Senden, wenn keiner zuschaut

25.04.2013

Investigativer Journalismus findet in der ARD vor allem nach 23 Uhr statt. Eine Erkundung

In der neuen ZDF-Mediensatire "Lerchenberg" stellt der Protagonist Sascha Hehn in einer markanten Szene klar, dass bestimmte Sendungen erst gegen Mitternacht laufen, wenn keiner mehr zuschaut: "Und wenn keiner guckt, ist es auch kein Fernsehen." Abseits von Satire und Zuspitzung gibt es tatsächlich zu denken, dass so gut wie sämtliche politisch brisanten Dokumentationen in der ARD erst gegen ca. 23 Uhr beginnen.

In den vergangenen Wochen finden sich für diese Programmgestaltung mehrere prominente Beispiele. Am 8. April etwa sendete die ARD die Reportage "Tod für die Welt - Waffen aus Deutschland", die der Sender wie folgt ankündigte:

Deutschland ist Exportweltmeister. Gern lassen sich Industriemanager öffentlich für ihre Erfolge feiern. Nur in einer Sparte herrscht eigentümliche Verschwiegenheit, nämlich wenn es um den Waffen-Export geht. Deutsche Panzer nach Saudi-Arabien oder Sturmgewehre nach Mexiko, da herrscht sogar Geheimhaltung. (…) Jule Sommer und Udo Kilimann haben sich auf die Spur deutscher Waffen von der Genehmigung über die Produktion bis hin zur Lieferung in alle Welt gemacht.

Sendetermin für diese brisante Dokumentation, die einflussreichen Leuten in Regierung und Industrie auf die Füße tritt: 23:30 Uhr. Die marginale Einschaltquote von 0,9 Millionen Zuschauern überraschte da kaum. Auf besserem Sendeplatz um 21 Uhr lief derweil eine Reportage über den "Gentleman-Playboy Gunter Sachs", in der - so die ARD - "erstmals auch umfangreiches und bislang unveröffentlichtes Film- und Fotomaterial aus dem Privatarchiv der Familie Sachs" zu sehen war. (3) 3,3 Millionen Menschen durften sich das anschauen und dabei darüber reflektieren, wie der "Paradiesvogel sich von der Spießigkeit der Nachkriegsjahre absetzte" (ARD-Werbung). Danach konnte sich der größte Teil der Zuschauer dann beruhigt schlafen legen.

Das gleiche Muster hatte sich bereits fünf Tage zuvor abgespielt, am 3. April. Erst um 23:45 Uhr lief da die investigative Doku: "Lizenz zum Töten - Wie Israel seine Feinde liquidiert", vom Sender so angekündigt:

In der Nacht des 7. Januar 2011 stürmt ein Spezialkommando des israelischen Militärs ein Haus in Hebron und erschießt dessen Besitzer im Schlaf. Eine Exekution. Der 66jährige Omar Qawasmeh hat keine Chance. Schon Minuten später stellen die Soldaten fest, dass sie sich in der Haustür geirrt haben. Ihre Zielperson, ein vermeintlicher Terrorist, wohnt im Untergeschoss. 'Story'-Autor Egmont R. Koch geht dem Fall nach, stößt auf eine geheime Politik gezielter Tötungen, über die auch in Israel nicht gerne gesprochen wird.

Doch nur 0,8 Millionen Zuschauer waren zu so später Stunde überhaupt noch wach. Zuvor, um 22:45, lief dafür die sanfte royale Berieselung "Hut ab, Majestät! - Ein neuer König für die Niederlande", ein Rückblick auf die Regentschaft von Königin Beatrix "mit ernsten Fakten und charmantem Augenzwinkern" (ARD-Werbung). Erneut also eine angenehme Einschlafhilfe unmittelbar vor der brisanten Enthüllungsdoku. Nur ein Zufall?

Sender-Sprecher Dr. Lars Jacob erklärte dazu auf Nachfrage, es sei "natürlich nicht Absicht der ARD", gesellschaftlich relevante Sendungen erst im Spätprogramm zu senden. Auch sei die Doku über Königin Beatrix "nach deren Abdankungserklärung durchaus von tagespolitischer Aktualität und Relevanz (…) weshalb sie nach den Tagesthemen platziert worden ist". Und die Reportage über Gunter Sachs hätte aufgrund der kürzlichen Enthüllungen über Steuerflucht, wo dessen Name fiel, durchaus "eine besondere Aktualität" - so der ARD-Sprecher.

Die nochmalige Nachfrage an ihn, ob die ARD wirklich der Auffassung sei, dass sich die Dokumentationen in den beiden geschilderten Beispielen in ihrer journalistischen Brisanz und gesellschaftlichen Relevanz tatsächlich nicht oder nur unwesentlich unterschieden, beantwortete der Sprecher nicht. Er ergänzte jedoch:

Dass wir "harte" Stücke mit investigativer Recherche generell an den Senderand drängen, entspricht nicht den Tatsachen.

Dabei ist genau das offenbar der Fall. "Die Story", die ARD-Reihe für investigative Recherchen, läuft in der Regel nach 22:45 Uhr. Auch die Oscar-nominierte Reportage "Töte zuerst" über den israelischen Geheimdienst Schin Bet (ausgestrahlt im März), sowie eine Doku über Leiharbeit bei Amazon (ausgestrahlt im Februar), liefen beide erst ab 22:45 Uhr.

Und das trotz hehrer Worte der Senderspitze. Der ARD-Vorsitzende Lutz Marmor etwa ließ kürzlich verlauten: "Dokumentationen zeigen was ist. Das ist Kern unseres Auftrags." Und Programmdirektor Volker Herres ergänzte: "Dokumentationen sind ein fester Bestandteil des Programms des Ersten und für mich persönlich, der aus dem politischen Journalismus kommt, eine echte Herzensangelegenheit."

Doch was hindert die Verantwortlichen dann daran, brisante Filme auch dann zu senden, wenn noch ein paar Millionen Zuschauer wach sind? Eine der weiterhin aktuellsten und diskussionswürdigsten Reportagen der ARD lief bereits vor über einem Jahr. In "Die Welt auf Pump - Reißen uns die Schulden in den Abgrund?" fasst der Sprecher gegen Ende des Films die Fakten so zusammen:

Irgendwann wird uns nur noch übrig bleiben, die Banken dazu zu bringen, auf Teile ihres geliehenen Geldes zu verzichten - eben Schuldenschnitte, wie in Griechenland. Das trifft wenigstens auch die, die mit den Schulden Kasse gemacht haben. Oder der Staat holt sich das Geld über eine Besteuerung der Reichen, also jenen, denen die Staatsschulden die Konten gefüllt haben.

Diese Worte gingen am 12. März 2012 wenige Minuten vor Mitternacht über den Sender - während der größte Teil Deutschlands bereits schlief.

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