Warum Liebeslieder doch erlaubt bleiben

30.04.2013

Heike Diefenbach und Michael Klein über "ethnomethodologische Erschütterungsexperimente" und die Einschränkung von Freiheitsrechten als Normalität

Dr. habil. Heike Diefenbach und Michael Klein betreiben das Unternehmen TextConsulting, mit dem sie unter anderem Unternehmen, Wissenschaftler und Studenten beraten, empirische Befragungen konzipieren und Vorträge und Reden schreiben. Zu ihrem Portal gehört auch das Blog ScienceFiles, auf dem sich die beiden nicht nur kritisch mit wissenschaftlichen Beiträgen auseinandersetzen, sondern auch "ethnomethodologische Erschütterungsexperimente" durchführen. Eines davon, das letzte Woche auf Twitter und im Web als ernste Nachricht weiterverbreitet wurde, war eine Satiremeldung über einen Theologen und eine Geschlechterforscherin, die dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk das Spielen von Liebesliedern verbieten wollen, weil solche Stücke zu sehr auf Heterosexualität ausgerichtet und nicht gendersensibel genug seien.

Herr Klein, gibt es den Berliner Geschlechterforscher und Theologen David Thaler, der ein Verbot von Liebesliedern im öffentlich-rechtlichen Rundfunk fordert, tatsächlich? Und wie verhält es sich mit Anna Lisa Müller vom Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung?

Michael Klein: David Thaler mag es geben, aber den Geschlechterforscher und Theologen David Thaler haben wir erfunden. Ebenso wie Anna Lisa Müller. Thaler ist ein Anagramm auf eine existierende Person, die die Einschränkung von Freiheitsrechten in derselben Weise gefordert hat, wie unser Herr Thaler.

Heike Diefenbach: Das Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung gibt es. Es ist eines unter vielen Einrichtungen für "Frauen- und Geschlechterforschung".

Den Klarnamen der existierenden Person wollen Sie nicht verraten? Ist sie bekannt?

Michael Klein: Nein, den Klarnamen wollen wir nicht verraten.

Heike Diefenbach: Es geht nämlich nicht darum, irgendwelche Leute bloßzustellen oder bestimmte Inhalte zu kritisieren. Wir haben ein ganz anderes Anliegen.

Michael Klein

Und das wäre?

Heike Diefenbach: Wir wollten illustrieren, welche merkwürdigen Früchte die ideologischen Pflanzen, die in Deutschland gesetzt wurden und ausgeschlagen haben, treiben können und wie stark angesichts einer freiheitlichen Grundordnung eigentlich Unglaubliches wie die umfassende Einschränkung von Freiheitsrechten in die Nähe des Akzeptablen oder schon Normalen gerückt ist.

Das kann man mit den üblichen Methoden sozialwissenschaftlicher Forschung nicht sichtbar machen. Wir wollten in die Realität holen, was in der üblichen Umfrageforschung durch die Abfrage von Zustimmung zu allgemeinen Sätzen, die für das eigene Leben keine Relevanz haben, erkennbar werden soll, aber durch den künstlichen Kontext notwendigerweise untergehen muss.

Michael Klein: Das Ganze ist ein "Erschütterungsexperiment", mit dem wir versucht haben, dem, was in Deutschland für "normal" gehalten wird, auf die Spur zu kommen. Und wie sich gezeigt hat, sind Deutsche, wenn man eine Position schafft, einen Positionsinhaber sich als Vertreter einer Gruppe posieren und als solcher die Einschränkung von Freiheitsrechten fordern lässt, offensichtlich einiges gewöhnt. Anders kann ich mir nicht erklären, dass eine Satire, die wir für relativ dick aufgetragen gehalten haben, für viele so glaubwürdig ist.

Ihr Text wird immer bizarrer, je weiter man liest. Am Schluss soll sogar das Feiern von "Leistungskraft" verboten werden. Was meinen Sie - lesen viele Leute heute nur mehr Überschriften und Anrisse? Und woran könnte das liegen?

Michael Klein: Ich bin mir nicht sicher, ob die Leser unserer Satire nicht richtig gelesen haben. Ich halte es für wahrscheinlicher, dass manche einfach angesichts der täglichen Berieselung mit Ideologien aller Art ziemlich viel, wenn nicht alles, für möglich halten. Viele scheinen einfach keinen Anker der Realität im Meer des täglichen Unsinns zu finden, der auf sie einprasselt.

Heike Diefenbach: Es mag sein, dass die Leser nicht richtig lesen, aber das erscheint für sie vielleicht auch nicht notwendig, denn in Deutschland sind bestimmte Themenfelder und Ideen einfach für gut oder für schlecht erklärt. Die Leser ordnen dann Meldungen den Feldern zu und wenn bestimmte Worthülsen, die sich auf diese Felder beziehen, fallen oder benutzt werden, dann erscheint ihnen etwas glaubhaft, weil es an das appelliert, was sie täglich hören und was sie gewohnt sind. Es ist wie eine Form "Gewöhnungsspirale": Immer höhere Dosen von Unsinn machen den Unsinn langsam zur Normalität und Unsinn immer weniger auffällig.

Michael Klein: Betrand Russell hatte massive Angst davor, dass man den Irren, der sich für ein Rührei hält, nur noch deshalb verurteilen kann, weil er sich in der Minderheit befindet. Wir sind heute in einer Situation, wo man Unsinn oder Irrsinn oder Wahnsinn nicht mehr danach bestimmen kann, ob derjenige, der ihn äußert, alleine steht. Vor allem Genderideologien haben dazu beigetragen, Maßstäbe von Normalität und Rationalität zu erodieren und nun haben wir den Salat!

"Wir würden uns aber wünschen, dass im Zusammenhang mit jeder Meldung, sei sie auf Tagesschau.de oder sonst wo, nach Quellen und Belegen gefragt wird, um den Wahrheitsgehalt der Meldung zu prüfen"

Wie kamen Sie konkret auf die Idee zu der Satire?

Michael Klein: Morgens, beim Frühstück. Die Satire ist eine Gemengelage aus dem bereits genannten Menschen, der die Rechte von Wenigen dadurch schützen will, dass er Vielen ihre Rechte nimmt, und aus einer Studie, in der vor den Folgen von Hip Hop gewarnt wurde. Wir sind als Betreiber von ScienceFiles häufig mit "Studien" konfrontiert, die Unsinn verbreiten, methodische Standards mit Füßen treten oder sich in den Dienst von Ideologien stellen.

Heike Diefenbach: Wenn eine "Studie" nicht ganz besonders ärgerlich ist, reagieren wir häufig damit, dass wir uns über die entsprechende "Studie" lustig machen. Satire ist für uns eine Art, mit der Menge solchen Unsinns umzugehen - eine psychologische Verarbeitungsstrategie, wenn Sie so wollen. Aber wir hoffen natürlich, durch die Satire auch Leser auf Dinge aufmerksam zu machen, die wir sonst nicht erreichen könnten, würden wir z. B. die entsprechende Studie nur im Hinblick auf ihre methodischen Mängel zerlegen.

Michael Klein: Die Wirksamkeit einer Satire beruht ja auf relativer Glaubwürdigkeit. Wir wollen entsprechend auch ein Bewusstsein bei den Lesern dafür schaffen, wie viel sie am Tag glauben, ohne es zu hinterfragen, wenn sie z. B. auf Tagesschau.de eine Falschmeldung lesen, die betitelt ist mit "mehr Frauen sterben an Drogen". Wir haben in unserer Liebeslieder-Meldung keinen einzigen Link, keine Quellenangabe, nichts, womit die entsprechende Meldung belegt werden könnte. Entsprechend hätten wir gedacht, die Satire ist als solche auf einem Wissenschaftsblog zu erkennen, auf dem sonst immer zitiert wird.

Heike Diefenbach: Einige Kommentatoren haben bemerkt, dass nicht zitiert wird und Belege eingefordert. Vielleicht, weil sie das von uns als Wissenschaftsblog-Betreiber gewöhnt sind. Wir würden uns aber wünschen, dass im Zusammenhang mit jeder Meldung, sei sie auf Tagesschau.de oder sonst wo, nach Quellen und Belegen gefragt wird, um den Wahrheitsgehalt der Meldung zu prüfen, kurz: dass die Leser kritischer mit Meldungen umgehen, ohne dabei ins Extrem zu verfallen, dass sie einfach nichts mehr glauben, was irgendwo gedruckt steht.

Heike Diefenbach

Vor ein paar Wochen hatten sie – ebenfalls satirisch - berichtet, dass die Fraktionen von SPD und Grünen im Bayerischen Landtag Mein Kampf umschreiben wollen. Was gab es da für Reaktionen darauf?

Michael Klein: Die Reaktionen waren ähnlich und reichten von Unsicherheit, ob es sich um eine Satire handelt, bis zu Ärger über die Fraktionen von SPD und Grünen im Bayerischen Landtag, für die wir ein paar Abgeordnete erfunden haben, die die Umschreibung von Mein Kampf gefordert haben sollen.

Heike Diefenbach: Dummerweise wurden wir bei dieser Satire von der Realität eingeholt beziehungsweise überholt, denn die SPD-Bundestagsfraktion hat just einige Tage später einen Antrag gestellt, in dem unter anderem das Umschreiben von Mein Kampf angedacht wurde. Das zeigt, dass Satire genau zwischen Realität und Unsinn angesiedelt ist, und dass es die Frage ist, auf welche Seite das Pendel ausschlägt. Wir hoffen sehr, dass wir im Hinblick auf unsere neue Satire nicht auch von der Realität überholt werden.

Michael Klein: Letztlich ist in Zeiten der politischen Korrektheit halt nichts ausgeschlossen: Die Satire von heute kann die politische Korrektheit von morgen sein - kein angenehmer Gedanke, aber dem Wahnsinn scheinen derzeit keine moralischen oder praktischen Grenzen gesetzt zu sein.

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