Die Doppelverdienerfamilie als "neues Ideal"

Thomas Pany 20.02.2013

Der Zukunftsforscher Opaschowski spricht von einem Kulturwandel in Deutschland

"Die Doppelverdienerfamilie ist das neue Ideal." Mit diesem Satz ist eine repräsentative Untersuchung überschrieben, die von Ipsos in Zusammenarbeit mit dem Zukunftsforscher Horst Opaschowski durchgeführt wurde. Die Formulierung "Ideal" lässt stutzen. Ist das nicht eher Zwang als Wunsch? Wird hier nicht eine Notwendigkeit, die sich daraus ergibt, dass ein Verdienst im Milieu der unteren und mittleren Einkommen nicht ausreicht, um die Miete für eine Mehrzimmerwohnung und den Unterhalt für einen Mehrpersonenhaushalt überhaupt zahlen zu können, umdefiniert zum erstrebenswerten Lebensmuster?

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Tatsächlich klingt die Kernaussage der Studie ganz danach, als ob der ökonomische Zwang vielleicht irgendwo im Hintergrund walten mag, die Lebensform Doppelverdienerfamilie aber keine Zwangskonstellation, sondern eine Wunschkonstellation ist:

Über zwei Drittel der Bevölkerung (67%) finden es geradezu 'ideal', wenn in einer Familie 'beide Partner berufstätig' sind.

Noch vor fünf Jahren hätten Erhebungen andere Ergebnisse ermittelt. Damals befürworteten 56 Prozent die doppelte Berufstätigkeit. So diagnostiziert der Zukunftsforscher auch einen Trend. Im Jahr 2030, denkt Opaschwoski weiter, könnten es 80 Prozent sein, "die Doppelverdiener sein wollen oder müssen". Das nachgestellte "müssen" verrät dann doch, dass finanzielle Notwendigkeiten beim Trend eine Rolle spielen. Doch der Zukunftsforscher hat den größeren Horizont im Blick, von Paradigmenwechsel und Kulturwandel ist bei ihm die Rede - die Not, die zur Tugend wird?

Es gibt keine verlässliche Garantien mehr, wie lange Beziehungen halten. Der Jugendwahn oder das Gefühl, noch einmal das echte Leben entdecken zu wollen, verschont längst keine keine 60-Jährigen mehr. Es gibt auch keine Treueprämie für langes Zusammenbleiben mehr, wie dies der Familiensoziologe Hans Bertram konstatiert.

Zu diesen Aussichten gesellt sich das neue Unterhaltsrecht und die Perspektive auf ungenügende Alterssicherung, wenn jemand, aus welchen Gründen auch immer, dem Arbeitsmarkt zu lange fernbleibt - es dürfte immer weniger Frauen geben, die nicht auf finanzielle Unabhängigkeit vom Partner setzen. Das ist nicht nur eine ökonomische Überlegung, hier spielt auch Wahlfreiheit eine Rolle. Das gilt natürlich auch für Männer. Der eigene Verdienst sichert Freiheiten und die sind nicht nur materieller Art; Berufsleben ist auch ein Gegengewicht zum Familienleben.

Interessant ist die Erkenntnis der Studie, wonach die größere Zustimmung zum Doppelverdienermodell von einer Abnahme der Bereitschaft begleitet wird, wegen der Kinder auf die eigene Berufstätigkeit zu verzichten:

Noch 2008 vertrat die Mehrheit der Bundesbürger (70 Prozent) die Auffassung, dass es besser sei, wenn nur ein Elternteil arbeitet und der andere die Erziehung der Kinder übernimmt. Inzwischen ist der Anteil erdrutschartig auf 52 Prozent gesunken (Frauen: 50% - Männer: 54%).

Das hat mit oben genannte Gründen einer Absicherung der eigenen Unabhängigkeit zu tun. Was auch erklären könnte, dass die Frauen sich hier noch weniger als Männer für eine traditionelle Arbeitsteilung ausgesprochen haben, die meist finanzielle Abhängigkeit vom Partner zur Folge hat. Möglicherweise spielen hier auch Motive mit hinein, die von einem Anspruch an Leben und Selbstverwirklichung getragen sind, die im Beruf leichter ausgelebt werden können als im oft mühsamen, an Wiederholungen reichen und an Anerkennung armen 24-Stunden-Dasein mit Kleinkindern.

Die Berufstätigkeit steht in der Hierarchie der Lebensplanungen ganz oben, die Familie wird dem untergeordnet. Das lässt sich aus der Untersuchung herauslesen. Dass sie einmal an erster Stelle war, ist wahrscheinlich eine Illusion, ein Märchenschwindel aus alten Zeiten, dem aber im guten Fall - wenn Familie nicht für die Erfüllung von muffigem Biedersinn und autoritär ausgerichteten Volksfrömmlertum stand - zugute gehalten werden könnte, dass sie der Arbeitswelt andere Freiräume auf gleicher Wertehöhe entgegenhalten konnte. Was aber, wenn beide Eltern nur mehr Freunde und Bekanntschaften aus dem Arbeitsleben haben, weil nur noch solche Beziehungen aufrecht erhalten werden können?

In Doppelverdienerfamilien kann sich, und das ist die andere Seite, die Arbeitswelt, deren Hektik und Wettbewerbsanforderungen in ganz anderem Ausmaß ausbreiten. Abzulesen ist das auch am Schulstress der Kinder. Im Idealfall, den der Zukunftsforscher Opaschowski anspricht, wäre es so, dass Arbeitgeber und Eltern in Punkto Vereinbarkeit großzügige Abmachungen treffen, in dem "intensiven Arbeitszeiten" "intensiven Familienzeiten" gegenüberstehen, "die miteinander koordiniert werden müssen und nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen". Also mehr als Wochenenden und Jahresurlaub? Zukunftsmusik. Die Politik sei gefordert, sagt Opaschowski.

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Über Sexismus, Feminismus und die Krise der Männer
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