Der Trend geht zur Wellness-Prostitution

05.03.2013

Juanita Rosina Henning über die geplanten Prostitutionsgesetze, die Rückkehr zu alten sexuellen Normen, die Migrationsprostitution und darüber, warum Prostitution viel mit Disziplin zu tun hat

Sex & Crime, Rotlicht & Blaulicht - über Prostitution wird am liebsten dann berichtet, wenn es irgendwie spannend nach Verbrechen und düsteren Ecken klingt. In der Realität aber findet sie schon lange nicht mehr im Verborgenen statt und ist zudem ein großer Wirtschaftsfaktor - auch für die Kassen einiger deutscher Großstädte. Unter der Regierung Schröder wurden einige Gesetze dazu liberalisiert. Seit einiger Zeit aber gibt es einen politischen Rollback: Viele Städte und Kommunen gehen massiv gegen die "Ausbreitung" der Prostitution vor, nicht nur die Boulevard-Presse berichtet über angeblich wachsenden "Menschenhandel" aus Osteuropa, die Bundesregierung plant restriktive Neuregelungen der Gesetze.

Obwohl selbst den offiziellen Zahlen der Behörden aktuell keine dramatische Situation im "Gewerbe" zu entnehmen ist, gilt das Geschäft mit Sex und Erotik immer noch als ausbeuterisch und frauenfeindlich - im Januar protestierte die Gruppe "Femen" schlagzeilenträchtig in der Hamburger Herbertstraße gegen "Zwangsprostitution" mit Schildern, auf denen in historischer Anlehnung stand: "Sex-Arbeit macht frei" und "Gegen Sex-Faschismus". Auf die Realität der Fakten beziehen sich die Kritiker der Prostitution aber kaum - vielmehr hantieren sie oft mit den reaktionärsten Klischees.

Sowohl gegen rassistische Stimmungmache in der Migrationspolitik als auch gegen hysterische Kritik der Prostitution kämpft bereits seit den 90ern der Verband Dona Carmen. Ihre Vorsitzende, Juanita Rosina Henning, meint, Prostituierte litten in Wirklichkeit nicht unter "Zuhältern" und Gewalt, sondern vielmehr an Kriminalisierung und Stigmatisierung durch die Mehrheitsgesellschaft.

Henning kritisiert Alica Schwarzer als "deutsche Polizeifeministin" und verteidigt Migrations-Prostitution als "Völkerverständigung von unten". Im Gegensatz zu den Aktivistinnen von Femen dürfte Henning aber wissen, wovon sie redet: Sie ist Diplom-Sozialarbeiterin, arbeitete von 1991 bis 1993 als Streetworkerin für die Arbeitsgemeinschaft gegen internationale sexuelle und rassistische Ausbeutung (AGISRA) und Huren wehren sich Gemeinsam e.V. (HWG). Seit 1994 ist sie für das Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt/Main vor Ort in den Bordellen tätig. Sie veröffentlicht auch Reportagen und Bücher zum Thema. Der Verein Dona Carmen agiert als Selbsthilfe-Organisation im Frankfurter Bahnhofsviertel, bietet praktische Beratung an, etablierte zusammen mit Bordell-Betreibern die "Qualitätsinitiative für Arbeitsstandards" und gibt auch die Huren-Zeitung La Muchacha heraus. In der Zeitschrift "Kritische Justiz" erschien 2012 eine Stellungnahme von Dona Carmen zur Debatte über den "Menschenhandel". Im April veranstaltet der Verein das "Koordinierungstreffen Pro Prostitution".

Frau Henning, Ende letzten Jahres fanden im Frankfurter DGB-Haus die 1. Prostitutionstage statt - Experten und Frauenrechtlerinnen kritisierten dort die anstehende zweite Neuregelung der Prostitutionsgesetze. Sie befürchten eine neue Welle der Repression gegenüber den Frauen im Erotik-Gewerbe. Was kritisieren Sie genau?

Juanita Rosina Henning: Eine Bundesrats-Entschließung vom Februar 2011 und ein Beschluss der Bundesinnenminister vom November 2010 legen ziemlich genau fest, wie die ohnehin halbherzigen Bestimmungen des Prostitutionsgesetzes von 2002 aus den Angeln gehoben werden sollen. Geplant ist eine "Erlaubnispflicht für Prostitutionsstätten", für deren Einhaltung nicht eine zuständige Fachbehörde, sondern die Polizei zuständig sein soll. Unter Verzicht auf eine richterliche Genehmigung soll mittels "Auskunft und Nachschau" das Grundrecht der Unverletzlichkeit der Wohnung speziell im Fall von Frauen in der Prostitution ausgehebelt werden. Es geht dem Innenministerium - neben dem BKA die eigentliche treibende Kraft der geplanten Änderungen - um bundesweite, jederzeitige "anlassunabhängige Kontrollen". Ergänzt wird das Ganze um ein "engmaschiges System von Meldepflichten" für die Frauen. Darüber hinaus will man Prostitution erst ab 21 Jahren erlauben, wodurch man die 18- bis 21-jährigen Frauen entmündigt. Mit dem geplanten Kondomzwang bei entgeltlichen sexuellen Dienstleistungen schafft man einen weiteren polizeilichen Kontrollanlass. Darüber hinaus sollen die Prostitutionskunden ins Visier genommen werden und "bei leichtfertiger Inanspruchnahme von Zwangsprostitution" bestraft und bei Verstoß gegen Sperrgebietsverordnungen sanktioniert werden. Unterm Strich hat man es mit einem lupenreinen Polizeigesetz zu tun.

Planen Sie weitere Aktivitäten, um dagegen vorzugehen, eine Huren-Demonstration wie in Paris?

Juanita Rosina Henning: Wir planen verschiedene Aktivitäten. Eine Botschaft muss sicherlich sein, dass Frauen in der Prostitution nicht mehr wie im 18. oder 19. Jahrhundert mit sich umspringen lassen. Aber eine derartige Breitseite gegen Frauen in der Prostitution wird nicht ohne Folgen bleiben für den gesellschaftlichen Umgang mit Sexualität. Das ist Teil eines umfassenden konservativen Rollbacks hinsichtlich der sexuellen Normen in unserer Gesellschaft, da sollte man sich keiner Illusion hingeben.

Warum pflegt die Gesellschaft nach wie vor ein derart schizophren-perverses Verhältnis zur Prostitution? Besonders ost-europäische Huren werden stigmatisiert. Im Kapitalismus verkaufen die meisten Menschen ihre Seele, Huren aber nur ihren Körper?

Juanita Rosina Henning: Neu ist, dass die weltweiten Migrationsbewegungen im Zuge der Globalisierung zum Anlass genommen werden, mit gnadenloser Härte gegen die zumeist migrantischen Sexarbeiter/innen vorzugehen. Bürgerliche Gesellschaften basieren nach wie vor auf der Kleinfamilie, auf der Institution der Ehe mit ihrer Einheit von Sexualität und Liebe. Als zentrale ökonomische Versorgungsinstitution für den nie auszuschließenden ökonomischen Notfall, für das Alter usw. ist sie die "Keimzelle der Gesellschaft". Demgegenüber setzt professionell betriebene Prostitution voraus, dass die Prostituierte zwischen Sexualität und Liebe trennt.

Diese "Trennung von Sexualität und Liebe" ist eine mit der Warenwirtschaft historisch entwickelte Kulturtechnik, die eine vom Zufall und der Gunst des Augenblicks losgelöste, jederzeit mögliche, nicht-reproduktive sexuelle Befriedigung gewährleistet. Im prostitutiven Verhältnis wird die gemeinhin als allgemein unterstellte Norm der Einheit von sexueller Befriedigung und sozialer Verpflichtung in beiderseitigem Einvernehmen aufgelöst. Weder der Frau, noch dem Mann erwachsen aus dem gewährten Akt sexueller Befriedigung irgendwelche Ansprüche oder Verpflichtungen dem anderen gegenüber. Anstatt als Bereicherung wird dieses Verhältnis jedoch als Bedrohung wahrgenommen. Der herrschenden politische Klasse erscheint ihr abschätziges Verhältnis zur Prostitution aber leider keineswegs "schizophren".

Prostitution ist ein Berufszweig wie jeder andere

In Berlin etwa hetzen auch deutsche Huren gerne gegen osteuropäische, weil diese die Preise verdorben hätten?

Juanita Rosina Henning: In den 80er Jahren waren es die Thailänderinnen, dann die Latinas und später die Osteuropäerinnen, die angeblich die Preise kaputt machen. Prostitution ist nun mal ein Berufszweig wie jeder andere, der der Konjunktur der wirtschaftlichen Entwicklung unterworfen ist. Hetze gegen ausländische Konkurrenz ist weder ratsam, noch eine Lösung. Ein Weg der Objektivierung wäre die Professionalisierung der Prostitution mittels eines Berufsverbands.

In Dortmund gab es eine beispiellose Hetzkampagne des Dortmunder SPD-OB gegen Roma. Die Medien bezichtigten sie generell des mafiösen Sex-Gewerbes. Die zuvor bereitgestellten sogenannten Sicheren Sex-Boxen wurden geschlossen - "zufällig" tags nach dem letzten Bundesliga-Heimspiel der Borussia. Danach gab es schwere Übergriffe gegen junge Prostituierte durch Freier. Wie beurteilen Sie die Situation in Dortmund?

Juanita Rosina Henning: Die Vertreibung der Prostitutionsmigrantinnen, insbesondere vieler Roma-Frauen, durch die Schließung des Dortmunder Straßenstrichs 2011 war ein übler und niederträchtiger Vorgang. Den meisten Dreck am Stecken haben Polizei und LKA / NRW. Der Dortmunder Polizeipräsident Hans Schulze machte sich zum Sprachrohr des LKA und malte die "Überschwemmung" der Innenstädte des Ruhrgebiets durch "bulgarische Taschendiebe" als Schreckgespenst an die Wand. Tatverdächtige seien oft Roma, hieß es in völkischer Diktion. Angeblich hatten alle ihren Wohnsitz in der Dortmunder Nordstadt. Latente Vorurteile gegen Roma-Frauen wurden in einer Medienkampagne gegen die Dortmunder Straßenprostitution gerichtet, die angeblich unkontrollierbar geworden sei. Das Gelsenkirchener Oberverwaltungsgericht schloss sich in seiner Begründung für die Schließung des dortigen Straßenstrichs bedenkenlos der Polizei-Argumentation an und erklärte, "Polizei und Ordnungsamt (hätten) bereits im Jahr 2010 insgesamt 35.000 Personenkontrollen durchgeführt, die seinerzeit keine positiven Effekte zeigten." Absurd!

Auch an der Berliner Potsdamer und Kurfürstenstraße gab es eine "Bürgerinitiative" gegen den Straßen-Strich der Rumäninnen und Bulgarinnen. Die Mitglieder bezeichneten sich gegenüber der Presse als "linksliberal". Ihre Ressentiments erinnerten aber an die Pogrome von Rostock-Lichtenhagen. Sind Linke überhaupt und in Sachen Sex die aufgeklärteren Menschen, wie diese selber gerne behaupten?

Juanita Rosina Henning: Die Politik gegen den Straßenstrich und damit gegen eine markante Form der Prostitution ist gegenwärtig eine allgemein verbreitete Strategie der Prostitutionsgegner. Ob Dortmund, Hamburg-St. Georg, Berlin oder Augsburg - irgendeine zehnköpfige "Bürgerinitiative" findet sich immer, die Ängste schürt und von den Medien als Volkes Stimme gehätschelt wird. Derart engagierte Mitbürger betrachten sich in der Regel als "aufgeklärt" und "links" und geben nicht selten vor, auch im Interesse der Frauen in der Prostitution zu handeln, auf die sie von hoher Warte herabschauen und sie für fremdbestimmte Opfer halten.

Es gibt eine "Frauenfeindlichkeit von links"

Besonders Linke und Linksliberale betrachten Huren, selbst wenn diese selbstbestimmt arbeiten, nur als Opfer. Eine eigene Meinung wird ihnen nicht zugetraut. Was halten Sie von dieser paternalistisch-erotisierten Frauenfeindlichkeit von links?

Juanita Rosina Henning: Es trifft durchaus zu: Linke haben die Frauensolidarität nicht gepachtet. Es gibt eine "Frauenfeindlichkeit von links", die gerade im Umgang mit Prostitution an Spießigkeit kaum zu überbieten ist. Eine als Prostitutionsgegnerschaft sich äußernde Frauenfeindlichkeit findet man auch unter Linken, weil Prostitutionstätigkeit - wo Frauen sich angeblich verkaufen und genötigt werden, sich zur Ware und damit zum Objekt "sexueller Ausbeutung" zu machen - offenbar in besonderem Maße geeignet erscheint, den Kapitalismus der Menschenfeindlichkeit zu bezichtigen.

Es ist bezeichnend, dass nur im Falle der Prostitution die Entäußerung einer Dienstleistung als Entäußerung der dienstleistenden Person dargestellt wird. Viele Linke bedienen sich dieser Logik und gelangen zu einer moralischen, weinerlichen Kritik am unmenschlichen Kapitalismus. Das hat mit der Kritik von Marx am Kapitalismus wenig, mit einem Herz-Jesu-Sozialismus dagegen sehr viel gemein. So liest sich manche "linke" Anklage gegen den Kapitalismus eher wie der Hirtenbrief der christlichen Kirchengemeinde, in der eine Pfarrerin das Wort führt.

Es scheint, als ginge das Huren-Business in Richtung Event-Szene. Oft wird sehr professionell geworben. Welche Trends sehen sie allgemein, haben sich auch die Wünsche der Kunden verändert?

Juanita Rosina Henning: Der Trend geht weg vom Schmuddel-Image, hin zur Wellness-Prostitution. In Deutschland ist diese Entwicklung im Jahr 2002 dankbarerweise durch die Änderung des Strafrechtsparagrafen angestoßen worden, der seinerzeit die "Förderung der Prostitution" kriminalisierte und die Schaffung guter Arbeitsbedingungen unter Strafe stellte.

In Hannover sagt man, die Präsenz der Hells Angels hätte zu einem friedlichen Steintor-Viertel geführt, auch die Gewalt gegen Frauen nahm ab!?

Juanita Rosina Henning: Die von der Polizei geschürte und von den Medien dankbar aufgegriffene Hysterie gegenüber den Hells Angels kann ich nicht nachvollziehen. In den Bordellen des Frankfurter Bahnhofsviertels haben hier und da auch Hells Angels das Sagen. In den mehr als 20 Jahren, in denen ich mit den Frauen in der Prostitution arbeite, habe ich aus diesem Grund keine besonderen Probleme verzeichnen können. Ich sehe eher ein Problem darin, dass Angehörige dieser Gruppierung seit Jahrzehnten Listen der in den Bordellen tätigen Frauen an Behörden und Polizei weiterreichen. Eine Rechtsgrundlage für diese Praxis erschließt sich mir nicht. Der Erwartungs- und Handlungsdruck geht hierbei von der Polizei aus.

Ähnlich ist es mit der illegalen Sonderbesteuerung nach dem "Düsseldorfer Verfahren": Bordellbetreiber - auch solche von den Hells Angels - werden vom CDU-geführten hessischen Finanzministerium und der örtlichen Steuerfahndung ohne gesetzliche Grundlage, nur auf Erlass-Basis, mit der hoheitlichen Aufgabe der Eintreibung von Steuern der Frauen betraut. Wenn man das aus der Nähe mitbekommt, reibt man sich die Augen: eher sind die Hells Angels kreuzbrav, als dass sie durch Gewalttätigkeit auffallen.

Oft scheint es, als würden Prostituierte vor allem von anderen Frauen schief angesehen!?

Juanita Rosina Henning: Ich beobachte in der Tat eine Spaltung unter den Frauen. Es gibt immer mehr tolerante Frauen, und es gibt natürlich auch solche, die mit der Prostitution über Kreuz sind. Letztere haben in der Regel Ängste und Probleme im Umgang mit der eigenen Sexualität. Sie projizieren diese Unsicherheiten auf Frauen in der Prostitution. Das ist die Sichtweise, die wir im Pseudo-Feminismus einer Alice Schwarzer kultiviert sehen.

Zurzeit sind Dubai und Zürich die Hot-Spots des hochpreisigen Erotik-Gewerbes. Die Stunde mit einem hübschen Call-Girl kostet ab 500 Euro. Im Zürcher Bankenviertel werben Escort-Agenturen auf großen Plakaten, in Tokyo legal in Telefonzellen. Andererseits gibt es am Zürcher Sihlquai eine Hetze a la Dortmund.

Juanita Rosina Henning: In Zürich wird nun sogar eine Bewilligungspflicht für Straßenprostituierte und Wohnungsprostituierte eingeführt. Freier in Zürich müssen nunmehr bis zu 200 Schweizer Franken Strafe entrichten, wenn sie außerhalb der nunmehr verkleinerten Strichzonen auf der Suche nach entgeltlichen Sexdienstleistungen erwischt werden.

In islamischen Ländern wie dem Iran oder Saudi-Arabien ist die Prostitution legal - umschrieben als Misjar, als islamische Lustehe auf Zeit. Ein kurioser Umstand!?

Juanita Rosina Henning: Die islamische Kultur wie auch die jüdische ist im Unterschied zur christlichen nicht sexualfeindlich. Natürlich ist die islamische Lustehe auf Zeit ein trickreicher, pragmatischer Umgang mit Sexualität, der aber vor allem das Privileg des Mannes auf einen solchen liberalen Umgang mit Sexualität zum Ausdruck bringt. Solange der Frau nicht die gleichen Rechte und Möglichkeiten zustehen, hat das mit einer Emanzipation der Frau nichts zu tun.

Die künstlich am Leben gehaltene Figur des "gewalttätigen Zuhälters" hat praktisch keine relevante Bedeutung

Die Leute glauben, alle Huren haben Zuhälter. Wie viel Prozent sind es denn wirklich?

Juanita Rosina Henning: Der Begriff ist eine diskriminierende Bezeichnung vornehmlich für männliche Personen im Umfeld von Prostituierten, denen bereits aufgrund ihrer Nähe zu den Frauen an und für sich ein kriminelles Verhalten zugeschrieben werden sollte. Die durch Literatur und Medien künstlich am Leben gehaltene Figur des "gewalttätigen Zuhälters" hat praktisch keine relevante Bedeutung. So lag die durchschnittliche Verurteilten-Zahlen bei "Zuhälterei" im Deutschland der 20er Jahre noch bei 564 pro Jahr, in den 50er Jahren bei 234 pro Jahr und in der Zeit 2000 -2010 bei durchschnittlich 86 verurteilten Tätern pro Jahr. Im Jahr 2010 kamen bundesweit 36 verurteilte Täter auf realistisch geschätzte 200.000 in der Prostitution tätige Frauen.

In München kontrolliert die Polizei offensiv wieder "Stricher-Brennpunkte". Die Situation der Gay-Prostitution scheint bedrohlich zu sein.

Juanita Rosina Henning: Deren Bekämpfung zielt wieder auf die Kontrolle und Diskriminierung der Homosexualität als solcher. In Frankfurt wurden zum Beispiel von Homosexuellen frequentierte dark-rooms geschlossen, ohne dass es dazu erst eines aufsehenerregenden Mordfalles wie in Berlinbedurft hätte.

Zur Fußball-WM 2006 kritisierten kurioserweise viele feministische Frauenverbände die Hysterie-Propaganda der Politiker zur "Zwangsprostitution". Diese gäbe es weder in dieser Form noch in dem Ausmaß.

Juanita Rosina Henning: Die Hysterie mit den "40.000 Zwangsprostituierten" aus Anlass der Fußball-WM brach kläglich in sich zusammen und erwies sich als Lachnummer. Im Januar 2007 legte das Bundesinnenministerium einen Erfahrungsbericht zur WM 2006 vor, der feststellen musste, dass von 33 dem BKA gemeldeten Ermittlungsverfahren wegen Menschenhandels nur fünf direkte Bezüge zur WM 2006 aufwiesen. Als Opfer von "Menschenhandel" galten die Personen nur deshalb, weil sie unter 21 Jahre alt waren.

"Ausbildungsberuf Prostitution"

In den Medien gibt es heute teilweise ein realistischeres Bild von Prostituierten: Es gibt Filme wie "Im Angesicht des Verbrechens", "Leaving Las Vegas", "Princesas".

Juanita Rosina Henning: Eine realistische Darstellung der Prostitution und der Arbeit in diesem Wirtschaftszweig tätigen Menschen wäre in der Tat wünschenswert. Davon scheinen wir noch weit entfernt. Eine nüchterne, möglichst vorurteilsfreie Darstellung jenseits von Denunziation und Glorifizierung wäre ein großer zivilisatorischer Fortschritt.

Am sinnvollsten wäre doch, Prostitution zu einem normalen Ausbildungsberuf zu machen - das wäre eine wirkliche Entkriminalisierung, die den Frauen wirklich helfen würde.

Juanita Rosina Henning: Dem kann ich voll zustimmen. Die Frauen sollten sich dort die entscheidenden Schlüsselqualifikationen aneignen können. Lehrinhalte eines zukünftigen "Ausbildungsberufs Prostitution" sollten u.a. sein: reflektierter Umgang mit der bestehenden patriarchalen Normierung weiblicher Sexualität durch die Gesellschaft; Schutzvorkehrungen im Hinblick auf die persönliche Gesundheit; Erlernen von Sexualtechniken; medizinische Grundkenntnisse im SM-Bereich usw.

Es scheint, dass gerade die US-Black-Music ein positiveres Bild von Prostituierten vermittelt hat?

Juanita Rosina Henning: Sicherlich zeichnet sich die Black Music der USA durch einen liberalen Umgang mit Sex und Erotik aus, was auch aus der Abgrenzung zu den biederen Weißen resultiert. Dieser liberale Umgang mit Sex muss aber nicht automatisch zu einem liberaleren Umgang mit Prostitution führen.

Und noch eine praktische Frage: Wie schaffen es manche Damen eigentlich, stundenlang auf 15-cm-Absätzen zu stehen und dabei noch gut auszusehen? Zum Berufsbild gehören also große Disziplin, Fitness und Anmut?

Juanita Rosina Henning: Prostitution hat sehr viel mit Disziplin, dagegen wenig mit Fitness zu tun. Das Herumlaufen auf 15-cm-Absätzen ist eine Kunst, die ich selbst nicht beherrsche und deshalb auch nicht restlos erklären kann. Man sollte jedoch berücksichtigen, dass Frauen in der Prostitution nicht nur stehen und laufen, sondern auch liegen und sitzen und sich ab und an Pausen gönnen.

Cover

Neuer Kampf der Geschlechter?
Über Sexismus, Feminismus und die Krise der Männer
Als eBook bei Telepolis erschienen

x
service:
drucken
versenden
facebook
twitter
google+
rss
newsletter
folgen:
facebook
twitter
google+
rss
newsletter
http://www.heise.de/tp/artikel/38/38601/
Anzeige
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Anzeige

Zum Rücktritt von Christine Haderthauer frisch aus dem Archiv:

Peter Mühlbauer 03.07.2013

Drei Seiten geteilt durch sieben Autoren ist gleich ein Dr. med.

Um in Deutschland als Arzt zu arbeiten, muss man nicht promoviert haben. Weil der Dr. med. auf dem Praxisschild von Eltern, Kollegen und Patienten erwartet wird, machen ihn die meisten Mediziner trotzdem. Hinter den dazugehörigen Dissertationen steckt selten wissenschaftliche Neugier als Hauptmotiv - und das sieht man vielen von ihnen auch an.

weiterlesen

Mehr Kunst als Spiel

Sonys "Hohokum" für PS3/4/Vita

bilder

seen.by

Anzeige

TELEPOLIS