Neue Sprache für den Drogenkrieg gesucht

Die mexikanische Regierung plant einen Paradigmenwechsel in ihrer Informationsstrategie über den Drogenkrieg

Schon bei Amtsantritt im Dezember 2012 hatte der mexikanische Präsident Enrique Peña Nieto seinem Volk eine radikale Wende im Kampf gegen die Drogenkartelle versprochen. Zu viel Militärgewalt habe sein Amtsvorgänger Felipe Calderon bei der Bekämpfung der organisierten Kriminalität angewendet. Zu sehr habe dessen Regierung den Drogenkrieg in der Öffentlichkeit ausgetragen und damit die Bevölkerung verängstigt. Geblieben sind täglich neue Horrormeldungen in den Zeitungen über grausige Leichenfunde im ganzen Land, ergänzt durch sich immer wieder ähnelnde Nachrichten über Entführungen, Schutzgelderpressungen und Korruption.

Parallel zur blutigen Nachrichtenflut flimmern jeden Abend zur besten Sendezeit spektakuläre Fernsehbilder von Festnahmen gesuchter Drogenbarone über die Bildschirme. Die Regierung versucht der Bevölkerung Macht und Kontrolle zu signalisieren, die jedoch schon lange nicht mehr vorhanden ist. Morddrohungen und Straßengefechte prägen den Alltag vieler Mexikaner, besonders im Norden. Man hat sich daran gewöhnt, in ständiger Unsicherheit zu Leben.

Doch mit der drastischen Darstellung des Drogenkriegs, zumindest durch Regierungssprecher, soll jetzt Schluss sein. So das Fazit des mexikanischen Innenministeriums nach dem Ersten Nationalen Treffen von Pressesprechern der Öffentlichen Sicherheit in Acapulco. In der beliebten Küstenstadt am Pazifik waren am 12. und 13. April verschiedene Staatsvertreter von Bundes- und Landesbehörden zusammengekommen, um über zukünftige Kommunikationsstrategien zur öffentlichen Sicherheit zu diskutieren. In den Gesprächen zeigte sich, dass der Staat händeringend nach einem neuen Image für das durch den Drogenkrieg gebeutelte Mexiko sucht. Weg vom internationalen Ruf als ein Land, in dem Mafiabosse wie Joaquín "El Chapo" Guzmán mehr Einfluss als der gewählte Präsident besitzen. Zurück zu der Gewissheit unter den Bürgern und im Ausland, dass Polizei und Justiz für umfassende Sicherheit und Ordnung garantieren können.

Die neue Sicherheitsstrategie der Regierung fokussiert sich laut abschließender Presseerklärung vor allem auf die Kommunikation. Im Zentrum steht die Frage, "wie" Erfolge und Niederlagen der Regierung im Kampf gegen das organisierte Verbrechen zukünftig nach außen getragen werden sollen. In diesem Zusammenhang verfolge man eine "sprachliche Wendung" in der Berichterstattung. Eine gezielte Auswahl an milderen Begriffen zur Beschreibung von Gewalt und Kriminalität soll den Bürgern das Gefühl von Sicherheit und Kontrolle vermitteln.

"Wenn wir die Straßen zurückerobern wollen, müssen wir zuerst die Wörter zurückgewinnen"

Regierungssprecher sind bei öffentlichen Auftritten dazu angehalten, fortan keine Ausdrücke aus dem Fachjargon der Drogenbarone mehr zu verwenden. Der Begriff "Drogenkrieg", mit dem die Regierung unter Calderon noch den Narcos den Kampf angesagt hatte, soll gänzlich aus dem Sprachgebrauch der Staatsvertreter verschwinden. Ebenso sollen erfolgreiche Fahndungen und Festnahmen durch Polizei und Militär, nicht mehr medienwirksam für das In- und Ausland in den Nachrichten inszeniert werden.

"Wenn wir die Straßen zurückerobern wollen, müssen wir zuerst die Wörter zurückgewinnen", meinte Víctor Avilés Castro, Sprecher des Energieministeriums, in seinem Vortrag am Wochenende. Aus seiner Sicht habe das organisierte Verbrechen den Medien eine eigene, dominante Sprache aufgedrängt und damit die Aufmerksamkeit an sich gerissen. Durch die ständige Verwendung bestimmter Ausdrücke wie "levantón" (Entführung) oder "encajuelados" und "encobijados" (Begriffe, die angeben, wo eine Leiche gefunden wird, eingewickelt in einer Decke oder in einem Kofferraum eines Autos) seien Wörter zu Alltagsbegriffen abgestumpft und würden in ständigem Gemeingebrauch die Menschen verunsichern. Die ungeschminkte Berichterstattung habe dazu geführt, dass die Bevölkerung ihr Vertrauen in die Regierungspolitik verloren habe. Ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln und das Vertrauen in politische Institutionen wieder herzustellen, so Alejandra Lagunes Soto Ruiz, Koordinatorin der digitalen Regierungsstrategie, sei für die Sicherheitspolitik nun eines der Hauptanliegen.

Doch zu welchem Preis wird solch eine angemessene Berichterstattung aus Sicht der Regierung stattfinden? Und lassen sich damit überhaupt Gewalt und Verbrechen in Mexiko eindämmen? Natürlich sollen Redakteure laut journalistisch-ethischen Grundregeln Gewalt und Kriminalität in den Medien nicht ausschlachten und daraus Kapital schlagen. Wiederum hat die Bevölkerung ein Recht darauf zu erfahren, welches Ausmaß die Gewalt in ihrem Land bereits angenommen hat. Dabei übernehmen die Medien die Aufgabe eines unabhängigen Kontrollorgans. Sie sollen die Regierungsarbeit hinterfragen, schlechte Amtstätigkeiten kontrollieren und öffentlich verurteilen, damit sie sich nicht fortsetzen.

Viele Fakten und Vorkommnisse lassen sich dabei nicht immer in schonende Worte verpacken. Das will man auch gar nicht. Dass Journalisten über grausam zugerichtete Leichen durch rivalisierende Drogenkartelle nicht beschönigend berichten können, erklärt sich von selbst. In dieser Sparte haben sich schlichtweg gewisse Begriffe etabliert. Allein schon deshalb, weil für umständliche Umschreibungen wenig Platz in der Tagespresse ist. Aber auch, weil durch das nicht mehr zu ignorierende Sicherheitsproblem in Mexiko diese Ausdrücke bereits zum Alltag gehören. Zudem sind Mexikaner bekannt für die Kreation von neuen Wörtern, die in einem Begriff komplizierte Zusammenhänge oft simpel beschreiben.

Wie erwartet reagierte;;diario.mx/Local/2013-04-16_69366202/quiere-gobierno-terminar-al-narco-prohibiendo-palabras-expertos ein Großteil der mexikanischen Medien mit ausreichend Spott und Kritik auf die neue Kommunikationsstrategie der Regierung. Viele sehen darin einen Angriff auf das Informationsrecht der Bürger. Durch die Verwendung von Euphemismen, das Schönreden von negativen Ereignissen, werde die Wahrheit über die Sicherheitslage in Mexiko verschleiert. Die Änderung in der Berichterstattung kommt nach Ansicht vieler Experten einer Zensur gleich. Für den Volkswirt und Jurist Edgardo Buscaglia ist die neue Handhabung von Information ein Beweis dafür, dass die Regierung unter Peña Nieto keine effektive Strategie zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens besitzt. Die Zeitung Milenio griff das Thema am darauffolgenden Montag in einer Karikatur auf. Sie veröffentlichte die Zeichnung eines Regierungssprecher mit dessen Worten:

Anstelle von "encobijado" sagen wir einfach: Eingehüllte Person in einer Bettdecke, aber ganz schön kalt.

Der Sicherheitsexperte und ehemalige mexikanische Sicherheitsagent Alejandro Hope bewertete die Regierungsinitiative als insgesamt positiv. Allerdings meint er, dass sich viele Bereiche der Sicherheitspolitik im Vergleich zur Vorgängerregierung nicht groß verändert hätten. Hierbei erwähnte er die fortgeführte Angewohnheit der Regierung, alle Opfer des Drogenkriegs direkt als Verbrecher darzustellen. In einer am 12. April veröffentlichten Statistik bezifferte das Innenministerium die Anzahl der Morde im Zusammenhang mit dem organisierten Verbrechen im Monat März auf insgesamt 1.101. Davon seien laut Untersuchungen der Staatsanwaltschaft 1.036 Personen vermutlich selbst im Drogenmilieu vernetzt gewesen.

Experten sind überzeugt, dass die Staatsanwaltschaft bei der Mehrheit der verübten Morde nur oberflächlich ermittelt. Motive und Identitäten der Täter seien nur selten eindeutig festgestellt worden. "Ich glaube, dies spiegelt sehr gut die Spannung innerhalb der Regierung wieder", so Hope. "Auf der einen Seite versucht man sich von der Politik (des Ex-Präsidenten) Calderons zu distanzieren. Auf der anderen Seite möchte man aber auch den Eindruck erwecken, die Gewalt befinde sich in anderen Bereichen und berühre nicht die Sphären der breiten Allgemeinheit."

Zur Bekämpfung der Drogenkartelle müssen die sozialen Probleme gelöst werden

Ob Präsident Enrique Peña Nieto all seine ehrgeizigen Wahlversprechen einlösen wird, bleibt offen. Zumindest das Sicherheitsproblem Mexikos und sein Vorhaben, das Land von Drogenkartellen zu säubern, dürfte eine kostenintensive Angelegenheit werden. Und dafür braucht es Zeit, sogar sehr viel Zeit. Dies hat jetzt auch das Innenministerium zugegeben. Erst wenn sich die sozialen Bedingungen in Mexiko verbessern, mehr Arbeitsplätze zur Verfügung stehen und die wirtschaftliche Ungleichheit verringert wird, könne man nach Meinung von Víctor Avíles Castro auch Gewalt und organisiertes Verbrechen viel einfacher bekämpfen.

Doch die verkrusteten Strukturen durch Korruption und Mafiabeziehungen lassen sich nicht so einfach aufbrechen. Die organisierten Banden haben sich längst an den schnell verdienten Reichtum durch illegale Geschäfte gewöhnt. Außerdem sind illegale Drogen schon längst nicht mehr die Haupteinnahmequelle der Kartelle. Die kriminellen Clans haben ihr Gewerbe schon längst auf andere Bereiche wie Menschenhandel, Entführung, Schutzgelderpressung und den illegalen Abbau von Edelmetallen ausgeweitet. Daran wird auch eine neue Kommunikationsstrategie der Regierung so schnell nichts ändern.

Zwar ist es prinzipiell gut, den Drogenkartellen damit die Plattform der Selbstdarstellung und Heroisierung zu entziehen. Doch Macht und Kontrolle über die Verbreitung von Informationen, was wirklich auf der Straße passiert, lässt sich nur schwer zurückgewinnen. Zumal sich auch die Jugend von Mexiko von den klassischen Medien bereits gelöst hat und ihre Information vermehrt im Internet sucht und auch ihre Meinung dort verbreitet.

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