"Die Technik darf nicht allein Technokraten und Politikern überlassen werden"

19.05.2013

Der Technikphilosoph Armin Grunwald über die Leistungsgesellschaft, den Menschen als Grenze des Fortschritts und die fehlende europäische Öffentlichkeit

Prof. Armin Grunwald ist Technikphilosoph und berät den deutschen Bundestag. Im ersten Teil des Interviews (Wer bleibt schon bei 1.0 stehen?) erzählte er auch von gegenwärtigen Tendenzen, die Technik zu nutzen, um den Menschen nicht nur zu heilen, sondern auch zu verbessern. Dies führte das Gespräch zu grundsätzlicheren Fragen - wie hängen Technik und Gesellschaft zusammen, wie viel Fortschritt ist möglich? Brauchen wir mehr Demokratie in der Technikpolitik, und ist das in der EU überhaupt möglich?

Wir haben über die technische Verbesserung des Menschen geredet. Ich frage mich, ob das überhaupt eine neue Entwicklung ist. Ist es denn nicht so, dass die Menschen schon immer Technik benutzen, um ihre eigene Leistung zu erhöhen und Dinge zu machen, die sie zuvor nicht machen konnten?

Armin Grunwald: Das ist in der Tat eine ganz alte Figur. Es ist eine der Grundmotivationen, Technik zu nutzen, um das zu können, was wir durch unsere Organe nicht können. Der Bagger etwa ist ja auch eine Verstärkung der menschlichen Hand. Diese neuen Entwicklungen sind durchaus auf dieser Linie, aber sie legen den technischen Fortschritt in den Menschen hinein, das ist der Unterschied.

Armin Grunwald

Ist das lediglich eine Folge des technischen Fortschritts, oder stehen auch gesellschaftliche Ordnungsmodelle dahinter?

Armin Grunwald: Letzteres. Hinter dem technischen Fortschritt sind immer auch gesellschaftliche Regularien, sozusagen Ordnungen, die ja teilweise bis ins Rechtliche fixiert sind, teilweise aber auch eher im Verhaltensbereich liegen, in de Wirtschaft oder im Wertebereich. Technik muss immer zu den gegenwärtigen Werten passen.

Wenn wir also heute darüber diskutieren, dass Technik benutzt werden wird, Menschen besser zu machen - geht es dann auch um den Druck, den unserer gegenwärtigen Leistungsgesellschaft ausübt?

Armin Grunwald: Das ist eine These, die ich gerne vertrete. Der Wettbewerb ist sehr groß geworden, und vor allem global, es gibt Anzeichen, dass er durchaus zu einer vermehrten Anzahl psychischer Probleme führt und auch dazu, dass Jugendliche schon früh im Wettbewerb stehen. Es gibt eine Umfrage einer Krankenkasse: Wären Sie bereit, leistungsfördernde Medikamente zu schlucken, um am Arbeitsplatz besser bestehen zu können? Laut den Ergebnissen würden sich in der Tat viele Menschen solcher Mittel bedienen. Für die USA gibt es Zahlen, dass mittlerweile mehr als ein Viertel der Studenten im Examen Mittel schlucken, die die Leistung steigern.

Werden denn auch immer mehr Pillen entwickelt, mit denen man die Leistung steigern kann?

Armin Grunwald: Noch nicht. Aber es wird wohl so kommen. Noch ist es so, das haben wir auch für den Bundestag gezeigt, dass die meisten Mittel, die derzeit zur Leistungssteigerung verwendet werden, im Prinzip missbrauchte Medikamente sind, also Mittel, die eigentlich heilen und nicht verbessern sollen. Ob sie auch die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit von Gesunden verbessern, dafür gibt es nach unseren Recherchen noch keine medizinische Evidenz. Aber ich vermute, Pharmafirmen sind da bereits aktiv.

"Ich glaube nicht, dass der Fortschritt an eine Grenze stößt, wo die Menschen sagen, wir haben keine Lust mehr, es reicht"

Man sagt ja gerne, dass sich der technische Fortschritt immer mehr beschleunigt. Ist das wirklich so?

Armin Grunwald: Das ist eine gute Frage. In manchen Feldern geht es sehr schnell, wenn es sich um Anwendungen handelt, wenn weltweit so viele Leute daran arbeiten, dass eine kritische Masse entsteht, beispielsweise bei Internetanwendungen. Anderes geht aber langsam, in der Regel das, was mit harter Materie verbunden ist. Bis in der Materialforschung ein marktfähiges Produkt entwickelt ist, vergehen oft zwanzig Jahre oder mehr. Das ist sogar langsamer geworden als früher, weil sich viele Materialien bereits im Grenzbereich befinden und es mühsam ist, sie noch weiter zu verbessern. Es ist mal so und mal so, das ist die Antwort.

Gibt es eine Grenze der Beschleunigung?

Armin Grunwald: Ja, ich glaube, die Grenze ist das, was die Menschen vertragen. Bei der Software geht es ja recht schnell. Das merke ich bei mir und bei anderen, dass wir manchmal genervt sind vom schnellen Fortschritt, wenn durch Updates dauernd neue Funktionen in die Software reinkommen, die wir gar nicht brauchen, und so weiter. Das ist vermutlich ein Punkt, der bremsen wird.

Das heißt, der Mensch ist die Grenze des technischen Fortschritts, bei einem gewissen Tempo macht er nicht mehr mit?

Armin Grunwald: Ja, das glaube ich, und ich glaube, das ist auch gut so. Der technische Fortschritt ist für die Menschen da und nicht umgekehrt.

Aber gibt es in einem Wettbewerbssystem nicht gewisse Reize, dass der Mensch den technischen Fortschritt nutzt, um noch mehr technischen Fortschritt auszuhalten? Sie haben von verbesserten Augen geredet, und Brillen, die internetfähig sind, sind schon am Kommen. Das würde unsere Fähigkeit, den technischen Fortschritt auszuhalten, doch erhöhen.

Armin Grunwald: Ja, das denke ich auch. Es ist wieder kein Widerspruch. In dem einen Bereich ist es so, im anderen anders. Ich glaube nicht, dass der Fortschritt an eine objektive Grenze stößt, wo die Menschen sagen, wir haben keine Lust mehr, es reicht. Es wird immer Bereiche geben, die weitergetrieben werden, weil wir das wollen und brauchen. Aber es gibt auch Gegenbewegungen, die zeigen sich eher in den Massenprodukten, wenn man keine Lust mehr hat auf bestimmte Dinge und die Leute nicht mehr zugemüllt werden wollen mit immer neuen Funktionen. In anderen Bereichen geht der Fortschritt dagegen weiter, er wird sich verlagern.

"Uns fehlt eine demokratische Öffentlichkeit auf europäischer Ebene"

Welche Möglichkeiten hat die Politik, diese Entwicklung mitzuprägen?

Armin Grunwald: Es gibt im Groben zwei Möglichkeiten: fördern und regulieren. Das ist weltweit bei den Industriestaaten gang und gäbe, etwa durch Forschungsprogramme. Bei der Regulierung, da sind Staaten und Politiker gefordert, dafür zu sorgen, dass keine Probleme durch den Fortschritt entstehen, zum Beispiel, dass der Datenschutz eingehalten wird, oder, im Falle der synthetischen Biologie etwa, dass aus den Laboren keine Substanzen entwischen, die man noch nicht kennt.

Welche Rolle spielt dabei die Technikberatung?

Armin Grunwald: Eine recht große. Wir sind unter anderem verpflichtet, mögliche problematische Entwicklungen vorauszudenken, und zu warnen. Ich mache mal ein hypothetisches Beispiel auf: Synthetische Biologie als "Do It Yourself"-Technologie. Es gibt junge Leute, die sich zusammenschließen und selbst anfangen, mit biologischen Materialien zu experimentieren, Wissen aus dem Internet abrufen und neue Dinge machen. Könnten solche kreativen Netzwerke z.B. zu terroristischen Zwecken missbraucht werden? Diesen Typ von Überlegung stellen wir häufig an, und das mündet dann gelegentlich in der Forderung nach Regulierung und Vorsichtsmaßnahmen, häufig aber nur in der Forderung nach sorgfältiger Beobachtung der Entwicklung, weil man in frühen Phasen noch gar nicht weiß, ob etwas wirklich problematisch sein wird.

Das weiß man oft erst, wenn es zu spät ist, wie bei der Kernkraft...

Armin Grunwald: Das wollen wir verhindern, indem wir möglichst früh beobachten und abschätzen, was getan werden muss. Das gelingt nicht immer, das kann ich sagen, aber das ist das Ziel.

Ist es auch das Ziel der Technikberatung, einen demokratischen Diskurs über den technischen Fortschritt zu stärken?

Armin Grunwald: Ja, das gehört mit zur Gründungsgeschichte der Technikfolgenabschätzung, die Technik nicht den Expertennetzwerken von Technokraten und Politiker zu überlassen. Wir haben die Überzeugung, dass der technische Fortschritt die Gesellschaft so stark beeinflusst, dass eben die demokratische Öffentlichkeit sich Meinungen bilden sollte über bestimmte Optionen, Alternativen und Risikoabwägungen, und diese auch diskutieren sollte.

Gibt es überhaupt eine Meinungsbildung, die Einfluss auf die konkrete Entwicklung des Fortschritts nimmt?

Armin Grunwald: Ja, das gibt es zur Zeit sehr stark im Infrastrukturbereich. Nehmen wir mal Stuttgart21, da sieht man, wohin es führt, wenn man die Bürger nicht mitnimmt. Man sucht überall nach Wegen, um solche Großvorhaben konstruktiver anzugehen. Das ist jetzt ein anderer Fall von technischem Fortschritt, eher ein großes Infrastrukturprojekt. Aber das gehört eben auch zu unseren Aufgaben.

Ein anderes Beispiel sind die EU-Flagship-Projekte. Da wurde bis zu einer Milliarde Euro für Forschungsgelder investiert. Ein demokratischer Diskurs fand nicht statt. Was hätte man da besser machen können?

Armin Grunwald: Sie sprechen ein großes Problem an. Sie sagen ja, die europäische Forschungsförderung, da hatten wir keine öffentliche Debatte und der Grund ist, dass wir in Europa noch keine Öffentlichkeit haben. Dahinter stehen das Sprachenproblem, das Problem unterschiedlicher politischer Kulturen und unterschiedliche Verhältnisse von Öffentlichkeit und politischem System. Uns fehlt eine demokratische Öffentlichkeit auf europäischer Ebene, um überhaupt eine Debatte möglich zu machen.

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