Der Krieg gegen illegale Drogen ist "moralisch verwirrt und wissenschaftlich ignorant"

04.03.2013

Ein Philosoph sucht zu begründen, warum es moralisch besser wäre, die exzessive Verwendung von Antibiotika staatlich zu regulieren

Der Krieg gegen die illegalen Drogen ist nicht zu gewinnen. Das ist mittlerweile die Meinung vieler. Dennoch wird er fortgesetzt, auch unter dem Preis, damit die organisierte Kriminalität und den Terrorismus indirekt zu stützen und unnötig die Kriminalität zu erhöhen (Der weltweite Kampf gegen Drogen macht die Welt nicht besser). Der Krieg gegen die Drogen ist, wie man vor allem im Hinblick auf die mittelamerikanischen Länder sehen kann, auch mit vielen Toten gepflastert. Gleichwohl bleibt es meist weiterhin ein Tabu, selbst Marihuana zu legalisieren, was der organisierten Kriminalität ein Stück des Bodens entziehen würde. Zudem ist nach Ansicht von Experten die legale Droge Alkohol weitaus gefährlicher als selbst Heroin, Crack oder Kokain (Alkohol ist gefährlicher als Kokain und Crack).

Nun fordert der Philosoph Jonathan Anomaly von der Duke University die Regierungen weltweit dazu auf, nicht weiter Geld im Krieg gegen die illegalen Drogen zu verschwenden und es stattdessen in die Reduzierung des Missbrauchs von Antibiotika zu stecken. Dieser sei weitaus gefährlicher und stelle einen ganz anderen moralischen Fall als der Drogenkonsum dar, weil dadurch die Zahl der gegen Antibiotika resistenten Bakterien steigt, die wiederum immer mehr Menschen bedrohen. Die herrschende Drogenpolitik sei hingegen "moralisch verwirrt oder wissenschaftlich ignorant oder beides zusammen", meint er.

Wie Anomaly, der wirklich so heißt, im Journal of Medical Ethics schreibt, hätten Regierungen die Staatskassen geplündert und Millionen ihrer eigenen Bürger eingesperrt, indem sie den Konsum und den Verkauf von Drogen kriminalisiert haben. Trotz dieses Kriegs gegen die illegalen Drogen sei deren Konsum relativ konstant geblieben, die Opfer seien vor allem die Konsumenten selbst. Währenddessen würden Antibiotika durch die Verbreitung von resistenten Bakterien ihre Kraft verlieren, Infektionskrankheiten zu bekämpfen, wodurch die Gesundheit der Menschen bedroht wird.

Während die exzessive Verschreibung und Einnahme von Antibiotika, die zur Entwicklung von resistenten Bakterien führen, ein kollektives Problem darstellen, sei der Drogenkonsum im Wesentlichen ein individuelles Problem der Nutzer. Kriminalität würde nicht nur durch den Konsum verursacht, sondern durch Gesetze, die den Drogenkonsum verbieten. Manche Drogen wie Marihuana oder Opiate würden zudem die Aggressivität mindern. Belege dafür, dass illegale Drogen die Gewalttätigkeit steigern, gebe es nicht, ganz anders sehe es dabei bei der legalen Droge Alkohol aus. Drogenabhängige, die nur einen kleinen Prozentsatz der Drogenkonsumenten ausmachen, würden zwar zu einer Belastung für ihre Familien und Freunde werden, aber es gebe zahlreiche Umstände, die ihre Familien und Freunde ähnlich enttäuschen oder verärgern.

Sollten wir den Übertritt zum Islam, die Arbeit an der Wall Street oder in der Pornografiebranche kriminalisieren? So frägt Anomaly rhetorisch. Drogenkonsumenten können auch "emotionale Kosten" bei anderen Menschen verursachen, aber das könne noch kein Grund sein, sie einzusperren oder sie zu zwingen, ihren Lebensstil zu ändern. Ähnlich sei dies auch mit dem Argument, dass Drogenkonsumenten weniger produktiv seien und damit der Gesellschaft Schaden zufügen. Es gebe aber vielerlei Gründe, warum Menschen weniger produktiv als andere seien, was aber ebenfalls keine Rechtfertigung dafür sei, sie strafrechtlich zu belangen. Die Legalisierung von Drogen, Anomaly verweist auf Portugal, wo der Drogenkonsum nicht mehr bestraft wird (Das normalisierte Drogenparadies am Ende Europas), würde den Konsum vermutlich auch nicht erhöhen. Und nicht zuletzt sei es nicht gerecht, alle Drogenkonsumenten auf dieselbe Stufe zu stellen, wenn nur eine kleine Minderheit ein ernsthaftes Problem darstellt.

Während also die positiven und negativen Folgen der Einnahme von Drogen aus Spaß, zur Unterdrückung von Angst oder Schmerz der individuelle Konsument zu tragen hat, sei dies bei Antibiotika ganz anders. Je mehr Antibiotika genommen werden, desto schneller entsteht bakterielle Resistenz, die sich nicht allein auf das Individuum beschränkt, der nach der Einnahme von Antibiotika zum Wirt resistenter Bakterien werden und resistente Bakterien an die Umwelt und an andere Menschen abgeben kann. Und eine Infektion mit Antibiotika-resistenten Bakterien könne tödlich sein, was bei Drogen nur den Konsumenten alleine betreffe.

Staatliche Regulierung des Antibiotika-Marktes

Für Anomaly ist eine konzertierte kollektive Aktion notwendig, um die exzessive Verschreibung von Antibiotika zu reduzieren. Bislang habe die Information von Ärzten und Patienten über die Folgen des exzessiven Antibiotika-Verbrauchs kaum Wirkung gezeigt, was entweder daran liege, dass die Warnungen nicht eingängig sind, oder daran, dass die persönlichen Kosten für die Missachtung zu niedrig sind. Insgesamt würde der Preis, den Antibiotika kosten, nicht die sozialen Kosten der Resistenz umfassen. Das Argument könnte man freilich für viele Produkte anführen, deren Preis beispielsweise die durch ihre Herstellung verursachten Umweltschäden beinhaltet.

Es sollte, so Anomaly, die Verwendung von Antibiotika in der Tierzucht und überhaupt die Massentierhaltung verboten werden, die regelmäßige Antibiotika-Gaben erforderlich macht. Überhaupt sei hier Regierungshandeln bei der Regulierung angemessener und vor allem effektiver als bei der Kriminalisierung von Drogen, weil die Auswirkungen eben potentiell alle betreffen und nicht nur das konsumierende Individuum. In den reichen Ländern sollten Antibiotika nicht mehr einfach verkauft werden dürfen, die reichen Länder sollten als solidarische Leistung auch für eine weltweite Beobachtung sorgen, um Infektionen mit resistenten Pathogenen schnell zu entdecken. Man könnte auch eine Pigou-Steuer zur Lenkung erheben, um den Verbrauch zu senken, wofür sich Anomaly besonders stark macht. Die Einnahmen könnten in die wissenschaftliche Forschung fließen oder zur Unterstützung von Opfern von Antibiotikaresistenz dienen.

Natürlich ist das alles eine ziemlich moraltheoretische Übung, zumal Anomaly gar nicht die Größe des Antibiotikaresistenz-Problems erörtert hat, um die Dringlichkeit eines kollektiven Handelns zu begründen. Da hätte man darüber sprechen müssen, wie viele Menschen schon jetzt deswegen weltweit sterben müssen und wie ernst das Problem werden könnte, aber auch, ob dann, wenn weniger Antibiotika verschrieben und genommen werden, auch das Problem der Resistenz beseitigt werden kann. Der nur moralische Vergleich zwischen dem Krieg gegen die Drogen und einer Politik, die den exzessiven Antibiotikakonsum zu senken versucht, ist zwar nachvollziehbar gegenüber der weiter herrschenden Antidrogenpolitik, kann aber nicht begründen, warum weltweit die Regierungen ausgerechnet in der Bekämpfung der Antibiotikaresistenz zusammenarbeiten sollten und nicht in der Klimapolitik, dem Schutz natürlicher Ressourcen, der Armutsbekämpfung, der Reduzierung von Giften, der Einhaltung von Menschenrechten oder was auch immer. Und auch dort ist die globale Zusammenarbeit nicht sonderlich effektiv, um es optimistisch zu sagen.

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