Nach dem Fördermaximum

26.03.2013

Die Energie- und Klimawochenschau: Steigender Beitrag der Erneuerbaren, Frackingeuphorie schon wieder vorbei, fossile Energieversorgung in Zukunft nur etwas für Reiche

Die Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (AGEB) hat ihre Bilanz zum Primärenergieverbrauch 2012 in Deutschland vorgelegt. Im Vergleich zum Vorjahr stieg der Verbrauch demnach um knapp ein Prozent auf 13.645 Petajoule. Den Hauptgrund dafür sieht die AGEB im weiterhin hohen Verbrauch für Heizwärme in Gebäuden. So gingen von der kühlen Witterung unmittelbar verbrauchssteigernde Effekte aus, obwohl die wirtschaftliche Entwicklung leicht verbrauchsmindernd war.

Verhageltes Geschäft mit dem Spitzenstrom

Den größten prozentualen Zuwachs bei den Energieträgern verzeichneten der Arbeitsgemeinschaft zufolge erneuerbare Energien, die 8,1 Prozent mehr Energie als noch 2011 lieferten. Ihren Anteil am gesamten Energieverbrauch erhöhten sie dadurch von 10,8 auf nun 11,6 Prozent. Alle Erneuerbaren Energien (EE) zusammen genommen deckten 2012 27,6 Prozent des Bruttostromverbrauchs. Die Erzeugung von Solarstrom legte dabei um 44,3 Prozent zu. Der Primärenergieverbrauch aus erneuerbaren Energien wird nun zu 6,4 Prozent durch Photovoltaik gedeckt (2011: 4,8 Prozent), an der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien hat sie einen Anteil von 11 Prozent. Die Biomasse dominiert mit 57 Prozent Anteil weiter den Beitrag der erneuerbaren Energien zur Stromerzeugung.

Auffällig ist, dass, jeweils im Vergleich zu 2011, der Beitrag der Kernenergie mit 7,9 Prozent am stärksten fiel, Erneuerbare aber um 8,1 Prozent und der Anteil von Braun- und Steinkohle sogar um zusammen 8,4 Prozent zulegte. Die AGEB konstatiert, dass dies im Zusammenhang mit dem Anstieg der Stromexporte steht. Anscheinend suchen die Stromkonzerne das ihnen zunehmend durch Erneuerbare verhagelte Geschäft mit Spitzenstrom an den deutschen Börsen (durch dann reichlich vorhandenen Solarstrom) über den Stromexport zu kompensieren. Insgesamt stieg die inländische Energiegewinnung durch den Ausbau der Erneuerbaren und den Mehrverbrauch von Braunkohle 2012 weiter um 2,7 Prozent auf 4.365 PJ. Die Inlands-Ölgewinnung ist trotz der hohen Ölpreise gleich geblieben und die -Erdgasgewinnung um fast 13 Prozent gesunken.

Und die Klimaziele? Im Vergleich zum Primärenergieverbrauch sind die CO2-Emissionen überproportional um rund 1,9 Prozent angestiegen. Der Grund ist laut AGEB vor allem die überdurchschnittliche Zunahme des Verbrauchs an Stein- und Braunkohle. Das Kyoto Emissionsminderungsziel Deutschland für die Periode 2008 bis 2012 ist aber trotzdem erreicht worden.

Der Energieverbrauch aus Kernenergie fiel 2012 weiter um 7,9 Prozent, stieg aber bei den Erneuerbaren um 8,1 Prozent und Braun- und Steinkohle zusammen sogar um 8,4 Prozent. Grafik: M. Brake, Daten AGEB Jahresbericht 2012

Höchste Preise für Öl seit Gründung der Bundesrepublik

Verbraucher mussten für Kraftstoffe und Heizöl im Jahr 2012 die höchsten Preise seit Gründung der Bundesrepublik bezahlen. Gemessen am Index der Erzeugerpreise haben sich auch die Erdgaspreise für alle Verbrauchergruppen im Jahr 2012 stark erhöht. Bei der elektrischen Energie ist ebenfalls eine steigende Entwicklung zu verzeichnen, die allerdings bei den Sondervertragskunden seit Mitte 2011 eher eine stabile oder gar rückläufige Tendenz aufweist, während bei den Haushalten eine weitere Preissteigerung zu erkennen ist. Diese Entwicklung spiegelt die Ausdehnung der EEG-Umlagebefreiungen auf immer mehr Industriebetriebe wieder.

Seit der Ausweitung der Umlagebefreiungen für Industriekunden klaffen die bestehenden Preisunterschiede für Haushalte und Industriekunden immer weiter auseinader. Quelle: AGEB Jahresbericht

Die Preisentwicklung des Öls thematisierte ja auch die Energy Watch Group (EWG) erst gestern bei der Präsentation ihres Jahresberichts in Berlin. Die Studie verdeutlicht, dass billige und reichlich vorhandene fossile Energieträger zu Ende gehen und dass die Preissteigerungen der letzten zehn Jahre deutliche Vorboten der bereits einsetzenden Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage sind (Fördermaximum für fossile Brennstoffe wird 2020 erreicht). Hans-Josef Fell von der EWG geht davon aus, dass "spätestens der bald erwartete Rückgang der weltweiten Erdölförderung zu deutlichen Versorgungsproblemen führen wird. Über ein oder zwei Jahrzehnte betrachtet wird der Rückgang so groß werden, dass er nicht durch eine Substitution mit Erdgas und Kohle ausgeglichen werden kann. Auch die Kernenergie wird keinen wesentlichen Einfluss auf die zukünftige Energieversorgung haben."

Entwicklung und Prognose der Energy Watch Group der weltweiten Förderung fossiler und nuklearer Brennstoffe. Bild: EWG Studie Versorgungssicherheit

Deutlicher könnten sich die Einschätzungen von Internationaler Energieagentur (IEA) und EWG wohl kaum unterscheiden. Dabei basieren die Prognosen der IEA und der Energy Watch Group auf den gleichen Zahlen, dennoch könnte Ihr Tenor kaum unterschiedlicher sein. Die EWG versucht angesichts der Endlichkeit herkömmlicher fossil-nuklearer Energiequellen dafür zu aktivieren, dass jetzt der Zeitpunkt ist, die Techniken zu entwickeln, um die zeitlich unbegrenzten regenerativen Energiequellen nutzbar zu machen. Die IEA beschwört dagegen die Überlebensfähigkeit der bisherigen Nutzung endlicher Energiequellen. Auch sie räumt zwar ein, dass die größten, leicht zu explorierenden Lagerstätten ihren Förderhöhepunkt überschritten haben, doch nach Ansicht der IEA ist es vor allem eine Frage des technischen Aufwandes bisher nicht erreichbare neue Lagerstätten auszubeuten.

Peak-Oil bei der Nachfrage noch vor dem physischen Ende der Ressource Öl

In Verbindung mit mehr Effizienz beim Verbrauch sollen fossile Energien nach Meinung der IEA noch lange in die Zukunft ausreichen. Allerdings räumt auch die IEA ein, dass fossile Energie in Zukunft eine Preisfrage sein wird. Denn der zunehmende Aufwand für die Erschließung von Lagerstätten am Limit des technisch Machbaren (Tiefsee, Fracking von Kompaktgestein, tausendfache Bohrungen auf engem Raum) wird nach Ansicht der IEA die Preise kräftig steigen lassen, möglicherweise sogar so sehr, dass es Peak-Oil bei der Nachfrage eintritt, noch bevor die Ressource Öl physisch erschöpft ist.

Ist also die Energieversorgung à la IEA in Zukunft nur etwas für Reiche? Genau auf diesen Punkt wies die EWG bei ihrer Präsentation hin. Der Ölpreis habe sich seit Anfang der 90er Jahre rund verzehnfacht. Schon jetzt geraten ganze Staaten in die Verschuldungsfalle, indem sie versuchen, Energie durch Subventionen preislich niedrig zu halten. Typische Instrumente dazu sind Steuerentlastungen, Finanztransfers, günstige Kredite, die Übernahme von Gewährleistungen und Risiken durch die Regierung. Und die Kosten der Subventionen für fossile Brennstoffe haben sich infolge gestiegener Ölpreise erhöht. Die IEA errechnete, dass 2011 die fossilen Energieträger mit 523 Mrd. $ oder 30% mehr als noch 2010 subventioniert wurden. Deutliche Vorzeichen der sich verknappenden Öl- und Gas-Ressourcen, selbst die IEA sieht hier bereits eine Diskrepanz zwischen Energieangebot und -nachfrage von 15 Prozent.

Doch wie geht die IEA mit dieser Erkenntnis um? Sie propagiert in ihrem "Efficient World Scenario", dass dann, wenn sich das Wachstum des weltweiten Primärenergieverbrauchs bis 2035 um die Hälfte reduzieren ließe, dies zu einem Rückgang der Fördermenge führen würde, so dass sich der Druck zur Entdeckung bzw. Erschließung neuer Vorkommen verringern könnte. Aber wie wahrscheinlich ist eine Halbierung des weltweiten Primärenergieverbrauchs angesichts eines jährlich weltweit um rund 2,5 Prozent steigenden Energieverbrauchs? Dabei zeigt überedies der Pro-Kopf-Energieverbrauch, dass Länder wie China, Indien und viele andere, im Vergleich zu den OECD-Staaten noch gar nicht richtig losgelegt haben.

Länder wie China, Indien und viele andere haben im Vergleich zu den OECD-Staaten in Sachen Energieverbrauch noch gar nicht richtig losgelegt. Die Effizienzhoffnungen der IEA sind daher nicht realistisch. Energieverbrauch in Tonnen Öl pro Kopf. Bild: BP World Energy Review 2011

Man muss sich dem Wandel stellen

Die Energy Watch Group zieht deshalb ganz andere Schlüsse aus den Zahlen: "Wir halten es für sehr wahrscheinlich, dass die Welterdölförderung am Maximum angekommen ist und in den nächsten Jahren zurückgehen wird. Und zwar deutlich zurück gehen wird."

Nach der EWG-Prognose geht die Förderung bis circa 2030 um etwa 40 Prozent gegenüber 2012 zurück. Dem Wandel müsse man sich stellen. Werner Zittel, Autor der EWG-Studie:

Je länger wir versuchen und es vielleicht doch noch hinkriegen, das Niveau - das heutige Förderniveau - zu halten, umso stärker wird der Förderrückgang danach sein.

Und auch den in den letzten Monaten geschürten Hoffnungen, Fracking könne weltweit die Ausbeute an Öl- und Gas wesentlich steigern, wiederspricht die EWG.

Die konventionelle Erdgasförderung ist sowohl in Nordamerika als auch in Europa bereits im Förderrückgang. Weder leichtes Tight Oil in den USA, noch Schiefergas werden ein sogenannter Game-Changer sein. Sie können ein paar Jahre den Eindruck vermitteln, als ob es wieder eine Umkehr gäbe. Aber dafür kommt der Absturz dafür umso stärker. … Mit viel Aufwand und viel Kollateralschäden.

Werner Zittel

Das zeigt sich deutlich im "Fracking-Wunderland" USA. Dort war die Ausweitung des Fracking nur deshalb möglich, weil 2005 mit dem "Energy Policy Act" die Umweltstandards ausgehebelt wurden. Im Barnett Shale wurden beispielsweise bis zum Endes des Jahres 2010 auf einer Fläche von 13.000 Quadratkilometern fast 15.000 Bohrlöcher in die Erde getrieben, also etwa auf der Fläche Schleswig-Holsteins. Ein immenser Aufwand und durch das Fracking und Einpressen der Chemikalien eine Riesenumweltsauerei. Das wäre wirklich ein schmutziges Ende des fossilen Zeitalters.

Deshalb sollte der weltweite Energiewandel jetzt beginnen. Und hier sind sich die Verantwortlichen von EWG und IEA dann doch wieder einig, denn auch das eindringliche Fazit des IEA-Chefökonom Fatih Birol lautete: "Ich denke, wir sollten das Öl verlassen, bevor das Öl uns verlässt."

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