Retro-Futurismus

01.04.2013

Auf der Suche nach der Zukunft von Gestern

Zweitausendzwölf war für mich das Jahr, in dem in die Tür zu einer Zukunft, wie ich sie mir als Science-Fiction-Autorin vorgestellt und erhofft hatte, ein Stückchen weiter geschlossen wurde. Es war das Jahr in dem die Space-Shuttle-Flotte der NASA zur ihrem letzten Flug startete - nicht ins Weltall, sondern Huckepack auf einer Boing 747. Discovery, Endeavour und Atlantis wurden wie die Relikte einer längst vergangenen Zeit vorgeführt und der staunenden Bevölkerung am Himmel der US-amerikanischen Metropolen ein letztes Mal präsentiert, bevor sie zu Schaustücken in wissenschaftlichen Museen wurden.

Was war passiert? Aus der Zukunft, wie sie werden wird, wurde in den achtziger Jahren die Zukunft, die hätte sein sollen. 1983 wurde der Begriff Retro-Futurismus zum ersten Mal vom US-amerikanischen Medienkünstler Lloyd Dunn benutzt. Bereits zwei Jahre zuvor hatte William Gibson seine Kurzgeschichte "Das Gernsback Kontinuum" veröffentlicht. Wobei Gernsback kein Physiker war, wie der Titel der Story vielleicht vermuten lässt, sondern der Mann, der in den 1930er Jahren das Bild der Zukunft, wie sie werden sollte, nachhaltig prägte.

Ich blickte auf und sah ein zwölfmotoriges Gebilde, das einem aufgeblähten Bumerang glich und nur aus Flügeln bestand.

William Gibson, Das Gernsback Kontinuum

Aber das Bild von der etwas glattgebügelten, doch nichtsdestotrotz erstrebenswerten Zukunft findet seinen Ursprung nicht in den Pulp-Magazinen von Hugo Gernsback. Bereits 1895 beschrieb H.G. Well in Die Zeitmaschine ein (vermeintliches) Utopia. Die Welt der Eloi glich einem blühenden Garten in dem glückliche, schöne junge Menschen lustwandelten. Alles Hässliche und Schmutzige war unter die Erde verbannt worden. Dreißig Jahre später schuf Fritz Lang mit Metropolis, ein Werk, dessen Ästhetik noch heute unser Bild von den Metropolen der Zukunft prägt. Auch hier trifft man wieder auf die Trennung in eine Zwei-Klassen-Welt. Die Oberschicht lebt im Luxus, den ihnen ihre Wohntürme bieten, und ergeht sich in "Ewigen Gärten", während die Arbeiter unterhalb der beeindruckenden Pracht wie Sklaven schuften. Dennoch sind beide vereint durch die Abhängigkeit von den unentbehrlichen Maschinen. Inspiriert wurde Lang übrigens von Paul Citroens Fotomontage Metropolis aus dem Jahr 1923 sowie von zeitgenössischen Architekturentwürfen.

Überhaupt haben sich Architektur, Science Fiction und Zukunftsentwürfe seit jeher befruchtet. Als weiteres Beispiel sei hier das berühmte Chrysler-Gebäude in New York genannt, welches von William Alen entworfen wurde. Unter Alens Mitarbeitern war ein Architekt namens Chesley Bonstell. Bonstell (geb. 1888) sollte als "Vater der modernen Space Art" unsterblich werden; für das Chrysler Building entwarf er die rostfreie Art-Deco-Fassade und die berühmten Gargoyles. Später ging er nach Hollywood und war dort u. a. für die Spezialeffekte von SF-Filmen wie Destination Moon, Wenn Welten zusammenstoßen und Krieg der Welten zuständig.

Die Designer waren Populisten. Sie versuchten den Leuten zu geben was sie wollten. Und die Leute wollten Zukunft

William Gibson, Das Gernsback Kontinuum

Die Zukunft, wie sie eine optimistische Generation in den späten 1920ern und den 1930er Jahren sah, war von einer naiven Technologiegläubigkeit geprägt. Magazine wie Modern Mechanix, Air Wonder Stories oder auch Amazing präsentierten auf den Titeln erstaunliche Maschinen und fliegende Städte. Die Menschen der Zukunft würden in einer Art urbanen Utopia leben, in dem die Frauen in leichten Negligées mit elektrischer Temperaturanpassung lustwandeln und Männer in schnittiger Aluminumbekleidung und mit technischem Schnickschnack behängt auf die Pirsch gehen - wie in diesem Film aus den 1930er Jahren zu sehen. Wobei auch hier Metropolis nicht weit ist.

Aber nicht nur mittels der Architektur, auch im Industriedesign wurden Zukunftsträume sichtbar gemacht. Norman Bel Geddes, der Wegbereiter der Stromlinienform, entwarf für General Motors den berühmten Futurama Pavillon, der 1939 auf der Weltausstellung Furore machte. Obwohl nur zwanzig Jahre in eine mögliche Zukunft projiziert, sorgte die Vorstellung von gigantischen Überlandverkehrsnetzen in einer Ära, in der noch längst nicht jede Familie über ein eigenes Autor verfügte, für Staunen.

"Der Weltraum, unendliche Weiten ..."

Mit dem Eintreten in das Weltraumzeitalter schien die prognostizierte Zukunft mit Riesenschritten heranzueilen. Siedlungen auf dem Mond, Flüge zum Mars, die Raumschiff-Enterprise-Welt schien nur einen Apollo-Start entfernt zu sein. Das Golden Age der Science Fiction wurde von der quietschbunten Pop-Ära abgelöst, wobei sich die Zukunftsentwürfe der Pulp-Ära erstaunlich hartnäckig hielten. Wobei das Space Age das neue Jahrtausend fest im Blick hatte. Siedlungen auf dem Mond sollte es geben - und auf dem Meeresgrund. Die Ikonen des Golden Age waren inzwischen fest in diese Welten integriert. Noch bis in die 1970er Jahre spekulierte man, dass die Städte der Zukunft unter gigantischen Einweckgläsern verschwinden und die vorherrschende Mode entweder aus Metall oder durchsichtigem Plastik bestehen würde. Glückliche Menschen in fliegenden Autos - eine Welt ohne Kriege und Armut, alles schien machbar.

Kristallene Straßen spannten sich zwischen die Türme, worauf glatte, silbrige Gebilde wie Quecksilberperlen hin und her schwirrten. Der Himmel war voller Fluggeräte. Riesige Nur-Flügel-Flieger, kleine, flinke Silbergebilde …

William Gibson, Das Gernsback Kontinuum

"20 Minutes into the Future"

Mitte der 1980er Jahre war die Zukunft nicht mehr sauber und verheißungsvoll. Cyberpunk-Dystopien beherrschten das SF-Genre. Die fliegenden Autos hießen "Spinner" und bewegten sich durch eine düstere, dreckige Welt, in der künstliche Menschen von Blade Runnern gejagt wurden.

In der realen Welt gab es Umweltverschmutzung und die einst so prächtigen Metropolen verslumten. Die Pläne von der "Eroberung des Weltalls" waren zu weiten Teilen dem Rotstift zum Opfer gefallen. Das Motto der NASA lautete jetzt "schneller, besser, billiger", wobei damit eine neue Generation von Robotersonden gemeint war. Bemannte Weltraummissionen, wie sie noch zwanzig Jahre zuvor geplant wurden, waren schon längst von der Banalität des Alltags überholt worden. Die einst so revolutionäre Technologie der NASA fand sich nun in Heim- und Personal Computern wieder - auch wenn viele Benutzer noch nicht so recht wussten, was sie mit diesen klobigen Kästen anfangen sollten, außer vielleicht Tetris und Pacman zu spielen. Aber zumindest war dies eine real gewordene Zukunftsvision. Die Utopie der Pulps und des Space Age, mit seinen fliegenden Autos und anderen wunderbaren Erfindungen, hatte seinen Reiz verloren.

Selbst in der Literatur ist die wunderbare Zukunft nicht mehr erstrebenswert. In William Gibsons Kurzgeschichte wird sie zu einem halluzinatorischer Albtraum und der Protagonist ist froh, als er wieder in der Realität ankommt, die ihm trotz Dreck, Drogen, Porno und Verbrechen lebenswerter erscheint.

Calling Sky Captain, Come in, Sky Captain

Als ich Kind war, da war die Zahl 2000 für mich magisch - nicht "Harry Potter"-magisch, sondern "Zukunfts"-magisch. Menschen flogen zum Mond und alles schien möglich. Damals wusste ich noch nichts über Science Fiction oder darüber, wie diese magische Zukunft ausgebrütet wurde, die nur auf uns wartete. Ich sah Raumschiff Enterprise mit dem neuen Farbfernseher meiner Oma und fand’s einfach toll. Menschen fuhren in putzigen Fahrzeugen auf der Mondoberfläche und eine Mitschülerin wählte einen technischen Beruf, weil sie darin die besten Chancen sah, in das Raumfahrtprogramm aufgenommen zu werden, denn sie wollte bei der ersten bemannten Mission zum Mars dabei sein.

Und irgendwann kam der erste Morgen des 21. Jahrhunderts - und die erhoffte Zukunft war immer noch nicht da. Nur ein mordsmäßiger Kater.

Aber die Zukunft von gestern ist immer noch präsent. 2004 zeigte der britische Filmemacher Kerry Conran in Sky Captain and the World of Tomorrow eine "real" gewordene Gernsback-Welt, die nicht nur von den Pulps der 1930er Jahre inspiriert wurde, sondern auch von den Entwürfen Bel Geddes’.

Auf einmal fühlte ich mich wieder in diese magische "Alles ist möglich"-Zeit meiner Kindheit zurückversetzt. Seitdem halte ich Ausschau nach dieser Zukunft und ich finde sie u. a. dort, wo sie begann: in der Architektur.

Da ist z.B. das in den 1960er Jahren erbaute Flughafenrestaurant in Los Angeles. Inzwischen wurde es renoviert und unter Denkmalschutz gestellt. Entwürfe für die Flughafenerweiterung aus dem Jahr 2012 werden sich ebenfalls an diesem Design orientieren und das Thema "Raumschiff" fortführen. Ein weiteres Beispiel ist ein 2002 errichtete Wolkenkratzer in Shanghai, dessen Kuppel an ein Ufo erinnert. Es ist nicht zu übersehen. Man muss nur seinen Blick dafür schärfen, dann erkennt man es: Es gibt immer noch Spuren des Gernsback-Kontinuums. Willkommen in der Zukunft.

Myra Çakan ist Science-Fiction-Autorin. Ende 2011 erschien ihr Steampunk-Roman Dreimal Proxima Centauri und zurück. 2012 veröffentlichte sie die Kurzgeschichtensammlung "Geschichten aus der Zukunft von Gestern", sowie einen Ratgeber für Self Publisher "Mein Buch! Viele Tipps zum Schreiben und Veröffentlichen". Im Februar 2013 erschien ihre Sammlung "Nachtbrenner" als limitierte und signierte Sonderausgabe in der Edition Phantasia. Neben allen in c’t veröffentlichten Cyberpunk-Geschichten enthält sie noch weitere dystopische Short-Stories, teilweise als Erstveröffentlichung. Auf ihrem Blog "Intergalaktische Interferenzen" gibt es mehrere Golden Age getaggte Beiträge.

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