Klarer Fall von Gratifikationskrise

Alexander Dill 10.02.2013

Nur ein Missverhältnis zwischen Bezahlung und erbrachter Leistung?

Was waren das noch für Zeiten, als einem der Doktor mit Zitrusfrüchten bedruckte, bunte Röhrchen zusteckte und beim Abschied mit tiefer Stimme gurgelte: "Hier. Hilft gegen Vitaminmangel." Es dauerte zwanzig Jahre herauszufinden, dass der Vitamin-C-Mangel nicht existierte. Die Röhrchen verteidigen bis heute tapfer ihren Platz im Supermarktregal gegen die Vernunft der Verbraucher und die Fachkenntnis der Arzneimittelaufsicht. Das jüngste Produkt diagnostischer Kreativität allerdings hofft, sich gegen Burnout und Stress durchzusetzen: "Gestatten, ich bin Ihre Gratifikationskrise."

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Vorreiter DAK-Nord entdeckt Empfindungen

Dass es in Hamburg und Umgebung weniger stressig als in anderen Metropolen zugeht, weiß jeder, der einmal ein paar Tage in der gelassenen Hansestadt verbracht hat. Die DAK-Nord kann solche Eindrücke bestätigen. So leiden etwa nur 15,5 Prozent der Hamburger Berufstätigen unter Zeitdruck (Deutschland: 21,7%), beklagen sich nur 14,2 Prozent über ein zu hohes Arbeitsvolumen (Deutschland: 21,1%). Ein Zusammenhang mit dem Baufortschritt der Elbphilharmonie konnte allerdings bisher nicht nachgewiesen werden.

Dennoch fürchtet die nordische Angestelltenkasse um die Gesundheit ihrer Mitglieder. Jeder Fünfte, so fanden die besorgten Kassenverwalter heraus, "empfindet eine starke oder sehr starke Belastung, weil er ein Missverhältnis zwischen Bezahlung und erbrachter Leistung sieht". Der Name für diese Empfindung war schnell gefunden: Gratifikationskrise. Dürfen wir vermuten, dass die Damen der DAK-Nord bei dieser Studie auch Selbstversuchen nicht abgeneigt waren?

Beförderung als Therapie

Die dramatische Bedrohung durch die Gratifikationskrise wurde bisher klar unterschätzt. Sie wirkt sich nämlich direkt auf den Gesundheitszustand der Betroffenen aus:

Beschäftigte mit Gratifikationskrise schätzen ihren Gesundheitszustand nicht nur schlechter ein. Sie haben tatsächlich auch häufiger gesundheitliche Probleme. Stimmungsschwankungen verbunden mit Angst oder Hilflosigkeit treten bei ihnen dreimal so häufig auf wie bei Beschäftigten, die nicht von Stress betroffen sind. Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit kommen bei Gestressten fast doppelt so häufig vor.

Zum Glück gibt es erste Therapieansätze. Freiberufler und Selbständige (3,9 Prozent) und Beamte des Höheren Dienstes (6,7 Prozent) sind nämlich deutlich weniger von dem gefährlichen neuen Virus infiziert. Zumindest im öffentlichen Dienst könnten hier Beförderungen Wunder wirken - und nebenbei auch die Beitragseinnahmen der DAK steigern. Auch die Umwandlung von Angestelltenverhältnissen in freiberufliche Mitarbeit ist potentiell geeignet, das Gratifikationskrisenrisiko von 11,1% im Schnitt auf nur noch 3,9% zu mindern. Krankenhaus und Apotheke dagegen haben an der Behandlung der Gratifikationskrise wenig Freude: Allenfalls ein erhöhtes Herzinfarktrisiko der Betroffenen verspricht Kundschaft.

Placebo-Diagnosen senken die Kosten

Es ist keineswegs so, dass die DAK befürchtet, mit der Eröffnung derartiger Diagnoseräume erhöhte Kosten zu verursachen. Die ebenfalls in der Hansestadt ansässige Konkurrenzkasse Securvita nämlich hat längst erkannt, dass mit der Eröffnung der freien Heilmittelwahl auch eine Diagnosewahlfreiheit verbunden ist.

Securvita-Patienten bevorzugen natürlich Diagnosen, die zu den von ihnen gerne gebuchten Heilmitteln Yoga, Globoli und Akupunktur passen. Das Bonussystem Health-Miles sorgt zudem dafür, dass sogar Beiträge zurück erstattet werden. Das Ergebnis stellt alles auf den Kopf, was Kassenfunktionäre und Gesundheitspolitiker seit Jahrzehnten behauptet haben. So führt ausgerechnet die Heilmittelfreiheit eben zu einer Kostensenkung, da die Patienten nicht bei jeder Schlaflosigkeit, jedem Kopfschmerz, jedem Rückenschmerz sofort in teure ärztliche Untersuchungsmaschinen wandern, deren Ergebnisse wiederum teure und gefährliche Operationen und Behandlungen inspirieren. Die Naturheilmittel erweisen sich als die praktikableren Kostensenker. Überspitzt: Placebos sind günstiger. Allerdings können Placebos ihre wohltuende Wirkung nur entfalten, wenn es auch dazu passende Diagnosen gibt.

Die Gratifikationskrise, auf die bereits eine Stimmungsschwankung und das Gefühl von Hilflosigkeit unmissverständlich deuten, könnte eine dieser neuen Wunderdiagnosen sein. Also: Herr Rötzer, ich habe eine Gratifikationskrise.

http://www.heise.de/tp/artikel/38/38516/1.html
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