Die Monopole der Großkonzerne im Energiesektor durchbrechen - mit Energie in Bürgerhand!

30.04.2013

Das Crowdfunding-Projekt Energy Democracy TV setzt auf Social Media, um viral den Energiewandel und den Umstieg auf 100% erneuerbare, dezentrale Energieversorgung zu fördern

Craig Morris, einer der Initiatoren von Energy Democracy TV, setzt sich seit Jahren in seinen Büchern und Artikeln für den Umstieg auf Erneuerbare Energien ein. Dem einen oder anderen Telepolis-Leser wird er als TP-Autor aus den Nuller-Jahren bekannt sein. Jetzt startet er mit anderen Aktivisten das crowdfinanzierte Energy Democracy TV. Die App geht im Herbst online. Sie soll über die oft eindimensionale Berichterstattung in den traditionellen Medien hinauszugehen und weltweit auch die Hintergründe und vor allem die Menschen und Initiativen zeigen die durch ihr Engagement den Wandel zur dezentralen erneuerbaren Energieversorgung, der "Energy Democracy" möglich machen.

Wie wird Energy Democracy TV aussehen, was wollt Ihr erreichen?

Craig Morris: Zu den geschriebenen Artikeln kommen Videos und Infografiken hinzu, die mit Energie in Bürgerhand zu tun haben und Argumente und Beispiele liefern. Wir wollen dadurch mehr Leute erreichen. Wenn man nur schreibt, kriegt man eben nur die Leute, die sich sowieso schon für das Thema interessieren. Wenn man aber ein witziges Video hat, das sich auf eine ganz bestimmte Botschaft konzentriert, dann wird es dann von Freunden und Verwandten auf Facebook und Twitter geteilt.

Geht es nur um die deutsche Situation?

Craig Morris: Nein, wir wollen Beispiele aus der ganzen Welt zeigen, aber zu einem bestimmten Aspekt. Es gibt genug Leute, die die grüne Energiewende propagieren. Aber eines geht in der Diskussion, vor allen Dingen im Ausland, unter: Dass der Umstieg auf Erneuerbare Energien eine einmalige Chance ist, eine neue Infrastruktur aufzubauen, die nicht von den Großkonzernen monopolisiert ist.

Gerade in der englischsprachigen Welt geht es im Moment noch massiv nur um "Low cost". Das führt dazu, dass riesige Windparks in den besten Standorten gebaut werden. Der Eigentümer ist dann meistens ein einziger Großkonzern. Es bleibt also bei der Monopolisierung der Energielandschaft, und die Bürger haben kaum Mitspracherecht. Die AWEA (American Wind Energy Association) listet Windparks nach Eigentümern – und es ist fast immer eine einzige Großfirma. In Deutschland gibt es dagegen beim Dewi (Anm: Deutsches Windenergie Institut) ein Anlagenregister, das nach Postleitzahlen geführt wird, nicht nach Eigentümer. Die Besitzverhältnisse sind hier eh komplexer, weil so viele Bürger Anteile besitzen. Es gibt meistens keinen einzelnen Eigentümer, und das ist gut so.

Zielt auch Euer programmatischer Name "Energy Democracy" darauf ab?

Craig Morris: Ja. Wir gehen davon aus, dass der Einstieg in die Erneuerbaren sowieso kommt, weil Solar und Wind zunehmend konkurrenzfähig sind. Die Betreiber in Großbritannien wollen jetzt für neue Kernkraftwerke Einspeisetarife haben, 11 Cent pro kWh für 40 Jahre, sonst bauen die keine neuen. Die Windkraft kostet jetzt schon weniger, Solar steht kurz davor.

Wir steigen also so oder so auf Erneuerbare um. Man kann aber diese Chance nutzen, um diese neue Infrastruktur so aufzubauen, dass sie uns, den Bürgern gehört, damit die Bürger auch ein Sagen haben, ob und wie z.B. ein Windpark jetzt gebaut wird. Für die Zukunft heißt das, wir brauchen die konventionellen Konzerne entweder gar nicht oder nur begrenzt in dieser neuen Welt.

Four German words from Craig Morris on Vimeo.

Schon 2004 schrieb Morris auf Telepolis: "Die Landschaft im Badnerland ist jetzt schon vom Gemüse her verspargelt." (Windenergie hat Zukunft) 2013 hat er den Film dazu gemacht.

Was ist Deiner Meinung nach der Nachteil, wenn die großen alten Energieversorger weiterhin die Eigentümer bleiben?

Craig Morris: Ganz abstrakt gedacht sind alle großen Firmen schon mal eine Gefahr für die Demokratie – nicht nur der Energiedemokratie, sondern der Demokratie an sich. Börsennotierte Unternehmen sind ihren Anteilseignern verpflichtet, nicht der Gesellschaft. Es gibt selbst börsennotierte Solarfirmen, die von der EEG-Umlage befreit sind. Wenn die Chefs dieser Firmen sagen würden, wir unterstützen die Energiewende und wollen diese Befreiung nicht, könnte die Generalversammlung diese Befreiung verlangen. Deswegen wollen wir die Geschichten von den zahlreichen Mittelstandsfirmen erzählen, die die Energiewende erst möglich gemacht haben.

Wir haben außerdem in den letzten Jahren gesehen, dass Firmen, die "too big to fail" sind, quasi die Regeln selber schreiben, die Politiker einkaufen und Wahlen beeinflussen. Und wenn wir mehr energiebezogen denken und nach England oder in die USA schauen, sieht man, wie groß der Widerstand gegen Onshore-Wind besonders dort ist, wo Bürgerbeteiligung noch fast ein Fremdwort ist. Das führt zum Beispiel in England dazu, dass der Ausbau der Erneuerbaren nicht lokal und verteilt, sondern konzentriert in großen Offshore Windparks stattfindet – statt mit verteilten Windrädern auf dem Land und in Bürgerhand.

Die großen Windkonzerne schüren in England den Widerstand gegen die Windkraft, damit alles offshore bleibt. Und in den USA bekämpfen die großen Solarfirmen alle Vorschläge für eine Einspeisevergütung. Sie wollen nicht so viele Solardächer auf Eigenheimen, sondern riesige Solarparks. Der Kuchen darf dabei ruhig kleiner sein, solange das eigene Stück größer ist. Und selbst wenn es Solardächer auf Eigenheimen in den USA gibt, sollen diese einer börsennotierten Firma gehören, und der Häuslebauer darf den Strom kaufen.

In England gibt es zwei Organisationen, die sich für die Erneuerbaren aussprechen: Die REA, die wirklich die Idee vertritt, und RenewablesUK, die vor allem Großkonzerne vertritt und Offshore-Wind propagiert. Eine solche Konkurrenz ist hierzulande unbekannt, weil die Bürger schon immer die eigentlichen Treiber der Energiewende waren.

Diese Geschichten muss man erzählen, und man muss zeigen, dass es anders geht – und verhindern, dass in Deutschland so weit kommt wie in den USA und England. Die Konzerne wollen uns weiterhin billigen Strom verkaufen, und die Regierung redet nur von Strompreisebremsen. Wir sind aber nicht nur Konsumenten. Wir können unsere Energie selbst machen, und dann zahlen wir diese hohen Preise an uns zurück.

Du bist der Meinung, die Bürger selbst sollten sich als Eigentümer beteiligen?

Craig Morris: Auf jeden Fall. Unser Ziel ist es, in Deutschland zu betonen und im Ausland darauf hinzuweisen, dass man sich jetzt im Energiemarkt beteiligen kann. Ich habe es schon 2007 auf Telepolis geschrieben: Die Deutschen wissen gar nicht, wie gut sie's haben. Wir haben Freiheiten, die sind im Ausland noch unbekannt. Aber auch bei uns gibt es noch einiges zu klären. Interessant ist nämlich, dass kein Politiker sich mehr gegen die Energiewende ausspricht, aber die Koalition hat auch noch nicht klar gesagt, wie denn die Besitzverhältnisse in diesem neuen System sein sollten. Frau Merkel und Herr Altmaier, wie stehen Sie zur Energie in Bürgerhand?

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