Alleinessende Einzelgänger mit worldwide Friends, ohne Lust auf politische Solidarität?

12.03.2013

Großbritannien: Umfragen skizzieren eine neue Generation, in der jeder seine eigene Glücksinsel ist

Die Angestellten auf mittlerer Führungsebene und Freiberufler, die jenen Teil der Mittelklasse bilden, der sich vom alten Mittelstand der Kleinunternehmer unterscheidet wie auch von der vermögenden Klasse, haben in den letzten Jahrzehnten peu à peu zur Kenntnis nehmen müssen, was, zum Beispiel unter Thatcher, die Industriearbeiter in Großbritannien in den 1980er Jahren erfahren hatten: Dass sie als individuelle Arbeitskraft ersetzbar sind und also überflüssig. Das ist, ziemlich grob zusammengeschnürt, eine Beobachtung, die die amerikanischen Autoren Barbara und John Ehrenreich in ihrem Essay zu Aufstieg und Fall der Mittelschicht1 machen.

Am Ende ihrer Fallgeschichte der "professional mangagerial class (PMC)" - eine Kategorie, welche die Ehrenreichs in den 1970er Jahren dem fransigen Begriff der Mittelklasse entgegenstellten, darunter zählen Manager, Experten, Ingenieure, Schul-und Hochschullehrer sowie die freien Berufe, Ärzte und Juristen, wie auch die sogenannten "kreativen Berufe" - äußern die beiden engagierten Autoren eine Hoffnung für die Linke:

Die Überreste der PMC werden daher in den kommenden Jahren - so unsere optimistische Annahme - zunehmend gemeinsame Sache mit den Überresten der traditionellen Arbeiterklasse machen, um im politischen Prozess überhaupt nennenswert repräsentiert zu sein. Dieses Projekt ist es, das Occupy Wall Street - wenigstens zeitweise - weltweit anstoßen und verbreiten konnte.

Das erscheint angesichts einer Untersuchung, die der britische Guardian heute präsentiert, eher als Wunschbild, gemalt aus der Verlängerung einer durchaus vielschichtigen Analyse der letzten Jahrzehnte im Zeichen des "Neoliberalismus", denn als eine durch die Wirklichkeit gerechtfertigte Hoffnung. Zumindest soweit es Großbritannien angeht.

Geht es nämlich nach dem Bild der jüngeren Generation, die sich aus der Guardian-Umfrage ergibt, so ist diese nicht so leicht für linke Projekte zu gewinnen, die als Grundenergie ein verlässliches Gefühl der Solidarität braucht. Zwar ähnelt sich manches in den Bedingungen, welche die Ehrenreichs und der Guardian hervorheben. So zum Beispiel die Verschuldung der Jungen durch immense Studiengebühren, die mageren Aussichten angesichts der hohen Jugendarbeitslosigkeit und generell die kritische Wirtschaftslage, die längst nicht mehr garantiert, was für viele Eltern, die Babyboomer, noch selbstverständlich war. Aber im Großbritannien der Jungen, das die britische Zeitung beschreibt, sieht die Reaktion auf diese Zustände anders aus, als von den Ehrenreichs erhofft:

Die neue Generation antwortet auf die missliche Lagenicht, indem sie sich einen kollektiven Kampf dagegen vorstellen, sondern indem sie ein individuelles Entkommen daraus im Kopf haben.

Es fügt sich in das verbreitete Bild von der Generation "Me", was die britische Studie via Guardian weiter zutage fördert. Bezeichnet wird sie dort als Generation "Y", die zwischen 1980 und 1992 geboren sind, und sich als Alterskohorte in bestimmten Einstellungen statistisch signifikant von den Vorläufergenerationen, der Generation X (zwischen 1966 und 1979 geboren), den Babyboomern (zwischen 1945 und 1965 geboren) und der Nachkriegsgeneration (1944 und früher geboren), unterscheidet. Wie immer ist solchen Gruppenbildungen größere Unschärfe eigen - auch innerhalb der so weit gefassten Kohorten können sich bei genauerem Hinsehen beträchtliche Unterschiede auftun, jemand der 1951 aufgewachsen ist, hat soziokulturell anderes mitbekommen, als jemand der 1962 aufgewachsen ist, usw.

Eigenes Glück und Performance-Klischees

Nimmt man solches in Kauf, so hat man eine Skizze und kein echtes Porträt der Generation Y vor Augen. Auf diesem Bild haben Thatcher und Blair sichtbare Spuren hinterlassen. 48 Prozent der 18- bis 24-Jährigen und 46 Prozent der 25- bis 34-Jährigen widersprachen der Ansicht, wonach die "meisten erwerbslosen Personen, die staatliche Leistungen bekommen, in den meisten Fällen eher Pech hatten, als dass sie faul wären". Bei den Personen im Alter über 65 widersprachen nur 25 Prozent dieser Aussage, die von Erwerbslosen mit guten Gründen als diskriminierend empfunden wird.

In solchen Einstellungen, die sich signifikant von denen der älteren Generationen unterscheiden, sei ein Abstand zum Modell des Wohlfahrtsstaates zu erkennen, diagnostiziert der Zeitungsbericht, der dazu noch andere Studieergebnisse zur Bestätigung erwähnt. So würde das staatliche Gesundheitssystem, die NHS, deutlich weniger unterstützt wie auch höhere staatliche Leistungen für Bedürftige - auch hier im Gegensatz zu den zustimmenden Angaben aus den älteren Generationen.

Atomisierung und neue Verbindungen

Zu diesen Zügen, die weniger Verbundenheit (auch die Beziehungen zu den Nachbarn werden von den Ys weniger geschätzt als von den Älteren) und eine Abnahme der traditionellen Solidaritätsempfindungen anzeigen, gesellen sich andere Eigenschaften, die unter dem Schlagwort "Atomisierung der Gesellschaft" zusammengefasst werden. Eine Tendenz zum Singledasein, wofür Untersuchungen zitiert werden, die anzeigen, dass unter den Twentysomethings viele alleine leben und essen; und dazu sehr eigenständige Verbindungen, die unter den Jungen beobachtet werden, wonach sie beispielsweise engere Verhältnisse mit Personen aus einem anderen Erdteil eingehen würden, weil Interessen geteilt werden, als mit dem Nachbarn.

Zwar würde quer durch allen Generationen mehrheitlich patriotische Einstellungen ausgedrückt, doch zeige sich in der Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist, eine "kosmopolitische Tendenz", wonach ihnen fernere politische Angelegenheiten näher stehen könnten als Regionalinitiativen, womit man sich weniger identifizieren kann als noch die Vorgängergeneration. ("Geographical unity is fine, but I think most people prefer the unity and friendship that comes from shared interests. We get to do that now.").

Darüberhinaus seien auch Haltungen, die zum Bestand der Forderungen der Linken gehörten, in den Generation-Y-Wertepool eingegangen. Laut Umfragen sollen die jüngeren Briten sich offener als die älteren gegenüber Einwanderung zeigen, und deutlicher Geschlechtergleichheit und Rechte der Homosexuellen unterstützen.

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