Warum neigen Soldaten auch nach dem Dienst im Zivilleben zur Gewalt?

16.03.2013

Nach einer Studie über britische Soldaten ist die Zahl der Verurteilungen wegen Gewalttaten bei (Ex)Soldaten dreimal so hoch wie in der männlichen Gesamtbevölkerung

Es ist schon länger bekannt, dass Veteranen der Irak- und Afghanistankriege nach der Rückkehr ins zivile Leben zu gewalttätigem Verhalten auch in der Familie neigen und damit in die Kriminalität rutschen. In den britischen und US-amerikanischen Gefängnissen befindet sich ein relativ hoher Anteil an Ex-Soldaten, die wegen Gewalttaten verurteilt wurden (Fast ein Zehntel der Häftlinge in britischen Gefängnissen sind ehemalige Soldaten).

Soldaten des Royal Regiment of Wales bei einem Training zum Stadtkampf. Bild: MOD/Crown copyright 2012

Zwar wird vermutet, dass die Neigung zu Gewalt aus den Erfahrungen im Kriegseinsatz rührt, bislang gibt es dafür aber kaum empirische Belege, auch wenn die Kriegsheimkehrer verstärkt unter posttraumatischen Belastungsstörungen, Angst, Depressionen und anderen psychischen Folgen leiden (Die psychischen Kosten des Kriegs). Allerdings weisen Studien darauf hin, dass die Gewaltneigung auch durch Persönlichkeitsfaktoren bedingt ist, die schon vor dem Eintritt in das Militär und dem Kriegseinsatz bestanden. Und ein direkter Zusammenhang zwischen Kampfeinsätzen und psychischen Störungen scheint auch nicht gegeben zu sein (Nicht der Krieg, sondern der Militärdienst erhöht die Selbstmordrate)

Wissenschaftler vom Centre for Military Health Research am King's College London haben für ihre Studie, die in der Zeitschrift The Lancet erschienen ist, Daten von zufällig ausgewählten 13.856 britischen Soldaten im Dienst (59%) und Ex-Soldaten mit dem nationalen Straftatenregister abgeglichen, um mögliche Zusammenhänge des gewalttätigen Verhaltens mit der Stationierung in Afghanistan oder im Irak, mit Kriegseinsätzen und psychischen Problemen, mit Alkohol- oder Drogenkonsum nach dem Dienst zu eruieren. Allerdings dürfte die Zahl der Gewalttaten höher liegen, da nur die Verurteilungen abgefrat werden konnten. Die Auswahl war repräsentativ für die Streitkräfte. Informationen über die Zeit vor dem Militär, über Erfahrungen im und nach dem Militärdienst wurden durch einen Fragebogen erhoben. Mitglieder von Spezialeinheiten wurden ohne Angabe der Gründe ausgeklammert, Frauen wurden nur für die erste Auswertung berücksichtigt, weil ihre Zahl gering ist und sie nicht in Kampfeinsätzen geschickt werden können.

15,7 Prozent aller Soldaten haben während ihres Lebens eine Straftat begangen, 17 Prozent der Männer und 3,9 Prozent der Frauen. Insgesamt 98,5 Prozent aller Straftaten wurden von Männern begangen, 85,3 Prozent führten zu einer Verurteilung. Mit 64 Prozent aller Straftäter (11% der Männer, 1,9% der Frauen) stellen die Gewalttäter die Mehrheit. 30 Prozent haben schwere Gewalt ausgeübt, die mindestens zu einer Körperverletzung führte.

Vor allem die Unter-30-Jährigen neigen zur Gewalt. 20 Prozent von diesen wurden wegen einer Gewalttat verurteilt, deutlich mehr als die 6,7 Prozent der Gleichaltrigen in der Gesamtbevölkerung. Bei den Soldaten insgesamt ist zwar die Rate an Straftaten mit 17 Prozent niedriger als in der Gesamtbevölkerung (28 Prozent), die der Gewalttaten liegt mit 11 Prozent gegenüber 8,7 Prozent darüber. Dass Soldaten insgesamt weniger Straftaten begehen, liegt vermutlich, so die Autoren, am Militärdienst selbst, da sie vor allem im riskanten Alter dort tätig sind. Es könnte aber auch sein, dass Straftaten, die während des Dienstes begangen werden, nicht in das Straftatenregister kommen, sondern nur von der Militärpolizei verzeichnet werden.

Neben Geschlecht und Alter sind am stärksten untergeordneter Rang und Gewalttätigkeit vor dem Eintritt ins Militär Risikofaktoren für Gewalttaten, die in aller Regel nach Verlassen des Militärs begangen werden. Die Teilnahme an Kampfeinsätzen und auch das wiederholte Erleben traumatisierender Ereignisse erhöhen die Wahrscheinlichkeit, eine Gewalttat zu begehen, um das Doppelte gegenüber anderen Soldaten. Auch Alkohol, posttraumatischen Belastungsstörungen und selbstberichtetes aggressives Verhalten nach der Rückkehr vom Einsatz sind Risikofaktoren.

Wer schon vor dem Militärdienst gewalttätig oder aggressiv war, scheint sich eher zu Kampfeinsätzen zu melden und neigt auch nach dem Militärdienst vermehrt zu Gewalt. Gegenüber der Zeit vor dem und der Zeit im Militärdienst verdoppeln sich fast die Straftaten allgemein und die Gewalttaten nach dem Dienst. Es dürfte also viele Faktoren geben, die Gewalttätigkeit verstärken, nicht zuletzt die Ausbildung als Soldat mit Waffen. Um die Gewalt nach dem Militärdienst zu reduzieren, wäre denkbar, die Rekruten auf Gewalt und Aggressivität zu prüfen und zudem nur noch besser ausgebildete Menschen einzustellen. Das sei aber unsinnig, so die Autoren dere Studie, die auch vom britischen Verteidigungsministerium finanziert wurde, Soldaten kämen halt aus unterschiedlichen Bevölkerungsschichten, manche neigten zur Aggressivität oder seien trainiert, gezielt Gewalt auszuüben. Man müsse vielmehr nach Maßnahmen zur Aggressionsreduzierung für den Übertritt ins Zivilleben suchen.

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