Paranoide Angst vor Technologie

Peter Mühlbauer 14.03.2013

Mexikanischen Ökoterroristen geht der von Pentti Linkola geforderte Einsatz von Kernwaffen zur Zerstörung der Zivilisation nicht weit genug

In Deutschland kennt man Neo-Ludditen bislang nur von Brandanschlägen auf Verkehrsmittel, mit denen sie eine "Entschleunigung" erreichen wollen. In Mexiko schrecken sie nicht mehr davor zurück, auch Menschen anzugreifen.

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Ökoterroristen bekannten sich dort in den letzten Jahren zu sieben Bombenanschlägen mit insgesamt vier Verletzten und stehen im Verdacht, zwei weitere verübt zu haben, bei denen vier Menschen zu Schaden kamen. Im August 2011 schickte eine Gruppe namens Individualidades Tendiendo a lo Salvaje ("Individuen, die zur Wildheit tendieren") eine mit einem Bekennerschreiben versehene Bombe an zwei Nanotechnologieforscher am Instituto Tecnológico y de Estudios Superiores de Monterrey (ITESM). Einer erlitt schwere Verbrennungen, dem Zweiten zerriss das Trommelfell und ein Splitter drang in seine Lunge ein. Die Täter wurden bis jetzt noch nicht gefasst.

Wäre die Bombe nicht so dilettantisch konstruiert gewesen, dann hätte der darin enthaltene Sprengstoff nach Einschätzung der Polizei wesentlich mehr Schaden angerichtet und einen Teil des Gebäudes zum Einsturz gebracht. Vorher hatten die ITS bereits zwei Bomben an das Nanotechnologielabor der Universidad Politécnica del Valle de México geschickt. Eine wurde entdeckt, bevor sie Schaden anrichten konnte, die andere verletzte bei der Detonation einen Wachmann. Ob eine Briefbombe an die Universidad Politécnica de Pachuca in Hidalgo, die im Dezember 2011 explodierte, auf das Konto derselben Gruppe geht, ist noch nicht klar.

Der bislang letzte Briefbombenanschlag, bei dem ein Arbeiter verletzt wurde, geschah am 21. Februar 2013 am Institut für Biotechnologie der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM). Im Anschluss an die Tat veröffentlichten die ITS ein Manifest, in dem die Gruppe weitere Gewalttaten ankündigt, weil diejenigen, die die Umwelt "verändern und zerstören", für das "zahlen" müssten, was sie "der Erde angetan" hätten. Man handle nämlich "in der ungezähmten Verteidigung der wilden Natur ohne jedes Mitgefühl". Ziel der Anschläge auf Forschungseinrichtungen sei es, dass die überlebenden Wissenschaftler "einsehen" sollten, dass sie den Anschlag verdient hätten.

Außerdem distanziert man sich in dem Manifest vom finnischen Ludditenterrorismusvordenker Pentti Linkola, der das "Krebsgeschwür" der Zivilisation mit Kernwaffen zerstören und die verbleibenden höchstens zehn Prozent der Weltbevölkerung danach mit einer Ökodiktatur regieren will.[1] Linkola, so heißt es, ginge den ITS nicht weit genug, weil zur Aufrechterhaltung der Macht seiner Ökodiktatur noch Technologie notwendig wäre, die die Menschheit in eine ökologische Katastrophe führen werde. Man selbst sei dagegen für die dauerhafte Zerstörung jeglicher Technologie und die Rückkehr zum Jagen und Sammeln. Das sei zum Besten der Menschheit, auch wenn diese das noch nicht wisse. Sich selbst replizierende Nanoroboter würden sonst eines Tages die Erde übernehmen.

Pentti Linkola 2011. Foto: Soppakanuuna. Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Der Faschismusforscher Roger Griffin von der Oxford Brookes University, der sich in seinem Buch Terrorist’s Creed mit dem Phänomen auseinandersetzt, glaubt, dass die mexikanischen Ökoterroristen viel mit dem Unabomer Ted Kaczynski gemeinsam haben. Auch er entwickelte eine paranoide Angst vor Technologie. Nanotechnologie eignet sich Griffin zufolge für Technologieparanoide besonders gut als Feindbild, weil sie so klein ist, dass sie überall und auch im scheinbar Natürlichen lauern kann.

http://www.heise.de/tp/artikel/38/38743/1.html
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