Werdet doch einfach alle Unternehmer?

26.05.2013

Ein wirtschaftlich tragfähiges Modell, um den Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt durch technologischen Fortschritt begegnen zu können, fehlt immer noch

Das Internet hat die Arbeitswelt und insbesondere die Verdienstmöglichkeiten verändert - eine Binsenweisheit. Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee legen eine in den USA seit längerem diskutierte Analyse der Veränderung der Arbeitswelt durch die digitale Revolution vor. Ihre Lösung des Problems ist allerdings simpel: Macht euch alle selbständig und werdet Unternehmer....

Erik Brynjolfsson, Professor für Management und Direktor des Center for Digital Business am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und Andrew McAfee, als Principal Research Scientist ebenfalls dort tätig, sorgen seit einiger Zeit mit ihrer Veröffentlichung Race against the Machine für Diskussionen in den USA. Der technische Fortschritt habe Effekte der Wirtschaftskrise auf den Arbeitsmarkt noch weiter verstärkt, das werde noch immer nicht richtig verstanden, lautet ihre zentrale These.

Insbesondere die Veränderungen der Einkommen sehen die Autoren als Problem an. So hätte sich das durchschnittliche Einkommen in den vergangenen Jahren deutlich zum schlechteren entwickelt. Die Bankenkrise der vergangenen Jahre zeige, dass sich etwas Grundlegendes im Verhältnis zwischen Arbeit und Einkommen verändert habe. Zwar habe es immer wieder in der Vergangenheit Rückschläge beim Wachstum der Einkommen gegeben, allerdings seien diese immer auch mit einem Einbruch des Bruttosozialproduktes (BSP) einhergegangen.

Seit 2007 jedoch hätten sich diese beiden Zahlen erkennbar auseinanderentwickelt. Zwar steige das BSP wieder, das durchschnittliche Einkommen eines US-Haushaltes dagegen ist von 60.746 Dollar auf 55.821 Dollar gefallen.

Die Allroundfähigkeiten der Rechner, die Menschen am Arbeitsplatz ersetzen

Brynjolfsson und McAfee zufolge ist eine solche Entwicklung das erste Mal feststellbar, seit entsprechende Zahlen ermittelt würden. Als Grund dafür nennen sie in erster Linie die Allround-Fähigkeiten von Computern. Denn im Gegensatz zu vorhergehenden technologischen Neuerungen, die sich auf die Arbeitswelt niederschlugen, seien Computer deutlich flexibler einsetzbar.

Wir glauben, dass ein großer Teil der Menschen zurückgelassen wird, weil der Takt der Entwicklung so rasant beschleunigt. Viele Arbeiter verlieren schlicht das Rennen gegen die Maschinen.

Schnellere, billigere Computer und Verbesserungen in der Rafinesse der Software würden den Maschinen Fähigkeiten verleihen, mit denen man früher nicht gerechnet habe, weil sie als Kompetenzen galten, die Menschen vorbehalten sind, beispielhaft dafür sind Entwicklungen im Spracherkennungsbereich, weswegen Rechner auch zunehmend in Call-Centern oder in Marketing- und Verkaufsabteilungen von Unternehmen Aufgaben übernehmen können, die früher von Menschen erledigt würden - ein Dienstleistungsbereich, der für viele Arbeitsplätze sorgt, wie die beiden MIT-Mitarbeiter betonen. Auch das lange Zeit gängige Argument, Computer könnten keine kreativen Aufgaben übernehmen, sei in der strikten Auslegung nicht mehr zu halten.

Oder doch ein Jobmotor?

Michael Kiess, Pressesprecher für Forschung und Entwicklung bei IBM, steht solchen Aussagen eher kritisch gegenüber. "Manches kann ein IT-System nicht, da gibt es Qualitätsunterschiede." Er sieht die digitale Revolution vielmehr als Jobmotor.

Wenn man sich einmal ansieht, wie viel Kommunikation im Bereich Social Media stattfindet, hat das Internet und der Einsatz von Computern einen gewaltigen ökonomischen Innovationsschub erzeugt.

Denn neben der Zerstörung von Arbeitsplätzen habe der Einsatz von Computern auch eine ganze Reihe von Jobs geschaffen. Allein der Bereich Logistik sei in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Der Grund dafür sei der zunehmende Handel über das Internet und die damit verbundene Auslieferung der Waren. "Es werden Arbeitsplätze vernichtet, aber ich bin ziemlich sicher, dass auf der anderen Seite neue geschaffen werden", so Riess.

Diese Entwicklung der kreativen Zerstörung wird auch von Brynjolfsson und McAfee gesehen. Allerdings, so behaupten sie, wurden in den vergangenen Jahren deutlich weniger neue Jobs geschaffen, als vernichtet.

Digitale Technologien verändern sich rapide schnell, aber die Organisationen und die Fähigkeiten der betroffenen Personen können nicht Schritt halten. Als Resultat werden Millionen von Menschen zurückgelassen. Ihre Einkommen und Jobs werden zerstört und sie werden schlechter zurückgelassen, als vor der digitalen Revolution.

Lohnarbeit: Umdenken nötig

Dabei wäre genau hier der wirklich interessante Punkt, an dem angesetzt werden müsste. Denn wenn klar ist, dass sich aufgrund von technologischen Entwicklung die Einkommensmöglichkeiten für einen immer größer werdenden Teil der Bevölkerung verändern, müsste auch gefragt werden, wie sich die Gesellschaft in der Zukunft anpassen müsste. Ein Verweis auf das bedingungslose Grundeinkommen öffnet hier möglicherweise den Blick.

Denn wenn immer weniger Arbeit da ist, weil sie schlicht von Maschinen übernommen wird, braucht es notwendigerweise ein Umdenken hinsichtlich der Lohnarbeit, die immer noch für den überwiegenden Teil der Bevölkerung in den industrialisierten Staaten die Existenzgrundlage darstellt.

Um dieser gesellschaftlichen Veränderung durch die digitale Revolution entgegenzutreten, bieten die Autoren allerdings nicht viel mehr an, als die durchschnittlichen neoliberalen Standardantworten. Staaten sollten deutlich mehr in die Ausbildung ihrer jungen Menschen investieren. Darüber hinaus solle das Unternehmertum gestärkt werden. Der Staat müsse die Steuern auf die Gehälter senken, er müsse auch die von ihm gesetzten Hürden bei der Eröffnung eines neuen Unternehmens radikal senken.

Zwar wird durchaus gesehen, dass mit solchen Maßnahmen nicht alle Probleme gelöst werden können, ein wirtschaftlich tragfähiges Modell allerdings, um den technologischen Veränderungen begegnen zu können, fehlt immer noch. Damit bleibt es, wie es immer war in der neoliberalen Welt. Ein immer kleinerer Teil der Gesellschaft verschafft sich einen immer größeren Teil des ökonomischen Kuchens und der Rest soll sehen, wo er bleibt.

Technologische Entwicklungen hin oder her, ohne ein neues tragfähiges ökonomisches Verteilungssystem für die gemeinsam erwirtschafteten Güter wird sich an diesem Zustand in der Zukunft nichts verändern. Lohnarbeit wird aller Wahrscheinlichkeit nach zunehmend zu einem Auslaufmodell. Neue Modelle werden diskutiert, von den Profiteuren dieser Entwicklung jedoch immer noch in das Reich der unumsetzbaren Mythen verwiesen.

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