"Eine ganze Generation früh gestörter Kinder"

11.04.2013

Interview mit Günter Buchholz über Gleichberechtigung, die veränderte Rolle der Frau, öffentliche Kinderbetreuung und den Mindestlohn. Teil 1

Der emeritierte BWL-Professor Günter Buchholz vertritt die These, dass sich die Frauenbewegung weg von der Idee der Emanzipation für alle Evastöchter hin zu einer Kampagne zur Privilegierung weniger Frauen im Dienste der Eliten umorientiert und sich die Politik für Gleichberechtigung in eine Gleichstellungspolitik gewandelt hat. Außerdem vermag er in der öffentlichen Kinderbetreuung, welche gemäß der von Arbeitsministerin von der Leyen prognostizierte Entwicklung: "Arbeit wird weiblicher, bunter, älter" die Eingliederung der Frauen in den Arbeitsmarkt unterstützen soll, wenig Positives zu erblicken.

Herr Professor Buchholz, Sie schreiben: "Männer und Frauen sind in unserem Land nicht gleichgestellt, sondern gleichberechtigt, und dies tatsächlich. Jedem Mann und jeder Frau stehen grundsätzlich jegliche Bildungs-, Berufs- und Entwicklungsmöglichkeiten offen. Diese Freiheit in solcher oder anderer Weise zu nutzen, ist jedem Mann und jeder Frau selbst überlassen." - Ist es aber nicht so, dass die Frauen, sobald sie Kinder bekommen, diese Freiheit nicht adäquat nutzen können, weil es zuallererst an Krippen-, Kindergarten- und Hortplätzen mangelt?

Günter Buchholz: Allgemein sollte man sich vergegenwärtigen, dass alle Entscheidungen für etwas immer mit dem Verzicht auf etwas anderes verbunden ist, und zwar auch dann, wenn das nicht beabsichtigt war. Von Karl Lagerfeld stammt eine Bemerkung, die er im Fernsehen machte, als er gefragt wurde, wie es denn bei ihm mit Familie sei: "Nein! Nein, nein! Man kann nicht alles haben!" Ein weiser Satz, ich habe ihn mir gemerkt, denn er ist universell gültig. Wer sich in der gesellschaftlichen Welt, so wie sie bis heute ist, für eine anspruchsvolle und verantwortliche Berufstätigkeit entscheidet, der kann sich nicht gleichzeitig intensiv familiär engagieren und ebenso umgekehrt.

Dieser Widerspruch wurde in den ersten beiden Jahrzehnten der Bundesrepublik meist noch dadurch gelöst, dass sich die Frauen als Mütter meist mehrerer Kinder ganz der Familie widmeten. Das kam den Kindern in ihrer primären und sekundären Sozialisationsphase zugute, aber die Frauen verzichteten damit auf eine eigenständige berufliche Tätigkeit. Und dieser Verzicht war objektiv mit einer ökonomischen Abhängigkeit verbunden, die zum Problem werden konnte, wenn dieses tradierte komplementäre Rollenmodell nicht mehr funktionierte. Was zuvor eine gesellschaftliche akzeptierte und sinnvolle Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern innerhalb einer Familie gewesen war, erschien nun als Abhängigkeit und Beschränkung auf die gesellschaftliche Rolle als Hausfrau und Mutter.

Historisches Novum Pille

Welche Faktoren spielten bei dieser Entwicklung eine wesentliche Rolle?

Günter Buchholz: Es gab das historische Novum, dass die Frauen durch die Erfindung der empfängnisverhütenden Pille ab 1960 von der zuvor als schicksalhaft erlebten Folge unkontrollierter Schwangerschaften und Geburten befreit wurden. Es war bis dahin, insbesondere im 19. Jahrhundert, nicht ungewöhnlich, wenn eine Frau Jahr für Jahr schwanger wurde und gebar, und das zwanzig oder sogar fünfundzwanzig Jahre lang. Die allermeisten Neugeborenen starben im Säuglingsalter, meist blieben von einer zweistelligen Zahl Neugeborener fünf bis sieben Überlebende. Nicht selten starben die jungen Mütter selbst schon im Kindbett.

Die Kontrolle über die Empfängnis hat daher eine völlig neuartige Freiheit für die Frauen mit sich gebracht, eine Freiheit, die die Frage aufwarf, was mit der zu Lasten der Schwangerschaften gewonnenen Lebenszeit anzufangen sei. Die Antwort lag nahe: in einer Aktivität außerhalb der häuslichen Sphäre, im beruflichen Leben der Gesellschaft. Dazu war selbstverständlich eine entsprechende schulische und eine berufliche, sowie eine akademische Qualifizierung erforderlich, aber dabei stehen den Mädchen und jungen Frauen in der Bundesrepublik Deutschland keine rechtlichen oder institutionellen Hindernisse im Wege.

Das ändert sich aber, sobald die Frauen Kinder bekommen...

Günter Buchholz: Wenn junge Frauen heutzutage berufstätig sind und sie aufgrund ihrer Qualifikation in ihrem Beruf Karriere machen wollen, dann ist das völlig legitim. Sie geraten allerdings in einen Widerspruch und einen Zwiespalt, sobald sich ein Kindeswunsch einstellt. Denn eine Familiengründung und die Geburt eines Kindes führt zu einer Unterbrechung der kontinuierlichen beruflichen Tätigkeit, und diese wirkt sich tendenziell nachteilig für die spätere erneute berufliche Tätigkeit der Frau oder für ihre Karriere aus.

Der Grund hierfür liegt darin, dass die berufliche Sphäre von betriebswirtschaftlichen Kalkülen und vom Profitmotiv beherrscht wird, für die familiäre Auszeiten eine Privatangelegenheit sind. Tatsächlich ist das Entscheidungsproblem der Frau ein klarer Zielkonflikt, so dass sie eben unter Inkaufnahme der jeweiligen Konsequenzen selbst entscheiden muss, ob sie das eine Ziel verfolgen will, die Karriere, oder aber das andere Ziel, die Familie.

Nicht wenige Frauen wählen jedoch, wenn möglich, einen Kompromiss, nämlich die Teilzeitarbeit (in der Regel Lohnarbeit) in Kombination mit ihrer Tätigkeit in der Familie. Wie in diesen Fällen die Gewichte der Motivation auf beide Bereiche verteilt werden, das ist meines Erachtens eine individuelle Frage. Da allerdings Lohnarbeit bekanntlich unter entfremdeten Bedingungen vonstatten geht, wäre es nicht verwunderlich, wenn diese Frauen sich mit ihrer Motivation primär der Familie zuwenden.

Wenn es nicht so ist, und insbesondere dann, wenn die Teilzeitarbeit keine befriedigende Option darstellt, dann erst stellt sich die von Ihnen eingangs formulierte Frage. Denn wenn das Hauptaugenmerk der Motivation der Frauen nicht auf der familiären, sondern auf der beruflichen Seite liegt, dann erscheint das Kind als Hemmnis, Begrenzung und Last, die abgewälzt werden muss, und zwar entweder - innerhalb der Familie - auf andere Familienmitglieder, oder, wenn diese fehlen, außerhalb der Familie, auf gesellschaftliche Betreuungseinrichtungen.

Ein Kind, das - zwar nicht nur, aber eben doch - als eine Last erlebt und empfunden wird, ist aber in keiner beneidenswerten psychischen Ausgangslage. Und die kollektive Betreuung von Kindern durch Fremde unter der Randbedingung entfremdeter Lohnarbeit lässt auch wenig Gutes erwarten, und das gilt selbst dann, wenn die Betreuungseinrichtungen sachlich und personell sehr gut ausgestattet wären, wovon real keinesfalls ausgegangen werden kann.

"Freiheit und Verantwortung sind zwei Seiten der Medaille"

Sie stehen also der öffentlichen Kinderbetreuung kritisch gegenüber?

Günter Buchholz: Einen Moment. Erst will ich noch einen weiteren Gedanken anbringen: Die Schärfe der Problematik wird überhaupt erst deutlich, wenn berücksichtigt wird, dass das Hirn des Neugeborenen im ersten Lebensjahr noch unreif und besonders plastisch ist. Dass bedeutet, dass das Urvertrauen von einer gelingenden Interaktion vorrangig mit der Mutter während der Stillzeit und danach und der sich daraus ergebende Bindung abhängig ist. Ferner ist wesentlich, dass die charakterliche, das gesamte spätere Leben bestimmende Prägung der Psyche sich in den ersten sechs Lebensjahren vollzieht.

Wenn sich diese so unerhört wichtige Lebensphase nun in gesellschaftlichen Betreuungseinrichtungen fragwürdiger oder ungewisser Qualität, in jedem Fall aber unter Bedingungen entfremdeter Lohnarbeit vollzieht, dann ist ziemlich klar, was erwartet werden muss: eine ganze Generation früh gestörter Kinder nämlich, denen die Chance zu einer gedeihlichen Persönlichkeitsentwicklung von Anfang an entzogen wurde. Und das nur deshalb, weil die Verfügbarkeit weiblicher Arbeitskraft subjektiv und objektiv und in kurzfristiger Perspektive als wichtiger behandelt worden ist. Aber dieser störende Aspekt wird in der gesellschaftlichen und medialen Debatte völlig unterschlagen und verdrängt, und zwar deswegen, weil die ebenso ökonomistisch wie egoistisch verursachte tiefe Inhumanität, die sich hier Bahn bricht, nicht erkennbar werden soll.

Aus dieser Perspektive wäre es besser, die schwerpunktmäßig berufsorientierten Frauen bekämen keine Kinder, die, wenn sie doch zur Welt kommen, nur das traurige Schicksal erleiden, in staatlichen Einrichtungen mehr schlecht als recht verwahrt zu werden. Es muss ja heute niemand mehr Kinder bekommen, aber wenn man Kinder haben will, oder wenn man sie hat, dann ist damit eine Verantwortung für die Kinder verbunden, an der sich egoistische Kalküle brechen. Wer ihnen dennoch Raum gibt, der handelt nicht im Interesse und nach den Bedürfnisse der neuen Generation, und eben das ist moralisch zutiefst verwerflich. Freiheit und Verantwortung sind zwei Seiten der Medaille.

"Der Wert der Ware Arbeitskraft wird in einem großen Arbeitsmarktsegment nicht mehr bezahlt"

Die Tage als der Mann das Geld nach Hause brachte und die Frau sich um den Haushalt und die Kinder kümmerte und somit eine klare Rollenverteilung herrschte sind schon lange vorbei. Jetzt müssen auch die Frauen für den Haushalt Geld heranschaffen, während aber die Mühe mit den Kindern: die Schwangerschaft, Mutterschaft, das Stillen etcetera an ihnen hängen bleibt. Muss die Politik auf diese biologische Benachteiligung im Arbeitsleben der Frauen nicht mit einer besonderen Gesetzgebung reagieren?

Günter Buchholz: Es gab tatsächlich eine Zeit, in der die Männer einen vollen Arbeitsplatz ausfüllten und damit ein hinreichendes Familieneinkommen erwirtschafteten, während sich die Frauen um die Familien kümmerten - was bei mehr als ein oder zwei Kindern eine herausfordernde Aufgabe war.

Offenbar ist es jetzt nicht mehr so, was sicherlich mit der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung der letzten Jahrzehnte und insbesondere mit der fabelhaften Agenda 2010 des Altkanzlers Schröder (SPD) zu tun hat. Es ist bekanntlich so, dass durch diese Politik des Kapitals ein breiter Niedriglohnsektor geschaffen worden ist, dessen Arbeitsverhältnisse für beide Geschlechter durch Leiharbeit, befristete Arbeitsverhältnisse etcetera sowie Löhne unterhalb des Existenzminimums gekennzeichnet sind. Bereits daraus ergibt sich, dass der Blick auf nur ein Geschlecht am Problem völlig vorbei geht.

Der Wert der Ware Arbeitskraft wird in diesem großen Arbeitsmarktsegment nicht mehr bezahlt, der Preis liegt oft weit unter dem Wert, und die Gesellschaft der Steuerzahler wird herangezogen, die Lücken mit staatlich vermittelten Transferzahlungen zu schließen, wodurch die Lohnpolitik der Unternehmen noch subventioniert wird. Wegen der politisch gewollten Schwächung der Gewerkschaften kann - kurzfristig gesehen - die Lösung nicht mehr von deren Tarifpolitik kommen, sondern nur durch einen Mindestlohn in hinreichender Höhe. Dieser würde allen Haushalten helfen, in denen jetzt kein ausreichendes Lohneinkommen erzielt werden kann. Er würde die effektive Nachfrage und damit den Binnenmarkt stärken und einen Beitrag zur Reduzierung des ausgeprägten Exportüberschusses liefern, ebenso wie er der anhaltenden Umverteilung von unten nach oben entgegen wirken würde.

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