Deutsche Vermögen sind besonders ungleich verteilt

22.03.2013

Bundesbankstudie: Haushalte in Frankreich, Italien und Spanien sind im Durchschnitt reicher als deutsche

Die Panelbefragung der Deutschen Bundesbank zum Vermögen der Privathaushalte - "Private Haushalte und ihre Finanzen" (PHF) - offenbart einige Überraschungen und Sprengstoff, was sich auch in Medienberichten widerspiegelte, die zur gestrigen Veröffentlichung erschienen.

So zeigt sich in der Umfrage der Bank die Ungleichverteilung der Vermögen deutscher Haushalte in einer glasklaren Deutlichkeit. Das Phänomen, das bereits wiederholt in anderen Analysen herausgearbeitet wurde, bekommt noch schärfere Konturen, wenn Vergleichsdaten aus anderen Ländern herangezogen werden. Ermittelt wurde etwa, dass Haushalte in Spanien und Italien im Durchschnitt deutlich vermögender sind als deutsche Haushalte.

"Sowohl der Durchschnitt als auch der Median des Nettovermögens in Deutschland liegen (.) niedriger als in anderen großen Ländern des Euro-Raums, für die es vergleichbare Angaben gibt", konstatiert der Bericht. In Zahlen sieht das so aus: Das durchschnittliche Nettovermögen, also Bruttovermögen abzüglich der Verschuldung, der privaten Haushalte in Deutschland wird mit 195.000 Euro angegeben, in Frankreich mit 229.000, in Spanien mit 285.000. Die Unterschiede treten noch schärfer zutage, wenn der Medianwert als Vergleichswert des Haushaltsvermögens zugrunde gelegt wird.

In deutschen Haushalten liegt der Vermögens-Median nach Angaben der Bank bei 51.400 Euro, in Österreich bei 76.900 Euro, in Frankreich bei 113.500, in Italien bei 163.900 und in Spanien bei 178.900 Euro. Der Median gibt genau die Mitte an zwischen reicheren und ärmeren Vernögen. Ist die Abweichung zum Durchschnittswert der Vermögen groß, so deutet dies daraufhin, dass die Vermögenderen über hohe Spitzenwerte verfügen. Grafiken, die aufgrund der PHF-Daten erstellt wurden, zeigen sehr anschaulich, dass dies in Deutschland der Fall ist - mehr als in Frankreich oder Spanien. Der Gini-Koeffizient bestätigt die Diagnose der ungleichen Verteilung in Deutschland.

Er beträgt 0 % bei vollkommen gleicher Verteilung und 100 % bei maximal ungleicher Verteilung. Während dieser Index für die Bruttoeinkünfte der Haushalte im PHF-Survey bei 42,8 % liegt, beträgt er für die Bruttovermögen 71,3 % und für die Nettovermögen 75,8 %.

Die Ungleichheit beim Vermögen zeigt sich noch schärfer, wenn die reichsten 10 Prozent der Haushalte herangezogen werden. Ihnen gehören 55,7 % des gesamten Bruttovermögens und 59,2 % des Nettovermögens aller Haushalte. Um zum obersten Zehntle zu gehören, "braucht es in Deutschland gut 440.000 Euro", berechnete die FAZ.

Stoff zum Nachdenken bietet auch der Vergleich von Vermögenswerten, die in Immobilien stecken.

Der bedeutendste Aktivposten deutscher Haushalte stellt der eigengenutzte Immobilienbesitz dar (…). Die Eigentümerquote in Deutschland beträgt 44,2 %. Im Westen liegt sie mit 47,1 % deutlich höher als im Osten (33,7%). Der Anteil des von Eigentümern selbstgenutzten Wohnraums ist im europäischen Vergleich eher gering. In Frankreich wohnen etwa 58 % der Haushalte in der eigenen Immobilie, in Spanien (83 %) und Italien (69 %) noch deutlich mehr. Im Gegensatz zu diesen Ländern hat der deutsche Median-Haushalt keine eigengenutzte Immobilie.

Das regionale Gefälle zwischen West-und Ostdeutschland, das sich hier zeigt, ist auch bei den Gesamtberechnungen der Vermögen ersichtlich. Es ist beträchtlich. Beträgt das durchschnittliche Nettovermögen in Westdeutschland 230.240 Euro, so sind es in Ostdeutschland nur 67.500 Euro. Der Medianwert von Westdeutschland wird mit etwa 78.900 Euro angegeben, in Ostdeutschland mit 21.400 Euro.

Doch selbst wenn man die westdeutschen Zahlen zum Vergleich mit den Haushaltsvermögen in Frankreich, Spanien und Italien heranzieht, bleibt eine Lücke, die heikle Fragen zur Vermögensverteilung in Deutschland aufwirft - zusammen mit Fragen, die sich bei der Einkommensverteilung längst stellen (vgl. "Deutschland droht eine Existenzkrise"). Insofern ist es keine Überraschung, wenn Medien, die für ihre Loyalität zu Wirtschaftsmodellen bekannt sind, welche die Ungleichheit fördern, versuchen abzuwiegeln.

Die Bundesbank würde die Südeuropäer reich rechnen, schreibt die Welt, die darüberhinaus zur Vorsicht bei der Interpretation rät, weil die Wiedervereinigung in deutschland Ergebnisse verzerren würde. Ihr Argument ist, dass die Bundesbank sich in Deutschland auf die (freiwilligen) Angaben von befragten gut 3.500 Haushalten stützt, dem aber keine Daten aus den anderen Ländern gegenüber stünden, die wirklich vergleichbar seien, so die Welt. Dazu komme, dass viele Haushalte die Vermögenswerte ihrer Immobilien überschätzen würden. Gemeint sind die "südeuropäischen Haushalte". Vom Ressentiment, das hier mitschwingt abgesehen, kann man sich so sicher sein, dass dies deutsche Haushalte nicht machen?

Interessant ist, dass die Welt, wie auch die FAZ, erwähnt, dass Daten aus Zypern und Portugal fehlen, möglicherweise, weil sie der Bank zu brisant sind, die Vermutung taucht in Berichten beider Zeitungen auf. Was wäre, wenn sich herausstellt, dass die Zyprer und die Portugiesen im Vergleich der Haushaltsvermögen ganz gut dastehen, so die Frage, die damit suggeriert wird.

Die Debatte über die Ungleichheit hat nach dem Armutsbericht und den Medienberichten über Hans-Ulrich Wehlers Buch zur sozialen Ungleichheit in Deutschland mit der Panelbefragung der deutschen Bundesbank eine neue Analyse, die Beobachtungen bestärkt, die im deutlichen Widerspruch vom Mythos einer meritokratische Leistungsgesellschaft stehen.

Es sieht vielmehr danach aus, dass Verdienst und Vermögen zu einem beträchtlichen Maß über die Familienherkunft bestimmt wird, ganz besonders in Deutschland, wo wie Hans-Ulrich Wehler zeigt, beim Einkommen in den letzten Jahrzehnten bei vier Fünftel kaum etwas veränderte, dagegen beträchtliches beim obersten Fünftel. Die Grenzen der Milieus bleiben gewahrt.

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