Globale Bewusstseinsindustrie

Sind wir auf dem Weg zum Maschinenmenschen?

Der jüngste Neurotechnologie-Report 2012-16 der in San Francisco ansässigen Neurotech Reports sowie der letzte Nuffield Council on Bioethics Report haben eine intensive Diskussion nicht nur in der anglo-amerikanischen Welt, sondern auch in Europa und Deutschland ausgelöst. Sie skizzieren die Entstehung einer globalen Bewusstseinsindustrie als unausweichliche Folge neuer Technologien und versprechen exponentielles Wachstum und überdurchschnittliche Gewinne.

Die globalisierte Bewusstseinsindustrie, zentriert in der Neurotechnologie, so die beiden Reports, greift auf immer mehr Bereiche aus und verändert auch die globalen Machtspiele. Vor allem eine Entwicklung gibt dabei zu denken: die zunehmende Verbindung von Mensch und Maschine, unter anderem durch Direktschaltungen zwischen Gehirn und Computer, sogenannten "BCIs" oder "Brain Computer Interfaces".

Roland Benedikter: Ja. Diese neue Technologie verspricht, wie die beiden Reports in zahlreichen Details darstellen, viele Vorteile. Im Raum steht zum Beispiel für die Mobilität der Zukunft eine Art Omnipräsenz des Geistes durch die Verbindung des Gehirns mit Technologien wie Gehirnimplantaten, um auf große Entfernungen in Echtzeit komplexe Operationen auszuüben. Dadurch kann ich, so die Hoffnung der Proponenten dieser Entwicklung, global aktiv sein, ohne mich vom Stuhl zu bewegen.

Auf der anderen Seite steht im Rahmen der Anwendung dieser Technologie das bisherige Menschsein zumindest in Teilen zur Disposition. Was man bisher als menschliche Identität, als menschliche Verfassung (conditio humana), als "Ich" begriffen hat, wird zunehmend in Frage gestellt, wenn sich die Einheit von körperlicher und geistiger Präsenz des Menschen in Raum und Zeit auflöst. Die Bewusstseinsindustrie will den Menschen entkörperlichen, um seine Freiheit zu steigern. Aber niemand weiß, was dabei mit diesem Menschen, vor allem: mit seinem Selbstbild und seinem Selbstverständnis geschehen wird.

Der Traum dabei ist offenbar die Kontrolle über die menschliche Verfassung, das Ende des Leidens am Körper. Aber wird der Mensch durch seine Verbindung mit Maschinen und Computern nicht umgekehrt steuerbar? Wird der Mensch zum Maschinenmenschen?

Roland Benedikter: Ja, diese Gefahr steht im Raum. Durch die Verschmelzung von menschlichem Bewusstsein mit Technologie verändert sich sowohl die Technologie, als auch der Mensch selbst. Und die Frage ist, ob dabei die Technologie menschlicher - oder der Mensch technischer wird. Diese Frage ist keine rein philosophische oder theoretische mehr: sie betrifft nun direkt die Grundlage des menschlichen Bewußtseins, den Körper selbst. Die Technik bleibt nicht wie bisher draussen und damit wie bisher das Objekt des Menschen. Sondern sie dringt in seinen Körper ein, verbindet sich mit ihm, wird zu einem Teil seines Subjekts. Das ist das Neue, das es so bisher in der Geschichte noch nicht gab. Wir sind im Grunde bewußtseinsmässig nicht darauf vorbereitet, was damit heute beginnt. Und die große Frage lautet also, ob wir diese Entwicklung, die bisher vor allem vom Gesundheits- und Rüstungsbereich vorangetrieben wird, gut steuern werden können.

Der Schwede Nick Bostrom, Direktor des "Zukunft der Menschheit Instituts" an der Oxford Universität, befasst sich wie viele andere intensiv mit dieser Frage. Er nennt sich selbst einen "Transhumanisten", weil er glaubt, dass die große Entwicklung über den Menschen hinauszielen sollte in die Entstehung eines "neuen Menschen", der jenseits des bisherigen Menschen angesiedelt ist: eines Menschen, der sich mittels Technologie vom Leiden am Körper befreit.

Roland Benedikter: Ja. Die Transhumanisten gehen davon aus, dass wir uns als Menschen vom Körper emanzipieren sollten - und heute erstmals auf dem Weg dazu sind, das auch zu können. Sie glauben: Der Mensch ist im Grunde mit seiner Existenz unglücklich, macht sich aber zugleich selbst vor, seine Existenz sei das höchste, was es gebe. Für Bostrom und andere ist das Unsinn. Seitdem die Technik mit Implantaten in den Körper des Menschen einzudringen vermag, tun sich aus Sicht der Transhumanisten neue Möglichkeiten auf, diesen Abgrund zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu überbrücken.

Man ist heute ja bereits sehr gut imstande, allein mit Gedanken Maschinen zu steuern. Man experimentiert im breiten Stil am Lebendigen, wie etwa in der Klon-Technologie, von der heute niemand mehr redet, weil sie Standard geworden ist, etwa in den USA, wo ein großer Teil des Fleisches von geklonten Rindern stammt. Und man experimentiert am Menschen und seinem Körper, so hat zum Beispiel Großbritannien kürzlich die Züchtung von Mensch-Tier-Wesen (Chimären) zu Forschungszwecken erlaubt.

Die Transhumanisten sagen im Gefolge dieser Tendenzen: Mithilfe der Technik wollen wir das Leid und Elend des Menschen vermindern, indem wir zum Beispiel durch Implantate und Prothesen (Körpermedien) aus dem Menschen eine Art Hybridwesen machen, das mehr Möglichkeiten der Informationsverarbeitung, der Gedächtnisleistung und der Kontrolle von technischen Hilfsinstrumenten hat. Sie sagen: Wir hoffen damit, einen Großteil von Krankheits- und Alterungsprozessen durch Genmanipulation und Genselektion verhindern können. Wir steigern die Bewusstseinskapazität, indem wir die Gedächtnisleistung um ein Vielfaches erhöhen und möglicherweise in kurzer Zeit Lerneffekte erzielen, für die ein Mensch sonst ein halbes Leben brauchen würde.

Milliarden Dollar werden heute bereits in Umwandlungstechnologien des Menschen investiert, etwa in die Technologie der Manipulation der Telomere, wo die Zellen aufgrund Beeinflussung der Alterungsinformation theoretisch nicht mehr altern sollen. Das sind Entwicklungen, die jedenfalls die Ideologie des "Transhumanismus" vorantreibt - zum Teil aktiv und mittels Lobbyismus, zum Teil aber auch als allgemeine, unbewusste Kulturstimmung. Darin setzen viele große Hoffnungen, aber ebenso viele Menschen haben davor Angst, und zwar zu Recht. Zumindest diejenigen, die die Entwicklung mitverfolgen.

Das größte Problem ist, dass die meisten Menschen bislang noch nicht wissen, was vor sich geht, und auch keine Zeit haben, das aktiv mitzuverfolgen. Aber die Umwandlung des Menschen in ein anderes Wesen, um die Konditionen des Menschseins zu verändern und um sein Leiden auf der Erde zu beenden, hat zumindest in den Intentionen bereits begonnen.

Mit Einsatz erheblicher Ressourcen ist also sozusagen eine globale Menschenindustrie im Entstehen. Aber warum eigentlich? Worin besteht der Leidensdruck? Was sind die Hauptprobleme des bisherigen Menschen?

Roland Benedikter: Nick Bostrom sagt, es gibt nur drei Probleme des Menschen. Erstens der Tod: Wenn man zum Beispiel das im Lauf eines Lebens angeeignete Wissen eines jeden Menschen in einem einzigen Buch symbolisieren würde, und wenn man bedenkt, dass tagtäglich 200.000 Menschen auf der Erde sterben, verlieren wir täglich 200.000 Bücher, das ist pro Tag das Volumen der Bibliothek von Alexandria. Das zweite Problem ist das existentielle Risiko, das der Mensch hat; und das dritte die Unvorhersehbarkeit, die Nicht-Planbarkeit unserer Zukunft.

Bostrom meint, wenn wir diese drei Probleme lösen, haben wir im Wesentlichen das Grundproblem der bisherigen Menschheit gelöst. Bisher brauchten wir als homo sapiens 200.000 Jahre, um uns unserem Körper mehr oder weniger frei gegenüberzustellen. Doch erst seit den letzten 30 Jahren haben wir die technische Möglichkeit, die Lösung dieser Probleme selbst in die Hand zu nehmen, unseren Körper nach unserem Willen umzugestalten, eine doppelte Lebenszeit zu erreichen, als jene, die ihm natürlich zusteht, aber auch den Weltraum zu besiedeln und damit die Ressourcenfrage und die Überbevölkerung der Erde zu lösen.

Wenn ich den Menschen verändere, verändere ich alles

Wir haben also jetzt nach Ansicht der Transhumanisten alles selbst in der Hand?

Roland Benedikter: Ja, und das ist, zumindest wenn die bisherige Entwicklung der Technologie so weitergeht, in Bälde richtig. Aber während die Transhumanisten dies fast nur positiv ansehen, ist aus humanistischer Sicht damit auch ein ungeheurer Verlust verbunden: das Bisherige des Menschseins wird offenbar "nicht mehr gebraucht", bisherige Kultur- und Seinsleistungen werden abgewertet und in Frage gestellt. Manche gehen sogar so weit, alle bisherigen Selbstbilder und Sinnentwürfe des Menschen pauschal als Illusion zu bezeichnen.

Ich bin sehr skeptisch gegenüber der Geschwindigkeit und der Art und Weise, wie das geschieht. Ich bin für Fortschritt, aber ich befürchte, dass ein Großteil der heutigen Transhumanisten eigentlich keine Ahnung hat, was er mit dem Menschen eigentlich tut. Und das ist das zentrale Problem: Denn wenn ich den Menschen verändere, verändere ich alles. Daher ist die Entstehung einer globalen Bewusstseinsindustrie heute die vielleicht wichtigste Entwicklung - wichtiger als alle politischen Umbrüche und militärischen Konflikte. Warum? Weil sie die Grundlage von allem anderen: den Menschen selbst betrifft. Weil sie diese Grundlage umzugestalten beginnt, ohne eigentlich zu wissen, was sie tut. Experiment ist gut, aber nicht bewusstloses Experiment an dem, was selbst die Grundlage aller Experimente ist.

Wie sieht der Maschinenmensch von morgen aus?

Roland Benedikter: In Zukunft wird man sein Hirn durch Gehirnimplantate an so genannte Mind-Machine-Interfaces anschließen können wie an einen PC, um so Maschinen zu steuern, aber auch Wissen innerhalb kürzester Zeit downloaden können. Die Hoffnung ist, dass damit Lerneffekte schneller erzielbar sind. Aber niemand weiß, was das dann für ein Wissen sein wird, ob es überhaupt ein "Wissen" im bisherigen Sinn sein wird, ob und wie es im "Ich" des Menschen ankommt und was dabei mit dem "Ich" dessen geschieht, der dieses "Wissen" aufnimmt.

Das Ziel mancher Vorreiter der Entwicklung wie etwa von Kevin Warwick ist es, den eigenen mentalen Prozess mithilfe von bildgebenden Verfahren der Magnetresonanztomographie bildlich nicht mehr nur als Zustand, sondern als Prozess darzustellen. Dabei entsteht in Tausenden von Bildern eine Art von Individualität des abgebildeten Gehirnprozesses, und wenn man das in der nötigen Komplexität macht, kann es, so die Hoffnung der Transhumanisten, in einen Algorithmus gepackt und praktisch als Programm funktional gemacht werden. Die Extremhoffnung einiger Wissenschaftler ist, man könne dann als Ergebnis seinen eigenen Algorithmus in das Internet downloaden, praktisch virtuell im Internet als reiner Geist existieren und sich seines Körpers und aller Übel entledigen.

Natürlich ist das erstens unwahrscheinlich und zweitens ein logischer Irrtum, da das Ich nur als Gehirn, aber nicht als unmittelbare Selbstgegebenheit eines Bezugs in Betracht gezogen wird. Jedenfalls will ich damit sagen, dass diese Entwicklung in ihren zum Teil abenteuerlichen Hoffnungen und Bestrebungen bedenklich ist. Sie ist "tiefenambivalent". Es ist eben nicht so wie in der Religion, wo es nur ein Gut oder ein Böse gibt, sondern es gibt gute wie schlechte Seiten daran. Das Ganze ist mit Risiken verbunden, die wir heute noch gar nicht richtig verstehen, geschweige denn, dass alles daran planbar wäre. Und natürlich kann der Maschinenmensch auch militärisch genutzt werden, gleichsam als Verbindungsstück mit Kriegsgerät; die ganze Drohnentechnik läuft bereits in diese Richtung.

Bleibt das nicht Science-Fiction?

Roland Benedikter: Nein, das ist die Realität. Die Realität ist bereits jenseits des Großteils von Science-Fiction. So gibt es bereits tausende Menschen auf der ganzen Welt, die sich aktiv zu Cyborgs verwandeln wollen. Sie lassen sich Sendermodule unter die Haut einsetzen, wo Blutdruckmessung, Hormonausschüttung, ein GPS-Ortungssystem, Organtätigkeitsmessung usw. jederzeit abrufbar sind. Da Prothesen bereits mit Gedanken steuerbar sind, wird man vor allem in dieser Richtung in den kommenden Jahren enorme Entwicklungen erfahren. Es ist dies alles also nicht Fiktion, sondern bereits Realität.

Plädoyer für einen der Aufklärung verpflichteten Neohumanismus

Was ist Ihre Position dazu?

Roland Benedikter: Ich persönlich sehe die Austauschbarkeit des Menschen durch "inversive" Technologisierung skeptisch. Ich möchte ein vernünftiges, an der Aufklärung orientiertes Gegengewicht zu den Transhumanisten bilden, die sich nur an der Renaissance, aber nicht an der Aufklärung orientieren, weil sie diese für vernachlässigenswert und unnötig ethisch restriktiv halten.

Ich dagegen plädiere für einen Neohumanismus, bei dem der bisherige Mensch nicht unbedacht aufgegeben werden soll. Wir kennen den bisherigen Menschen noch gar nicht ausreichend, um ihn vorschnell preiszugeben und in einen Cyborg zu verwandeln. Es besteht das Risiko, dass wir dadurch dasjenige, als was wir uns bisher konzipierten, als solches verlieren. Die Transhumanisten sagen, Kulturgeschichte, Literatur, Kunst, Religionen, Philosophien, Welterklärungen, sie alle seien nur künstliche Sinngebungen in der Epoche des armseligen "natürlichen" Menschen, nämlich die temporäre Geschichte einer Menschheit, die bisher noch nicht die Möglichkeit hatte, sich selbst in die Hand zu nehmen. Jetzt aber haben wir die Möglichkeit, und selbst zu gestalten, und damit wird Technologie zur Inbegriff der Kultur, die alle anderen Leistungen ersetzt, weil sie dem Menschen selbst seine eigene Veränderung ermöglicht. Damit können wir nicht nur die Erde, sondern dasjenige, was die Menschheit auf ihr ist, verändern.

Ich plädiere für Vorsicht und für eine vorgängige Neuaneignung der bisher erarbeiteten Grundlagen. Vor allem aber plädiere ich für einen Schutz des "Ich", das die meisten Transhumanisten leugnen. Denn das "Ich" ist der archimedische Punkt von allem anderen. Wenn im Lauf der Technisierung des menschlichen Körpers das "Ich", die primordiale "Ich"-Erfahrung modifiziert werden sollte, dann steht in der Tat "alles" in Frage, weil es ohne "Ich" auch keine Wirklichkeit gibt - weder eine Sinneswahrnehmung noch einen Gedanken. Das "Ich" ist der archimedische Punkt, von dem alles ausgeht und den wir daher vor dem Zugriff der Technologie schützen müssen. Oder wie es der Philosoph Colin McGill ausdrückt: Den Abgrund, die Differenz zwischen "Ich"-Erfahrung und Gehirn schützen, auf ihre Nicht-Identität hinweisen, darin besteht ein vernünftiger Neohumanismus und die Aufgabe des heutigen aufgeklärten Intellektuellen - gegen die Transhumanisten.

Welche Rolle spielen dabei Kultur und Religion?

Roland Benedikter: Religion verstehe ich im wörtlichen Sinn des Wortes "re-ligere" als die Anbindung an das, was als umfassendes Erfahrungswissen gebildet wurde und was dabei verallgemeinerbar ist, quasi als die Rückbindung an das, was Grundlage von allem anderen ist. Wenn man Religion so verstehen will, dann liegt in ihr etwas Stabilisierendes und Kontinuitätsförderndes. Zugleich ist Religion, so wie sie dann historisch verstanden und zumindest im Rahmen der abrahamitischen Religionen auch gelebt wurde, im Gegensatz zu erfahrener Spiritualität auf Glauben aufgebaut, wodurch sich unweigerlich auch Macht und Hierarchien sozialer Beziehungen in sie hineinmischen.

Die Frage, die sich heute etwa in den USA massiv zwischen Konservativen und Liberalen stellt, ist, ob und inwiefern diese Art von Religion, von Sinnentwurf eine Stellung zur wachsenden Verbindung zwischen Mensch und Technologie einnehmen kann. Bisher sieht man vor allem die Schwierigkeiten einer aktiven, konstruktiven Bezugnahme. Die Kultur dagegen hat das Thema der Zeitdialektik zwischen Humanismus und Transhumanismus bisher in ihren traditionellen Schaffensbereichen noch wenig aufgenommen. Das meiste, was hier versucht wird, ist deutlich pro-transhumanistisch, weil es meist erst dann als avantgardistisch gilt.

An was glauben Sie?

Roland Benedikter: Ich glaube im Gegensatz zu den Transhumanisten an das menschliche "Ich". Ich glaube, dass der Mensch ein unglaubliches Potential besitzt, und dass im "Ich" dasjenige liegt, was entscheidend für eine Zukunft ist. Das Ich, unser bewusstes Bewusstsein, ist der archimedische Punkt alles anderen. Ohne "Ich" gibt es keine Wahrnehmung, keine Aussage, kein Urteil. Das Erste und das Letzte ist das Ich. Ein Bereich, wie ich meine, über den wir allerdings streng genommen noch fast gar nichts wissen - aber jetzt, mit den neuen Technologien, fängt es an, spannend zu werden.

Viele meinen, wir seien kurz vor dem Durchbruch zum Verständnis des "Ich", wenn wir die Gehirnprozesse verstehen können. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn der beste Wissenschaftler kann heute noch nicht sagen, wo der Übergang ist von der unmittelbaren Ich-Wahrnehmung, vom Vollzug eines Ich-Prozesses und einer Ich-Empfindung, wie das Steven Pinker von der Universität Harvard ausdrückt, und den elektrochemischen Impulsen im Gehirn. Beide erweisen sich nicht als ein monokausaler, sondern eher als ein gleichzeitiger bzw. Parallelprozess. Wenn jemand sagt, die Gehirnprozesse seien die Ursachen des Ich-Prozesses, ist das unwissenschaftlich, weil der Übergang nicht empirisch dargestellt werden kann; ebenso nicht-empirisch ist es zu behaupten, so wie die von Ihnen erwähnten Religionen es zuweilen tun, der Ich-Prozess sei der Ausgangspunkt und bediene sich sozusagen des Gehirns. Es ist, unbeschadet weiterer Entdeckungen, eine Parallelität und keine monokausale Einbahnstraße vom einen zum anderen festzustellen. Daher sollten wir auch das eine nicht auf das andere reduzieren.

Gibt es das "Ich" überhaupt?

Roland Benedikter: Es gibt freilich manche, die behaupten es gebe kein Ich, es sei nur die illusionäre Folge eines Gehirnprozesses. Aber streng empirisch besehen ist in jeder Aussage, in jedem Akt des Bewusstseins das Ich bereits vor allen Begriffen. Dazu ein Beispiel. Jemand sagt, wie etwa der französische Philosoph Jacques Derrida: "Es gibt kein Ich." Dann muss er sich die Frage gefallen lassen: "Wer sagt das?" Die einzige Antwort, die Derrida streng empirisch und rational geben kann und muss, ist: "Ich". Streng logisch lautet ja sein Satz eigentlich: "Ich sage euch: Es gibt kein Ich", denn irgendjemand muss diesen Satz ja aussprechen. Also hebt sich der Satz während seiner Aussage selbst auf.

Der Satz: "Es gibt kein Ich" ist logisch unmöglich, wenn man ihn nicht nur als statischen Inhalt, sondern als dynamische Aussage betrachtet. Schon da erscheint die Bedeutung des großen Rätsels des Ichs. In ihm liegt, was die Menschheit erreichen kann, was ihr Sinn und Abgrund ist. Wir müssen mehr über dieses Ich herausfinden. Das ist die größte Aufgabe der kommenden Jahre.

Verirren wir uns möglicherweise in ein überzeichnetes Kausalitätsdenken, wenn wir das "Ich" auf das Gehirn reduzieren?

Roland Benedikter: Ja, das wäre möglich, obwohl ich ein Freund von Kausalitätsdenken bin, solange es in seinen Geltungsgrenzen verbleibt und strikt empirisch vorgeht. Heute sehen wir aber eine Art Benutzung des Kausalitätsdenkens für Behauptungen, für Spekulation über das "Ich". Das ist zurückzuweisen. Jede Wirkung hat eine Ursache, aber nicht jede Ursache hat eine Wirkung. Aristotelisch gesprochen: Nicht jede Potentialität hat eine Aktualisation.

Jeder Mensch vermöchte viel mehr umzusetzen aufgrund seines Potentials, als er es letztlich aktualisiert. Umgekehrt: Jeder Mensch nimmt im Laufe des Lebens viel mehr wahr, als ihm bewusst wird, wovon er einiges als Intuition abruft. Jeder Mensch vermöchte weitaus mehr seiner Möglichkeiten umzusetzen, wenn er die Möglichkeit hätte, die Potentiale der Ich-Wahrnehmung bewusst zu handhaben. Unsere Möglichkeiten sind noch relativ beschränkt, weil wir mit dem unendlich komplexen Ich-Potential fast gar nicht umgehen können. Das Ursache-Wirkungs-Prinzip gilt jedoch nur für einen bestimmten Bereich, wie bei Materieprozessen oder Relativität. Jedoch weniger in der Erforschung des Innenereignisses des Ich. Dafür brauchen wir neue Instrumente.

Wird die Gesellschaft systematisch verblödet, wie manche Apokalyptiker mit Blick auf die Vermischung von Mensch und Maschine behaupten, so unter anderem Bill Joy, einer der Pioniere der Computerchip-Revolution, oder Adam Keiper, der Theoretiker der Neuroelektronik?

Roland Benedikter: Nein, das glaube ich nicht. Wir leben heute in einer Aufmerksamkeitsökonomie. Diese versucht, sich mit den neuen Technologien so früh wie möglich zu verbinden, um die Vorteile abzuschöpfen. Moderne Kommunikations- und Bildtechnologie bindet zwar in der Tat das Bewusstsein des Alltagsmenschen, mich und vermutlich uns alle eingeschlossen, die Hälfte des Tages an Dinge, die mehrheitlich eher belanglos sind oder gar ablenken. Aber das ist nicht die Verschwörung einer Gruppe, einer Politik, einer bestimmten Absicht, zumindest nicht bei uns, höchstens in Diktaturen wie im Nahen Osten oder in Nordkorea, die diese Dinge zur Machtkontrolle nutzen.

Ich bin ebenso ein Gegner jedweder Verschwörungstheorie wie jedes apokalyptischen Weltbildes, wie ich auch ein Gegner des "tittytainment" bin, wie das der US-Regierungsberater Zbigniew Brzezinski getauft hat, also der modernen Kombination von Brot und Spiele, von "ernährenden Brüsten" (minimaler Sozialstaat) mit "Entertainment" (Unterhaltung), um die Menschen ruhig zu halten in einer Weltgesellschaft, in der die Ungleichheit und damit die soziale Spannung zunehmen. Wenn in ihrer Umgebung Tag und Nacht zig Fernsehprogramme in jedem Fitnessraum und in jedem Klo laufen, und der Mensch mit diesen Infos bombardiert wird und gar nicht mehr die Zeit hat, dies alles bewusst zu verarbeiten, dann ist das nicht positiv. Es geht nicht um Ruhigstellen angesichts zum Teil bedrohlicher Entwicklungen, sondern um gemeinsame Arbeit an geeigneten Begriffen und Urteilen, die nur aus dem gesellschaftlichen Gespräch und auf der Grundlage von Partizipation kommen können. Daran gilt es verstärkt zu arbeiten - unter anderem durch die Stärkung der Rolle des öffentlichen Intellektuellen.

Was ist Ihr Wunsch an die Menschheit?

Roland Benedikter: Für die Menschheit wünsche ich mir, dass sie die richtigen Entscheidungen trifft. Sie wird in Zukunft immer mehr Optionen und Möglichkeiten haben, Entscheidungen zu treffen, die jedoch immer komplexer werden. Die Komplexität, nichts entscheiden zu können, ohne eine Vielzahl von Dimensionen zu betrachten und einzubinden, wird die größte Herausforderung werden.

Im Grunde müssen wir im Hinblick auf jede Frage künftig mindestens sechs Dimensionen, Systemordnungen und Diskurslogiken einbeziehen: Politik, Wirtschaft, Kultur, Religion, Demographie und Technologie. Fehlentscheidungen von Regierungen werden getroffen, weil sie die Tiefenwirkung einer Entscheidung meist aus nur einer oder zwei der entsprechenden Logiken treffen, aber zu wenig mit den anderen Bereichen abklären und in eine Beziehung zueinander setzen. Der Politiker - und Bürgergesellschafter der Zukunft muss nicht ein Experte in einer bestimmten Richtung sein, sondern er sollte über eine multidisziplinäre, auf Bausteine, Instrumente und Grundelemente aller sechs Dimensionen ausgerichtete Bildung verfügen. Er muss in der Lage sein, diese zueinander in Beziehung zu setzen, also komplex zu denken. Und er muss auf dieser Grundlage dann den Mut haben, eine Entscheidung zu treffen, die nie die je guten und richtigen Argumente aller sechs Dimensionen zugleich wird abdecken können.

Ich wünsche mir für die Menschheit, dass sie dies rechtzeitig versteht. Es hängt in der heutigen Entwicklungsphase mehr denn je vieles davon ab, dass es möglichst gute Ausbildungen in mehrdimensionaler Urteilsbildung gibt und die Leute gut vorbereitet werden. Wir haben nur dies, und auch dann bleibt immer noch vieles unvorhersehbar. Aber wenn wir an der gesellschaftlichen Urteilsbildung so arbeiten, dass sie der Tiefe, Spannbreite und Komplexität der heutigen Entwicklung immer mehr gerecht wird, dann braucht uns nicht bange zu sein.

Der Politikwissenschaftler und Soziologe Roland Benedikter lehrt an der Universität von Kalifornien von Santa Barbara und an der Universität Stanford im Herzen von Silikon Valley. Er ist akademisches Vollmitglied des Potomac Instituts für Politikstudien in der US-Hauptstadt Washington, Mitglied des "Board of Trustees" der Toynbee Prize Foundation Boston und lehrte im vergangenen Jahr auch an der Viadrina Universität Frankfurt/Oder.

Von Roland Benedikter ist vor kurzem in der Telepolis-eBook-Reihe erschienen: Abkehr von Europa? Obama gegen Romney: Hintergründe und Perspektiven für Europa bis 2016.

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