly veröffentlicht, in der er nachzuweisen sucht, dass die Law-and-Order-Politik von Giuliani mit der Einführung der Nulltoleranzstrategie und CompStat (COMPuter STATistics), ein vielschichtiges und vielgepriesenes Programm zur Verbrechensbekämpfung, nicht für den Rückgang der Kriminalität, gleich ob es sich um Gewaltverbrechen oder Eigentumsdelikte handelt, verantwortlich ist.

Greenberg untersuchte die Kriminalitätsdaten von 1988 bis 2001 von 75 Stadtteilen. Mord, Vergewaltigung, gewalttätiger Überfall, Raub, Einbruch, schwerer Diebstahl, Brandstiftung und Autodiebstahl wurden von ihm herangezogen. Während dieser Zeit gingen in allen Stadtteilen die Morde zurück, auch Raub und Überfälle nahmen praktisch überall ab. Aber sie nahmen nicht schneller ab, nachdem CompStat eingeführt wurde, sondern setzten nur den schon nach 1990 einsetzenden Trend fort. Auch die Zahl der Polizisten pro Einwohner oder die der Haftstrafen oder Festnahmen zeigten keinen Zusammenhang mit dem Rückgang der Gewalttaten. So nahmen zwar die Festnahmen zwischen 1988 und 2001 um 37 Prozent zu, aber es ist, abgesehen von Raubüberfällen, kein Zusammenhang mit der Zahl schwerer Verbrechen zu erkennen, was auch heißt, Abschreckung funktioniert nicht.

Die Zahl der Festnahmen und Haftstrafen schwankten stark während des beobachteten Zeitraums, während die schweren Straftaten kontinuierlich in der ganzen Stadt zurückging. Die Studie erhellt zwar nicht, wie sich Zunahme und Rückgang von Kriminalität erklären lässt, aber sie macht doch deutlich, dass eine scharfe Sicherheitspolitik mit harten Strafen keine Auswirkung auf die Kriminalitätsrate zu haben scheint.

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