Technologie der Unterwerfung

25.03.2013

Mithilfe von Neurotechnologie in eine "psychozivilisierte" Gesellschaft - Neurotechnologie Teil 1

Bei Experimenten in den 1950er und 1960er Jahren gelang es, durch gezielte Gehirnstimulation Wutanfälle und aggressives Verhalten in Katzen, Affen und Menschen auszulösen. José Delgado, Pionier auf dem Gebiet, entwickelte daraus eine weitreichende Utopie: das Vermeiden von Aggression und Gewalt durch Gehirnintervention. Er nannte dies eine "psychozivilisierte" Gesellschaft. Diese Versuche sind historische Vorläufer einer heute vielleicht subtiler stattfindenden Anpassung an gesellschaftliche Vorstellung mithilfe von Neurotechnologie.

Stuttgart, wir schreiben das Jahr 2045. Wieder einmal ziehen unermüdliche schwäbische Bürgerinnen und Bürger auf die Straßen, auf die Plätze und in die Parks, um gegen das Milliardengrab ihrer hart erarbeiteten Steuergelder zu protestieren: das immer noch nicht abgeschlossene Bauprojekt Stuttgart 21. Anders als bei ihren Eltern und Großeltern werden ihre Proteste jedoch nicht von polizeilichen Hundertschaften in Körperpanzerung, mit Pfefferspray und Wasserwerfern aufgelöst. Diesmal fährt nur ein einzelner Wagen des Psychokorps vor, der in einigem Abstand vor den zehntausenden Protestierenden parkt; diesmal kommt es nicht zu Gewalt und Gegengewalt.

Hirnschrittmacher / Neurostimulator. Gegen Schmerzen, bei Parkinson, Epilepsie oder Depressionen sollen schwache Stromstöße an Hirn oder Rückenmark helfen.

Der Leiter des Psychokorps tippt bloß ein paar Befehle in seinen Computer. Daraufhin nimmt der in seinem Wagen installierte Supercomputer drahtlos Kontakt mit den Gehirn-Computer-Schnittstellen der versammelten Bürgerinnen und Bürger auf. Die Polizeisignatur wird in die Module für Gehirnstimulation geladen. Zugriff erteilt. Nach einem kurzen Abruf der individuellen Aktivitätsmuster berechnet der Supercomputer eine Änderung der Stimulationsmuster. Vor allem in den Amygdalae der Protestierenden, den Mandelkernen, kommt es zu einer Anpassung des Neuronenfeuerns.

Alles dauert wenige Sekunden. Die Wut der aufgebrachten Bürgerinnen und Bürger verschwindet. Die Empörung wird im Gehirn per Computerbefehl ausgelöscht. Aus den Wutbürgern werden gehorsame Schäfchen, die brav nachhause gehen und weiter die Steuern bezahlen, die im Großprojekt versenkt werden. Mission des Psychokorps erfolgreich: keine Verletzten, keine peinlichen Pressefotos, keine abgewählte Landesregierung. Die Investitionen in die Erforschung neuer Sicherheitstechnologien vor dreißig Jahren zahlen sich aus.

Traum von der psychozivilisierten Gesellschaft

Was hier als Science-Fiction-Szenario geschildert wurde, könnte so oder so ähnlich der Traum des einflussreichen Hirnforschers José Delgado gewesen sein; seine Vision einer besseren Gesellschaft. Delgado, der im September 2011 im Alter von 96 Jahren starb, war Physiologe an der Yale-Universität und Pionier auf dem Gebiet der elektrischen Gehirnstimulation. Er war aber nicht nur Forscher, der die Funktionsweise des Gehirns verstehen wollte, um Wissen zu erzeugen und Krankheiten zu heilen. Er hat darüber hinaus eine gesellschaftliche Utopie für die Anwendung seiner Methode formuliert: Gehirnstimulation könnte Aggressionen ausschalten und damit zu einem friedlicheren Zusammenleben führen.

In seinem 1969 erstmals erschienenen Buch mit dem Titel "Physikalische Kontrolle des Geistes: Zu einer psychozivilisierten Gesellschaft" (engl. Physical Control of the Mind: Toward a Psychocivilized Society)1 fasst er zunächst die Erkenntnisse aus seinen Tier- und Menschenversuchen zusammen. In den späteren Kapiteln entwickelt er daraus seine Gesellschaftsutopie - und zwar in einer Offenheit, wie man sie von heutigen Forschern nicht kennt; oder wie sich zumindest in der Öffentlichkeit keiner mehr zu äußern traut. Aus heutiger bioethischer Sicht ist die damalige Experimentierfreudigkeit frappierend.

So wurden nicht nur Nagetieren und Katzen Elektroden und die von Delgado Stimoceiver genannten Geräte ins Gehirn implantiert. Auch an Affen, Schimpansen und sogar einigen Menschen wurde das Verfahren erprobt. Stimoceiver, das Wort leitete Delgado aus englisch "stimulator" und "receiver" (dt. Empfänger) ab. Die nur ca. 70 Gramm schweren Apparate bestanden aus Einheiten für die funkgesteuerte Stimulation und EEG-Telemetrie.2 Das heißt, sie konnten in durch gehirnchirurgische Eingriffe ausgewählten Regionen sowohl elektrische Signale aufzeichnen und an ein externes Steuergerät senden als auch per Funkbefehl stimulieren; Sender, Empfänger und Stimulator in einem.

Soziale Verhaltenssteuerung

Interessante Ziele für die Aufzeichnung und Stimulation waren für Delgado und zeitgenössische Kollegen Teile des Belohnungs- und Bestrafungssystems sowie Gehirnregionen, die mit Aggressionen zusammenhängen. So berichtet Delgado beispielsweise von gelungenen Versuchen, durch Stimulation des Hypothalamus Katzen zum Angreifen anderer Katzen zu bewegen.3 Von besonderem Interesse für seine Forschung waren Affenkolonien, da diese über eine ausgeprägte Sozialstruktur verfügen.

So wurden beispielsweise den ranghöchsten Affen in verschiedenen Gruppen Elektroden im Thalamus implantiert. Die elektrische Stimulation führte in der Regel dazu, dass der Affe das rangnächste Männchen, also den größten Konkurrenten, angriff.4

Besonders ausgefeilt war der Versuch mit dem Affenweibchen Lina. In der ersten Gruppe von vier Affen war sie diejenige mit dem niedrigsten Rang; in der zweiten Gruppe hatte sie den zweitniedrigsten Rang; in der dritten den drittniedrigsten. In der ersten Gruppe führte sie nach der Stimulation ihres Thalamus nur einmal einen Angriff aus, wurde umgekehrt aber 24 Mal bedroht oder angegriffen; in der zweiten Gruppe führte sie 24 Angriffe aus und wurde dreimal angegriffen; in der dritten Gruppe griff sie 79-mal andere Affen an und wurde selbst überhaupt nicht bedroht.5 Diese Ergebnisse zeigen, wie die Effekte der Gehirnstimulation durch die soziale Ordnung mitbestimmt werden.

Auch im Menschen implantiert

Delgado berichtet auch von einigen Fällen, in denen die Stimoceiver Menschen implantiert wurden. In der Regel handelte es sich dabei um neurologische Patienten, die unter schweren epileptischen Anfällen litten.6 Er berichtet aber auch von dem Fall der Patientin J. P., einem "charmanten und attraktiven zwanzigjährigen Mädchen", wie er schreibt, das im Alter von nur 18 Monaten eine Gehirnentzündung gehabt habe und seit zehn Jahren unter epileptischen Anfällen leide. Dazu kamen soziale Probleme wie unvorhersehbare Wutausbrüche. In mehr als einem Dutzend Fälle habe sie andere Menschen angegriffen und dabei einmal einen Fremden mit einem Messer verletzt und ein andermal eine Krankenschwester mit einer Schere.

Die Patientin kam in eine Abteilung für "verrückte Kriminelle" (engl. criminally insane) und bekam einen von Delgados Stimoceivern, dessen Elektroden in der Amygdala und dem Hippocampus implantiert wurden. Dieser zeichnete nicht nur auffällige Erregungsmuster in diesen Gehirnbereichen auf, sondern umgekehrt führte eine Stimulation in der Amygdala zu Angriffsverhalten, das den spontanen Wutausbrüchen ähnelte. Als die Patientin beispielsweise Gitarre spielte und sang, dauerte es nur sieben Sekunden, bis sie nach der Stimulation die Gitarre wegwarf, sich aggressiv gegen eine Wand richtete und noch für einige weitere Minuten aufgebracht umherlief.7

Ein anderer Forscher machte eine ähnliche Beobachtung bei einer Frau mit depressiven Gefühlen und anderen psychischen Problemen. Die Stimulation der Amygdala führte bei ihr zu Wutanfällen. Allerdings wehrte sie sich gegen ihre Wut und rief dem Versuchsleiter zu: "Ich fühle mich so, als wollte ich von diesem Stuhl aufstehen! Bitte lassen Sie mich das nicht tun! Tun Sie dies nicht mit mir. Ich will nicht gemein sein!" Der Versuchsleiter gab ihr daraufhin einen Stapel Papiere, den sie zerriss.8

Screenshot Youtube-Video

Die elektrische Gehirnstimulation ist heute ein wichtiges Verfahren in der Behandlung von Parkinsonerkrankungen im späten Stadium, wenn die Medikamente nicht mehr helfen. In jüngerer Zeit wird sie auch versuchsweise bei psychischen Störungen wie Zwangserkrankungen oder Depressionen erprobt. Die Menschenversuche, auf denen die Technologie unter anderem basiert, sind jedoch kaum noch bekannt. Bei José Delgado, dem Yale-Professor und gebürtigen Spanier, denken die Menschen allenfalls an den medienwirksamen Versuch, einen wilden Stier mithilfe ferngesteuerter Gehirnelektroden zu bezwingen.

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