Die fröhliche Energiewende

28.04.2013

Landschaft als Industriestandort

Unser Wahlspruch muss also sein: Reform des Bewusstseins nicht durch Dogmen, sondern durch Analysierung des mystischen, sich selbst noch unklaren Bewusstseins.
Marx an Ruge, 1843
Was man nicht nützt, ist eine schwere Last.
Goethe, Faust

1 Der Kindergeburtstag

Ein Pressefoto, veröffentlicht am 23. 8. 2012, zeigt den amtierenden Umweltminister auf Werbetour. Links Daumen hoch und rechts den Stab eines Kinderwindrads haltend, markiert er das Terrain als zukünftigen Standort für Windkraft. Die bunte Lustigkeit des Arrangements ist nicht rein zufällig. Altmaier ist auch, auf anderen Fotos, mit anderen schicken Varianten des Kinderwindrads zu sehen. Diese nette Form, eine politische Überzeugung auszudrücken, hat bereits mediale Tradition. Schon lange wird in Öko-Dokus werbewirksam aus dem Fundus von Kirmes und Kindergeburtstag geschöpft, wenn es gilt, die gute Windkraft anzupreisen, ob mit Rädchen im Knopfloch oder auf den Hut gezaubert. Hauptsache kindlich. Eine Randerscheinung?

Keineswegs, wenn man den lächerlichen Schmuck, mit dem sich der Chef der Energiewende der Öffentlichkeit präsentiert, in seiner propagandistisch-ideologischen Funktion ernst nimmt. So gesehen, ist das Spielzeug nicht harmlos, sondern verharmlosend, Symptom und Symbol einer Ideologie der Verkennung, die mit Mitteln der Infantilisierung operiert.

Wo sich hierzulande die Überzeugung von Notwendigkeit und Richtigkeit der Energiewende manifestiert, herrscht nur kindisch glucksende Selbstzufriedenheit und rosarote Aufbruchsstimmung. Höchst populäre Zentralbegriffe wie "Öko-Strom", "grüne", "saubere", gar "sanfte" Energie lösen einen angenehmen kollektiven Schwips aus, der die Vision einer Wohlfühlgesellschaft, von gemütlichen Energien versorgten und umhegten Lebenswelt befeuert.

Die Ersetzung der irgendwie bedrohlichen fossilen Energieformen beinhaltet das Versprechen einer energetisch heilen Welt, in der endlich gefahrlos, ohne Strahlungs- und Klimaängste, auf höchstem Level konsumiert werden darf. "Grüner Strom" befreit vom schlechten Gewissen, Komfort und Umwelt scheinen endlich im Einklang - eine wahre Spießbürgeridylle, die sich als grandiose "ökologische" Zukunftsvision verschleiert.

Dieser Text ist der ersten Ausgabe der neuen Vierteljahreszeitschrift TUMULT entnommen. Diese erscheint - neben der gleichnamigen Schriftenreihe - jeweils im März (TUMULT IM FRÜHJAHR), Juni (TUMULT IM SOMMER), September (TUMULT IM HERBST) und Anfang Dezember (TUMULT IM WINTER). Sie wird redigiert und verantwortet von Frank Böckelmann (Dresden) und Horst Ebner (Wien). Das Einzelheft kostet im Buchhandel 8 EURO. Bestellungen oder über: Büchse der Pandora Verlags-GmbH, Majuskel Medienproduktion GmbH, Postfach 2820, D-35538 Wetzlar. Die erste Ausgabe ist kostenfrei herunterzuladen. Etwa 40 Sekunden verstreichen, bevor sich die Datei öffnet.

2 Die Maschine und das Mädchen

Die Semiotik der von der Energiewende inspirierten Werbung beweist feines Gespür für den Mainstream und seine Mythen. So zeigt der Spot eines gewendeten Energiekonzerns zwei kleine Mädchen, die spielerisch über den riesigen kreisenden Schatten eines Rotorblatts springen. Das Pikante an dieser Szene ist ihre Doppelbödigkeit. Einerseits wird hier einer Wunschökonomie entsprochen, die Windpark und Spielplatz nicht auseinanderhalten kann und den Weg aus dem fossilen Zeitalter in das der Erneuerbaren als triumphalen Einzug in die globale Idylle feiert. Andererseits legt der Spot schlaglichtartig die weltferne Stupidität dieser Einstellung bloß, getreu der Einsicht von Heiner Müller, dass "Sinnsetzen sofort Apparate in Gang setzt, die dafür sorgen, dass dieser Sinn erfüllt wird".1

Unverkennbar und leicht zu verkennen: Den Öko-Sinn erfüllt zuvorkommend der Konzern durch zwangsweise Integration der Mädchen in den technischen Apparat, der nun, zur Mega-Maschine angeschwollen, den ganzen Raum erfüllt und, als Übervater sozusagen, das kindliche Spiel streng kontrolliert und im Rhythmus der Rotoren steuert, aber eben auch beschützt und behütet, sehr zur Freude der Wende-Eltern, die im Spiel der Unschuld mit dem großen Windrad, dem guten Riesen, das Symbol einer friedlichen Zukunft erblicken, in der Mensch und Technik, Kind und Industrie endlich harmonieren, gemäß der von Trittin bis Altmaier gepredigten Konvergenztheorie, nach der sich Ökologie und Ökonomie2 immer mehr liebhaben, gemäß den Harmonie- und Ganzheitsvorstellungen, die, seit der klassischen Epoche der ökologischen Gesellschaftskritik (sechziger bis Mitte der achtziger Jahre), den abschüssigen Pfad von der weltaufschließenden kritischen Idee3 zur Phrase und naiv-weltlosen Imagination genommen haben - in Abwesenheit der von ihren Epigonen entsorgten ökologischen Kritik, die einst überall die Kraftfelder des repressiven technischen Apparats aufspüren wollte und heute nur noch in den Kraftfeldern ihrer eigenen Illusionsbildungen festsitzt.

3 Geschichtslosigkeit

Die medial vermittelte öffentliche Meinung zur Energiewende ist von einer schwerwiegenden Diskrepanz gekennzeichnet: der Diskrepanz zwischen der harten, äußerst ungemütlichen Realität einer expansiv wie intensiv radikalen Transformation und der süßlich verklärten Wahrnehmung von ihr. Markenzeichen des falschen ökologischen Bewusstseins ist seine Idyllisierung, die sich als eine Übersetzungstätigkeit versteht, in der das Verständnis des Vorgangs als technologische Revolution dem überbordenden Bedürfnis nach Utopie geopfert wird. Ein intellektuelles Opfer, das ein geschichtsloses Bewusstsein zurücklässt, außerstande, die Energiewende als bloße, wenn auch radikale Sequenz im Fortschreiten der technisch-industriellen Revolution zu begreifen, in der sich diese Gesellschaft spätestens seit dem 19. Jahrhundert befindet. Als ob man mit der Ersetzung der Fossilen durch die Erneuerbaren in einem Raum jenseits der Geschichte von Industrialisierung und Technisierung angekommen wäre.

Wie sonst ist es möglich, dass man bei der litaneienhaften Prädizierung der schönen neuen Energiewelt als "Öko" nicht in lautes Gelächter ausbricht? Die kollektive Humorlosigkeit hat ihren Grund in einer schizoiden Abspaltung, die die Energiewende aus der Teleologie der technisch-industriellen Revolution mit ihrem Imperativ der Totalisierung herauslöst. Eine Schizo-Ökologie, die eine gespaltene Wahrnehmung ermöglicht, der, mit Blick auf die Erneuerbaren, das Technische nicht als technisch, das Industrielle nicht als industriell erscheint.

Neben Geschichtslosigkeit auch Bildungsferne: Als hätte jene im weitesten Sinne technikphilosophische Linie, vom italienischen Futurismus (Marinetti) über Brecht, Jünger, Heidegger, Jaspers bis Virilio führend, nie existiert. Ob technophile oder technikkritische Intention, an jedem Punkt dieser Linie gilt die Einsicht, die Karl Jaspers 1956 so zusammenfasst: Das Finale von Industrialisierung und Technisierung sei die integrale "Weltfabrik", das heißt: "Die Erdoberfläche wird zusehends eine Maschinenlandschaft."4

Damit man diese Verwandlung als Weg zur Utopie einer "grünen" Energiewelt missverstehe, muss ihr revolutionärer Charakter prinzipiell verkannt, gewissermaßen irrealisiert werden. Utopie ohne Revolution, ohne deren Dynamik der Überwältigung, der großen entfesselten Kräfte, wahnwitzigen Beschleunigungen (Wendebeschluss!), Verabsolutierungen der Macht und ihrer Apparate, kurz: Frieden ohne Krieg - auf dieses idyllische "ohne" stützt sich die Lebenslüge, von deren Suggestionen die Mentalität der Energiewende zehrt. Die wohl letzte, aber wirkungsmächtigste Variante des Nachwendediskurses - gemeint hier die Wende 1989 -, der so schön vom Ende der Geschichte schwafelte, um den universellen Frieden zu verkünden.

4 Anästhesie

Nun ist schon rein ästhetisch offenkundig, dass die Energiewende dem technisch-industriellen Totalisierungszwang auf besonders radikale Weise gehorcht. Man muss nur hinsehen: Landschafts- und Naturästhetik werden großflächig liquidiert zugunsten gigantischer Industriestandorte (euphemistisch: "Windparks"), die paradoxerweise die Utopie einer ökologisch gestalteten Lebenswelt vorbereiten helfen sollen. Ästhetische Einwände, ohnehin spärlich und schwächlich vorgetragen, werden mit jenem für die politischen Strategen der Wende typischen Zynismus abgekanzelt, von Trittin-Altmaier bis hinunter zum hessischen SPD-Vorsitzenden, der schon vor ein paar Jahren gewichtig bemerkt hat, im Zuge der energetischen Umgestaltung sei Ästhetik unwichtig geworden, denn es gehe nur noch ums Überleben.5

Die Aussage ist doppeldeutig. Zum einen will sie die industrielle Vernichtung von Ästhetik pragmatisch legitimieren mit dem üblichen Hinweis auf die Überlebensrisiken von Atom und Klimawandel. Und wer wollte leugnen, dass es dem Menschen primär um sein nacktes Überleben geht? Zum anderen artikuliert sich, neben der Pragmatik, eine höchst wirksame Anästhesie, eine gegenüber dem progressiven Verlust naturästhetischer Ressourcen abgestumpfte, nicht länger irritierbare Wahrnehmung. Worauf sich die mediale Strategie der Marginalisierung stützt, die die dem Großen Projekt widerstrebende Ästhetik für irrelevant erklärt. Als sei man endlich in der totalisierten, geschlossenen virtuellen Welt angekommen, wo der Blick nach draußen durch den Bildschirm ersetzt wurde, dessen Perspektive die realen traditionellen Lebenswelten, als wären sie aus Pappmaschee, untertunnelt und aushöhlt.

Wenn schon keine veraltete und überflüssig gewordene Naturästhetik mehr, dann doch wenigstens eine moderne, apologetische, dem Vorbild des Futurismus folgende technizistische Ästhetik? Dies schon gar nicht, weil sonst das ästhetische Subjekt die propagierte Synthese von Öko und Techno nicht mehr nachvollziehen könnte, um sich voll und ganz, auch ästhetisch, zu Techno zu bekennen - ein von der Wende-Ideologie tabuisierter, unmöglicher Schritt, der aber nur darauf wartet, eines Tages auch politisch vollzogen zu werden, um die romantizistischen Öko-Illusionen in einem sachlich-harten, reinen und offen propagierten, mit Ernst Jünger zu sprechen: "heroischen" Technizismus aufzulösen.

Die technikphilosophische Tradition, von der oben schon die Rede war, gelangte zu ihren weitreichenden Erkenntnissen über die industrielle Revolution stets über eine voll entfaltete Ästhetik der technischen Moderne. Wenn Marinetti das Geräusch eines "aufheulenden Automotors" über die "Schönheit der Nike von Samothrake"6 stellt, geschieht dies im Rahmen einer umfassenden, alle Momente der städtisch-industriellen Lebenswelt ergreifenden Ästhetisierung. Was man in den Städten sehen, hören und riechen kann (Fabriken, Lärm, Abgase usw.), wird futuristisch zur perzeptiven Folie, auf der sich der Diskurs triumphaler Maschinenwelten einschreibt, um darin gleichzeitig Einblick in das Getriebe der industriellen Revolution und dessen sonst verborgene Tendenzen zu erhalten.

Musste sich vor hundert Jahren der ästhetische Technizismus noch auf den Erlebnisraum moderner Städte beschränken, so käme er heute, der Windkraft sei Dank, auch auf dem Lande voll auf seine Kosten. Aber: Während Marinetti, Jünger, Brecht u.a. eine radikale Sensibilisierung des ästhetischen Sinns für die technische Moderne fordern, um deren abgründige Wirklichkeiten aufzuspüren, gilt heute, im Schatten der Wende-Mentalität, das Gegenteil - entsprechend der wie von einem strengen Über-Ich kommenden Aufforderung, dass der Blick Windparks auf gar keinen Fall in technizistischer Perspektive stattzufinden habe. Man freut sich über Wind, der gesund die Mikrowelle antreibt, und glotzt "grün" - und nur so ist es gestattet.

Eine doppelte Anästhesie: Man scheißt entspannt auf Naturästhetik und ist gleichzeitig zu verklemmt, wild den Marinetti zu tanzen. Öko ist gerettet, indem man sich nur insgeheim, neurotisch-unbewusst, der Lust hingibt, in eine Welt einzutauchen, in der Natur durch den technischen Apparat endlich substituiert wäre. Die Öko-Utopie ist in Wahrheit die des vollendeten, sich krebsartig über die Erde erstreckenden technischen Apparats.

Symptomatisch in diesem Kontext die ministeriale Chuzpe (Trittin, Altmaier), entgegen der piepsigen Behauptung, Windräder seien "hässlich", diese volltönend als "schön", ja sogar "superschön"7 zu deklarieren. Siehe da! - ein Reflex unbewusster Einstellung, futuristischer Impuls, verlogen von seinen Wurzeln abgeschnitten, zufriedenes Grunzen, das, weil rein propagandistisch nützlich, die Mundhöhle verlassen darf.

5 Mein Leib und Alles

Um noch einmal Heiner Müller zu zitieren: "Technik ist die Utopie der kapitalistischen Staaten."8 Und man muss hinzufügen, dass diese Utopie erst ausreifen konnte, als man das Wundermittel einer "ökologischen Technik" für sich entdeckt hatte. In der Fusion technischer Mittel mit ökologischen Zielsetzungen lag die Chance einer sozialpsychologischen Konfliktlösung, insofern man den sich vollendenden technischen Versorgungsapparat als den verleugneten, verdrängten Utopieraum nun guten Gewissens bejahen konnte, wenn er nur durch die Prädizierung "Öko" gerechtfertigt war.

Die ursprüngliche (André Gorz, Ivan Illich u. a.), gerade auf fundamentale Kritik des technischen Apparats angelegte Polit-Ökologie degenerierte so allmählich zum stupiden Mythos einer "guten" Technik, mit der man gegen das "böse" Pendant zu Felde zieht. Das ökologische Imaginäre war gerettet und der tiefere Traum vom technischen Apparat gut bedient - eine typisch neurotische Konfliktlösung, die sich stets im Symptom von Schwarz-Weiß-Dualismen - hier fossil gegen erneuerbar - manifestiert.

Der latente Technizismus des falschen ökologischen Bewusstseins geht einher mit einem tiefgreifenden Einstellungswechsel, der die Öko-Prädizierung ausschließlich an Sekuritätsinteressen bindet und damit das Moment der "Freiheit von Nützlichkeit", ursprünglich fester Bestandteil der ökologischen Programmatik, fallen lässt. Ein primitiver Hedonismus ist an die Stelle der komplexen Philosophie getreten, die sich in den Ursprungsdiskursen der Ökopolitik von den sechziger bis zu den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts zu erkennen gab. In Lothar Schäfers Bacon-Projekt9 (1993) wird diese Kehre beispielhaft nachvollzogen, indem der Autor zunächst, mit Blick auf Kant, das "Naturschöne" in die ökologische Programmatik einbindet, um dann dessen normative Unverbindlichkeit festzustellen: "Es wird erwartet, dass die Ästhetik uns zu Wertschätzungen führt, die unser Handeln normieren und regulieren könnten. Diese hohen Erwartungen teile ich nicht."

Ökologisches Bewusstsein, das eine in "Naturachtung mündende (...) neue ästhetische Sensibilität" fordert, hat schlechte Karten, weil sich diese Forderung nicht mit dem unmittelbaren subjektiven Interesse an Sicherheit berührt, das auf die Nutzeneffekte des technischen Apparats angewiesen ist. So bleibt für Schäfer, nachdem er widerstrebende Aspekte der klassischen Ökologie abgeräumt hat, als normativer Kern von New Ecology der zum Zentrum des Verhältnisses Mensch-Natur erhobene menschliche "Leib". Schäfer macht die Revision in der Unterscheidung von "kosmologischem" und "physiologischem Naturbegriff" kenntlich, mit dem Effekt, dass sich Ökologie durch einen in Reinkultur wiederhergestellten dogmatischen Utilitarismus ersetzt findet. Nun sind alle "Nutzungspraktiken" gerechtfertigt, die es dem menschlichen "Organismus" erlauben, in Natur sich zu "behaupten und gesund leben zu können".

Wellness, Diätplan und Biokost liegen auf einer Linie mit Wind- und Solarkraft, sofern es nur noch um den intakten "Leib" und dessen unmittelbare Lebensforderungen geht, die Natur endgültig zum Beschaffungsraum für den physiologischen Menschen degradieren. Öko ist also in Wahrheit Bio, und Bio liebt jede Form von Techno, wenn sie nur gesund hält. Und um dies zu kaschieren, braucht Bio Öko.

6 Die Invasion

Was ist eigentlich gemeint, wenn aus den Lautsprechern die Melodie von der "sanften Energie" ertönt und zukunftsfreudige Fotos von "Windparks" eingeblendet werden? Zugegeben, das Windrad strahlt nicht radioaktiv und emittiert auch kein CO2. Das ist wirklich eine gute Sache. Trotz dieser beiden hervorragenden Eigenschaften mutiert der Liebling der Energiewende noch lange nicht zur Kokospalme, sondern bleibt, was er ist, nämlich technisches Instrument, als Kernstück eines überdimensionalen technischen Apparats (digitale Netze, bald bis in jeden Bereich des Haushalts reichend, Stromtrassen/Schneisen, Pumpspeicher mit ihren weggesprengten Bergkuppen, Umspannwerke usw.) von nie dagewesener Dominanz und Sprengkraft.

Sieht man einmal von der naturästhetischen Seite ab (abgehakt), bleibt die hochgradige Okkupanz, also das strategische Vermögen von Technik und Industrie, Territorium zu besetzen und gründlich neu zu formatieren, nach dem Vorbild der radikalen Transformationen, die der technische Krieg10 invasorisch mit besetzten Territorien vornimmt. Einer gestörten kollektiven Wahrnehmung muss man das Einfachste ins Gedächtnis rufen: Ein Windpark ist eine Fabrik, die Energie produziert, Punkt. Dass da zwei oder drei gute Effekte stattfinden, ist kontingent, insofern sie das "Wesen der Technik"11 unberührt lassen, das sich durch solchen Firlefanz wie CO2-Reduzierung und so fort nicht irritieren lässt.

Eine Fabrik, vorbildlos in ihren Vertikalen wie Horizontalen, Dimensionen, die die technisch-industrielle Topographie revolutioniert haben. Das traditionelle Fabrikwesen ist punktuell, die Kraftwerke bilden Punkte der Geographie bzw. industriellen Topographie. Ganz anders Wind- und Solarkraft, die, horizontal, die große Fläche in die Energieproduktion einführen. Durch die zur Horizontalen hinzukommende extreme Vertikalität des Windrads findet sich die Industrie überdimensional verräumlicht - eine perfekte Strategie der Deterritorialisierung, insofern diese Okkupation das betroffene Territorium für die Ersetzung durch einen digitalen Raum disponiert.

Es handelt sich nämlich beim Projekt der Energiewende nicht um die technisch-industrielle Besetzung von territorialen Sektoren, deren Umfang begrenzt wäre. Ein energiepolitischer Partikularismus wäre vielleicht noch zu verkraften. Die Dynamik der energetischen Erneuerung jedoch zielt, sowohl extensiv wie intensiv, auf das Territorium insgesamt, das unter dem Aspekt der energy landscape zur reinen Folie umfassender industrieller Nutzung mutiert. Eingebettet ist diese Transformation in das universelle, selbst in orbitale Räume ausgreifende Mega-Projekt des Geo-Engineering, in dessen Diskurs die in der industriellen Moderne ständig schwelende technokratische Hybris endlich ihren bündig en Ausdruck gefunden hat.

Visionen einer technophilen oder technophoben Science-Fiction realisieren sich in Landschaften, die in den Rang eines technisch durchkomponierten Industrieparks erhoben wurden, in dem sich alle möglichen Komponenten der Erneuerbaren versammelt finden. Natur- oder Kulturlandschaft überleben auf diesem neu geschaffenen Planeten nur noch als Rudiment, als spärliche Überreste, im animierten Fehlfarben-Grün etwa, spurend zwischen Solarfläche und Windpark, Pumpspeicherwerk und Starkstrommasten, zwischen Biomasseanlage und, als Beispiel für das, was sich in Planung befindet, Chlorophylltürmen, die den Stoffwechsel der Bäume nachahmen.

7 Held und Antiheld

So hat sich eine heroische Technophilie seit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert den finalen Weltzustand vorgestellt - von Marinettis energetisch durchgestyltem "neuem Italien" bis hin zu Jüngers globalen, keine Grenzen mehr kennenden "Werkstättenlandschaften". Allerdings haben diese Autoren zweierlei nicht vergessen: zum einen das folgerichtige Bekenntnis zum technokratischen Nihilismus. Die traditionellen Bestände, die Sinnressourcen, werden aufgezehrt. Marinetti befiehlt: "Tod dem Mondschein!" Zum anderen die Machtfrage: Wer herrscht in diesen Werkstättenlandschaften? Damit es nicht die technischen Instrumente selber sind, wird ein neuer heroischer Typus postuliert, der "Ingenieur" oder "Arbeiter", der die totale Technikwelt leidenschaftlich bejaht, als Prämisse, in dieser Energie- und Arbeitswelt Herrschaft ausüben zu können.

Unser postheroisches Zeitalter gefällt sich darin, die mit der zunehmenden Technisierung aufgegebene Problematik der Technokratie zu verleugnen und auszugrenzen, befangen in der naiv-eindimensionalen Annahme, die neue Energiewelt sei der Glücksfall einer durch Industrie und Technik humanisierten Lebenswelt - die Illusionsbildung des physiologischen, im Grunde weltlosen Subjekts, das sich hinter die "grünen" Mauern von Sekuritätsapparaten flüchtet, um seiner Ohnmacht nicht innezuwerden.

MANFRED MAENGEL, Dr., geb. 1952, lebt in Berlin als Schriftsteller und Technikphilosoph. Letzte Buchveröffentlichung: Das Wissen des Kriegers oder Der Magische Operateur. Krieg und Technik im Frühwerk von Ernst Jünger. Berlin 2005.

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