Schmatzendes Stampfen aus dem Gegnerbrei

09.02.2013

Bei Dead Space 3 geht es erst ins All und dann ins Eis

Die Nekromorph-Seuche breitet sich aus. Doch in Dead Space 3 ist Isaac Clarke nicht mehr ganz so allein. Ums Überleben muss er trotzdem zittern.

Spiele sind teuer, keine Frage. Besonders in ihrer Produktion. Und wenn sich ein teures Spiel nicht verkauft, dann geht es Herstellern an die Substanz. Der Zerfall von THQ ist nur das jüngste Beispiel für die Risiken, die in der Industrie eingegangen werden müssen. Mehr als je zuvor entscheidet daher das Konzept eines Spiels über dessen Erfolg. Dabei bleibt jedoch immer häufiger der Kern der Fans eines Genres auf der Strecke. Deren Unzufriedenheit steigt von Jahr zu Jahr. Rennspieler beklagen die Verdrängung von Simulationen durch Arcade-Racer, Rollenspieler die fehlende Spieltiefe neuer Titel und Ego-Shooter-Pros sind von er zunehmenden Casualisierung und der damit wachsenden Anzahl an störenden Noobs genervt.

Auch das Unter-Genre Survival Horrorerlebt eine essenzielle Wandlung. Nach Resident Evil geht mit Dead Space 3 nun eine weitere Marke den Weg der Action-Adventures. Hersteller Electronic Arts verspricht sich so die erhoffte Steigerung der Verkäufe. Wo das erste Dead Space schätzungsweise zwei Millionen Mal verkauft wurde und Dead Space 2 ungefähr doppelt so gut lief, ließ EA Labels Präsident Frank Gibeau im Juni letzten Jahres verlauten (http://www.computerandvideogames.com/353788/ea-we-dont-want-to-pss-off-our-fans-with-dead-space-3/), dass sich, aufgrund besagter Kosten einer Big Budget-Spieleproduktion, eine Fortsetzung der Reihe nur lohne, wenn Dead Space 3 mehr als fünf Millionen Einheiten verkaufen würde. Also musste sich Entwickler Visceral Games einiges einfallen lassen, um sein neustes Werk einem größeren Publikum zugänglich zu machen – ohne Survival Horror-Fans der ersten Stunde zu vergraulen. Doch bringt diese grundlegende Weiterentwicklung Spielern ein besseres Dead Space?

Die Story knüpft schon mal am Ende des letzten Teils an und spielt in der Mitte des 26. Jahrhunderts, wenige Monate nach der bekannten Handlung: Weltraum-Ingenieur Isaac Clarke hat sich kaum von den Strapazen seiner letzten Mission auf der Sprawl, einer Raumstation des Saturn-Mondes Titan, erholt, schon wird er wieder rekrutiert. Die Nekromorph-Seuche scheint doch nicht gestoppt. Wurde sie ursprünglich vom Schwarzen Marker, einem Millionen Jahre alten außerirdischen Artefakt ausgelöst, geriet die Formel des Roten Markers, des von Menschenhand hergestellten Duplikats, in falsche Hände. Gemeinsam mit weiteren Mitgliedern der irdischen Kolonie eines Weltraum-Rohstoff-Abbau-Unternehmens, der C.E.C. (Concordance Extraction Corporation), begibt sich Isaac erneut auf Reisen – um das Nekromorph-Problem ein und für alle Mal zu lösen. Als seine Ex-Geliebte Ellie Langford ins Geschehen hineingezogen wird, bekommt die Geschichte noch emotionalen Pfeffer.

Keine fünf Minuten nach Beginn von Dead Space 3 stellen Kenner der Reihe fest, dass Visceral Games spielerisch wie erzählerisch einiges vorhat. Bereits im Prolog und den ersten der insgesamt 20 Kapitel durchbricht der Entwickler die engen Wände von Dead Space und Dead Space 2, die einst für Klaustrophobie sorgten. Ähnlich wie Nathan Drake in Uncharted 3 stapft der Spieler im dichten Nebel durch den Schnee einer unwirtlichen Gegend, um im Anschluss daran in einer nächtlichen und mit Neonreklamen beleuchteten Großstadt vor menschlichen Soldaten und frisch verwandelten Nekromorphs zu flüchten. Waren frühere Dead Space-Gegner meist insektenartige Wesen, so erweitern die neuen gleich auch das Gameplay von Dead Space 3: Vor den Schüssen menschlicher Feinde kann Isaac sich im Schutz von Gegenständen wegducken, während er vor Sturzangriffen Zombie-artiger Nekromorph-Menschen seitlich wegspringen kann. Bevor die neu gewonnene spielerische Freiheit den Survival Horror-Faktor der Vorgänger gänzlich verkümmern lässt, setzt Visceral im nächsten Kapitel gekonnt einen Schritt zurück und schickt Isaac auf eine Raumstation – im fast ständigen Dialog mit seinen stets präsenten Kollegen. Bei diesem spektakulär eingeleiteten sowie unfreiwilligen Zwischenstopp im All muss Isaac Komponenten aus verstreuten Raumschiffen zusammentreiben, um mit der restlichen Crew zum Eisplaneten Tau Volantis zu gelangen.

Neben beeindruckenden Flugsequenzen in der Schwerelosigkeit und eher einfachen Rätseln dominiert ganz klar die Action im All. Auf Solopfaden im Singleplayer oder zu zweit im Online-Multiplayer bekämpft der Held Nekromorphs unterschiedlicher Größen mit Nah- und Fernkampf-Fähigkeiten. Nach wie vor besteht die Kampftaktik aus drei Elementen: Mit Stasis friert Isaac Gegner ein und zerkleinert sie schließlich in mehrere Teile. Telekinese dient ihm, um Gegenstände an sich heranzuziehen und abzufeuern. Die Neuerung daran eröffnet ein weiteres Spielelement. Gegenstände, die Isaac findet, aufspürt oder nach schmatzendem Stampfen aus dem Gegnerbrei lootet, sind Bauteile oder Ressourcen, mit denen er seine Fähigkeiten upgradet oder die zur Herstellung individueller Waffen dienen. Als Ingenieur kann Isaac jeweils zwei Typen wie den altbekannten Ripper mit seinen kreisenden Sägeblättern, den Flammenwerfer, ein Maschinengewehr oder eine Schrotflinte miteinander verbinden. Die vielen verschiedenen Waffenarten ermöglichen es dem Spieler zu experimentieren und zwei selbst zusammengestellte Geschosse mit sich auf die Jagd zu nehmen.

Schließlich schaffen es Isaac und seine Kollegen, den schneebedeckten Planeten Tau Volantis zu erreichen. Dieser zweite Teil von Dead Space 3 unterscheidet sich durch neue Gegner und noch mehr Action vom Weltallabschnitt und erinnert an Capcoms Lost Planet-Reihe – nicht nur wegen der riesigen Bossgegner und ihrer leicht durchschaubaren Schwachstellen. Spätestens jetzt werden Survival Horror-Fans nur noch gelegentlich an die engen Gänge der ersten Teile erinnert. Vielmehr flacht die Spannung inmitten der Grafik-technisch beeindruckenden Levels ab. Nur noch wenig hat hier mit der dichten Atmosphäre von Dead Space 2 und seiner Areale wie der Church of Unitology, der Kindergartenabteile oder des mit Schwarzlicht beleuchteten Krankenhauses zu tun.

Fazit: Ja, Visceral Games hat mit Dead Space 3 einen potenziellen Hit geschaffen, der es dramaturgisch mit den Highlights dieser nun bald auslaufenden Konsolengeneration wie Gears of War aufnehmen kann. Und ja, Dead Space 3 macht Spaß und unterhält auf hohem Niveau. Die Action-Adventure-isierung der Marke ist also gelungen und dank der mehrschichtigen Story ist das Dead Space-Universum leichter für die in Planung befindliche Verfilmung adaptierbar. Auch Neuerungen wie die Freiheit beim Zusammenstellen der Waffen geben dem Spiel sein besonderes Flair. Doch eines muss auch gesagt sein: Fans der ersten Teilen werden nicht mehr den dauernden Gruselkick vom klassischen Dead Space fühlen, denn Dead Space 3 ist gewissermaßen ein an den Massengeschmack angepasstes Actionspiel, das dank seines Weltraum-Szenarios immerhin unvergleichlich bleibt.

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