Konkurrenz der Netzwerke

12.04.2013

Interview mit Günter Buchholz über die Frauenquote, Gender-Mainstreaming und postmoderne Soziologie. Teil 2

Die Frauenquote wurde als politischer Kompensationsmechanismus gegen die Unterrepräsentanz weiblicher Arbeitskräfte in bestimmten Bereichen der Wirtschaft konzipiert. Resultat ist jedoch nach Günter Buchholz kein emanzipatorisches Projekt, sondern ein raffinierter Selektionsmodus, der nicht nur von grundlegenderen Konflikten in der Gesellschaft ablenkt, sondern Frauen aus den gehobenen sozialen Segmenten weiter privilegiert und dabei die Männer massiv benachteiligt.

Herr Buchholz, unbestreitbar gibt es in Unternehmen gläserne Decken und "Old Boys-Networks". Wie kann man außer mit einer Frauenquote gegen diese Strukturen angehen?

Günter Buchholz: Unbestreitbar? Nur Vorurteile sind unbestreitbar! Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keine sogenannten gläsernen Decken! Fabian Ochsenfeld hat hier für Klarheit gesorgt; er schreibt: "Die von vielen organisationssoziologischen Studien benannten Mechanismen Homophilie, allokative und statistische Diskriminierung haben in der vorliegenden Studie keine Erklärkraft für das Zustandekommen von Geschlechterungleichheit.

Der "gender gap" wird hingegen vollständig durch zwei außerbetriebliche Faktoren erklärt: Neben der Selbstselektion von Frauen und Männern in verschiedene Studiengänge erklären die geschlechtsspezifischen Folgen einer Familiengründung den Hauptanteil. Unsere Resultate zeigen, dass Mutterschaft für Frauen mit einer knappen Halbierung der Wahrscheinlichkeit assoziiert ist, zehn Jahre nach dem Examen eine erste Managementposition inne zu haben. Wir argumentieren, dass Familienpolitik und die Verfügbarkeit von Kinderbetreuungsplätzen die Größe des "mother gap" moderiert. Entsprechend erweist sich dieser bei ersten Managementpositionen in den neuen Bundesländern kleiner als in den alten."

Ob es "Old-Boys-Networks" gibt oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Ich kenne so etwas nicht. In meinem ganzen langen Berufsleben als Unternehmensberater in der Privatwirtschaft und als Hochschullehrer an unseren Hochschulen ist mir ein solches Netzwerk nicht begegnet. Dennoch will ich hier nicht ausschließen, dass es so etwas geben mag, aber es müsste erst einmal nachgewiesen werden, ob und in welcher Art und Weise solche Netzwerke bedeutungsvoll sind. Vielleicht handelt es dabei auch lediglich um eine feministische Phantasie, ähnlich der projektiven Verdächtigung der Freimaurer durch die Antisemiten.

Was ich hingegen sicher weiß ist, dass es in Deutschland sehr wirksame und einflussreiche feministische Netzwerke gibt, zum Beispiel die Gender - Professorinnen, die Organisation der Frauenbeauftragten, die heute irreführend Gleichstellungsbeauftragte genannt werden, die feministischen Unterorganisationen in fast allen Parteien und in den Nicht-Regierungsorganisationen (NGO´s) bis hin zu attac, in den Parteistiftungen, in den Gewerkschaften und in den Kirchen. Das ist grundsätzlich alles leicht verifizierbar, auch wenn die kommunikativen Prozesse selbstverständlich verdeckt bleiben. Deshalb empfehle ich, sich an den Tatsachen zu orientieren. Und die zeigen mehr oder weniger das genaue Gegenteil dessen, was in der Frage anklingt.

"Falls das hier tatsächlich charakteristisch für die postmoderne Soziologie sein sollte, dann schlage ich vor, umgehend die gesamte Literatur aus dieser Quelle dem Altpapiercontainer zu übergeben"

In dem Buch Qualifikation statt Quote führen Sie aus, dass die Frauenquote keine emanzipatorische, sondern eine Klientelpolitik für einen relativ kleinen Kreis von privilegierten Frauen ist. Können Sie uns das näher erläutern?

Günter Buchholz: Emanzipation, die Befreiung aus unfreien Verhältnissen, ist - dem Marxschen Imperativ entsprechend - immer ein linkes Anliegen. Soweit Frauen in unfreien beziehungsweise abhängigen Verhältnissen - hier der Ehen der 50er und 60er Jahre - lebten, konnte das Heraustreten aus diesen Verhältnissen, wenn auch nicht ohne Einseitigkeit, zwar als Emanzipation verstanden werden. Auf die Kehrseite dieses Prozesses habe ich aber oben bereits hingewiesen: die Frauen traten in eine von Lohnarbeit und Entfremdung bestimmte Berufswelt ein, und insoweit kann von einer Emanzipation gar keine Rede sein.

Wir leben in einer sehr ausgeprägt stratifizierten Gesellschaft. Die vermögende Oberschicht ist auf keinerlei Berufstätigkeit oder gar Karrieren angewiesen, betätigt sich aber dennoch gelegentlich direkt im beruflichen Feld, wie zum Beispiel Ferdinand Piëch mit Gattin im Aufsichtsrat des VW-Konzerns. Demgegenüber leben die lohnabhängigen Männer und Frauen im Niedriglohnsektor perspektivlos und unter extrem abhängigen Bedingungen; wie zum Beispiel Emmely. Für diese viele Millionen Menschen - unabhängig von ihrem Geschlecht - gibt es praktisch keine berufliche Chancen. Erst recht gibt es keine Aussicht auf Karriere oder gar auf sozialen Aufstieg. Deshalb ist auch Bildung - außer für wenige Individuen - für sie kaum eine Option. Sie sind einfach die working poor. Und sie sollen es aus Sicht der Oberschicht auch bleiben. Einzig der Mindestlohn vermag kurzfristig, ihre Lage zu bessern.

Nur im dazwischen liegenden Angestelltenmilieu gibt es überhaupt eine kausale Verbindung zwischen allgemeiner und speziell beruflicher Bildung und beruflichen Chancen. Dies in dem Sinne, dass eine berufliche Qualifizierung eine gewisse Chance - aber keine Garantie - in sich birgt, innerhalb dieser lohnabhängigen Mittelschichten, die sich nach unten strikt abzugrenzen suchen, sozial ein Stück weit aufzusteigen, oder aber sich als Freiberufler zu etablieren, als Arzt, als Rechtsanwalt, als Architekt etcetera.

Nur für diese teils lohnabhängigen, teils selbständigen "mittleren" Schichten ist die Gleichstellungspolitik überhaupt von Bedeutung. Sie ist tatsächlich eine Lobbypolitik einer Minderheit von frauenpolitisch gut organisierten Frauen, die im wesentlichen der oberen Mittelschicht angehören, und die ihre speziellen Karriereinteressen außerhalb der Konkurrenz und zu Lasten konkurrierender Männer durch Anwendung von Frauenquoten fördern wollen. Die Diskriminierung von Männern wird dabei entweder billigend in Kauf genommen oder sogar bewusst angestrebt.

Linke Politik ist aber eine Politik der Beseitigung von Diskriminierung und gerade nicht eine Politik der Privilegierung, die außerdem und zugleich eine Politik der Diskriminierung ist. Daher handelt sich bei der Gleichstellungspolitik, die unter der Überschrift "Gender Mainstreaming" seit Mitte der 90er Jahre "top down" immer intensiver umgesetzt wird, objektiv um eine rechte Politik. Nicht zufällig wird sie von Frauen des rechten politischen Spektrums (zum Beispiel von Frau von der Leyen) besonders forciert.

Eine rechte Politik wird nicht dadurch zu einer linken Politik, dass sie auch von Mitte-Links Parteien betrieben wird. Es sollte, insbesondere von den GRÜNEN, sowie von der Sozialdemokratie und der LINKEN, der Irrtum erkannt werden, der darin besteht, diese Politik für eine linke, emanzipatorische und unterstützenswerte Politik zu halten. Die PIRATEN haben bisher diesen Irrtum vermieden; zu hoffen ist, dass es dabei bleibt.

Die Politik der Mitte-Links-Parteien sollte sich zukünftig besser ernsthaft mit den oben benannten Problemen der Lohnabhängigen befassen. Sie stellen die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung dar, und sie verfügen kaum über finanzielle Reserven. Ihre Probleme sind hauptsächlich ökonomisch, sozial, ethnisch und kulturell bedingt, und den damit im Zusammenhang stehenden Problemen sollte sich die politische Linke (im weiteren Sinne) endlich wieder zuwenden, anstatt das egoistisch-diskriminierende Geschäft ambitionierter Bürgerinnen zu betreiben.

Die postmoderne Soziologie behauptet, dass es gar keine biologischen, sondern nur gesellschaftlich produzierte Unterschiede zwischen Mann und Frau gäbe. Gleichzeitig setzen sich genau diese Leute vehement für eine Frauenquote ein. Der Münchner Soziologie-Professor Armin Nassehi hat diese Position in den Satz: "Diese Stelle muss von einer Frau besetzt werden, weil das Geschlecht keine Rolle spielen darf." zusammengefasst. Wie interpretieren Sie dieses Dilemma?

Günter Buchholz: Es gibt gar "keine biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau", und die Erde ist eine Scheibe. Es ist hochgradig blödsinnig, jemanden, der zum Beispiel sagt, Männer seien anders als Frauen, deswegen politisch rechts einzuordnen. Das Anderssein von Männern und Frauen ist sowohl biologischer wie auch gesellschaftlicher Natur. Das ist eigentlich nicht schwer zu begreifen. Und es ist evident. Was Professor Doktor Armin Nassehi geschrieben hat, das ist meines Erachtens kein Dilemma, sondern es ist entweder bloß unlogisch, unsinnig und falsch, oder es ist schizophren. Ich überlasse es Ihnen. Falls das hier tatsächlich charakteristisch für die postmoderne Soziologie sein sollte, dann schlage ich vor, umgehend die gesamte Literatur aus dieser Quelle dem Altpapiercontainer zu übergeben.

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