Vom Jungen, der fast alles richtig machte

26.03.2013

Ein Mannheimer Professor galt als der aufstrebende Stern seines Fachs - bis in vielen seiner publizierten Arbeiten statistische Fehler gefunden wurden. Doch statt den Sachverhalt schleunigst aufzuklären, zeichnen sich die betroffenen Universitäten und Fachzeitschriften durch zögerliches und intransparentes Handeln aus.

Im Jahr 2009 war für Prof. Ulrich Lichtenthaler die Welt noch in Ordnung. Der damals 30-jährige Organisations- und Innovationsforscher war soeben im Handelsblatt-Betriebswirte-Ranking als der forschungsstärkste Nachwuchswissenschaftler im deutschsprachigen Raum ausgezeichnet worden. Allein auf Basis seines Publikationsoutputs galt er fortan nur noch als "der Junge, der alles richtig macht".

Lichtenthalers Karriere kannte auch in den folgenden Jahren nur den Weg nach oben. Bereits im Jahr 2011 trat er die Nachfolge des emeritierten Alfred Kieser an der Universität Mannheim an. Fortan war er Inhaber des wohl renommiertesten Organisationslehrstuhls Deutschlands: Das allumfassende Ranking-Zeitalter des akademischen (Berufungs-)Systems kannte auf Basis seiner scheinbaren Objektivität nur einen Sieger.

Ganz im Sinne des nutzenmaximierenden Homo oeconomicus hatte es Lichtenthaler bis dahin tatsächlich nahezu perfektioniert, das bestehende System auszureizen: 71 Artikel publizierte er bis zum November 2011. Weit mehr als die Hälfte davon waren dabei gar durch das zeitraubende und rigorose Peer-Review-Verfahren gelaufen. Zu schaffen war dies nur in einem Salami-slicing Verfahren. Einmalig erhobene statistische Umfragedaten werden hierbei mit Hilfe unterschiedlichster Theorien in Hinblick auf verschiedene wissenschaftliche Diskurse angewendet - die Salami wird also in möglichst viele kleine Scheiben geschnitten. Häufig wählt man hierbei Messmethoden, welche in bereits publizierten Artikeln Verwendung finden und variiert lediglich kleinste Teile des Bestehenden, um eine neue Publikation zu erzeugen - radikaler wissenschaftlicher Fortschritt sieht anders aus.

Das Jahr 2012 brachte dann jedoch eine deutliche Zäsur im Karrieresystem des Mannheimer Professors. Die schon länger auf Fachkonferenzen kursierenden Gerüchte hatten sich tatsächlich bewahrheitet: Zwei Beiträge in der Fachzeitschrift Research Policy wurden Anfang Juli von den Herausgebern zurückgezogen, nachdem Leser sich mit Hinweisen an die Zeitschrift gewendet hatten: Einerseits hatte Lichtenthaler ähnliche Artikel in anderen Zeitschriften veröffentlicht, welche den Herausgebern bis dahin nicht bekannt waren und sie an der Originalität und Neuigkeit der Beiträge zweifeln ließ. Daneben wurde bei Betrachtung der betroffenen Beiträge, welche auf einem identischen Datensatz basierten, ein inkonsistenter Umgang mit Variablen sichtbar: Während Variablen in einem Beitrag als wichtig klassifiziert wurden, blieben diese in einer parallelen Veröffentlichung unberücksichtigt. Darüber hinaus zeigte sich - und dies scheint das schwerwiegendste Problem zu sein -, dass in den Artikeln berichtete Signifikanzen tatsächlich nicht-signifikant sind, was erhebliche statistische Fehler offenbart.

Lichtenthaler, welcher bereits vor dieser öffentlich gemachten Entscheidung mit den Herausgebern in Kontakt stand, war alarmiert. Was unmittelbar auf diese Informationslage folgte, offenbart nicht nur ein seltsames Transparenzverständnis eines aus öffentlichen Geldern bezahlten Beamten, sondern zeigt auch ein hilfloses Technologieverständnis um die Funktionsweisen des Internets: Auf dem Lehrstuhl-Internetauftritt Lichtenthalers wurden zunächst Informationen über erhaltene Publikationspreise sowie seine Fachgutachter- und Beratungstätigkeiten gelöscht. Wenig später wurde auch die gesamte Publikationsliste und Rubrik mit Informationen für "Wissenschaftler" offline genommen, welche bis heute für die Öffentlichkeit schlicht nicht mehr zu erreichen sind.

Doch die an der Aufdeckung der statistischen Fehler mutmaßlich beteiligten und lediglich verdeckt arbeitenden 20 Wissenschaftler hatten ihre Arbeit scheinbar gründlich gemacht und entsprechende Hinweise bereits an andere betroffene Zeitschriften gesendet. [Update: Formulierung geändert am 5. April 2013] In den folgenden Wochen und Monaten wurden weitere Artikel von den Herausgebern oder auf Bitten der Autoren, welche ihre eigenen Fehler nun urplötzlich selber nachvollziehen konnten, zurückgezogen. Dass dabei die Mehrzahl der momentan insgesamt acht betroffenen Beiträge in Journalen mit geglaubter hoher und höchster wissenschaftlicher Qualität erschienen waren, sei zunächst einmal dahingestellt.

Die betroffene Universität Mannheim reagierte auf den Fall zunächst erst äußerst zögerlich, dann aber übertrieben aktionistisch: "Dass ein Professor Fehler macht, kommt vor. Selbst, wenn die Vorwürfe ganz oder teilweise zutreffen, steht außer Frage, dass Herr Lichtenthaler ein brillanter Wissenschaftler ist" verkündete der damalige Mannheimer Rektor Hans-Wolfgang Arndt - man fühlt sich vage an das "vollste Vertrauen" Merkelscher Prägung erinnert. Doch der Fall ist komplexer verwurzelt. Eine rasch eingerichtete Untersuchungskommission sicherte zwar "vollständige Aufklärung" zu, die für Ende 2012 angekündigten Ergebnisse lassen jedoch bis heute auf sich warten. Problematisch wird dort vermutlich sein, dass keiner der bisher zurückgezogenen Artikel in der Mannheimer Zeit entstanden war - Lichtenthaler wird sich also dort beamtenrechtlich stets korrekt verhalten haben.

Auch die Privatuniversität WHU in Vallendar richtete eine Untersuchungskommission ein: hier hatte Lichtenthaler wenige Jahre zuvor promoviert und sich anschließend auch kumulativ habilitiert. Die meisten der zurückgezogenen Artikel basieren zudem auf dem Datensatz, den er für seine Dissertationsschrift erhoben hatte. Wenn nun einer ein Urteil über das wissenschaftliche Fehlverhalten zu fällen hat, so ist es diese Wissenschaftliche Hochschule für Unternehmensführung.

Doch die dortige Untersuchungskommission hat bis heute - rund 9 Monate nach dem Auftauchen des Falles - ebenfalls noch keine Ergebnisse vorzuweisen. Dass eine Untersuchungskommission existiert, hat man bisher auch nur von der Universität Mannheim erfahren - die sonst so umtriebige Pressestelle hielt es bislang nicht für nötig, überhaupt eine Pressemeldung in Hinblick auf den Fall herauszugeben.

Wie es die nach eigener Aussage führende deutsche Privatuniversität mit der Transparenz hält, wird deutlich, wenn man einen Blick auf Lichtenthalers Doktorvater und akademischen Lehrer Prof. Holger Ernst lenkt. Ernst ist Inhaber eines Lehrstuhls für Technologie- und Innovationsmanagement. An vier der zurückgezogenen Artikel war er als Erst- oder Zweitautor beteiligt. Als die Probleme um seinen Sprößling bekannt wurden, schien er zunächst alle Schuld auf Lichtenthaler schieben zu wollen: Bei einem bereits zur Publikation angenommenen und online der Fachöffentlichkeit zugänglich gemachten Artikel insistierte er "ausdrücklichst", fortan nicht mehr als Zweitautor geführt zu werden.

Erst vor wenigen Tagen wurde nun ein erster Aufsatz unter Federführung von Ernst wegen statistischer Probleme zurückgezogen, welcher ohne Lichtenthaler entstanden war. Spätestens jetzt wird klar, dass der Ursprung für die Probleme tatsächlich nicht nur alleine bei dem Mannheimer Professor zu suchen ist. Aber auch der betroffene Elsevier Verlag, in dessen Zeitschrift Research Policy der betroffene Beitrag zur Publikation vorgesehen war, offenbart ein seltsames Verhalten. Online verfügbar war der Beitrag nach Abschluss des Begutachtungsverfahrens und Annahme durch die Herausgeber seit Mai 2012. Statt den betroffenen Artikel jedoch als sog. "Retraction" zurückzuziehen und wie üblich mit entsprechendem Hinweis weiterhin der Öffentlichkeit zugänglich zu halten, führten die Herausgeber eine als "Withdrawl" bezeichnete Depublikation durch. Den Studienautoren wird nun also die Möglichkeit der Überarbeitung eingeräumt, da das Datenmaterial durch diesen Schritt als niemals veröffentlicht gilt - eine Praktik, welche in der Fachwelt durchaus einiges Kopfschütteln verursacht.

Resümiert man den bisherigen Stand der Dinge, bleibt man ob des Zustands der wissenschaftlichen Integrität einzelner Individuen und angesehener Universitäten fassungslos zurück. Sieben der acht betroffenen Artikel sind vor der Berufung Lichtenthalers im Jahr 2011 entstanden oder waren weit im Begutachtungsprozess fortgeschritten. Da diese zudem in ranghohen Journalen veröffentlicht wurden, müssen sie im Verlauf des Berufungsverfahrens eine gewichtige Rolle gespielt haben. Unklar bleibt daher, warum die Universität Mannheim nicht ihre Berufungsentscheidung für nichtig erklären kann. Gleiches gilt für die WHU, welche sich fragen lassen muss, welche Substanz die Promotion und Habilitation Lichtenthalers tatsächlich haben und welchen Stellenwert seinem Doktorvater Ernst dabei zukommt.

Spätestens an dieser Stelle sollte man sich also auch der Funktionsfähigkeit des derzeitigen Wissenschaftssystems überhaupt zuwenden. Keiner der betroffenen Akteure scheint sich momentan öffentlich die Frage zu stellen, wie es überhaupt so weit kommen konnte, dass derart viele Beiträge aus akzeptierten Fachzeitschriften wegen statistischer Fehler zurückgezogen wurden - ohne, dass diese Fehler zuvor einem der vielen involvierten Fachgutachter und Herausgeber aufgefallen wären. Vielleicht ist eine wahre Beantwortung der Frage aber auch zu systemverletzend: Würde sie doch offenbaren, dass statistische Ergebnisse für den wissenschaftlichen Diskurs einer ganzen Zunft nicht genau betrachtet werden - und dann könnte man die Empirie- gleich durch Theoriearbeit ersetzen.

Schlussendlich handelt es sich um einen einmaligen Fall im deutschsprachigen Raum. Die ganze akademische Welt sollte nach Mannheim und Vallendar schauen und nach schneller Aufklärung rufen. Doch stattdessen scheint sie wegzuschauen oder nur hinter vorgehaltener Hand zu sprechen. Einen nicht unerheblichen Part in der bisher nicht erfolgten rückhaltlosen und zügigen Aufklärung nehmen dabei aber auch die Medienvertreter mit ihrer inneren Logik ein - seit dem Rückzug eines Handelsblatt-Redakteurs übt sich die "vierte Gewalt" in Nicht-Berichterstattung über den Fall. Man muss die Ausprägung der Berichterstattung über die Fälle Guttenberg, Schavan & Co. nicht gutheißen. Doch ohne jegliche mediale Berichterstattung entsteht kaum Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Und Wissenschaftsinstitutionen fühlen sich nicht einmal mehr den sich selbst auferlegten Verhaltensstandards verpflichtet.

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