Nachhilfelehrer und persönlicher Einsatz

25.02.2013

Der Wettbewerb an der Schule: Familien unter Performance-Zwang

Ein eigentümlicher Determinismus scheint die Mitte ergriffen zu haben: Vom Schulerfolg hängt alles ab. In Studiendeutsch: "Für immer mehr Eltern hat die Schule die Rolle und Bedeutung einer zentralen Zuweisungsstelle für Lebenschancen". Nachzulesen ist dies laut Welt in der Studie "Eltern - Lehrer - Schulerfolg". Die Zeitung hat gestern Kernergebnisse der Studie, die vom Bundesfamilienministerium und der Konrad-Adenauer-Stiftung in Auftrag gegeben wurde, vorab veröffentlicht. Freiheit gibt es demnach nur weiter oben und unten, zu einem hohen Preis.

Die Premiumeltern überlassen ihre Kinder nur selten einer Regelschule, die von "Managern, Politikern oder Verbandschefs" ganz miese Noten bekommt. Stattdessen kümmern sich Privatschulen, gerne international, und engagierte Betreuer um Noten und Abschlüsse der Kinder. Zwar legt man auch in der Oberklasse großen Wert auf das Abitur und lässt sich das einiges Geld kosten, aber, und das ist der Unterschied zur Mitte, ohne Stress und Pein.

Stimmt nämlich, was die Welt aus der Studie, die erst heute Mittag vorgestellt wird, herausliest, dann halten sich die Wohlhabenden das nervende Leistungsgerangel mit Selbstbewusstsein vom Leib: "Um die Erfolgschancen der eigenen Töchter und Söhne macht sich die Elite im Land wenig Sorgen, weil sie von deren Erfolg überzeugt ist." Psychologie ist nicht alles, aber sie verschafft zusammen mit finanziell gut abgesicherten Verhältnissen und guten Beziehungen, Freiheitsräume, die nicht von der Angst zusammengezurrt werden, dass Schulversager in die kalte Leere fallen könnten.

Auch am anderen, dem unteren, Ende der sozialen Leiter herrscht Freiheit von Zwängen, mit denen die Mitte kämpft. Allerdings ist da kein weich abgefederter Boden, sondern ein trauriger. Die Familien bzw. die Alleinerzieher mit wenig Einkommen fühlen sich schon früh abgehängt, mit der Folge, dass sie resignieren. Alles bleibt, wie es ist, es gibt keinen Weg raus. Der Vorsprung der Kinder aus bessergestellten Verhältnissen scheint uneinholbar, das Engagement dieser Eltern wird mit "Skepsis betrachtet", wie dies höflich in der Studie zum Ausdruck gebracht wird. Dem Performance-Wettbewerb, der im neubürgerlichen Milieu den Lebensmodus vorgibt, setzt man Gleichgültigkeit entgegen - allerdings deprimierender Art.

Zeugnisse? Zum Wegwerfen!

Die Gleichgültigkeit wird als lähmend beschrieben. Das schlechte Abschneiden der Sprößlinge, so stellte sich bei den Einzelinterviews (mit knapp 200 Eltern und 65 Lehrer; verschiedene Milieus und unterschiedliche Regionen) mit den Gesprächspartnern aus den "sozial schwachen Schichten" heraus, werde häufig verdrängt oder auf das mangelndes Talent der Kinder zurückgeführt. Das sollte der Elite oder solchen, die dahin streben, einmal einfallen: zuzugeben, dass die Kinder nicht talentiert genug sind? Nie gehört. Nicht einem Fremden gegenüber.

Schon hier zeigt sich der erste psychologische Startnachteil von Geburt an und es liegt an Kinderkrippen, Kindergärten und den Grundschulen hier früh Gegenimpulse zu setzen. Später kümmern sich die Eltern von sozial schwächeren Kindern kaum mehr, wird ein Lehrer zitiert: "Beim ersten Elternabend kamen noch alle, beim zweiten noch acht und beim dritten gerade mal noch zwei Eltern." Zeugnisse würden einfach wegworfen, berichten andere Lehrer.

Von Pisa elektrisiertes Bildungsbürgertum

Dagegen dürften sich Lehrer an Grundschulen, in deren Sprengel hauptsächlich die Mitte wohnt, kaum über mangelndes Interesse der Eltern beschweren. Eher im Gegenteil, wenn diese bei einer schlecht benoteten Arbeit mit Anwälten drohen oder selbst Lehramt studiert haben oder womöglich habilitert sind (Professoren gehören längst nicht mehr zur Oberklasse), und es besser wissen. Das "Bildungsbürgertum" (stimmt der Begriff angesichts der nach allen Seiten ausufernden unterschiedlichsten Wissensfelder überhaupt noch?) ist alles andere als gleichgültig, wenn es um Schule geht. Durch den Pisa-Schock sei es "elektrisiert", heißt es im Zeitungsbericht zur Studie.

Alles sei auf gute Noten, auf das Abitur ausgerichtet, wird der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, zitiert, der nur bestätigt, wovon die Treffen mit Eltern von Schulkindern schon seit vielen Jahren geprägt sind: die Leistungen der Kinder in der Schule, der Performance-Wahnsinn, der in der Mittelschicht schon mit der Schwangerschaftsgymnastik sein Warm-up hat. Gute 18, 19 Jahre später soll der Nachwuchs dann das Zeugnis in der Hand halten, von dem Heinz-Peter Meidinger meint, dass es jetzt schon inflationär ausgegeben wird.

Angst, nicht mithalten zu können

Es geht der Mitte gar nicht so sehr um Exklusivität. Es ist laut Studie eher die Angst, dass man im Wettbewerb abgehängt wird: "Das Abitur gilt für eine große Mehrheit mittlerweile als der einzig akzeptable Schulabschluss, um später auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen zu haben." Dafür wird gearbeitet, das Zeugnis für Hochschulreife wird zur Familiencoproduktion. Extrem schon im letzten Grundschuljahr, wo es um den Übergang ins Gymnasium geht.

75 Prozent aller Mütter fühlen sich durch die Schule belastet, heißt es in der Studie. Nicht nur durch psychischen Stress, sondern auch durch den Hausaufgabenstress. Es scheint zur Selbstverständlichkeit geworden, dass Mütter und Väter, praktisch aber vor allem Mütter, die Hausaufgaben betreuen und beim Lernen anwesend sind, nach ihrer Brot-Arbeit den Nachhilfelehrer für die eigenen Kinder geben. Laut Studie ist die Hausaufgabenbetreuung in 84 Prozent der Familien aber "suboptimal". Es ist kein Zufall, wenn Lehrer ab der zweiten Grundschule den Eltern einschärfen, dass es für die Kinder besser ist, wenn sie selbst die Zeilen zu den Bildergeschichten schreiben und die Rechenaufgaben lösen. Aus Fehlern lernt man. Das Kind soll auch die Chance haben, eigene Fehler zu machen.

Und das gute Leben? Auch ein Leistungszwang

Doch stecken die Mittelschichteltern anscheinend in einer Klemme, aus der sie schlecht herauskommen. Denn sie fühlen sich einerseits zur Unterstützung der Schulkinder gezwungen, weil das jeder macht - "Wer sich dem 'Unterstützungszwang' verweigere, stehe zunehmend unter Rechtfertigungszwang" -, anderseits umfasst der Performancezwang der neobürgerlichen Eltern natürlich auch "das gute Leben", zu dem dann der "Leistungsdruck" nicht so recht passt.

Wenn die Nachmittagsstille in den Hinterhöfen des Münchner Glockenbachviertels durch schreiende Eltern, die den Geduldsfaden verloren haben, öfter unterbrochen wird, hört sich das nicht gut an. Und viele Eltern erzählen von leidvollen Erfahrungen mit Kindern, die in der Schule nicht so wollen wie die Eltern. Den größten Schulfrust fände man bei den Eltern der Mittelschicht, heißt es in der Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung. Was der Alte dazu gesagt hätte?

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