Zypriotische Bankbilanzen schüren Verdacht gegen Aufsichtsbehörden

22.04.2013

Anscheinend wurden die Zahlenwerke der Großbanken von Notenbanken und Aufsichtsbehörden so lange milde beurteilt, bis die finanzierenden europäischen Banken ihre Gelder aus Zypern abgezogen hatten

Wirft man einen Blick in die letzten Jahresberichte der gescheiterten zypriotischen Banken, drängt sich die Frage auf, ob die die gerade beschlossene "umfassendste und tiefgreifendste Bankenregulierung in der Geschichte der EU" nicht am Thema vorbei geht und allein der Beruhigung des Publikums dienen soll.

Denn offenbar gibt es einige grundsätzliche Probleme, die aus den gültigen Bilanzierungsregeln resultieren und die Aussagekraft der Bankbilanzen generell fragwürdig erscheinen lassen. Wenn heute beruhigend vom Eigenkapital der Großbanken die Rede ist, wird niemals angemerkt, dass dieses "Sicherheitspolster" nirgendwo tatsächlich "real" vorhanden ist, sondern eine reine "Residualgröße" darstellt, die sich aus der buchhalterischen Differenz zwischen Vermögen und Schulden ergibt. Dabei sind die "Schulden" der Bank (z.B. eigene Anleihen und die Guthaben der Sparbuch- und Kontoinhaber) grundsätzlich fix. Das Vermögen (z.B. Finanzanlagen, Beteiligungen vergebene Kredite, Geschäftsausstattung, Immobilien) muss hingegen gemäß der Kreditqualität bzw. der Marktpreise regelmäßig neu bewertet werden. Umso höher diese Wertansätze angesetzt werden, umso höher ist das Eigenkapital bzw. der Gewinn, was natürlich zu Interessenkonflikten führt.

Indes sind die für die Bewertungen der vergebenen Kredite maßgeblichen künftigen Zahlungsströme angesichts einer ungewissen Zukunft niemals mit Sicherheit festzustellen, woraus sich auch legal offenbar erhebliche Spielräume ergeben. Nun dürfte es nicht selten vorkommen, dass die von einer Bank angenommenen Werte eigenes Wunschdenken widerspiegeln. Nach dem von zweifelhaften Bankbilanzen 2008 verursachten Nahtod-Erlebnis der Weltwirtschaft wurden die europäischen Banken aber angeblich der schärfsten Aufsicht und mehreren europaweiten "Stress-Tests" unterworfen. Das betraf auch die zypriotische Laiki-Bank und die Bank of Cyprus, die 2010 noch jeweils mehr als 40 Milliarden Euro Bilanzsumme auswiesen und somit zu den 64 "systemisch" wichtigsten Banken der Eurozone zählten.

"Pretend and extend" als Notenbank-Tradition?

Jedenfalls hätten ihre von Buchprüfern, Aufsichtsbehörden und Notenbanken akzeptierten Zahlenwerke die tatsächlichen Werte ihrer Vermögen zum Bilanzstichtag (Ende 2011) widerspiegeln sollen. Es sei denn, die Behörden hätten informell bestimmte Lockerungen zugelassen oder sogar gefordert, was in Krisenzeiten allerdings einer langjährigen aufsichtsbehördlichen Tradition entspricht. So würde kaum eine japanische Großbank die letzten 30 Jahre überlebt haben, hätte sie die Kredite ihrer Problemkunden entsprechend abgewertet, dies aber offensichtlich mit Zustimmung der Behörden. Denn anscheinend ist es eine übliche Praxis der Behörden, Banken nachsichtig gegenüber zu treten, sollte eine ehrliche Bilanzierung die "Stabilität der Finanzmärkte" gefährden.

Unter dem Motto "pretend and extend" ("hoffen und prolongieren") werden dann Probleme in die Zukunft geschoben, wobei derlei von Behörden und Notenbanken aber stets strikt verleugnet wird und erst Jahrzehnte später den Autobiografien redseliger Beteiligter zu entnehmen ist, wenn überhaupt.

Beispielsweise kann mittlerweile als gesichert gelten, dass nach der Lateinamerika-Krise Anfang der 1980er Jahre die führenden Wall-Street-Banken nach horrenden Verlusten mehrheitlich negatives Eigenkapital hätten ausweisen müssen, woraufhin sie nicht nur von der New Yorker Fed liquide gehalten wurden, sondern die Probleme in den Bilanzen auch nicht berücksichtigen mussten. William Seidman, damals Vorsitzender der US-Einlagensicherung FDIC, gab später zu, dass die Aufsichtsbehörden es gestattet hatten, die faulen Kredite zum Nennwert in den Büchern der Banken zu belassen:

Wären die Verluste korrekt bilanziert worden, hätte wichtigen Instituten die Insolvenz gedroht. Das hätte sicherlich zu einer Panik im Finanzsystem und vermutlich zu einer wirtschaftlichen und politischen Krise geführt.

Erst ab 1987 hatten die New Yorker "Money-center Banks" genug Speck angesetzt, um die überfälligen Wertberichtigungen zu bilanzieren – teilweise mehr als zehn Jahre, nachdem die Kredite tatsächlich faul geworden waren.

Insolvenz bereits 2010 faktisch eingetreten?

Was dahingehend in Zypern gelaufen ist, wird sich zwar vielleicht niemals herausstellen, sicher aber ist, dass die zypriotischen und griechischen Notenbanken und Aufsichtsbehörden einige Milde an den Tag gelegt haben, da anders der enorme Fehlbetrag kaum erklärbar wäre. Auch die EZB, die zuletzt fast die gesamte kurzfristige Finanzierung der beiden Banken übernahm, hätte einiges Interesse haben müssen, die Werthaltigkeit der Bilanzansätze zu überprüfen und nicht allein den lokalen Behörden zu überlassen, was ihr die Banken in dieser Situation wohl auch kaum hätten verweigern können.

So wurde in diesem Jahr die Staatspleite Griechenlands bilanziert, die bei Laiki laut Bilanz mit rund 2,3 Milliarden Euro an Verlusten zu Buche schlug. Darüber hinaus wurden Abschreibungen auf den "Goodwill" (bei Unternehmenskäufen kann die Differenz zwischen Kaufpreis und den Buchwerten der Zukäufe als "Goodwill" in die Bilanz gestellt werden) im Volumen von 820 Mio. vorgenommen und 1,15 Mrd. auf das normale Kreditportfolio abgeschrieben. Dem standen operative Erträge von knapp 390 Millionen Euro gegenüber, so dass für 2011 ein Jahresverlust von 3,65 Mrd. Euro resultierte.

Nach 42,6 Milliarden noch ein Jahr zuvor soll das Vermögen der Laiki Bank zum Jahresende 2011 also 33,76 Milliarden Euro betragen haben. An Zahlungsmitteln standen der Bank zu diesem Zeitpunkt gerade noch eine Milliarde in Cash und als Guthaben bei der Notenbank zur Verfügung, was kaum die rund 800 Mio. an nach wie vor bilanzierten "immateriellen" Werten erreichte. Mit rund 5,3 Milliarden werden die Finanzmarktanlagen angegeben, die seit dem Bilanzstichtag aufgrund der freundlichen Marktlage aber an Wert gewonnen oder zumindest stabil geblieben sein sollten; knapp zwei Milliarden verteilen sich auf Immobilien, Geschäftsausstattung und einige kleiner Beteiligungen. Rund eine Milliarde entfällt auf Steuergutschriften, die durch den Pleitefall nun vermutlich ebenso verfallen sind, wie der Goodwill und die realen Investitionen in Filialen etc.

Das macht zusammengenommen aber nur zwei, vielleicht 2,5 Milliarden Euro aus, so dass die darüber hinaus gehenden Verluste auf das Kreditportfolio entfallen müssen, dass zu diesem Zeitpunkt mit 24,78 Milliarden Euro bewertet wurde und knapp 1,4 Milliarden Euro an Zinsen eingebracht hatte.

9,3 Milliarden an Notenbankkrediten

Auf der Finanzierungsseite standen Ende 2011 nur noch 600 Millionen an Eigenkapital (2010: 3,64 Mrd.) zur Verfügung; weniger als zwei Milliarden waren an langfristigen Anleihen ausstehend. Fast zwei Drittel der Mittelaufbringung entfiel indes auf Kundendepots in Höhe von 20,16 Milliarden, während 10,3 Milliarden von "anderen Banken" geliehen wurden. Davon entfielen nur 345 Millionen Euro auf (unbesicherte) Interbank-Kredite und 663 Millionen Euro auf mit Wertpapieren besicherte Repo-Kredite, so dass die noch fehlenden 9,3 Milliarden von den Notenbanken kommen mussten, womit klar ist, dass diese Liquiditätshilfen nicht mit erstklassigen Anleihen besichert wurden, über die Laiki längst schon nicht mehr in diesem Ausmaß verfügte.

Angesichts dieser Bilanz übernahm der zyprische Staat im Juni 2012 84 Prozent und schoss 1,8 Milliarden Euro zu, was immerhin mehr als zehn Prozent des zypriotischen BIPs ausmachte und annähernd ausreichen könnte, die unmittelbar aus der Pleite resultierenden Verluste abzudecken, weshalb fast die gesamten nun offen gelegten Verluste aus dem Kreditportfolio resultieren müssten. Hier war einem EU-Dokument zuletzt die Summe von 10,3 Milliarden Euro zu entnehmen, die sich zwar auf zwei Banken aufteilte, "der Großteil", also wohl deutlich mehr als fünf Milliarden, aber auf Laiki entfalle.

In dessen Kreditportfolio waren zum Bilanzstichtag bereits rund 3,72 Milliarden so lange überfällig, dass sie als "impaired" qualifiziert wurden, bei weiteren 4,54 Milliarden war es zwar bereits zu Verzögerungen gekommen, es wurde aber noch mit ihrer Einbringlichkeit gerechnet. Hingegen sollen rund 18,5 Milliarden ordnungsgemäß auf dem Laufenden gewesen sein und so wurde das Kreditportfolio nur um 1,151 Milliarden auf 24,778 Milliarden Euro berichtigt (2010 waren 266 Millionen auf das Kreditportfolio abgeschrieben worden). Knapp zehn Milliarden waren dabei in Griechenland ausständig, was nun als hauptverantwortlich für die Eskalation der Schieflage gilt. So wurden hier vermutlich auch strafrechtlich relevanten Vergaben an mit der Bank bzw. deren Eigentümer verbundenen Kreditnehmern bekannt, aber selbst wenn diese nun allesamt geplatzt wären, erklären die bisher genannten Summen keinesfalls die nun aufgetretene Schieflage und laut Angaben der Notenbanken hat sich auch das Zahlungsverhalten der Kunden nach dem Bilanzstichtag nicht in einem entsprechenden Ausmaß verschlechtert.

Interessen anderer Gläubiger geschädigt?

Folglich müssten die Kredite schon lange in deutlich schlechterem Zustand gewesen sein, was einige Fragen aufwirft. Immerhin darf keine Notenbank unbesicherte Kredite vergeben und schon gar nicht an insolvente Banken. Da Laiki zudem Privatkredite als Sicherheiten präsentiert haben muss, sollten die Notenbanken diese wohl besonders eingehen geprüft haben. Daher müsste Aufsicht, Wirtschaftsprüfern und Zentralbanken nun entweder weitgehende Unfähigkeit bescheinigt oder eben unterstellt werden, sie hätten bewusst falsche Bilanzansätze geduldet. War die Insolvenz aber tatsächlich längst gegeben, hätten die Behörden dadurch die Interessen anderer Gläubiger geschädigt, was eigentlich nach Schadenersatz verlangen müsste. Immerhin hatten andere Banken allein 2011 rund 2,7 Milliarden aus Laiki abziehen können, während der Rest wohl nur noch das Auslaufen bestehender Bindungsfristen abgewartet hatte.

Insofern könnte man der EZB unterstellen, auch sie habe abgewartet, bis die Banken ihre Interbankkredite vollständig abgezogen haben und dann plötzlich eine Pleite zu ihren Konditionen erzwungen, was freilich nur einer Schlussbilanz zu entnehmen wäre, die kaum jemals erstellt, geschweige denn veröffentlicht werden wird. Darüber hinaus drängt sich die Frage auf, wieso die Notenbanken nun ungeschoren davonkommen sollen, die Ende 2011 immerhin mit 9,293 Milliarden Euro bei Laiki engagiert waren und ihre Kredite daraufhin kaum werden verringert haben. Wie auch immer das alles tatsächlich gelaufen ist, es erscheint zumindest sicher, dass es wohl noch etwas dauern dürfte, bis einer Bankbilanz im Zweifelsfall vertraut werden kann.

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