Franziskus auf dem Stuhl Petri

14.03.2013

Die Kardinäle haben einen Papst der Armen gewählt, der mit revolutionären Gesten einen neuen Weg der Geschwisterlichkeit ankündigt - ein katholischer Kommentar

Ein Papst, der sich vor seinem Segensgebet zuerst vor den Menschen neigt, ja niederbeugt und als ein Bedürftiger unter Geschwistern zeigt, das hat es in der dokumentierten Geschichte der Römischen Kirche so noch nie gegeben - selbst bei Johannes XXIII nicht (Ein "wirklicher Christ" als Papst). Was die Welt am Mittwochabend auf dem Petersplatz zu sehen bekam, ist fast zu schön um wahr zu sein. Der neue Bischof von Rom kommt nach eigenem Bekunden "vom Ende der Welt". Er sagt als erstes ganz einfach: "Guten Abend!" Er verspricht, einen gemeinschaftlichen Weg zu gehen, bei dem er - in präziser Entsprechung zur Kirchenkonstitution des letzten Reformkonzils - die Gemeinschaft aller zuerst nennt. Das kann nach den letzten Jahrzehnten, in denen der römisch-katholischen Kirche der Hoffnungshorizont abhanden gekommen war, ja eigentlich nur ein neuer Weg sein.

Ein neuer Name hat das ganz Unerwartete angekündigt: ein Name, den keiner der Medien-Auguren hätte erraten können, ein Name, der nach all dem verstaubten und selbstverliebten Firlefanz des letzten Pontifikates wieder ein Christentum verspricht, das barfuß auf der Erde geht.

Ein Papst mit "Vergangenheit"?

Werden bittere Missklänge dieses Wunder, das wohl sehr viele Katholiken auf der ganzen Welt kaum zu glauben wagen, schon bald entzaubern? Es gibt, soweit ich zur Stunde sehen kann, einen wirklich sehr wunden Punkt: Die Rolle von großen Teilen der amtskirchlichen Hierarchie Argentiniens zur Zeit des Faschismus zwischen 1976 und 1983 ist eine mehr als schändliche gewesen. Jorge Mario Bergoglio, der jetzige Papst Franziskus I., war 1973 bis 1979 Provinzial der Jesuiten. Seine persönliche Rolle während der Diktatur wird "kontrovers beurteilt".

Es geht nicht um unvermeidliche Schönheitsfehler. Die Vorwürfe, die gegen ihn erhoben werden und die er selbst stets zurückgewiesen hat, gehen vielmehr ins Mark: Bergoglio soll als Oberer linksgerichtete Brüder aus seinem eigenen Orden vor ihrer Folterhaft nicht geschützt haben, gar Denunziant bzw. Komplize bei der Entführung von zwei Jesuiten gewesen sein! Das Thema ist nicht neu und wurde in vielen Papstwahl-Listen, die den Erzbischof von Buenos Aires als möglichen Außenseiterkandidaten mit aufführten, auch benannt. Aus den Reihen der eher reformorientierten Kardinäle hat der Argentinier schon bei der Papstwahl 2005 viele Stimmen erhalten. Kann man sich vorstellen, dass die Kardinäle ausgerechnet beim jetzigen Krisenkonklave keine wasserfeste Expertise bezüglich der damals bereits kursierenden ungeheuerlichen Vorwürfe eingeholt haben?

Im Medienzeitalter ist vieles denkbar, aber ein Papst mit nachweisbarer und außerdem nicht öffentlich bereuter "Vergangenheit" nur sehr schwer. Der Lateinamerika-erfahrene Publik-Forum-Redakteur Thomas Seiterich spitzt das Thema in seinem Beitrag Pontifex für die Armen auf "möglicherweise zu viele Kompromisse gegenüber dem rechten Staatsterror" zu. An dieser Stelle gibt es mangels Zeit zu sorgfältiger Recherche zunächst nicht mehr zu referieren als das, was auch bei Wikipedia, ARD, Spiegel und vielen anderen Online-Quellen schon nachzulesen ist. Wenn man wie ich bei dieser Papstwahl eine spontane Sympathie verspürt, sollte man das scheußliche Thema aber unbedingt ziemlich an den Anfang setzen.

Kein Sieger hat sich gezeigt

Kein Sieger hat sich nach dem Konklave auf der Loggia gezeigt. Nur so kann in der real existierenden "Welt der Sieger", die auf Schritt und Tritt über Leichen geht, eine glaubwürdige Form christlicher "Entweltlichung" aussehen. Was soll man vom modernen Medienstandpunkt aus sagen? Franziskus I., der eigentlich schon zu alt ist und auch von eher zerbrechlicher Gesundheit zu sein scheint, kann sich vor Massen und Kameras offenbar wirklich nur als Mensch hinstellen. Er wirkt dabei weder unbeholfen noch wie jemand, der demütige Bescheidenheit vorspielt.

Ein Mensch, ein bedürftiger Mensch als Bischof von Rom, bittet ohne großes Pathos die anderen um Hilfe und Benediktion, denn er will mit sehr vielen Menschen auf dem ganzen Globus einen neuen Weg gehen. Wenn das nicht nur ein trügerischer erster Eindruck ist, könnten sehr bald Energien in der Weltkirche freigesetzt werden, vor denen die Spektakel-Aufführungen der letzten beiden Pontifikate wie leerer, bloß äußerlicher Tand verblassen. Die "Menschen des neuen Weges", wie sich die ersten Christen nannten, glaubten seit jeher daran, man könne mit Reichtümern, die in der Welt der Besitzenden, Sieger und Gewinner nichts gelten, Berge versetzen.

Bergoglio Bild: Aibdescalzo. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Der Bruch war am Mittwochabend nicht zu übersehen. Die Kurienregie hatte ihre bewaffneten und behelmten Gardisten, Blaskapellen mit Marschmusik und sogar Marinesoldaten mit Gewehren im Gleichschritt auffahren lassen. Nichts Frommes hatte diese ganze weltliche Inszenierung. Nationalhymnen, keine Choräle oder fröhliche Lieder, waren vorgesehen. Und dann kam der neue Papst, ohne feudalistischen Pelzbehang, mit denkbar unscheinbarem Bischofskreuz und die Priesterstola sehr bewusst nur kurz zum Segen entgegennehmend. Es gibt die Aussicht, dass eine Ästhetik des Evangeliums - an den Blumen des Feldes und den Vögeln des Himmels orientiert - auch in Rom bald eine Heimat finden könnte.

Haben die Kardinäle klug, fromm oder strategisch gewählt?

Die unmöglich zu lösende Frage der letzten Tage, wie denn ein alleskönnender Supermann für den Papstthron ausfindig zu machen wäre, hat sich nun von selbst erledigt. Ein Bischof von Rom, der ziemlich nüchtern um Hilfe und Weggefährtenschaft bittet, braucht nicht zugleich Charismatiker, Seelsorger, Prophet, Spitzentheologe, Manager, Finanzexperte, erprobter Korruptions-Bekämpfer und Spezialist in allen Fragen der systemisch bedingten sexualisierten Gewalt in der Kirche sein. Er wird alles, was ihm fehlt, bei anderen finden oder von anderen geschenkt bekommen.

Kann das denn wirklich sein, dass die Kardinäle gleichermaßen menschlich-fromm und klug gewählt haben? Sie haben für die Weltkirchlichkeit und für eine Kirche der Armen votiert. Sie haben einen Lateinamerikaner gewählt, der aus einer einfachen italienischen Einwandererfamilie stammt und dessen muttersprachliches Italienisch - bei unscharfem Latein - den Christen Roms das Gefühl vermitteln wird, dass der neue Bischof aus ihrer Mitte kommt. Sie haben einen "Gorbatschow" gewählt, der noch ganz vom alten Regime geprägt und in ihm nach oben gekommen ist. Dieser gemäßigte Konservative, dem offenbar sehr verschiedene Lager etwas abgewinnen konnten, er könnte der Kirche als Brückenbauer in den nächsten Jahren wirklich zu einem neuen Aufatmen verhelfen, so sehr er auch im Gestern noch verhaftet ist.

Dass ein unglaublich fortschrittlicher Theologe oder gar ein Befürworter der gleichgeschlechtlichen Ehe gewählt werden würde, hat wohl im Ernst niemand erwartet (einen Kandidaten mit solchen Ambitionen gab es gar nicht im Konklave). Die entscheidende Frage, die auch zentrale strukturelle Blockaden der Kirche betrifft, wird sein, wie stark Franziskus I. im eigentlichen Sinn "homophob" ist und ob er mit theologischem Verständnis für die "Frauenfrage" lernt, die Schwestern in seinen Ansprachen nie zu vergessen.

Ohne Dialogfähigkeit und Beweglichkeit auf diesen beiden Feldern ist nämlich ein Aufbruch in anderen Bereichen kaum vorstellbar. (Als schwuler Katholik schreibe ich dies mit Blick auf die Kirche sowie zahllose unerlöste Theologen und Opfer von Angstpredigt in ihr; eine kirchenamtliche "Akzeptanz" benötige ich selbst für meine erotische Begabung seit über zwei Jahrzehnten nicht mehr.)

Franziskus von Assisi (1181-1226) - auf Holz gemalt von Peter Bürger (gemeinfrei)

Ohne Zweifel wird der neue Pontifex die Erwartungen europäischer Reformkatholiken etwa nach einem zeitgemäßen Ethos von Beziehung und Sexualität kaum erfüllen. Es werden zwar keine "Opus Dei"-Hardliner, aber zumindest eine Reihe von Kardinälen, die der konservativen Bewegung "Comunione e Liberazione" nahestehen, dem Erzbischof von Buenos Aires ihre Stimme gegeben haben (auf dem Internetauftritt von CeL Deutschland findet man aber bezeichnenderweise auch am Donnerstag in der Frühe noch keine Spur vom neuen Papst).

Vielleicht ist die Frage der sozialen Gerechtigkeit, der Wunsch nach einer spürbaren Anwaltschaft für die Elenden der Erde, am Ende doch das ausschlaggebende Schlüsselglied zwischen unterschiedlichen Richtungen gewesen? (Konklave der Angst?) Die Europäer aller römisch-katholischen Schattierungen sollten jetzt unter Beweis stellen, dass sie sich in Frage stellen lassen und ihre Prioritäten zugunsten der Schwächsten auf dem Globus neu setzen können.

Über Strategien geschickter "Papstmacher" und eine mögliche List des Heiligen Geistes kann man bei aller Neugierde freilich nur spekulieren. Das Ergebnis des Konklaves spricht so oder so am ehesten für ein Ende des traditionalistischen Paradigmas, für ein Ende des kleinmütigen Angstregimentes in der römisch-katholischen Kirche und für dialogische Pluralität, wie sie den frühen Christen das Allerselbstverständlichste war.

Der Name als Programm

Franziskus I. ist der erste Lateinamerikaner und der erste Jesuit auf dem Stuhl Petri. Er ist vor allem der erste Papst, der sich ungeachtet aller Konventionen nach dem beliebtesten und ökumenischsten Heiligen der ganzen Kirchengeschichte nennt. Franziskus von Assisi (1181-1226) war der verwöhnte Sohn eines schwerreichen Tuchhändlers. Er hatte Charme, Geld, tolle Kleider und in den tonangebenden Cliquen der Privilegierten wohl jede Menge Bewunderer.

Die entscheidende Heilung seiner narzisstischen Selbstbezogenheit erfolgte in der Begegnung mit einem Aussätzigen, den er - jetzt selbst liebesfähig - als Bruder umarmte. Da wurde, wie es in den alten Quellen heißt, das, was ihm zuvor nur Ekel bereitet hatte, nun zur "Süßigkeit". Die Gemeinschaft des Franziskus breitete sich noch zu seinen Lebzeiten in zahllosen Ländern aus. Ein islamischer Herrscher soll inmitten des Kreuzzugschlachtens in ihm den einzigen glaubwürdigen Christ gesehen haben. Der "Poverello" (Arme) und seine egalitäre Bewegung wurden von vielen als Zeichen dafür betrachtet, dass Jesus wieder Eingang in die Kirche gefunden hatte.

Die franziskanische Armut, äußerlich erkennbar an ärmlichen Hirtenkleidern, ist durchaus auch eine solidarische Lebensform an der Seite von Ausgegrenzten und Unterdrückten. Indessen hat die von Franziskus geradezu erotisch umworbene "Braut Armut" mit Askese oder gar einer Verherrlichung von materieller Not rein gar nichts zu tun. Die "Armut" als Geliebte steht vielmehr für das Abenteuer, die eigene innerste Bedürftigkeit zu entdecken, anzunehmen und in jedem anderen Menschen oder fühlenden Mitgeschöpf auch "gespiegelt" zu finden. Hierbei handelt es sich mitnichten um eine traurige Entdeckung, sondern um eine beglückende.

Denn die "Armut" eigener und gemeinschaftlicher Bedürftigkeit war für Franziskus das Tor zu einem beschenkten, beziehungsvollen und zärtlichen Leben. Der ehemalige Narziss aus Assisi bat schließlich nicht mehr darum, angehimmelt zu werden, sondern selbst lieben zu können. Einen schönen Zugang zu diesem Paradox des großen Geliebten aus Mittelitalien vermittelt übrigens das Märchen "Augustus" von Hermann Hesse.

Die franziskanische Mystik einer süßen und miteinander geteilten Bedürftigkeit, die Leben aufschließt, ist die radikalste Attacke auf die Religion des Neoliberalismus, die sich nur vorstellen lässt. Von hier aus wird man - fern von einem nur äußerlich politisierten Christentum und in Gemeinschaft mit allen Menschen des Wandels - auch zu einer politischen Theologie und Praxis vordringen können, die die Barbarei und die massenmörderischen Aufrüstungen des Kapitalismus auf unserem Planeten an der Wurzel entmachten.

Der Jesuit Jorge Mario Bergoglio ist nach außen hin als ein franziskanischer Bischof aufgefallen: durch einen solidarischen Lebensstil, ein einfaches Auftreten, eine Option für die Armen und einen wachen Sinn für die ökologischen Überlebensfragen der Erde, welcher bei den Christen Lateinamerikas insgesamt viel ausgeprägter zu sein scheint als in den Kirchen der Reichen. Gebe Gott, dass Franziskus I. mit allen inneren Fasern und auf eine ansteckende Weise ein wirklich franziskanischer Bruder Papst ist oder wird. Meine Liebe möchte ich ihm in diesem Fall gerne versprechen.

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