Die Bitcoin-Blase

09.04.2013

Während die jüngste Kursexplosion einen entscheidenden Konstruktionsmangel offen legt, dürfte das enorme Potential einer Cyber-Währung den Behörden zusehends Sorgen bereiten

Wenn sich ein Börsenkurs innerhalb von wenigen Wochen vermehrfacht, dann ist in der Regel Vorsicht angebracht. Das trifft auch die wichtigste Cyber-Währung Bitcoin, die zusehends unter Blasenverdacht gerät.

Immerhin wurde eine Bitcoin 2010 für wenige Cents und jetzt zu Jahresbeginn noch immer mit nur rund 13 Dollar gehandelt. Dann war der Kurs bis 3. April aber mit zunehmender Dynamik auf 147 Dollar angestiegen, was nicht nur für viel mediale Aufregung sondern offenbar auch das Interesse von gegnerischen Hackern erregt hat. Denn daraufhin erfolgte ein DOS-Angriff auf wesentliche Handels- und Speicherinfrastrukturen, wobei etwa die wichtigste Handelsplattform Mt. Gox und die Bitcoin-Speicher Instawallet sowie Bitcoin-Central/Paytunia offline gingen. Bislang aber ist noch nicht bekannt, ob Bitcoin-Eigentümer dadurch nun tatsächlich Verluste erlitten haben. Jedenfalls ging der Kurs abrupt bis auf 115 Dollar zurück, stabilisierte sich dann aber wieder über 120 Dollar.

Indes waren die laut Bloomberg zuletzt im Gegenwert von 1,4 Milliarden Dollar umlaufenden Bitcoins zu Jahresbeginn noch kaum 200 Millionen wert, weshalb hier wohl tatsächlich von einer Blase gesprochen werden muss, deren Platzen Späteinsteigern noch herbe Verluste bereiten könnte. Während Spekulationsblasen für gewöhnlich aber irgendeiner phantastischen Story bedürfen, soll Medienberichten zufolge allein die Zypernkrise für die Kursexplosion bei der Peer-to-Peer-Währung verantwortlich gewesen sein. Dafür spreche, dass gerade in Südeuropa besonders große Nachfrage nach Bitcoins geherrscht habe.

Das ist insofern nicht ganz unplausibel, weil das Bauprinzip von Bitcoin das Geldmengenwachstum streng limitiert, so dass auch ein geringfügiges Ansteigen der Nachfrage den Kurs explodieren lassen kann. Soll eine Cyberwährung, die grundsätzlich gegen eine offizielle Währung getauscht werden kann, aber in größerem Umfang Geldfunktionen übernehmen, müsste zuerst einmal ein Mechanismus geschaffen werden, der das Geldangebot der Geldnachfrage besser anpasst als das bestehende System. Dieses dürfte mit steigender Transaktionszahl zwar auch mehr Bitcoins produzieren (die für online gestellte Rechnerleistung ausgeschüttet werden), anscheinend reicht das aber nicht aus, um damit umzugehen, wenn die Nachfrage von Außerhalb des Systems überhand nimmt oder einbricht.

Andernfalls würde das Austauschverhältnis zur Realwährung so sehr und zudem weitgehend irrational schwanken, dass die Brauchbarkeit der Cyberwährung für Transaktionszwecke wie für die Aufbewahrung von Kaufkraft zumindest zweifelhaft wäre. Schließlich werden die meisten Nutzer vorerst auch in einer Realwährung operieren müssen und in der Regel einen eher stabilen Wechselkurs wünschen, besonders wenn sie auf beiden Seiten von Angebot und Nachfrage stehen.

Wenn ein Web-Shop etwa diesen Januar irgendwelche IT-Leistungen eingekauft und vereinbart hätte, diese Ende April in Bitcoin zu bezahlen, dem wird zu wünschen sein, dass er dies nicht aus eigenen Verkäufen gegen Bitcoins zu beziehen gedachte, da diese aktuell vermutlich eher spärlich hereinkommen. Der IT-Dienstleister könnte mit ein wenig Glück seine Umsatzziele für heuer bereits erreicht haben, insbesondere wenn der Kurs bis zum Zahlungstermin weiter steigt und der Vertrag erfüllt wird.

Gefahr für den Staat?

Ob sich indes viele Bitcoin-Nutzer finden werden, denen derartige Unsicherheiten egal sind oder die bewusst auf eine für sie vorteilhafte Kursentwicklung spekulieren wollen, ist zwar fraglich, angesichts der vergleichsweise minimalen Bitcoin-Geldmenge ist aber klar, dass selbst geringfügige Nachfrageschwankungen von der Realgeldseite enorme Kursausschläge verursachen können. Kommt es aber weiterhin zu derart erratischen Schwankungen, wird sich Cybermoney kaum als ernsthafter Konkurrent zu den realen Währungen etablieren können, und noch weniger, wenn sich auch die Transaktions- und Speicherinfrastruktur als angreifbar erweist.

Das dürfte die Behörden wohl ziemlich erleichtern. So hatte die EZB schon letzten November vor CyberMoney gewarnt (EZB gegen Cybermoney), während ein Bloomberg-Kommentar darin mittlerweile eine Gefahr für den liberalen Rechtsstaat sieht, weil Transaktionen nicht besteuert werden könnten.

Immerhin würde hier ein Transaktionskreislauf entstehen, der vom Staat (bislang) nicht kontrolliert werden kann, was die Möglichkeiten der Besteuerung erheblich einschränkt. Nun könnte ein Staat zwar immerhin verfügen, dass alle Wechselgeschäfte von Bitcoins mit Realwährung gemeldet werden müssten, so dass die Nutzer dann gefragt werden könnten, woher sie diese hätten, was anscheinend gerade in den USA vorgeschrieben werden soll. Anders als bei über Bankkonten abgewickelten Geschäften müssten die Behörden aber wohl an die Computer der jeweiligen Transaktionspartner, um etwaige Geschäfte aufzuspüren. Da man auch kaum mit einem Koffer voller Bitcoins erwischt werden kann, dürfte die Cyberwährung für unversteuerte oder illegale Geschäfte wohl noch brauchbarer sein als Bargeld. Nur dürfte das für die potentiellen Nutzer wohl keine Rolle spielen, wenn sie nicht wissen können, ob sie in vier Wochen tausend, zehntausend oder gar keine Dollars für ihre Bitcoinguthaben erhalten - womit der Appeal der Cyberwährung für reale Geschäfte vorerst eher beschränkt sein dürfte.

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