Was wusste der BND?

26.02.2013

Der Staudamm von Malpasset wurde vermutlich von der FLN gesprengt, der Dammbruch forderte 400 Opfer

Im Jahr 2010, also vor fast drei Jahren, veröffentlichte der Politikwissenschaftler Matthias Ritzi am Institut für Politikwissenschaft der Universität Innsbruck seine Promotion mit der Arbeit "Richard Christmann: Nachrichtendienstliche Auseinandersetzungen zwischen Deutschland und Frankreich in den Jahren 1936 bis 1961".

Darin informierte Matthias Ritzi, dass der Bundesnachrichtendienst (BND) von seinen Residenten in Tunis, Richard Christmann, über geplante Anschläge der algerischen "Nationalen Befreiungsfront" (Front de Libération Nationale, FLN) gegen Ölanlagen und auch gegen Staudämme in Frankreich im voraus informiert wurde. 2011 veröffentlichten Ritzi und Erich Schmidt-Eenboom auf der Basis der Dissertation das Buch: "Im Schatten des Dritten Reiches - Der BND und sein Agent Richard Christmann." Dieses Buch wurde u.a. in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und im Neuen Deutschland mit dem Schwerpunkt Algerienkrieg besprochen. In Telepolis erschien eine mehrseitige Besprechung Der Geheimagent für besondere Aufgaben, in der es auch heißt:

Durch Christmann war der BND sogar vorab von Bombenanschlägen informiert, darunter auch solche in Frankreich etwa auf Raffinerien, warnte jedoch seinen französischen Partnerdienst nicht. Einer der Anschläge galt dem Staudamm beim südfranzösischen Fréjus, dessen Bruch 412 Menschen das Leben kostete, jedoch bis heute als "Unglück" vertuscht wird.

Der "BND wurde über die Vorbereitungen, Pläne usw. stets vorab unterrichtet", notierte Christmann rückblickend. Zum anderen fasste die algerische "Nationale Befreiungsarmee" (ALN, der militärische Arm der FLN) die Zerstörung von Staudämmen durch pressluftbetriebene Sprengsätze ins Auge. Und weiter heißt es, zitiert aus den Erinnerungen Christmanns:

Nachdem ein Anschlag auf eine kleine Talsperre in Südfrankreich nur einen Teilerfolg hatte, aber viele Menschenleben forderte, wurden alle weiteren Terrormaßnahmen auf Befehl der Gruppe um den damals noch inhaftierten Ben Bella gestoppt.

Dass nicht nur der BND-Resident (Christmann) in die Anschlagsplanungen eingeweiht war, sondern dass er auch die BND-Führung in Pullach darüber informierte, beweist eine Meldung, die Christmann am 25. August 1958 an seinen Vorgesetzten Giskes abgeschickt hatte - und die den Autoren Ritzi/Schmidt-Eenboom - vorliegen:

Sobald eine gewisse Flaute eingetreten ist, sollen die Projekte Wasserkraftwerk und Talsperre in Angriff genommen werden. Außerdem ist in einigen Monaten der Wasserstand günstiger.

Wie reagierten das für die Kontrolle des BND verantwortliche Bundeskanzleramt und der Dienst selbst auf diese ungeheuerlichen Anschuldigungen? Zumindest nach außen hin mit keiner Silbe. Dabei hatte der BND zumindest in früheren Jahren weder Kosten noch Mühen gescheut, gerade diesen Wissenschaftler und seine Kontakte intensiv und systematisch zu beobachten und zu überwachen (Der BND ist ein Geheimdienst …). Die Bespitzelung des Weinheimer Publizisten bot vor paar Jahren Stoff für einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss, in dem Schmidt-Eenboom die Abgeordneten über seine jahrzehnte lange Beobachtung durch den BND informierte (Flucht nach vorn).

Die Überwachung war auch Gegenstand mehrerer Bundestagsanfragen. Dass der BND also eine weitere Buchveröffentlichung Schmidt-Eenbooms über den BND nicht gründlich gelesen hat, darf getrost ausgeschlossen werden. In Frankreich wurden diese deutschsprachigen Publikationen allem Anschein nach überhaupt nicht wahrgenommen.

WDR/arte-Film störte die Feierlichkeiten

Am 22.Januar 2013, also während in Berlin die französische Regierung und das französische Parlament zu Gast waren, um das 50jährige Jubiläum des Elysée-Vertrags zu feiern, sendete arte den Film "Der steinige Weg zur Freundschaft", in dem die Autoren Peter F.- Müller und Michael Müller den Terroranschlag gegen den Staudamm von Malpasset erwähnten und Erich Schmidt-Eenboom in einem Interview seine bereits im Buch getroffene Aussage bekräftigte, dass der BND über die Anschlagsplanungen gegen Staudämme in Frankreich informiert war, aber die französischen Partner nicht darüber informierte. Schmidt-Eenbooms Aussagen und die ihnen zugrunde liegenden Meldungen und Berichte, die Christmann an den BND leitete, finden eine Bestätigung in den Akten der STASI. Denn der ostdeutsche Geheimdienst hatte den BND-Mann Christmann stets im Blick.

Die Aussage, dass der von den französischen Behörden stets mit Materialfehlern und möglichen Baumängeln erklärte Dammbruch mit über 400 Opfern auf einen Anschlag der FLN zurück zu führen sei, in den der deutsche Auslandsgeheimdienst verwickelt war, stieß in Frankreich auf Entsetzen, aber auch auf Unglauben. Schließlich hatte die französische Regierung zuletzt noch im Jahr 1971 offiziell festgestellt, dass es sich bei dieser Katastrophe um einen Unfall handelte. Es seien keine Hinweise auf eine Sprengung festgestellt worden. Schließlich gab es zuvor bereits Anschläge der FLN auf Ölanlagen in Frankreich. Le Monde und vor allem die Zeitungen in Südfrankreich berichteten breit über die Aussagen des arte-Films.

Die STASI wusste es auch

Im WDR/arte-Film sagt der Mitarbeiter des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Helmut Müller-Enbergs:

...Und hier war auch Richard Christmann eingebunden, von dem die Staatssicherheit annahm oder Hinweise hatte, dass er in Bremen deutsche Sprengstoff-Experten suchte, um eben die algerische Nationale Befreiungsfront, FLN, zu unterstützen…

Wörtlich heißt es in einem entsprechenden Stasi-Bericht, der der Autorin vorliegt: "Es besteht kein Zweifel mehr, dass Christmann für die Freiheitsarmee in Algerien deutsche Sprengstoffausbilder sucht. Er hat dies offen (Name geschwärzt) gegenüber zugegeben und ihn erneut gebeten, bei der Suche nach derartigen Fachleuten behilflich zu sein."

Anfragen im Bundestag

Mit etwas zeitlicher Verzögerung fand das Thema auch im Deutschen Bundestag Interesse. Der Bundestagsabgeordnete Ulrich Maurer (Die Linke), Stellvertretender Vorsitzender der deutsch-französischen Parlamentariergruppe, richtete drei Fragen an die Bundesregierung Er wollte erfahren, ob die "Bundesregierung bestätigten oder dementieren kann, dass der BND 1958/59 über seinen damaligen Residenten in Tunis, Richard Christmann, vorab Kenntnis über die bevorstehende Terroranschläge der FLN in Südfrankreich - wie den Anschlag gegen den Staudamm von Malpasset - hatte?"

Der Chef des Bundeskanzleramtes, Bundesminister Ronald Pofalla, mochte sich noch nicht festlegen. Zwar habe "eine Recherche in den bislang erschlossenen Altunterlagen des BND keine Bestätigung dafür ergeben, dass der BND 1958/59 vorab Kenntnis über bevorstehende Terroranschläge der FLN in Südfrankreich hatte". Allerdings, so Pofalle weiter, sei "eine abschließende Aussage dazu mit Blick auf die umfangreichen, bislang archivisch nicht erschlossene Aktenbestände des BND und die erst beginnende Forschung zurzeit nicht möglich." Eine weitere Anfrage von Christian Ströbele (B90/Die Grünen) wurde von Pofalla inhaltsgleich beantwortet.

Vor diesem Hintergrund hat die Unabhängige Historikerkommission (UHK), die die Frühgeschichte des BND bis 1968 erforscht, mitgeteilt, sie sei bereit, auch dem - in den hier aufgeworfenen Fragen angesprochenen - Themenkomplex wissenschaftlich nachgehen zu wollen. Die Bundesregierung und der BND werden die UHK dabei nach Kräften unterstützen." Doch das wird dauern. Zwischenzeitlich dürfte das Thema noch weitere Gremien des Bundestages beschäftigen. Es ist davon auszugehen, dass sich Christian Ströbele mit der recht dürren Antwort aus dem Kanzleramt nicht zufrieden gibt und das Thema auch im Parlamentarischen Kontrollgremium der Geheimdienste auf die Tagesordnung gesetzt wird.

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