Gegen die Tabak-, Alkohol-, Lebensmittel- und Getränkekonzerne
Studie fordert staatliche Regulierung zur Reduzierung nichtübertragbarer Krankheiten, die durch Alkohol, Tabak, hoch verarbeitete Lebensmittel und Getränke verursacht werden
2011 gab es ein UN-Gipfeltreffen zur Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten (NCDs), auf dem beschlossen wurde, diese in Ländern mit geringen und mittleren Einkommen bis zum Jahr 2025 um 25 Prozent zu reduzieren. Dabei geht es um die Reduzierung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Atemwegserkrankungen oder Diabetes, aber auch um die des Konsums von gesundheitsschädlichen Produkten wie Tabak, Alkohol und hochverarbeiteten Lebensmitteln und Geräten. Beschlossen wurde, neben den Regierungen und den ganzen Gesellschaften vor allem auch an die Privatwirtschaft einzubeziehen. Ein internationales Team an Wissenschaftlern hat nun auf diesem Hintergrund untersicht, welche Rolle die meist transnational agierenden Konzerne spielen, die mit den gesundheitsschädlichen Produkten ihre Geschäfte machen.
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| Kohlensäurebläschen in einer Coca-Cola. Bild: gemeinfrei |
Nach Angaben der WHO sterben jährlich insgesamt 57 Millionen Menschen, davon 36 Millionen an meist verhinderbaren nichtübertragbaren Krankheiten, 80 Prozent in Ländern mit niedrigen oder mittleren Einkommen. Todesursachen seien in der Regel Rauchen, zu wenig körperliche Bewegung, Fettleibigkeit, Alkohol und ungesundes Essen und Trinken. Die mit NCDs verbundenen Kosten würden in die Billionen US-Dollar gehen. Nach dem Aktionsplan zur Umsetzung der Europäischen Strategie zur Prävention und Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten (2012-2016) (2011) gehen 86 Prozent der Todesfälle und 77 Prozent der Krankheitsfälle auf nichtübertragbare Krankheiten zurück.
In dem bereits im Mai 2008 beschlossenen WHO-Aktionsplan 2008 bis 2013 zur Bekämpfung der NCDs nach dem Vorbild des 2005 in Kraft getretenen Rahmenübereinkommens der WHO zur Eindämmung des Tabakgebrauchs sollten die Mitgliedsstaaten Maßnahmen ergreifen, um ein gesünderes Leben zu propagieren. Die Annahme war, dass das Ausmaß der NCDs besonders in den Entwicklungsländern und hier besonders in Afrika stark zunehmen wird.
Im September 2011 wurde auf einem weiteren UN-Gipfeltreffen ein umfassendes Programm beschlossen, das zur Reduzierung der NCDs im Grunde eine Reformierung der Gesellschaften und der Konsum- und Verhaltensweisen vorsah, um ein gesundes Leben nicht nur zu propagieren, sondern auch zu ermöglichen. Dabei gehe es etwa auch um Veränderungen "von der Landwirtschaft und der Nahrungsmittelindustrie bis zu Bildung, Umwelt und Stadtplanung". Nach dem Vorbild der Bekämpfung des Rauchens soll auch mit Verboten oder steuerlichen Maßnahmen Einfluss auf den Alkohol-, Lebensmittel- und Getränkemarkt genommen werden.
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Die in der Zeitschrift The Lancet erschienene Studie dürfte der staatlichen Regulierung mit dem Ziel des "gesünder Lebens" weiteren Aufschub verliehen. Das internationale Wissenschaftlerteam stellte nämlich fest, dass für einen Großteil der NCDs transnationale Konzerne verantwortlich seien, die vom vermehrten Konsum von Tabak, Alkohol und ungesunden, stark verarbeiteten (ultra-processed) Lebensmitteln und Getränken profitieren. Letztere werden aus bereits verarbeiteten Bestandteilen von nicht-verarbeiteten Lebensmitteln wie Ölen, Fetten, Mehlsorten, Zucker oder billigen Teilen von tierischen Produkten hergestellt, sind haltbar und sofort verzehrbar und verdrängen deswegen frische Lebensmittel, sie sind energiereich, haben eine hohe glykämische Last, enthalten wenig Fasern und wenige Mikronährstoffe, dafür aber viel freien Zucker, Salz und Fett. Solche Fertig- und Fast-Food-Gerichte werden vor allem von transnationalen Konzernen hergestellt und "ausgeklügelt und aggressiv" beworben.
Ein großer Teil der durch erhöhten Blutdruck (9,4 Millionen), hohen BMI (3,4 Millionen), hohen Blutzuckerspiegel (3,4 Millionen) und hohe Cholesterinwerte (2 Millionen) verursachten Tode könne, so die Studie, auf hoch verarbeitete Lebensmittel und Getränke zurückgeführt werden. Die Zunahme dieser Lebensmittel und Getränke sei parallel zur Zunahme der Fettleibigkeit, von Diabetes und anderen mit der Ernährung verbundenen chronischen Krankheiten erfolgt und zu dieser beigetragen. In den nächsten Jahren wird der Konsum von hoch verarbeiteten Lebensmitteln und Getränken, aber auch von verpackten Lebensmitteln, Snacks, Alkohol und Tabak vor allem in den Ländern mit niedrigen oder mittlerem Einkommen zunehmen, während die Märkte in den reichen Ländern bereits weitgehend gesättigt sind.
Konzerne dominieren zunehmend den Markt für Lebensmittel
Der Markt für Lebensmittel sei zunehmend bis zum Oligopol von einigen großen Konzernen beherrscht. In den USA kontrollieren die 10 größten Lebensmittel bereits 50 Prozent des Marktes. Die Hälfte der nichtalkoholischen zuckerhaltigen Getränke werden von großen Konzernen, allen voran Coca-Cola und Pepsi, beherrscht. 75 Prozent der Lebensmittelverkäufe sind verarbeitete Lebensmittel, die größten Konzerne beherrschen ein Drittel des Marktes. Beim Alkoholmarkt, vor allem beim Bier und Schnaps, verhält es sich ähnlich. Transnationale Konzerne dominieren auch den Markt für verpackte Lebensmittel, in den USA sind das Kraft, Pepsi, Nestle, Mars und Kellog.
Der Konsum ungesunder Produkte nehme auf der einen Seite mit dem Wirtschaftswachstum und dem wachsenden Einkommen der Menschen zu. Sie haben, so der Bericht, dann die Mittel, diese zu kaufen, aber weil auch die verfügbare Zeit weniger wird, werden sie zudem für die Konsumenten attraktiver. Dazu kämen auf der anderen Seite "systematische und aggressive Massenvermarktungskampagnen sowie eine Wirtschaftspolitik und Handelspolitik, die die Märkte dereguliert und sie für globale Konzerne öffnet.
Strategien zur Verschleierung der Gefahren wie sie früher die Tabakindustrie eingesetzt hat
Ähnlich wie früher die Tabak- und Asbestindustrie würden nun die Lebensmittel-, Getränke- und Alkoholindustrie versuchen, gesetzgeberische Restriktionen abzuwehren und gesundheitliche Risiken herunterspielen, wie Dokumente belegen würden. So würden von Lebensmittel- und Getränkekonzerne geförderte Forschungsveröffentlichungen natürlich auch eher deren Interessen entsprechen und damit die Forschungslage beeinflussen. Eine weitere Strategie sei, auch schon Kinder durch angebliche Gesundheitsprogramme zu beeinflussen oder bei Gesetzen etwa zur Alkoholregulierung mitzuwirken. Als dritte Strategie wird Lobbying, inklusive Spenden für politische Wahlkampagnen, genannt. Und schließlich wird versucht, die Menschen gegen eine strengere Regulierung oder Besteuerung zu beeinflussen. Statt dessen würden Alkohol- und Lebensmittelkonzerne "unwirksame", weil auf den einzelnen gerichtete Aufklärung- oder Erziehungsmaßnahmen propagieren. Allerdings würden sie gleichzeitig den Menschen wichtige gesundheitsrelevante Informationen vorenthalten, wie dies beispielsweise bei der Blockade der Ampelregelung für Lebensmittel geschehen ist. Zur Ablenkung würden Lebensmittel- und Getränkekonzerne etwa Kampagnen gegen zu wenig körperliche Bewegung machen.
Die Ähnlichkeiten zwischen den von den Tabak-, Alkohol-, Lebensmittel- und Getränkekonzernen verwendeten Strategien überraschen angesichts des Flusses von Menschen, Geldern und Aktivitäten zwischen diesen Industrien, die auch eine Geschichte gemeinsamen Eigentums besitzen, beispielsweise waren Kraft und Miller Brewing beide im Besitz von Philip Morris. … Überdies verwenden die Alkohol-, Lebensmittel- und Getränkekonzerne weltweit dieselben Werbeagenturen.
Während die Konzerne Lobbyarbeit gegen eine mögliche staatliche Regulierung oder Besteuerung machen und eher auf freiwillige Maßnahmen, Selbstregulierung oder Public-Private-Partnerships setzen die Wissenschaftler auf erstere. Selbstregulierung oder Public-Private-Partnerships könnten nur dann funktionieren, wofür alle Erfahrung spräche, wenn eine staatliche Regulierung bei Erfolglosigkeit angedroht werdenEine effektive Zusammenarbeit mit Konzernen setze voraus, dass diese aus Gesundheitsmaßnahmen Profite generieren können. Das sei aber nicht zu erwarten, wenn es darum geht, den Konsum weg von hoch verarbeiteten Lebensmitteln und Getränken zu weniger nährstoffreichen, energieärmeren Produkten zu verschieben, mit denen schlicht weniger Geld verdient werden kann. "Regulierung oder deren Androhung ist die einzige Möglichkeit", so die Studie, "diese transnationalen Konzerne zu verändern."
Wichtig dabei sei auch, wie dies auch bei der Tabakindustrie gemacht worden sei, nicht mit den Industrien zu kooperieren und die Zusammenarbeit auf ein Minimum zu beschränken. Bei der Bildung einer nationalen und internationalen Politik zur Reduzierung nichtübertragbarer Krankheiten sollten daher Konzerne, die ungesunde Produkte herstellen, keine Rolle spielen, empfiehlt der Bericht. Finanzielle oder andere Unterstützung für Forschung, Ausbildung und Programme sollten von Gesundheitsinstitutionen, den im Gesundheitsbereich Tätigen und der Zivilgesellschaft nicht akzeptiert werden, wenn sie von den Konzernen, die ungesunde Produkte herstellen, und deren Verbänden stammen. Und alle Ansätze zur Reduzierung nichtübertragbarer Krankheiten sollten auf ihre Effizienz genau überwacht werden
http://www.heise.de/tp/artikel/38/38557/1.html- Re: "Alkohol und Nikotin rafft die halbe Menschheit hin.... (16.2.2013 22:24)
- Re: Ich weiß jetzt nicht ob das politisch korrekt ist.... (14.2.2013 18:23)
- Re: Die Ausgabe von Soylent Green (14.2.2013 16:07)
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