Tot ist Chávez unbesiegbar

07.03.2013

Der Mythos des Anführers der Bolivarischen Revolution wird den Politiker überleben. Dazu tragen seine Anhänger ebenso bei wie seine Gegner

Obwohl die Nachricht zu erwarten war, hat der Tod des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez Lateinamerika erschüttert. Als die Spitzen von Regierung, sozialistischer Partei und Armee am Dienstag zu einem Dringlichkeitstreffen im Präsidentenpalast Miraflores zusammenkamen, ahnten schon viele, was Vizepräsident Nicolás Maduro wenig später live im Fernsehen verkünden sollte: Hugo Chávez ist am Dienstagnachmittag (Ortszeit) im Alter von 58 Jahren nach zweijähriger Krebserkrankung verstorben. Doch wie wird es in dem südamerikanischen Erdölstaat nun weitergehen?

Ein "rotes Meer" auf dem Trauerzug in Caracas. Bild: avn

Zunächst ändert sich nicht viel. Von einer Paralyse, die von jenen vorhergesagt wurde, die Chávez mit dem politischen Reformprozess in Venezuela gleichsetzten, ist neben aller Trauer nichts zu spüren. Kurz bevor Vizepräsident Maduro am Dienstag den Tod von Chávez bekanntgab, hatte die Regierungsspitze kurzerhand zwei führende Diplomaten der US-Botschaft des Landes verwiesen. Sie seien an Plänen zu Destabilisierung beteiligt gewesen, hieß es. Die politische Botschaft war unmissverständlich: Die Regierung ist bereit zu handeln und die Armee steht hinter der Staatsführung, die gemäß der Verfassung binnen 30 Tagen Neuwahlen ausrichten wird.

So war der Tag nach dem Tod von Chávez von Reflexion bestimmt. Nach Ansicht des Historikers und Venezuela-Kenners Michael Zeuske ist mit Chávez "die Hoffnung der Armen in Lateinamerika gestorben". Chávez habe zwischen 1999 und 2013 die Wahrnehmung Lateinamerikas entscheidend verändert. Auch habe er viel für Venezuela sowie die 60 Prozent der Menschen getan, die ihn immer wieder gewählt haben. "Nicht erreicht hat er die Mittelklassen seines Landes und die Mehrzahl der urbanen Intellektuellen", so Zeuske im Gespräch mit Telepolis:

Wenn Venezuela die nächsten Wochen ohne Putsch übersteht, dann wird sich zweierlei deutlicher abzeichnen: Chávez als Allianzpolitiker und Kommunikator mit extremer charismatischer Potenz selbst in Bezug auf die, die ihn hassten und hassen, wird fehlen.

Chávez als Heiliger der Armen, als Mythos, werde die Chavisten und die rund 60 Prozent, die ihn gewählt haben, aber sich keinesfalls durch den Staat haben vereinnahmen lassen, eher stärker zusammenbringen.

Trauer in ganz Amerika – außer den USA

Während US-Präsident Barack Obama Venezuelas Regierung und der Familie Chávez seine Kondolenz in seiner Stellungnahme verweigerte, fand Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff deutliche Worte. Chávez hinterlasse "eine Leere in den Herzen, in der Geschichte und in den Kämpfen Lateinamerikas". Der Tod von Chávez – den Rousseff ausdrücklich als ihren und Brasiliens Freund bezeichnete – sei ein "irreparabler Verlust". Selbst der Präsident des brasilianischen Senats, Renan Calheiros von der sozialliberalen PMDB, rief die Abgeordneten in Brasília zu einer Schweigeminute auf.

Für Aufsehen sorgte die Reaktion des chilenischen Präsidenten Sebastián Piñera. Der ehemalige Anhänger der Pinochet-Diktatur erkannte zwar die politischen Differenzen mit dem Verstorbenen an. Er habe aber immer Chávez’ Kraft und Engagement im Kampf für dessen Ideale bewundert. Als Chávez im vergangenen Dezember zur seiner vierten Krebs-Operation nach Kuba aufbrach, an deren Folgen er nun gestorben ist, habe er mit ihm telefoniert, so Piñera: "Dabei sagte er mir, dass er, wenn er einmal sterbe, in seinem Vaterland, seinem geliebten Venezuela, sein wolle."

Uruguays Präsident José Mujica sprach in seiner ersten Reaktion von "dem Verlust eines Freundes". Er hoffe, dass das venezolanische Volk nun die bestehenden Differenzen überwinde. Das uruguayische Außenministerium zeigte sich in einem Kommuniqué davon überzeugt, dass "das Erbe und der von Hugo Chávez ausgebrachte Samen der Einheit von den Völkern Lateinamerikas behütet wird". Das Beispiel Chávez’ lebe weiter, heißt es in der Erklärung zudem.

Chavez nach dem Sieg bei den Präsidentschaftswahlen im Oktober 2012. Bild: minci.gob.ve

Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos erkannte Chávez’ Einsatz für einen dauerhaften Frieden mit der Guerilla an. Die beste Würdigung des Verstorbenen bestehe darin, die laufenden Friedensverhandlungen mit den FARC-Rebellen zu einem erfolgreichen Ende zu bringen. Kubas Nationalrat ehrte Chávez als "einen Sohn Kubas". Chávez habe für Kuba stets "Stütze, Atem und Glaube" geboten. "In guten Zeiten hat er mit uns gelacht und in schlechten Zeiten war er unser optimistischer Begleiter", heißt es in dem Dokument.

Chávez' lange politische Biografie

Chávez wuchs als Sohn eines Dorfschullehrers im wenig industrialisierten Bundesstaat Barinas in ärmlichen Verhältnissen auf. Nach seinem Eintritt in die Armee schloss er sich mit anderen linksgerichteten Militärs in der armeeinternen Gruppierung "Revolutionäre Bolivarische Bewegung 200" (MBR 200) zusammen, die der verbotenen Revolutionären Partei Venezuelas nahestand.

1992 trat Chávez ins Rampenlicht, als die MBR 200 zwei Aufstände gegen die neoliberale Regierung des Sozialdemokraten Carlos Andrés Pérez organisierte. Nach dem Scheitern des zweiten Aufstandes übernahm Chávez öffentlich die Verantwortung und legte damit den Grundstein für seine politische Karriere, die in der Wahl 1998 gipfelte. Die Aufstände gegen die Regierung begründete Chávez später mit der blutigen Niederschlagung sozialer Unruhen 1989. Der als "Caracazo" bekannte Aufruhr begründete die später kontinentale Bewegung gegen den Neoliberalismus damit just in dem Jahr, in dem mit dem Fall der Mauer in Berlin die Restauration des Kapitalismus in Europa eingeläutet wurde. Für die venezolanische Oberschicht war die Macht von Chávez nicht mehr zu brechen. In gut einem Dutzend Wahlgängen und einem Putschversuch 2002 (Der zweite Sturz von Bolívar) scheiterte sie (Chávez wieder an der Macht).

Der Kritik seiner Gegner ist Chávez nie ausgewichen. Als seine rechtsgerichteten Gegner ihm im Jahr 2000 entgegenhielten, mit zwei getrennten Wahlgängen binnen weniger Monate Staatsgelder zu verschwenden, wies er diese Position im Interview mit dem Autor als "reine Demagogie" brüsk zurück. Solche Angriffe begründeten sich darin, dass die Opposition keine Ideologie habe. "Sie haben noch nicht einmal seriöse Projekte und können ihre Existenzberechtigung dem Volk nicht erklären", sagte Chávez damals bei seinem einzigen Deutschland-Besuch. "Wir kämpfen unter der Fahne (des Befreiungshelden Simón) Bolivars", so Chávez weiter: "Wir kämpfen ebenso für seine revolutionären Ideale, für die Einheit Lateinamerikas und den revolutionären Humanismus wie gegen den Neoliberalismus." Seine Gegner sollten froh darüber sein, "dass unser Land endlich einen dynamischen Wahlprozess erlebt, der die Geburt einer Demokratie bedeutet."

Personenkult um Chávez wurde von beiden Seiten befördert

Immer wieder, auch in den nun erscheinenden Nachrufen, wird der vermeintliche Führerkult um Hugo Chávez kritisiert. Die Beobachtung trifft insofern zu, als dass der für Lateinamerika typische Caudillismo auch den Chavismus bestimmte. Zu der Wahrheit gehört aber auch, dass die Gegner des streitlustigen Revolutionsführers die Fokussierung auf seine Person ebenso – und vielleicht noch mehr – beförderten, als dies seine Anhänger vermochten.

In dem Maße wie die Basisbewegungen in Venezuela in der neuen staatlichen Ordnung zu politischen Subjekten geworden sind, haben sie sich von der Abhängigkeit der Führungsperson Chávez gelöst. Seinen Gegnern, die bis heute kein gemeinsames Projekt verfolgen, ist eine solche Emanzipation nicht gelungen. Dennoch muss man dem Oppositionsbündnis "Tisch der demokratischen Einheit" (MUD) zugute halten, dass es auf den Tod des Präsidenten verhalten und mit einem ungewohnt versöhnlichen Ton reagiert hat.

Mit der Verschlechterung des Gesundheitszustandes von Hugo Chávez in den vergangenen Monaten wurde von Regierungsseite der Mythos befördert. In einer landesweiten Kampagne mit Logo, Musik und Fernsehspots wurde der erkrankte Präsident als "Corazón del Pueblo" inszeniert, als "Herz des Volkes".

Inzwischen ist klar, dass damit ein Mythos aufgebaut wurde, der den Politiker überlebt und weiterhin für den Zusammenhalt der Bewegung sorgt. Chávez selbst hatte dazu bei seinem letzten Auftritten beigetragen, als er in der vergangenen Präsidentschaftskampagne seinen Anhängern zurief: "Nicht ich alleine bin mehr Chávez. Chávez ist ein Volk. Chávez sind Millionen. Auch Du bist Chávez, venezolanische Frau, venezolanischer Jugendlicher, venezolanisches Kind, venezolanischer Soldat." Im Gespräch mit Telepolis glaubt auch der Venezuela-Kenner Zeuske: "Der tote Chávez ist nun wirklich unbesiegbar."

Chavismus ohne Chávez – ein Ausblick

Die Perspektive des politischen Prozesses in Venezuela lässt sich derzeit am besten durch den Blick darauf erfassen, was nicht eingetreten ist. Es hat keinen Bruch innerhalb der Regierung gegeben. Vizepräsident Nicolás Maduro wird die Amtsgeschäfte übernehmen, was nach Ansicht des Obersten Gerichtshofes legitim ist, weil es mit der Wiederwahl von Chávez im vergangenen Oktober eine politische Kontinuität in der Staatsführung gegeben habe.

Binnen 30 Tagen wird sich Maduro nun einem Vertreter der zerstrittenen Opposition stellen. Derzeit gibt es keinen Grund, an seinem Sieg und damit an der Fortführung des politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Transformationsprozess zu zweifeln. Auch der Opposition scheint das bewusst. Sie gab sich in den vergangenen beiden Tagen überraschend konziliant und scheint mit dieser Haltung an die Klassensolidarität der meist wohlhabenden Funktionäre des Chavismus zu appellieren. Der Widerstand der alten Oligarchie um die heute bedeutungslosen Parteien Acción Democrática (Sozialdemokraten) und COPEI (Christdemokraten) ist schließlich vor allem in dem Umstand begründet, von den staatlichen Einkommensquellen verdrängt worden zu sein.

Es besteht in der aktuellen Situation also durchaus die Möglichkeit einer Wiedereingliederung der alten Eliten unter dem Deckmantel der nationalen Versöhnung. Gegen diese mögliche Entwicklung wird sich nun in erster Linie die organisierte Basis des bolivarischen Prozesses zur Wehr setzen müssen. Konflikte zwischen "chavistischen" Funktionären und Basisstrukturen der organisierten Bürgerschaft bestimmen schon jetzt das politische Geschehen. Nach dem Tod von Hugo Chávez, der als Garant für die politische Transformation galt, könnte sich diese Konfrontation zuspitzen.

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