Nur Frauen erlaubt

05.04.2013

Die Kreuzberger Grünen wollen den neuen Platz am Jüdischen Museum nicht nach Moses Mendelssohn benennen

In der Nähe des Jüdischen Museums an der Kreuzberger Lindenstraße entstand durch bauliche Maßnahmen ein neuer Platz. Darum, wie er heißen soll, ist ein Streit entbrannt.

Das Museum wünscht sich als direkter Anwohner die späte Ehrung eines Berliners, den man zu Lebzeiten eine Anerkennung wie die Aufnahme in die Preußische Akademie der Wissenschaften versagte. Das dafür verantwortliche Veto des Preußenkönigs Friedrich II. hatte seine Ursache darin, dass der 1729 in Dessau geborene Moses Mendelssohn nicht nur ein wichtiger Philosoph war, sondern auch jüdischen Glaubens. Erst 1842, 71 Jahre später, gelang dem Elektrophysiker Peter Theophil Riess als erstem Juden die Aufnahme.

Johann Caspar Lavater (rechts) im Disput mit Moses Mendelssohn (links). Stehend: Gotthold Ephraim Lessing. Gemälde von Moritz Daniel Oppenheim (1856).

Der Wunsch des Museums stieß jedoch auf den Widerstand der Kreuzberger Grünen, die in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) eine relative Mehrheit haben. Dort hieß es, man habe 2005 beschlossen, bei Neu- und Umbenennungen von Straßen "ausschließlich Frauen als Namensgeberinnen zu ehren, bis im Bezirk ein angemessener Proporz männlicher und weiblicher Namen im öffentlichen Raum gegeben ist", und stehe zu diesem Beschluss auch "voll und ganz". Die Berliner Zeitung rief auf die Erklärung der Grünen hin ins Gedächtnis, dass man beim Studentenführer Rudi Dutschke und beim Hausbesetzer-"Märtyrer" Silvio Meier Ausnahmen von dieser Regel machte. Doch Mendelssohn finden die Grünen offenbar nicht so wichtig wie Dutschke und Meier. Darüber, warum das so ist, lässt sich trefflich spekulieren.

Vielleicht liegt es ja daran, dass für den Großvater des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy die Quintessenz der Aufklärung die Redefreiheit war, die er auch aus edlen Motiven heraus nicht eingeschränkt sehen wollte. Oder daran, dass dieser den Verzichtsprediger Jean-Jacques Rousseau, einen der Großväter der Öko-Ideologie, zwar übersetzte, aber gleichzeitig dessen wichtigste Prämissen als Einbildung entlarvte. Mit politischen und gesellschaftlichen Empfindlichkeiten hatte der Autor des Phaedon auf jeden Fall schon zu seinen Lebzeiten zu kämpfen, als ihn beispielsweise der kalvinistische Pfarrer und bekannte Physiognomiker Johann Caspar Lavater in einer vergifteten Aufforderung zum Wettstreit dazu drängte, das Christentum entweder offen zu widerlegen oder zu konvertieren.

Es liest sich (bis auf die Gender-Ortographie) fast ein bisschen wie ein Edikt Friedrichs II. an seine Untertanen, wenn die Grünen schreiben, man sei "jedoch [...] auch stets bestrebt, die betroffenen AnwohnerInnen und Gewerbetreibenden in angemessener Form anzuhören und an der Namensfindung zu beteiligen". Deshalb habe man dem Jüdischen Museum Regina Jonas als Patronin des Platzes angedient, die erste deutsche Rabbinerin. Weil das Museum allerdings weiter Mendelssohn bevorzuge, sei in der Bezirksversammlung (in der die Grünen für absolute Mehrheiten auf Stimmen aus anderen Parteien angewiesen sind) noch keine endgültige Entscheidung gefallen.

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