Ende für die größte Massenmigration innerhalb der EU?

11.02.2013

Für polnische Migranten könnte es aufgrund des Sparkurses und der wachsenden Euroskepsis der Briten in Großbritannien ungemütlich werden

"Wohin könnten sie dann gehen?", fragte jüngst ein Nachrichtensprecher des staatlichen polnischen Fernsehens TVP sorgenvoll. Die Rede ist von rund einer Million Polen in Großbritannien und ihrer Zukunft, sollte der britische Premier David Cameron mit seinem Referendum über einen EU-Austritt Ernst machen und sollten sich die königlichen Untertanen gegen einen weiteren Verbleib in der europäischen Gemeinschaft entscheiden.

Dann müssten eventuell die vielen Polen, die seit dem EU-Beitritt ihres Landes im Jahre 2004, mit dem zeitgleich Großbritannien und Irland ihre Märkte öffneten, nach Polen zurück. Oder ein anderes Migrationsziel ansteuern. Eine genaue Zahl der Immigranten von der Weichsel gibt es nicht, da im Vereinigten Königreich keine Meldepflicht besteht. Offiziell geht man von etwas mehr als 500.000 aus, manche Schätzungen sprechen von rund einer Million.

Für die "Open door"-Politik war Tony Blair verantwortlich und der ehemalige Premier wurde dafür am 30. Januar im Warschau vom Business Center Club geehrt - in seiner Abwesenheit. Der pensionierte Politiker war offiziell zu beschäftigt, um an die Weichsel zu reisen, vielleicht war ihm auch das polnische Lob angesichts der derzeitigen Stimmung im Vereinigten Königreich nicht ganz geheuer.

Denn die Stimmung ändert sich gerade, was die Einwanderer aus Osteuropa betrifft. Deutlich wird dies angesichts der Ende diesen Jahres anstehenden Marktöffnung für rumänische und bulgarische Staatsbürger. Die Regierung in London plant nun ernsthaft eine Negativkampagne, um potentielle Arbeitsmigranten aus diesen Ländern abzuschrecken.

Aber auch polnische Medien berichten von einem Stimmungsumschwung. Ein Journalist des Nachrichtenmagazins Wprost stellt nun Staus und Schikanen bei der Einreise nach Großbritannien fest und befürchtet, dass Cameron Wahlkampf auf Kosten der Polen machen könne, wenn sich auch für manche Angebote kein eingestammter Brite mehr melden würde.

Das Portal für Polen in Großbritannien moja wyspa (meine Insel) ruft sogar offen zur Rückmigration auf, die Zukunft des "Gastlandes" wäre marginalisiert am Rande Europas, während Polen bald zu den Entscheidern in der Europäischen Union gehöre.

Hingegen "schlägt" die auflagenstarke Daily Mail erneut auf Polen ein, wie es an der Weichsel beklagt wird. Migranten aus Osteuropa würden eine Million Pfund in der Woche Kindergeld beziehen, die sie dann an ihre Kinder in den Herkunftsländern weitergeben. Auch der Preisträger Blair, seit 2007 Katholik, bekommt in dem migrationsskeptischen Blatt sein Fett weg, da er es zuließ, dass die Polen das Land "fluteten".

Man liest auch Lob über Polen. So feierte der Telegraph die Nachricht, dass Polnisch in Großbritanien nach Englisch die am meisten verbreitete Sprache sei, mit einer Ode auf die Migranten von der Weichsel.

Aus welchem Blickpunkt man die Polen in Großbritannien auch sehen mag, sie sind Ergebnis der größten Migrationsbewegung in der Geschichte der EU. Ein Migrationsexperiment, dessen Ausgang niemand vorhersagen konnte - oder vielleicht wollte.

Schließlich gab es genug Faktoren für eine massenweise Auswanderung der Polen, "harte" und "weiche". Und erfahrungsgemäß reisen Menschen, die aus einem ärmeren Land in ein reicheres einwandern, nicht wieder massenweise zurück.

Polen wies im Jahre 2003 unter anderem Dank schlecht umgesetzter Reformen eine Arbeitslosigkeit von knapp 20 Prozent auf, der Durchschnittslohn lag offiziell bei 550 Euro, einen Mindestlohn gab es noch nicht, mit der Sozialhife war und ist auch heute kaum auszukommen. Auf der Insel lockten jedoch nicht nur höhere Löhne.

Polen erlebten in Großbritannien den positiven Kulturschock einer Dienstleistungsgesellschaft

Wie in anderen ehemaligen Ostblockstaaten auch waren in der polnischen Volksrepublik Gesetzgebung und Behörden von ihrer Natur her Instrumente, mittels derer sich der Staat gegenüber dem Einzelnen durchsetzte - nicht Institutionen, bei denen der Einzelne seine Rechte durchsetzten konnte. Dies änderte sich nach 1989. Allerdings vollzieht sich die Modernisierung in den jeweiligen Regionen Polens mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und auf dem strukturschwachen Land hat es der Spätbyzanntinismus mit dem Verschwinden oft nicht eilig.

Auf vielen Ämtern und in Krankenhäusern ist das schon am Eingang zu beobachten. Dort sitzt an der Rezeption ein Entscheidungsträger hinter einer Glasscheibe, zur Verständigung beugt man sich tief zu einer kleinen Sprech-Öffnung auf Hüfthöhe herunter und trägt so nach oben aufschauend, sein Anliegen vor.

Noch heute wartet so manches Mütterchen vom Land drei Monate auf den Facharzttermin, fährt 300 Kilometer in die große Stadt - für teures Fahrgeld und doch umsonst -,da der Arzt nicht abgesagt hat,das Krankenhaus gerade bestreikt wird oder der Termin falsch eingetragen wurde.

Auch wenn im Gesundheitswesen Großbritanniens einiges im Argen liegt - dort erleben die Polen und andere Osteuropäer den positiven Kulturschock einer Dienstleistungsgesellschaft.

Zum Beispiel in Peterborough, eine ostenglische Industriestadt mit hunderttausend Einwohnern, die wie keine zweite in England einen Zuwachs an Migranten aus den neuen EU-Mitgliedsländern erlebte. Dort arrangierte man sich pragmatisch mit der Einwanderung.

Ich konnte im "Migrantenviertel" dieses Ortes zwei Multilingual Support Officers, (mehrsprachige Hilfspolizisten), einen Tschechen und einen Litauer, ein paar Stunden auf Streife begleiten. Die Grafschaft hat diesen Beruf eingeführt, um der vielsprachlichen Situation Herr zu werden. An einer Straßenecke verfolgte ich, wie der tschechische Polizist einem slowakischen Fabrikarbeiter und seiner gebrechlichen Mutter mal schnell die Formalitäten für deren Aufnahme ins Altersheim erklärte, das damals gerade fertig gebaut wurde.

Eine undenkbare Situation in einem ehemaligen Ostblock-Staat. "Wir sind Dienstleister", erklärten die beiden Polizisten, die im Vereinten wie pragmatischen Königreich keine britische Staatsangehörigkeit für ihren Job brauchen.

Postmigrations-Depression

Solche Geschichten wie auch die Aufsteigerstorys über die Ambitionierten in der Londoner City machten in Polen die Runde. Während ein Teil der Arbeitsmigranten nach einem bis zwei Jahre mit dem erzielten Geld wieder zurück kehrte, motivierten die oben genannten Vorteile Großbritanniens das Gros der Polen zum Bleiben.

Hinzu kam eine Periode (2005 bis 2007), in der die nationalkonservative Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) mit den beiden Zwillingen Jaroslaw und Lech Kaczynski Premier und Präsident stellte.

Donald Tusk schaffte dann mit dem Elektorat der zumeist liberal eingestellten Auswanderer, das er vor Ort in Großbritannien und in Irland bewarb, den Sieg über Jaroslaw Kaczynski in den Sejmwahlen. Das Versprechen, in Polen ein "zweites Irland" zu schaffen, um den Brain-Drain zu stoppen, führte jedoch zu keiner Rückkehrwelle.

Die staatlichen Initiativen wie "Wracaj do Polski" (Kehr nach Polen zurück) waren stets intransparent und rückten nie mit Zahlen heraus. Derzeit gibt es keine.

Durch die Migration konnten die Arbeitslosenzahlen gedrückt werden, zudem spülten die Malocher auf der Insel Gelder an bedürftige Familienangehörigen. Im Jahre 2008, kurz vor der Krise, betrug die Arbeitslosigkeit in Polen rund 8,5 Prozent.

Die Rückkehrer haben ihre Schwierigkeiten, sich mit den polnischen Realitäten wieder anzufreunden. "Postmigrations-Depression" gibt den Psychologen und den Scheidungsanwälten in Polen zu tun. Viele leben zwischen beiden Ländern, sowohl körperlich wie mental.

Wurde noch 2010 behauptet, es würden mehr Polen zurück migrieren als nach Großbritannien gehen, so stellte das Office for National Statistics bereits 2011 einen Anstieg der polnischen Einwanderung fest.

Wachsende Ablehnung von Einwanderung

Angesichts des strikten Sparkurses, die die Regierung in London den Briten verordnet hatte, kommt es nach Zeitungsberichten zu wachsenden Spannungen und einer zunehmenden Gleichsetzung von Einwanderung mit Naturkatastrophen.

Die Konkurrenz im Billiglohnbereich wird existenzieller, hinzu kommen auch Neid innerhalb der Working Class wie der Landbevölkerung gegenüber der genügsamen wie strebsamen Konkurrenz aus dem Osten. Manche Arbeitsangebote werden mittlerweile allein auf Polnisch verfasst. Es häufen sich Berichte liberaler Zeitgenossen, die ihr Viertel vor lauter polnischen Geschäften und polnischem Zungenschlag nicht mehr wieder erkennen. Auch die hohe Geburtenrate der Polinnen wird nun zum Thema gemacht, ebenso wie die Konkurrenz in der Schule. Polnische Kinder, auch wenn sie teils sprachliche Defizite mitbringen, überholen die geborenen Briten vor allem in Mathematik.

Krzysztof Lisek, Europaparlamentarier der polnischen Regierungspartei "Bürgerplattform" (PO) befürchtet darum wohl nicht ganz zu unrecht, dass nun die Europaskeptiker Großbritanniens die polnische Einwanderung als Argument für einen Austritt aus der EU nutzen werden.

David Camerons unversöhnliches Auftreten, das er derzeit bei den Verhandlungen um den EU-Haushalt an den Tag legt, weist zumindest darauf hin, dass ihm das Referendum zuzutrauen ist.

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