Ausgesorgt

27.03.2013

Drei Geschichten aus einer unglücklichen Mehrheit

Ausgesorgt - dieses Wort kann man mit Neid aussprechen. Es ist dann ein Schimpfwort, denn während man selbst täglich um sein Überleben und die Altersvorsorge kämpfen muss, sind die Ausgesorgten von diesem Druck entlastet. Warum aber sind sie trotzdem nicht glücklicher? Ein Besuch bei einer unglücklichen Mehrheit.

Jeder kennt sie: Sie sind über 60, wohlhabend, arrogant und finden alles Scheiße. Jakob Augstein identifizierte sie als Kernzielgruppe der "Alternative für Deutschland". Dabei sind sie, emeritierte Redakteure, Staatssekretäre, Anwälte, Professoren und Manager diejenigen, die am wenigsten irgendeine Alternative benötigen.

Sie stehen an der Spitze einer seit 1945 andauernden Entwicklung, die weite Teile der Bevölkerung völlig von unangenehmen Existenzrisiken und angelsächsischem Performancedruck entkoppelt hat. Arme (Hartz IV). Mittlere (Erbe&Abfindung&unkündbar). Reiche (Vermögen+8000 Euro Rente) Alte. Eine Mehrheit, denn selbst unter den 41,5 Millionen Erwerbstätigen, die Deutschland Anfang 2013 zu verzeichnen hat, stehen nur ein Drittel, also etwa 14 Millionen unter dem erbarmungslosen täglichen Leistungsdruck des Vollerwerbs. Das bedeutet allerdings nicht, dass sich die anderen zwei Drittel geringer gefordert und belastet fühlen. Die Gratifikationskrise trifft jeden. Das grundlose Bedingungseinkommen wird nur selten als Form des Ausgesorgt-Habens empfunden.

Das erstaunliche Ergebnis dieser historisch einmaligen Entlassung in eine sorgenfreie, mündige Existenz ist allerdings eine Unzufriedenheit, ja ein Unglück, das nach Erklärung schreit. Es artikuliert sich klassenüberschreitend, findet sich also in allen Einkommensschichten. Drei kleine Geschichten über drei, die ausgesorgt haben

Der Untere: Franz würde gerne, darf aber nicht

Franz (Name geändert), 58, drei Kinder, aus Berlin, lebt, inzwischen geschieden, seit 27 Jahren von Sozialhilfe. In dieser Zeit erlebte er, wie sich die Bedingungen zur Auszahlung ständig verschlechterten. Er weiß aber von Kollegen aus München und Hamburg, dass Berlin zum Bezug von Sozialhilfe nicht unbedingt der schlechteste Ort ist: "Es ist schon so, dass in Berlin politischer Druck besteht, die Hartz IV-Gesetze nicht zu restriktiv anzuwenden. Für Familien ist es nach wie vor akzeptabel."

Franz hat keine abgeschlossene Ausbildung, die ihm allerdings mit 58 Jahren auch nichts nützen würde. Die Jobangebote für Wachschutz und Lagerarbeit mit Nachtschicht und Führerschein Klasse III kann er ablehnen, da er keinen Führerschein hat. Und wegen attestierten Rückenproblemen. Franz hat Filme gemacht, gemalt und kleine Läden betrieben. Läden für Kunst, Trödel und den Plausch mit Nachbarn. Früher betrug die Miete dafür 250 Mark. Heute kosten solche Läden 700 Euro monatlich.

Wenn er so einen Laden bekäme, sagt Franz, eine kleine Galerie, einen Bürgerladen, würde er dort jeden Tag arbeiten. Auch zehn Stunden. Das liegt ihm. "Zu mir sind Mütter zum Kaffee trinken in den Laden gekommen. Rentner. Schulschwänzer. Nur zum Reden. Gekauft haben die nix."

Die Arbeitsagenturen haben darauf keine Antwort. Existenzgründer werden in Businessplan-Schulungen geschickt und können Bürgschaften bekommen. Aber ein Laden zum Plauschen ist als Business Case nicht vorgesehen. Das ist allerdings völliger Unsinn, denn Läden zum Plauschen senken die Opportunitätskosten des klammen Haushaltes der mit über 60 Milliarden Euro verschuldeten Hauptstadt des zumindest Netto-nominell reichsten Staates der Welt.

Früher, als noch nicht so streng geprüft wurde, konnte Franz den Laden mit Schwarzgewerbe quersubventionieren. "Ick habe natürlich nie in Umsatzsteuer mitjemacht", berlinert er. Heute wäre das strafbar.

Ist Franz in seiner Perspektivlosigkeit bewusst, dass er ausgesorgt hat? "Nee", erklärt er, "Icke würde jerne noch wat machen, een Laden ebent. Aber keene Kohle da." Franz stammt aus der Welt der Kieze des alten Westberlin. In die Welt der Dumpinglöhne für Ungelernte, wo längst Russen, Polen, Bulgaren, Rumänen als Konkurrenten auftreten, kann er nicht mehr eintreten. Und so wird Franz ein Hartz-IV-Rentner. Einer seiner Söhne studiert übrigens. Jura. Mit Bafög. Er hilft Papa schon bei den Einsprüchen gegen die Bescheide. Bisherige Erfolgsquote: 100 Prozent.

Ausgesorgt

Der Mittlere: Herbert würde gern, kann aber nicht

Der Obere: Richard muss nicht mehr, würde aber

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