Schmerzhafter Tierschutz

11.03.2013

Eine EU-Vereinbarung zur betäubungslosen Ferkelkastration könnte dazu führen, dass sich junge Eber drei Monate lang ihre Penisse zerbeißen

Die Europäische Vereinbarung über Alternativen zur Kastration von Schweinen sieht vor, dass ab 2017 keine betäubungslosen Kastrationen mehr durchgeführt werden. Kritiker sehen in dieser Regelung allerdings keine Erweiterung des Tierschutzes, sondern eher dessen Einschränkung: Denn die Kastration setzt das Ferkel zwar kurzfristig unter Stress - der jedoch tritt nach Erkenntnissen der Deutschen Gesellschaft für Züchtungskunde (DGfZ) auch dann ein, wenn das Tier aufwendig narkotisiert wird.

Manche Tierschützer empfehlen Züchtern deshalb die Ebermast, bei der die Tiere gar nicht kastriert werden. Der Bauer Matthias Walser hat diese Ebermast, zu der es noch wenige Erfahrungen gibt, getestet und die Ergebnisse daraus dem Bayerischen Rundfunk offenbart. Bereits vorher war bekannt, dass unkastrierte Eber in der Pubertät aggressiv werden und sich gegenseitig bespringen. Walser fand heraus, dass sich die Eber zudem noch in die Penisse beißen und sich über drei Monate hinweg regelmäßig erhebliche Verletzungen zufügen. Die BR-Sendung Unser Land dokumentiere diesen Effekt letzte Woche mit ziemlich drastischen Aufnahmen.

Statt drastischer Aufnahmen ein Wohlfühlbild für empfindliche Gemüter: Sau mit säugendem Ferkel. Foto: Public Domain.

Walser versuchte das Verhalten der Eber zu ändern, doch weder Strohhaltung noch mehr Platz brachten positive Veränderungen. Deshalb wird Schweinen bei einem Ausbleiben der Kastration zwar ein kurzer Schmerz erspart, aber längeres Leid zugefügt. Für den Bauern hat das "nichts mehr mit Tierschutz zu tun".

Wie die Europäische Vereinbarung, die solche Tierquälerei unter der Flagge des Tierschutzes zur Folge haben könnte, zwischen 2. September und 19. November 2010 zustande kam, lässt sich nicht mehr ganz nachvollziehen. In jedem Fall gibt es aber Akteure, die ein wirtschaftliches Interesse daran haben: So darf beispielsweise die Pharmaindustrie auf einen deutlich erhöhten Absatz von Schmerz- und Betäubungsmitteln hoffen, die den Ferkeln vor einer erlaubten Kastration zukünftig verabreicht werden sollen. Hersteller von Medizintechnologie rechnen mit einer sprunghaften Absatzsteigerung bei teuren Narkosegeräten. Und Tierärzte freuen sich auf die bezahlte Pflichtanwesenheit bei einer Aufgabe, die der Bauer früher alleine erledigte.

Die Kosten dafür dürften auf die Verbraucher abgewälzt werden, auf durch die Ebermast Nachteile zukommen: Drei Viertel der Deutschen reagieren nämlich empfindlich auf das im Fleisch unkastrierter Eber enthaltene Hodensteroid Androstenon, das erst beim Erwärmen seinen unangenehmen Geruch entfaltet. Bisher konnten Verbraucher bei einheimischem Schweinefleisch relativ sicher sein, dass sie das Produkt nach dem Kochen oder Braten nicht wegwerfen und die Küche entlüften müssen. Zukünftig sollen chemische Schnelltests in den Schlachtbetrieben den Androstenongehalt ermitteln.

Angeblich finden sich unter Ebern nur zwei Prozent "Stinker", in deren Fleisch der Androstenongehalt untragbar hoch ist. Dem steht ein um zwei bis drei Prozent magereres Fleisch gegenüber, das einen höheren Preis erzielt. Allerdings besteht das Risiko, dass Verbraucher ohne eine Auszeichnung der Schnitzel und Braten nach Geschlecht kein Schweinefleisch mehr kaufen, wenn sie ein paar Mal stinkende Stücke erwischt haben. Unter dem dadurch drohenden Umsatzverlust würden auch Bauern leiden, die nicht auf die Ebermast setzen.

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