Männlich, muslimisch, schwul

14.05.2013

Warum sich islamische Religionsgemeinschaften für Schwule öffnen müssen, wollen sie in Zukunft ernst genommen werden. Ein Interview mit dem Piratenpolitiker Ali Utlu

Gleichgeschlechtliche Liebe ist Sünde. Das gilt nicht nur für den Koran, sondern auch für die Bibel und die Thora. In dem Maße wie die Religion nun öffentlich an Bedeutung gewinnt, gerät die religiös motivierte Feindseligkeit gegenüber Lesben und Schwule in den Blick. Rund 30 Prozent der Menschen in der Bundesrepublik sind homophob - Lesben- und Schwulenfeindlichkeit ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Doch beobachtet man auch, dass in Moscheen Bücher im Umlauf sind, in denen Homosexualität als Schande bezeichnet wird, die hart bestraft werden muss. Denn es gilt etwa laut Yusuf Al-Qaradawi, die "Reinheit der islamischen Gesellschaft zu erhalten und sie von abartigen Elementen rein zu halten".

Ferner zeigen Studien, dass bei sozial schwachen Schülern muslimischer Herkunft schwulenfeindliche Einstellungen mehr verbreitet sind als bei nichtmuslimischen. Ali Utlu, 41 Jahre, ist im Mai 2013 in den Landesvorstand der Piratenpartei von NRW gewählt worden. Er ist Beauftragter der Piraten für schwul-lesbische Themen und bezieht Position. Telepolis sprach mit ihm.

Nur wenige haben den Mut, es öffentlich zu zeigen

In welchem Alter ist Ihnen klar geworden, dass Sie homosexuell veranlagt sind?

Ali Utlu: Ich war mir schon zwischen 13 und 14 Jahren ziemlich sicher, da wo andere noch in der Findungsphase sind. Weil ich mich von Frauen überhaupt nicht angezogen fühlte. Das Outing kam erst ziemlich spät, da war ich 20 Jahre. Das habe ich erst gemacht, als ich von zu Hause ausgezogen bin.

Wie haben sich Ihre Eltern verhalten?

Ali Utlu: Von Seiten meines Vaters war es sehr problematisch. Weil aus seinem Jungen kein richtiger Junge mehr werden würde. Und die Mutter bedauerte, dass es aus dieser Ecke keine Enkelkinder geben würde. Ich bin hart damit umgegangen, indem ich offen gesagt habe, dass ich schwul bin und sich das in meinem Leben auch nicht mehr ändern wird. Sie sollten das akzeptieren oder auf mich als ihren Sohn verzichten.

Man erlebt in der Öffentlichkeit oft, dass muslimische Jugendliche Schwule beschimpfen. Kennen Sie das?

Ali Utlu: Ja. Allerdings habe ich Anfeindungen erst in Köln erlebt und nicht in der hessischen Kleinstadt, wo ich vorher gelebt habe. Das war sehr schmerzhaft, weil ich auch immer für die Rechte von Muslimen auf die Straße gegangen bin und es nicht verstehen konnte, dass eine Minderheit auf eine andere Minderheit draufhaut.

Doch häufig kommen diese Anfeindungen von männlichen Jugendlichen aus bildungsfernen Elternhäusern - ich stelle da eine Grundaggressivität gegenüber Schwulen fest. Bei denjenigen, die studiert haben, ist hingegen meistens Akzeptanz da. Viele Türken in meinem Freundeskreis haben damit überhaupt keine Probleme.

Wie verbreitet ist Homosexualität bei Muslimen?

Ali Utlu: In großen Städten wie Köln oder Berlin gibt es sehr viele schwule Muslime, die sich aber verstecken. Nur wenige haben den Mut, es öffentlich zu zeigen. Die meisten wollen während öffentlicher Veranstaltungen nicht gefilmt werden. Je nachdem, aus welchem Ort der Türkei die jungen Menschen kommen, kann es nämlich lebensgefährlich sein, Homosexualität zu zeigen. Viele werden zwangsverheiratet und führen ein Doppelleben nach der Ehe.

Sie tauchen an bestimmten Stellen auf, wo sich Schwule treffen, und man weiß genau, sie sind verheiratet und dabei todunglücklich. Das Eigentümliche in der Türkei ist, dass dort jeder dritte Mann Sex mit anderen Männern hat, das aber nicht als Homosexualität gewertet wird. Wer meint, dass in den einheimischen Hamams nur gebadet wird, denkt, dass in Swingerclubs nur gehäkelt wird.

Freiräume innerhalb der Religion

Rechtfertigt der Koran die Diskriminierung von Menschen, die homosexuell veranlagt sind?

Ali Utlu: Das ist das Schwierige am Koran. Der Koran ist nicht wie die Bibel ein festgeschriebenes Wort, sondern darf interpretiert werden. Es gibt islamische Rechtsgelehrte, die interpretieren den Koran so, dass es keine Probleme mit Homosexualität gibt, wenn man nicht verheiratet ist. Andere hingegen behaupten, Homosexuelle sind widernatürlich und gehören getötet.

Ist die Feindschaft gegenüber Homosexuellen seit solchen einschneidenden historischen Ereignissen wie dem 11. September 2001 oder dem sogenannten Arabischen Frühling gewachsen?

Ali Utlu: Den Bezug zu solchen historischen Ereignissen würde ich herauslassen. Ich stelle aber fest, dass die Religion bei Muslimen immer mehr in den Vordergrund rückt und nicht mehr die Nationalität. Türken definieren sich nicht mehr als Türken, sondern als Muslime. Das ist allerdings ein Stempel, der ihnen auch von den deutschen Medien aufgedrückt wird. Statt von Türken, Libanesen oder Iranern spricht man in den Medien immer von Muslimen - so werden diese Menschen in bestimmte Rollen hineingezwängt.

Das wird dankbar aufgenommen, weil die Muslime von der Mehrheitsgesellschaft in Deutschland sowieso nicht ganz angenommen werden. So suchen sie sich Freiräume, in denen sie sein können, wie sie sind. Und das gelingt ihnen am besten innerhalb der Religion, weil sie einen Zusammenhalt vermittelt, den es vorher gar nicht gegeben hat.

Ali Utlu Foto: Frank Nicolai

Gibt es nicht auch schwulenfeindliche Stimmungen, die der türkische Staat unter Erdogan schürt?

Ali Utlu: Das ist ein interessanter Punkt. Es hat in der Türkei noch nie Gesetze gegen Homosexualität gegeben - das reicht bis ins osmanische Reich hinein. Doch Papier ist geduldig. Weil Homosexuelle in der Türkei immer noch sehr diskriminiert werden. Es gibt hier Ehrenmorde. Das Gute ist, dass schwul-lesbische Vereinigungen in der Türkei immer lauter werden. Berühmte Sänger und Modemacher haben sich geoutet.

Das Thema ist in der Türkei immer gegenwärtiger. So gibt es in Istanbul einen CSD-Tag. Trotzdem ist die Atmosphäre in der Türkei mehr und mehr durch die regierende AKP geprägt, die Religiosität hochhält und die Stimmung vergiftet. Früher hatte man es mit reiner Homophobie zu tun, jetzt kommen religiöse Eiferer dazu.

Reisen Sie heute nicht mehr so gerne in die Türkei?

Ali Utlu: Es kommt darauf an, wo ich hingehe. In der City von Istanbul hätte ich keine Angst. Wobei es sogar in Istanbul Stadtteile gibt, wo aufgeklärte Türken lieber nicht hingehen sollten. Frauen ohne Kopftücher können angespuckt, geschlagen oder verjagt werden. Und Homosexuelle, denen man es ansieht, könnte es passieren, dass sie gelyncht werden.

Mix aus Religion und rechtem Gedankengut

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime etwa behauptet, dass der Islam die Homosexualität als Lebensweise nicht akzeptiert. Warum tun sich auch die muslimischen Verbände so schwer mit Homosexualität im Islam?

Ali Utlu: Teilweise trifft genau das Gegenteil zu. Die Türkische Gemeinschaft in Deutschland hat gesagt, dass sie gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften unterstützt. Bei den muslimischen Verbänden muss man unterscheiden, welche Richtung des Islams sie vertreten. Es gibt Aleviten, Sunniten, Schiiten, Islamisten aus Saudi-Arabien, die Wahhabiten.

Dazu kommen Salafisten und türkische Jugendliche, die von rechtsradikalen Vereinigungen wie den Grauen Wölfen vereinnahmt werden - eine gefährliche Mischung aus Religiosität und rechtem Gedankengut. Bei uns schrillen immer dann die Alarmglocken, wenn Islamverbände schwulenfeindlich argumentieren, die sich hier Deutschland gegründet haben und sich auch noch auf die Verfassung berufen.

Vertrauen gewinnen

Was würde es der muslimischen Seite bringen, wenn sie offener mit Homosexualität umginge?

Ali Utlu: Zunächst würden die Homosexuellen Vertrauen gewinnen. Und wenn es so etwas wie den Dialog der Kulturen geben soll, gehört dieses Thema dazu. Jeder, der in Deutschland lebt, muss akzeptieren, dass es hier Homosexuelle gibt, die für ihre Orientierung nicht bestraft werden dürfen und dass demnächst sogar homosexuelle Ehen anerkannt werden. Muslimische Organisationen müssen sich dieser Tatsache genauso beugen wie jeder andere Deutsche auch, weil es die entsprechenden Gleichstellungsgesetze gibt.

Ferner wäre es wichtig, wenn Homosexuelle zu Tagen der offenen Tür in Moscheen oder islamischen Kulturvereinen eingeladen würden, um dort aufzuklären zu können. Doch dazu kommt es nicht. Genauso wenig, wie muslimische Organisationen auf schwul-lesbische Organisationen zugehen und sagen, wir haben Vorurteile und würden gerne mit euch darüber diskutieren. Dabei würde ihnen die Mehrheitsgesellschaft dann vermutlich mehr Vertrauen entgegenbringen.

Ali Utlu ist bei Twitter unter @alicologne erreichbar

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