Guttenberg und Schavan: die Doktoren der Herzen

07.02.2013

Promotion und Honorarprofessuren als Spielwiesen für Politiker

Chapeau für die Philosophische Fakultät der Universität Düsseldorf! Nachdem die noch amtierende Bildungsministerin ihre Untergebenen in der Allianz der Wissenschaftsorganisationen und befreundeten Medien auf die Heinrich-Heine-Universität losließ, hatte ich befürchtet, dass die Universität letztendlich einknicken würde. Wer will sich mit der Bildungsministerin anlegen, nur um minimale wissenschaftliche Standards zu halten? Wer will die Rage der CDU herausfordern, nur weil jemand bei der Doktorarbeit geschummelt hat? Jetzt wissen wir es: In Düsseldorf gibt es Wissenschaftler mit Charakter.

Ein Freiherr hat es nicht nötig

Die Bundesregierung ist die einzige Regierung der Welt, die es fertig gebracht hat, dass zwei Kabinettsmitgliedern innerhalb von weniger als zwei Jahren der Doktorgrad entzogen wurde. Zwei! Auch bei Karl-Theodor zu Guttenberg gab es bis zum bitteren Ende Stimmen, welche die ganze Affäre als "politische Verfolgung" und als Lappalie bezeichnet haben.

Die vielleicht bizarrste Rechtfertigung kam ausgerechnet von Alice Schwarzer, die sinngemäß im Fernsehen zum Besten gab, Schummeln und Titel "hat er nicht nötig", da er schon Adliger sei. Mit anderen Worten: Die Universität Bayreuth sollte sich glücklich schätzen, dass Karl-Theodor, der Adlige, der Aufrichtige, den Doktortitel aus Bayreuth überhaupt akzeptiert und getragen hat.

Die Affäre Schavan ist sicherlich keine Lappalie. Dass eine Bildungs- und Forschungsministerin keinen Hochschulabschluss mehr besitzt und dass sie die Promotion über das Gericht zurück erhalten will, das ist ein wahrer Tiefpunkt hierzulande. Dass sie als "Doktorin der Herzen" weitermachen will, ist geradezu eine Schande. Etwas ist in Deutschland falsch, wenn eine Wiki-Community effektiver als Prüfungsausschüsse und Promotionskommissionen bei der Entdeckung von Plagiaten ist.

Die verschiedenen Wiki-Kollaborationsplattformen haben in diesem Sinne mehr für den Wissenschaftsstandort Deutschland getan als alle Sonntagsreden von Politikern, die auch noch ausgerechnet über "Gewissensbildung" promovieren.

Haarsträubend sind die Rechtfertigungen, die jeden Tag in der Presse zu lesen sind. Nur eine Auswahl davon:

"Jeder hat in der Schule abgeschrieben." - Als ob eine Doktorarbeit vergleichbar mit einem Testat in der Grundschule wäre.

"Die Ankläger sind anonym." - Stellen wir uns einen Bankräuber vor, der durch einen anonymen Hinweis gefasst wurde und dies als Alibi vor Gericht vortragen würde.

"Es ist politisch motiviert." - D.h. für Politiker gelten andere Regeln, da alles als politische Verfolgung wegbegründet werden kann.

"Es sind Flüchtigkeitsfehler." - Von Schavan selbst behauptet. Ideenklau und Abschreiben ist jedoch etwas, das nicht einfach von alleine "geschieht".

"Handwerkliche Fehler." - Plagiat am geistigen Eigentum gilt noch nicht als Handwerk.

"Ich habe den Überblick verloren." - Klar, und danach einfach abgeschrieben.

An den Universitäten haben wir als Dozenten tagtäglich mit Plagiaten und den Folgen von Plagiaten zu tun. Ich habe aber noch keinen Studierenden kennengelernt, der einmal des Plagiats überführt, nicht die anbahnende Katastrophe durch Entschuldigungen und Gelöbnis der Besserung zu vermeiden versucht hat. Dass aber Politiker stattdessen das Gericht bemühen (Koch-Mehrin), das Ganze bagatellisieren (Guttenberg), sich dumm stellen (Mathiopoulos), oder sich einfach weigern, der Realität ins Auge zu sehen (Schavan), das übersteigt jedes akademische Vorstellungsvermögen.

Hat Schavan abgeschrieben?

Im Unterschied zu vielen Kommentatoren und Verteidigern von Frau Schavan in der Presse habe ich die Beweislage im Internet durchgesehen. Das Wiki schavanplag hat mit zahlreichen Mithelfern die Dissertation von Annette Schavan auf Herz und Nieren überprüft. Das Ergebnis lässt für mich als langjährigen Gutachter von Dissertationen keinen Zweifel daran, dass sich hier jemand freizügig aus der Sekundärliteratur bedient hat.

Obwohl die Dissertation vor etwa 30 Jahren geschrieben wurde und die notwendigen Quellen nicht alle digitalisiert existieren, haben die Mitarbeiter von schavanplag mehr als genug Plagiatstellen aufgedeckt, um das "Handwerk" von Frau Schavan nachzuvollziehen. Sie war sicherlich viel vorsichtiger als Guttenberg. Sie hat nicht einfach die Texte eins-zu-eins übernommen: Sie hat gekonnt paraphrasiert und Teilsätze übernommen, um bewusst den Eindruck entstehen zu lassen, dass die Idee, der Begriff oder der Hinweis auf eine Literaturstelle ursprünglich von ihr käme.

In Dissertationen aus den Sozial- und Geisteswissenschaften ist es typisch, dass am Ende eine lange, manchmal gewaltige Literaturliste das Werk abrundet. Wenn man aber aus der Sekundärliteratur Hinweise auf Bücher und Artikel findet, diese übernimmt und zur Literaturliste hinzufügt, kann man schnell den Eindruck entstehen lassen, die Doktorandin hätte gründlich recherchiert und keinen Stein in der Universitätsbibliothek unberührt gelassen.

Es ist gerade diese Verschleierungstaktik, die insbesondere zeigt, dass der Betrug hier ein System hatte. Das ist, was an Frau Schavan so stört. Im Gegensatz zu Guttenberg hat sie sich wirklich Mühe gemacht! Die Kommission an der Uni Düsseldorf befand:

Der Fakultätsrat hat sich nach dieser grundsätzlichen Klärung in seinen Beratungen nach gründlicher Prüfung und Diskussion abschließend die Bewertung des Promotionsausschusses zu eigen gemacht, dass in der Dissertation von Frau Schavan in bedeutendem Umfang nicht gekennzeichnete wörtliche Übernahmen fremder Texte zu finden sind. Die Häufung und Konstruktion dieser wörtlichen Übernahmen, auch die Nichterwähnung von Literaturtiteln in Fußnoten oder sogar im Literaturverzeichnis ergeben der Überzeugung des Fakultätsrats nach das Gesamtbild, dass die damalige Doktorandin systematisch und vorsätzlich über die gesamte Dissertation verteilt gedankliche Leistungen vorgab, die sie in Wirklichkeit nicht selbst erbracht hatte. Die Entgegnungen von Frau Schavan konnten dieses Bild nicht entkräften. Daher hat der Fakultätsrat Tatbestand einer vorsätzlichen Täuschung durch Plagiat festgestellt.

In meinem Leben habe ich viele Doktoranden, sowohl Freunden als auch Kollegen, bei der Arbeit zugesehen. Nach dem Studium sitzen manche Akademiker bis zu fünf oder mehr Jahre an der Dissertation, verbringen jeden Tag und das Wochenende in der Bibliothek. Sie führen ein asketisches Leben in der Wohngemeinschaft und zweifeln periodisch an der eigenen Kreativität, am Thema der Dissertation, am letzten Kapitel, das sich partout nicht schreiben lässt. Sie feilen und feilen an jedem Wort. Jeder Satz wird auf die Goldwaage gelegt, bis eines Tages das Werk vollendet ist. Es ist ein Leben der Entbehrung.

Das wäre aber kein Leben für Politiker des Kalibers eines Guttenbergs oder einer Frau Schavan. Da, wo andere sich jahrelang bemühen, überholen sie rechts. Frau Annette Schavan war bereits im Alter von 20 Jahren Vorsitzende der Jungen Union. Nicht mal für einen richtigen Abschluss des Studiums hatte sie Zeit. Wenn es nur ums Labern geht, kann man mit 25, wie Annette Schavan, promovieren, mit mehreren Büchern im Schoß, die die notwendigen Ideen und Literaturhinweise liefern, dort, wo die eigene Arbeit zu kurz kommt.

Die Promotion als Spielwiese der Politiker

Warum geschieht dies bei Politikern in Deutschland, aber nicht in den USA? Dies hat sicherlich mit zwei Faktoren zu tun: einerseits die spezifische deutsche Fixierung auf akademische Titel und andererseits die Promotionsregel. Zuerst der zweite Faktor: In Deutschland kann man extern promovieren, d.h. man braucht nur einmal die Universität zu betreten und zwar am Tag der Doktorprüfung. Theoretisch arbeitet der Doktorand fleißig zu Hause und erstellt ein Opus Magnum - wenn die Betreuung wirklich funktioniert und die Promotionskommission die Qualität effektiv kontrolliert.

In den Zeiten der Massenuniversität öffnet dieses Verfahren jedoch die Möglichkeit für Politiker, sich einen Schnellschuss zu leisten oder sogar die Dissertation von jemandem schreiben zu lassen (deswegen sind manche Politiker aufrichtig überrascht, dass ihre Dissertation nur ein dreistes Plagiat ist!). Wenn der Doktorand Adliger und Vermögender ist oder sogar bereits Parteikarriere macht, wer will sich ihm dann noch in den Weg stellen? In den USA muss man für einen Doktortitel mehrere Jahre direkt an der Universität verbringen. Die 43.354 Personen, die 2005 in den USA promovierten, haben dafür im Durchschnitt acht Jahre gebraucht! Dafür haben Politiker dort natürlich keine Zeit.

Und die Fixierung auf Titel. In Deutschland wird der Dr. als Teil des Namens in den Personalausweis übernommen. Ein Doktor rundet die Visitenkarte ab und öffnet Türen in der Partei und Regierung. Ich kenne kaum ein anderes Land, wo so viel Wert darauf gelegt wird, als Doktor angesprochen zu werden. Ich kann mich noch an meine Nachbarin in Berlin erinnern, die mich ab dem Tag meiner Promotion nie wieder ohne den Doktor ansprach.

Schauen wir auf die Zahlen: In Deutschland haben 20 Prozent der Abgeordneten im Bundestag einen Doktortitel. Das ist eine bemerkenswert große Zahl. In den USA gibt es im ganzen Repräsentantenhaus nur 17 Promovierte (bei 441 Abgeordneten entspricht dies 3,9% der Gesamtzahl) und im Senat ganze 4 (von 60 Senatoren). In Obamas Kabinett bis Ende 2012 hatten nur der Verteidigungsminister und der Energieminister promoviert. Merkels Kabinett hatte elf Doktoren, bis Guttenberg und Frau Schavan aus der illustren Gruppe der Promovierten ausgeschieden sind.

Ist es dann vielleicht so, dass Bundestagsabgeordnete wirklich einfach die besten und intelligentesten Menschen im ganzen Land sind? Wie Niklas Luhmann kühl anmerkte, kann dies wahrhaftig als von der Praxis widerlegt angesehen werden. Politiker sind einfach karrierebewusster, flinker und rücksichtsloser. Fünf Jahre werden sie nie an der Doktorarbeit sitzen. Die Promotion wird nebenbei erledigt, zwischen Sitzungen des Landesparlaments oder des Bundestags. Mit oder ohne Hilfe von Ghostwritern.

Die zweite Spielwiese: die Honorarprofessur

Aber Politiker wären nicht Politiker, wenn Sie nicht instinktiv nach dem nächsten möglichen Titel greifen würden: nach der Honorarprofessur. So im Fall von Frau Annette Schavan, die Honorarprofessorin an der Freien Universität Berlin ist. Sie ist ab vorgestern die einzige Professorin in Berlin ohne Hochschulabschluss, sie hat jetzt nur Abitur (die "honoris causa" PhDs nicht eingerechnet). Es sollte für alle Universitäten als Warnung gelten: Promotionen und Honorarprofessuren für Politiker sind nur "an accident waiting to happen".

Das Berliner Hochschulgesetz schreibt im Paragraph 116 vor:

Zum Honorarprofessor oder zur Honorarprofessorin kann bestellt werden, wer in seinem Fach auf Grund hervorragender wissenschaftlicher oder künstlerischer Leistungen den Anforderungen entspricht, die an Professoren und Professorinnen gestellt werden. Die Bestellung setzt eine mehrjährige selbständige Lehrtätigkeit an einer Hochschule voraus; von dieser Voraussetzung kann bei besonderen wissenschaftlichen und künstlerischen Leistungen in einer mehrjährigen beruflichen Praxis abgesehen werden.

Welche "hervorragenden wissenschaftlichen oder künstlerischen Leistungen" Frau Schavan in den letzten 30 Jahren erbracht hat, bleibt ihr Geheimnis. Honorarprofessuren sind laut Gesetz nicht dazu da, das Lebenswerk von Politikern zu krönen. Sie sind kein "Bambi" des Burda Verlags. Leider werden allzu oft Honorarprofessuren in Deutschland gerade als solche Huldigungen an Manager, Politiker oder einfach vermögende Zeitgenossen hingeworfen. Im Fall von Frau Schavan ist es nicht bedenklich, dass ihre Qualitäten als Wissenschaftlerin und Honorarprofessorin gerade vor der zweiten Staffel der Exzellenzinitiative der deutschen Universitäten entdeckt wurden? Jetzt, wo Annette Schavan ihren Doktortitel los ist, sollte man nicht nur in Düsseldorf, sondern auch in Berlin Charakter zeigen.

Da haben wir es: Politiker haben keine Zeit und Lust, lange an der Dissertation zu arbeiten. An einer Habilitation noch weniger. Aber eine Honorarprofessur, das ist etwas Feines. Damit hebt man sich von den restlichen promovierten Kabinettskollegen ab. Es ist wieder diese deutsche Fixierung auf die Titel. Kann sich jemand im Ernst vorstellen, dass Bill Gates oder Steve Jobs eine Honorarprofessur anstreben würden? Dass sie dafür bereit wären, ein Wochenendseminar einmal im Jahr anzubieten, um die vier Buchstaben "Prof" dem eigenen Namen voranstellen zu dürfen?

Umberto Eco erzählt in "Der Name der Rose" das Wunder, dass sich einem Geistlichen zutrug: Er hatte jahrelang an seinem größten Werk geschrieben, ohne das Buch für das Christentum vollenden zu können. Eines Tages, mitten in seiner Verzweiflung, erschien eine Heilige, die ihm die zweite Hälfte des Buches überreichte. Auch das Buch Mormon wurde direkt von einem Engel dem Gründer der mormonischen Kirche zur Übersetzung auf Englisch übergegeben.

In der Weltliteratur wimmelt es nur von solchen Kuriosa. Wäre ich der gefallene Kabinettstar, wäre dies jetzt meine Verteidigungsstrategie, statt die bemitleidenswerten Leiter der Wissenschaftsorganisationen als Beistand zu bemühen. "Ein Engel hat mich reingelegt", ist glaubwürdiger als alles, was Frau Schavan bis jetzt von sich gegeben hat.

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