"Die Franzosen sollten sich so schnell wie möglich aus Mali zurückziehen"

21.03.2013

Peter Scholl-Latour über die französische Intervention in Mali, die Lage in Algerien und warum die Strategie des Westens in der gesamt Region falsch ist

Mit welchen Gefühlen blicken Sie aktuell auf die Ereignisse in Mali?

Peter Scholl-Latour: Mit Melancholie.

Weshalb?

Peter Scholl-Latour: Ich kenne Mali sehr gut. Ich bin schon vor Jahrzehnten den ganzen Niger im Boot entlang gefahren. Städte wie Timbuktu und Dial sind für mich vertraute Orte. Gerne würde ich eine TV-Dokumentation bezüglich der aktuellen Lage dort machen, was ich trotz meines hohen Alterns noch schaffen würde. Aber leider werden ja keine Dokumentationen dieser Art im Fernsehen mehr gesendet. Die vielgepriesene Globalisierung hat zumindest in der TV-Berichterstattung zu einer betrüblichen Provinzialisierung geführt.

Haben Sie das französische Eingreifen in Mali begrüßt?

Peter Scholl-Latour: Ja, allerdings ohne in die im Westen übliche Menschenrechtsrhetorik zu verfallen, denn die Regierung Malis war und ist nicht demokratisch, sondern durch einen Militärputsch an die Macht gelangt.

Es gab dort die reale Gefahr eines Dominoeffektes. Hätten die islamistischen Kräfte aus dem Norden Malis das ganze Land eingenommen, dann wäre die ganze Region gefährdet gewesen, besonders der Senegal. Dadurch hätten die Islamisten das strategisch überaus wichtige Kap Verde erreicht, Staaten wie Niger, der ja nur noch auf dem Papier existiert, wären zusammengebrochen. Vor allem aber war und ist der Koloss Nigeria gefährdet, mit seinen fast 200 Millionen Einwohnern. Im Norden Nigerias sehen sich ja die Behörden den Anschlägen  der extremistischen Sekte "Boko Haram" ausgesetzt, die sich das Ziel gesetzt hat, jeglichen westlichen Einfluss auszurotten.

Ohne das Eingreifen der Franzosen hätten also  die erwähnten Gruppen einen gemeinsamen riesigen Operationsraum vorgefunden, der sich permanent ausgedehnt hätte. Unmittelbar bedroht  vom diesem explosiven Szenario fühlt sich die Republik Algerien, deren südliche Ausläufer bis in das Krisengebiet hineinreichen.

Karte: CIA

Weshalb Algerien?

Peter Scholl-Latour: Durch die gemeinsame Grenze mit Mali, besonders mit der Region im Norden Malis, wo der Aufstand gegen die Zentralregierung begann, welche ja auch ein Rückzugs - und Operationsraum für die dschihadistischen Kräfte darstellt,  die auch schon seit Längerem dort agieren. Diese heterogenen Banden, die sich den  ominösen Namen "Al-Qaida des islamischen Maghreb" gegeben haben, erregten durch Geiselnahmen auf den Erdgasfeldern für Aufsehen. Aber ihre Anschläge fanden auch in den algerischen Metropolen am Mittelmeer statt, in Algier, Constantine und Oran.

Sie kennen Algerien sehr gut, haben schon vor über 50 Jahren von dem dortigen Unabhängigkeitskampf gegen die Franzosen berichtet. Warum gab es dort eigentlich keinen sogenannten "Arabischen Frühling" wie in den Nachbarstaaten.

Peter Scholl-Latour: Diese Frage habe ich meinen Gesprächspartnern bei meinem letzten Besuch in Algerien, der noch nicht lange zurückliegt, auch gestellt. Alle erinnern sich noch mit Schrecken, der ihnen in den Knochen steckt, an den Bürgerkrieg der 1990er Jahre, der ja mehr als 200.000 Menschenleben gefordert hat.

Allerdings sollte man nicht davon ausgehen, dass es dort ewig ruhig bleibt. Inzwischen ist eine neue Generation herangewachsen, ebenso brot- und perspektivlos wie in den Nachbarstaaten, mit einem ähnlichen Groll gegen die eigene Regierung.  Bei meinem letzten Besuch dort durfte ich feststellen, dass die Armee zwar die großen Städte entlang der Mittelmeerküste beherrscht, dass an eine Überlandfahrt in die Kabylei aufgrund der großen Sicherheitsprobleme nicht zu denken war.

Sollte es in Algerien eine islamistische Aufwallung geben, dann hätten wir möglicherweise ein salafistisches Regime gegenüber der europäischen Mittelmeerküste. Deshalb, aus den genannten Gründen und Zusammenhängen, war das Eingreifen der Franzosen in Mali zu rechtfertigen.

Es macht keinen Sinn, wenn man Saudi-Arabien aufrüstet, woher das salafistische Gedankengut stammt

Also, sollten die französischen Truppen sich für einen längeren Zeitraum in Mali einrichten?

Peter Scholl-Latour: Um Gottes Willen, nein. Die Franzosen sollten sich so schnell wie möglich aus Mali zurückziehen, um ihren afrikanischen Verbündeten das Kommando zu übergeben, von einigen wichtigen strategischen Stützpunkten einmal abgesehen. In diesem Zusammenhang denke ich besonders an die Armee des Tschad, die überaus schlagkräftig ist, die damals die Truppen Gaddafis zurückgeschlagen hatte und auch gegen die salafistische Penetration gewappnet ist. Langfristig muss sowieso die ganze Strategie des Westens gegenüber der Region verändert werden.

Könnten Sie das bitte konkretisieren?

Peter Scholl-Latour: Es ist ja  widersinnig, wenn man in Mali Salafisten bekämpft, in Syrien aber Aufständische mit einem ähnlichen Gedankengut ausrüstet. Es macht noch weniger Sinn, wenn man Saudi-Arabien aufrüstet, das Land, von dem das salafistische Gedankengut stammt. Damit konterkariert man nicht nur die Menschenrechtsrhetorik des Westens, die ja auch höchst selektiv eingesetzt wird, sondern gefährdet auch dessen strategische Interessen.

Durch den Sturz Gaddafis, den der Westen - vor allem auch die Franzosen - ja massiv forcierte, ist die gesamte Sahelzone, also der riesige Steppengürtel südlich der Sahara, der sich von Somalia im Osten zum Senegal im Westen erstreckt, von diesem Aufbegehren erfasst wurden. Nach dessen Sturz sind die afrikanischen Söldner Gaddafis geflüchtet, häufig mit der modernen Waffenausrüstung, die ihnen zur Verfügung stand. Die Tuareg im Norden Malis nutzten die Chance, um die schon seit Jahrzehnten angestrebte Unabhängigkeit von der Zentralregierung im Süden zu beschleunigen. Dabei wurden sie aber von den Kräften einer extrem islamistischen Organisation verdrängt, die sich den Namen "Ansar ed Din" (Gefährten der Religion) gegeben hatte und deren Expansionspläne dann zu dem Vorgehen der Franzosen führte.

Sie erwähnten eben die Menschenrechtsrhetorik des Westens. Schadet es den Idealen der Demokratie und der Aufklärung, wenn weltweit mit zweierlei Maß gemessen wird, wie dies heute üblich ist, also Kritik an den Zuständen in Russland und China, Embargo gegen den Iran, Schweigen im Falle Saudi-Arabiens, dafür Waffenlieferungen?

Peter Scholl-Latour: Mit Sicherheit. Francis Fukuyama, der nach dem Ende des Kalten Krieges ja noch vom Ende der Geschichte sprach, eine These, von der er allerdings  inzwischen abgerückt ist, hat diese Entwicklung, mit Bezug auf den Vorgänger von Obama, so charakterisiert, dass der Ausdruck "Demokratie" für viele Menschen nur ein Codewort für militärische Interventionen und gewaltsame politische Umstürze geworden ist.

Kommen wir abschließend zu einem anderem Thema. Sie feierten kürzlich Ihren 89. Geburtstag. Wie empfinden Sie Ihr hohes Alter?

Peter Scholl-Latour: "Das Alter ist ein Schiffbruch", hatte Charles de Gaulle einmal gesagt. Obwohl ich de Gaulle für einen der größten Staatsmänner des 20. Jahrhunderts halte, möchte ich in diesem Zusammenhang eher dem Historiker Leopold Ranke zustimmen, der die Meinung vertrat, dass ein Mensch alt werden müsse, um die geschichtsträchtigen Vorgänge deuten zu können, die sich zu seinen Lebzeiten vollzogen.

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