Das "Monster Cohn-Bendit" und die Kinder: Alles ein großes Missverständnis?

22.05.2013

Präsident des Bundesverfassungsgerichts widerspricht Aussage von Cohn-Bendit im Spiegel-Interview

Jetzt reicht es! Daniel Cohn-Bendit, Grünenpolitiker und leidenschaftlicher Europäer, wird seit Wochen heftig für Aussagen kritisiert, die er vor über 30 Jahren im Zusammenhang mit Kindersex gemacht hat. Steht der angesehene Politiker Cohn-Bendit etwa der "Pädophilie" nahe, lautet die Frage, an der sich derzeit die Gemüter erhitzen. Nein, nein und nochmals nein, tönt es aus Teilen der deutschen Presse. Kolumnisten wie Jakob Augstein sehen Cohn-Bendit längst als entlastet. Cohn-Bendit hat sich erklärt, Cohn-Bendit hat sich entschuldigt, nun ist es genug, lautet der geteilte Tenor. Doch ist die Angelegenheit wirklich so einfach?

Wer die Aussagen Cohn-Bendits alleine durch den zeithistorischen Kontext der 68er zu erklären versucht, läuft Gefahr, sich zum Erfüllungsgehilfen einer Strategie zu machen, die der Politiker zu seiner Verteidigung gewählt hat: Es war die Zeit, es war meine Naivität, es war mein Unwissen. Schlimm: Eine offene Diskussion zu dem Thema ist kaum möglich.

Christian Pfeiffer, reputierter Kriminologe und bis im Januar maßgeblich eingebunden in die Aufarbeitung kirchlicher Missbrauchsfälle, knallt bei den Worten Cohn-Bendit und Kinder den Hörer auf, Günther Jauch, der noch vor gut einem Jahr mit dem "Revoluzzer" Cohn-Bendit plauderte, verschlägt es plötzlich die Sprache und er beantwortet einfache Presseanfragen nicht, der Norddeutsche Rundfunk (NDR) unterstützt das Schweigen seines Top-Moderators, woran auch eine Beschwerde bei der Intendanz nichts ändert. Und die Grünen lassen seit drei Wochen Fragen, die Telepolis im Zusammenhang mit ihrem Spitzenpolitiker gestellt hat, unbeantwortet. Ein Debattenbeitrag.

Es gibt keine Anklage, keine Ankläger

"Herr Cohn-Bendit, haben Sie jemals ein Kind unsittlich berührt?", fragt Der Spiegel in seiner Ausgabe von vergangener Woche den hochangesehenen Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit. Dieser antwortet: "Nein." In dieser ersten Frage, die die Spiegel-Journalisten stellen, findet sich ein Kernproblem, das sich im Laufe der aktuellen Debatte um Cohn-Bendit und sein Verhältnis zu Kindern herauskristallisiert und das für eine in Teilen schief gelagerte Diskussion sorgt.

Zunächst gilt festzuhalten: So berechtigt die Frage auch ist, bisher gibt es keine bekannten Vorwürfe und schon gar keine rechtlichen Schritte, die naheliegen würden, dass Cohn-Bendit strafbare sexuelle Handlungen an Kinder vollzogen hat.

Diese Feststellung ist zugleich eines der stärksten Argumente all jener, die Cohn-Bendit von den im Raum stehenden Vorwürfen, der Politiker habe eine doch sehr eigenwillige Auffassung zum sexuellen Umgang mit Kindern, freisprechen möchten.

Es gibt keine Anklage, keine Ankläger. Seit fast 40 Jahren nicht. Demnach, so sehen es die Verteidiger Cohn-Bendits, ist es zumindest sehr unwahrscheinlich, dass der Politiker sich jemals in dem veranschlagten Kontext hat etwas Strafbares zu schulde kommen lassen. Daraus ergibt sich: Cohn-Bendit ist unschuldig, er ist das Opfer eines sich irrational verhaltenden Hassmobs und das Opfer eines politisch inszenierten Angriffs auf die Grünen im Vorfeld der anstehenden Wahlen.

So richtig auch die Feststellung ist, dass es bisher keinerlei Betroffene gibt, die sich zu Wort gemeldet haben und daher Cohn-Bendit zu Recht als unschuldig zu gelten hat, so sehr tragen die Schlüsse, die aus eben jener Argumentation gezogen werden dazu bei, dass die eigentlich zentrale Frage in der Diskussion immer wieder überlagert wird.

Die Frage ist nicht so sehr, ob Cohn-Bendit unsittlichen Kontakt zu Kindern hatte. Denn sollte sich das jemals als wahr herausstellen, würde sich jede Diskussion ohnehin sofort erübrigen und die Ermittlungsbehörden müssten einschreiten.

Die Frage, über die diskutiert werden muss, lautet: Wie soll eine Gesellschaft, wie sollen Medien und wie soll eine Öffentlichkeit im Jahr 2013 mit jemand umgehen, der sich auf die Art und Weise vor vielen Jahren geäußert hat, wie Cohn-Bendit es getan hat?

Zur Veranschaulichung. Cohn-Bendit schrieb in seinem Buch "Der große Basar" aus dem Jahr 1975 folgende Zeilen:

Mein ständiger Flirt mit allen Kindern nahm bald erotische Züge an. Ich konnte richtig fühlen, wie die kleinen Mädchen von fünf Jahren schon gelernt hatten, mich anzumachen. Es ist kaum zu glauben. Meist war ich ziemlich entwaffnet. (...) Es ist mir mehrmals passiert, dass einige Kinder meinen Hosenlatz geöffnet und angefangen haben, mich zu streicheln. Ich habe je nach den Umständen unterschiedlich reagiert, aber ihr Wunsch stellte mich vor Probleme. Ich habe sie gefragt: "Warum spielt ihr nicht untereinander, warum habt ihr mich ausgewählt und nicht andere Kinder?" Aber wenn sie darauf bestanden, habe ich sie dennoch gestreichelt.

Hinzu kommen Aussagen, die er 1982 in einer Talkshow im französischen Fernsehen geäußert hat. Darin sagte Cohn-Bendit:

"Ich arbeite mit kleinen Kindern… Ich gehe um 9 Uhr morgens hin und finde dort meine acht kleinen Knirpse zwischen 16 Monaten und zwei Jahren. Ich wasche ihnen den Popo ab. Ich kitzle sie, sie kitzeln mich. Wir schmusen uns. …"

Der Schriftsteller Paul Guth, auch Gast in der Talkshow, merkt an: "Vorausgesetzt, dass es nicht zu viel Schmusen gibt!" Und Cohn-Bendit sagt: "Vorausgesetzt, dass es nicht zu viel Schmusen gibt! Also bitte, Paul Guth, aber nein, das ist lächerlich." Paul Guth sagt weiter: "Sie könnten ihnen Ideen in den Kopf setzen, mit ihrem Schmusen." Cohn-Bendit antwortet: "Aber warum ihnen keine Ideen in den Kopf setzen? Zuerst setze ich ihnen keine Ideen in den Kopf. Wissen sie, die Sexualität eines kleinen Kindes ist etwas absolut Fanatisches. Man muss aufrichtig sein, seriös. … Bei den ganz Kleinen ist es was anderes, aber bei den Vier- bis Sechsjährigen. Wissen Sie, wenn ein kleines fünf-fünfeinhalbjähriges Mädchen beginnt, sie auszuziehen, ist das fantastisch. Es ist fantastisch, weil es ein Spiel ist, ein wahnsinnig erotisches Spiel."

Darüber hinaus gab es mehrere Pädophilen-Äußerungen in dem Magazin Pflasterstrand unter der Aufsicht Cohn-Bendits, der, wie die FAZ schreibt, die "presserechtliche Verantwortung" trug. Die FAZ zitiert unter anderem folgenden Beitrag aus dem Pflasterstrand:

"Für alle Altersstufen von Mai bis Juni (Regenerationszeit), für ein- bis dreijährige gilt die Schonzeit während der ganzen ersten Jahreshälfte...Das zulässige Höchstabschussalter wurde im Vergleich zu den Vorjahren (vor dem Jahr des Kindes) um zwei Jahre auf vierzehn Jahre gesenkt.

Man muss all diese Zeilen keiner hermeneutischen Analyse unterziehen, um zu erkennen, dass hier eindeutig erkennbare pädophile Ansichten und Vorstellungen zum Vorschein kommen.

Rolle der Grünen

Doch wie verhält es sich mit den Aussagen Cohn-Bendits, wenn man sie nicht isoliert betrachtet, sondern ihren zeithistorischen, ihren soziokulturellen Kontext und schließlich Cohn-Bendit mit seiner persönlichen Lebensgeschichte berücksichtigt?

Wird die Sprengkraft der Aussagen abgemildert, wenn man bedenkt, dass die Zeit der "68er" eine Zeit des Umbruchs, eine Zeit der innergesellschaftlichen "Revolution" war, die einen Frontalangriff auf die bürgerlichen Moral- und Wertvorstellungen darstellte und die auch und insbesondere den sexuellen Tabubruch groß und breit auf ihre Plakate schrieb?

Ist es wirklich so gewesen, dass Cohn-Bendit in den hier angeführten Aussagen nur die Zuspitzung des damaligen Zeitgeistes in personifizierter Form war, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, bürgerlichen Moralvorstellungen bis an ihre äußersten Grenzen und darüber hinaus zu dekonstruieren? Hat Cohn-Bendit vielleicht die Tragweite seiner Aussagen gar nicht erfasst?

Jeder weiß, dass damals versucht wurde, Grenzen zu verschieben. Richtig ist, dass in diesem Klima der sexuellen Tabubrüche, des freizügigen Umgangs mit der Sexualität, auch Kinder von dem "Korsett" bürgerlicher Erziehungsmethoden befreit werden sollten. Ein offener Umgang mit Sexualität, ein offener Umgang mit dem, was "Mama und Papa abends so machen", versuchten Teile jener Subkultur ihren Kindern anzuerziehen. Ob hierbei die Grenzen zur Pädophilie hart austariert oder häufiger überschritten wurden, als man es heute zugeben möchte, darüber kann man diskutieren.

Die Zeit, in der Cohn-Bendit so "revolutionär" agierte, war eine Zeit, in der gerade in der öffentlichen Meinungsäußerung allerlei Randgruppen einen Drang nach vorne verspürten.

Und dazu gehörten auch Pädophile. Die Grünen waren eine Partei, in der Pädophilengruppen versuchten unterzukommen, weil sie sich erhofften, dass sie ihnen bei der Erstreitung ihrer gewünschten "Rechte" auf der politischen Ebene weiterhelfen würden. Dafür konnte die noch junge Partei sicherlich zunächst nichts, aber der dann folgende Umgang, ja sogar die teilweise Unterstützung dieser Pädophilengruppe kann und muss man der Partei anlasten - auch heute noch.

Die unrühmliche und beschämende Rolle von Teilen der Grünen Partei in dieser Zeit dürfte, wenn die jüngste Beschlussfassung der Grünen nicht nur heiße Luft war, langsam aufgearbeitet werden. Zeit wird es!

Wusste Cohn-Bendit also nicht, wie schlimm Kindesmissbrauch ist?

Doch, um den Fokus wieder auf Cohn-Bendit zu richten: An einer entscheidenden Stelle stürzt die Argumentation von Cohn-Bendit und derjenigen, die seine Äußerungen endlich als erledigt betrachtet sehen möchten, ein: Sex mit Kindern, ob in Sinne eines knallharten Missbrauchs durch eine Vergewaltigung oder "nur" im Rahmen eines doch gegenseitigen, auf "Liebe" und "Zuneigung" beruhenden "Einverständnisses" zwischen Kind und Erwachsenen, ist nicht nur heute strafbar, sondern es war es auch damals - zu Recht!

Wer heute versucht, die Äußerungen von Cohn-Bendit durch den damaligen Zeitgeist zu erklären, verkennt, dass es einen Zeitgeist, der die Enttabuisierung von Kindersex forderte, nie gab. Vielmehr sind einzelne Akteure und kleinere Gruppen hinter diesen Akteuren zu erkennen, die im Zuge der damaligen gesellschaftlichen Bewegung eine eigenwillige und zugleich auffällige Auseinandersetzung mit der kindlichen "Sexualität" gesucht haben. Das hierbei auch pädophile Neigungen wohl eine Rolle gespielt haben, liegt nahe.

Doch es gibt einen weiteren Aspekt, der beachtet werden muss: Als Cohn-Bendit in der französischen Talkshow davon schwärmte, wie schön es ist, den Popo von "seinen kleinen Knirpsen" zu waschen, war er bereits 37 Jahre. Es war das Jahr 1982. Helmut Kohl wurde nach einem konstruktiven Misstrauensvotum Kanzler und Michael Jacksons Album "Thriller" landete in den Charts. 14 Jahre lagen zwischen dem Zeitgeist "der 68er" und Cohn-Bendits Schwärmereien über die kindliche Sexualität.

Cohn-Bendit verlangt nun, dass man ihm glaubt, er habe so leidenschaftlich von der kindlichen Sexualität nur deshalb geschwärmt, um seinen Status als "Berufsrevoluzzer" noch weiter auszubauen und dass es ihm in Wirklichkeit doch niemals um realen Sex mit Kindern gegangen sei. Aber, Cohn-Bendit geht noch weiter. Im jüngsten Interview mit dem Spiegel sagt er:

Es ist heute undenkbar, weil wir wissen, wie schlimm der Missbrauch von Kindern ist….Erst mit dem Bewusstsein von Kindesmissbrauch werden solche Aussagen, wie sie mir zur Last gelegt werden, einfach unerträglich.

Der Spiegel. Nr. 20. 13.5.13

Wusste Cohn-Bendit also nicht, wie schlimm Kindesmissbrauch ist?

Immerhin, so darf man anmerken, war Cohn-Bendit ein gebildeter junger Mann. Er hatte Abitur, studierte Soziologie und prägte durch seinen politischen Einsatz den "Zeitgeist" der "68er Jahre" maßgeblich mit. Hinzu kommt: Als Cohn-Bendit "Der große Basar" veröffentlichte, war er 30 Jahre alt. Cohn-Bendits ganzes Auftreten, seine Fähigkeiten, sich zu artikulieren, komplexe Sachverhalte sinnvoll zu durchdenken und weiter: sein durchaus auflösungsstarkes Verständnis für die Zusammenhänge einer Gesellschaft und der Politik sind bestens dokumentiert. Cohn-Bendit war und ist ein intelligenter Mann. Man darf, nein, man muss, Cohn-Bendit unterstellen, dass er 1982 mit den Gesetzen vertraut war, also wissen musste, dass sexuelle Übergriffe auf Kinder strafbar sind. Und wenn er das wusste, musste er auch die Gründe dafür kennen.

Gewiss, auch kluge Menschen verhalten sich mitunter dumm und töricht. Man kann Cohn-Bendit durchaus zugestehen, dass er auch mit all seinem Wissen und seinem Verständnis für das Politische, nicht davor sicher war, mit einer gewaltigen Portion Übermut, quasi als "Überzwerg", sein politisches Engagement zu weit zu treiben. Und genau auch darauf setzt Cohn-Bendit in seinen Rechtfertigungsversuchen. Gegenüber dem Spiegel sagt er:

Ich empfinde schon den "Großen Basar" als unglaublich angeberisch. Es gibt darin vereinzelt Reflexionen, die ich noch heute teilen würde. Aber alles ächzt unter diesem Bedürfnis, immer noch einen draufsetzen zu wollen. Genauso ist auch dieses Fernsehinterview. Ich bin Mitte dreißig und muss immer noch spätpubertierend daherreden.

Ist der Pädophilie-Vorwurf abwegig?

Ist es mit diesen Aussagen nicht genug? Ist das nicht eine klare und gute Erklärung für seine Äußerungen von damals? An dieser Stelle muss eine andere Frage gestellt werden: Handelt man nicht geradezu unverantwortlich, wenn man, in Anbetracht dessen, was in den vergangenen Jahren an Missbrauchsskandalen und Pädophilen-Übergriffen bekannt geworden ist, die Angelegenheit mit einer solchen Erklärung bewenden lassen würde?

Was ist in den vergangenen Jahren nicht alles an Abscheulichkeiten im Kontext Pädophilie ans Licht der Öffentlichkeit gelangt. "Sir" Jimmy Savile (Missbrauch: Ist Jimmy Savile überall?), Gerold Becker, der hochangesehene Pädagoge der Odenwaldschule, die vielen Übergriffe auf Kindern in kirchlichen Einrichtungen und vonseiten kirchlicher Funktionsträger: Immer wieder wurde bei diesen und anderen Fällen deutlich, dass die Täter geradezu wie ein Chamäleon waren. Nach außen waren sie erstaunlich oft respektierte Mitglieder der Gesellschaft, sie waren im Prinzip über jeden Zweifel erhaben. Manche haben es fertiggebracht, ohne irgendeinen Verdacht über Jahrzehnte ihr Tun zu verbergen, bei anderen gab es Anzeichen, Hinweise, kleinere, größere, und später, als - gerade im Fall Savile - das ganze Ausmaß der Verbrechen ans Licht kam, war die Empörung groß.

Damit kein Missverständnis entsteht: Die hier kurz angesprochenen Fälle von realem Missbrauch machen Cohn-Bendit nicht zu einem Täter. Aber das Wissen über und das Bewusstsein in der Öffentlichkeit zu diesen Fällen, machen die Situation für Cohn-Bendit auch nicht leichter.

Zumal seinen Erklärungsversuchen eine Lesart gegenübersteht, die nicht so einfach von der Hand zu weisen ist. Seine Kritiker schließen aus seinen Aussagen und seinem Auftreten, dass Cohn-Bendit in Wirklichkeit ein Pädophiler ist, der damals unter dem Zeitgeist des Umbruchs die Gelegenheit genutzt hat, sich, genauso wie andere Pädophile, mit einer Offenheit, wie sie eben typisch für die damalige Zeit war, für den Sex zwischen Erwachsenen und Kindern einzusetzen.

Dass ihm diese Aussagen jemals zum Verhängnis werden könnten, daran hat er damals eben nicht gedacht. Und, da die Äußerungen von damals nicht zu leugnen sind, versucht er heute diese eben auf eine Art und Weise zu interpretieren und zu erklären, dass Kritiker besänftigt und der ungeheure Verdacht von ihm gelenkt wird.

All jene, die Cohn-Bendit beistehen, können bei dieser zusammengefassten Beschreibung der vielen Kommentare und Aussagen der Kritiker, wie sie im Internet zu finden sind, sich mit lauter Stimme aufregen, aber, bei Lichte betrachtet, ist diese Lesart noch nicht mal im Ansatz abwegig, nein, im Gegenteil, sie liegt sogar sehr nahe - wenngleich diese Argumentation noch lange nicht der Wahrheit entsprechen muss.

"Daniel Cohn-Bendit ist kein Kinderschänder. Punkt."

Außerdem muss gefragt werden: Wie gewichtig ist die Argumentation, dass niemand von damals aus Cohn-Bendits Zeit im Kindergarten ihn angeklagt hat? Wenn man bedenkt, dass die Kinder, denen Cohn-Bendit den Popo gewaschen haben will, gerade mal 2 Jahre alt waren, liegt es nahe, dass diese wohl kaum etwas heute darüber aussagen können, auf welche Weise der Grünenpolitiker sie berührt, und wie er mit ihnen "geschmust" hat. Auch diejenigen, die für Cohn-Bendit die Hand ins Feuer halten, werfen lediglich Meinungen und Beobachtungen in die Waagschale und möchten, dass sie von der Öffentlichkeit als harte Argumente verstanden werden.

Thomas Schmidt schreibt, dass er Cohn-Bendit gut kenne und auf die Vorwürfe, Cohn-Bendit sei ein Kinderschänder, reagiert er mit dieser Aussage: "Dem ist - nach allem, was mir bekannt ist - nicht so." Doch in dem ganzen Artikel finden sich, außer biographische Erzählungen und Einschätzungen zur damaligen Zeit, keine Argumente.

Nicht anders verhält es sich mit einem Artikel, der vor einigen Tagen in der Stuttgarter Zeitung veröffentlicht wurde.

Eine Journalistin, die Cohn-Bendit direkt aus der Zeit seiner Tätigkeit im Kindergarten kennt und mit ihm zusammen gearbeitet hat, schreibt: "Tatsächlich hat Cohn-Bendit so wenig mit einem Kinderschänder gemein wie Angela Merkel mit einer Nachtklubtänzerin. Nämlich rein gar nichts." Ihre "Argumente" lauten:

Nie gab es dabei irgendwelche Anzeichen für Übergriffe, ob sexueller oder sonstiger Art. Nie äußerten Eltern auch nur den geringsten Verdacht, dass Cohn-Bendit ihre Sprösslinge missbrauche. Auch einige ältere Geschwister, die Dany noch als Bezugsperson aus der Uni-Kita kannten, kamen ab und an mit und freuten sich riesig, ihn wieder zu sehen. Die Kids mochten Dany.

Und Marcus Bocklet, Grünenpolitiker aus Hessen, sagt gegenüber n-tv.de auf die Frage, ob tatsächlich passiert sei, was Cohn-Bendit beschreibt: "Nein, das glaube ich nicht. Er sagt, dass es eine literarische Übertreibung war, eine "unerträgliche Provokation". Daniel Cohn-Bendit ist kein Kinderschänder. Punkt."

Die hier angeführten Aussagen haben ein eigenes Gewicht und einen eigenen Wert. Aber als hieb- und stichfeste Argumente zur Entlastung Cohn-Bendits zu betrachten, eignen sie sich kaum.

Die Einschätzung zum Verhalten von Cohn-Bendit erschwert außerdem, dass Cohn-Bendit nicht nur das intellektuelle, sondern auch das rhetorische Handwerkzeug besitzt, um sich gekonnt Angriffen aller Art entgegenzustellen. Er versteht es, Fragen auszuweichen und Inhalte selbst so zu formulieren, dass selbst geübte Interviewer und sachkundige Journalisten die Übersicht verlieren. Man muss die intellektuellen und rhetorischen Fähigkeiten von Cohn-Bendit in dieser Debatte zur Kenntnis nehmen und betonen, da seine Einlassungen durchaus auch als geschickte Uminterpretation und Verschleierung seiner vermuteten Neigungen ausgelegt werden können.

Auch Cohn-Bendits Auftreten in der jüngsten Zeit in Bezug auf seine "Kindergeschichten" zeigt sehr deutlich, dass sein Verhalten viel Raum für Deutung lässt. Bei der Verleihung des Theodor Heuss-Preis, wo die Welle der Empörung hoch war und er zugleich ein ergebenes Publikum vor sich hatte, brach der "rote Danny", wie er früher genannt wurde, in Tränen aus. Tränen, das hat die Wissenschaft festgestellt, lösen beim Gegenüber eine besänftigende Wirkung aus. Im Memo des stellvertretenden Spiegel-Chefredakteurs Klaus Brinkbäumer zur aktuellen Ausgabe ist dann aber zu lesen:

Daniel Cohn-Bendit verliert nicht so leicht seinen Humor, das muss man ihm lassen. Am vergangenen Mittwoch befragten ihn meine Kollegen Jan Fleischhauer und René Pfister zwei Stunden lang zu der Affäre um seine angeblichen pädophilen Neigungen. Als sie irgendwann in dem Gespräch wissen wollten, ob die Vorwürfe, die nun auf ihn einprasseln, nicht an die Nieren gehen, sagte er: "Ah, jetzt wechseln Sie vom Staatsanwalt zum Analytiker." Auch als er am vergangenen Freitag die autorisierte Fassung des Gesprächs per E-Mail zurückschickte, tat er das nicht ohne eine ironische Note: "Monster Cohn-Bendit" stand in der Betreffzeile.

Man kann Cohn-Bendit dieses so unterschiedliche Verhalten in der Angelegenheit einfach als "menschlich" auslegen. Menschen sind gewiss ambivalent, sie verhalten sich mal so, mal so. Sein Verhalten lässt sich aber auch als ein zutiefst strategisches Handeln eines kalkulierenden Politprofis deuten, der genau weiß, wem gegenüber er sich wie zu verhalten hat.

Cohn-Bendits Verhalten in Sachen Kindersex ist alles andere als unproblematisch

Im Interview des Spiegel sagte Cohn-Bendit etwa auf eine Frage, in der die Absage des Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, zur Laudatio der Preisverleihung an Cohn Bendit angesprochen wurde: Voßkuhle stehe unheimlich unter Druck wegen der anstehenden Entscheidung zur Homo-Ehe, da wolle er nicht in irgendeinen Verdacht geraten.

Spiegel: Sie haben mit Herrn Voßkuhle gesprochen?

Cohn-Bendit: Ich nicht, aber es gibt Leute, die mit ihm geredet haben.

Hat Voßkuhle also die Laudatio tatsächlich lediglich aus berufsstrategischen Gründen abgesagt? Auf eine Anfrage an Voßkuhle zu dem Sachverhalt antwortet der Pressesprecher des Bundesverfassungsgerichts gegenüber Telepolis und widerspricht der Äußerung Cohn-Bendits. Er sagte, dass die Absage "nicht in Verbindung mit einem einzelnen hier anhängigen Verfahren" stand. Und in der beigefügten Pressemitteilung zur Absage Voßkuhles heißt es u.a.:

In den vergangenen Wochen haben Bürgerinnen und Bürger dem Präsidenten zur Kenntnis gebracht, dass sich Herr Cohn-Bendit in einer Veröffentlichung Mitte der siebziger Jahre in nicht unproblematischer Weise zur Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern geäußert hat. Das Bundesverfassungsgericht ist in ganz besonderer Weise gehalten, jeden Anschein zu vermeiden, es würde solche Aussagen billigen. Vor diesem Hintergrund ist es Herrn Präsident Prof. Dr. Voßkuhle nicht möglich, an der diesjährigen Preisverleihung mitzuwirken.

Wer sagt die Unwahrheit? Voßkuhle oder Cohn-Bendit? Oder ist alles mal wieder nur ein Missverständnis?

Diese Beschäftigung mit der Person Cohn-Bendits könnte man problemlos weiterführen, aber die zentrale Erkenntnis ist längst deutlich geworden: Cohn-Bendit hat in der Kinder-Angelegenheit ein enormes Glaubwürdigkeitsproblem. Und das ist kein gutes Zeichen.

Aber was bedeutet das nun für uns, für die Medien, für uns als Gesellschaft? Wie sollen wir uns 30 Jahre nach diesen Äußerungen verhalten? Sollen wir sie als Geschwätz abtun und endlich "den Deckel draufmachen"? Wie oft soll sich Cohn-Bendit denn nun noch entschuldigen, bevor nicht auch der Letzte bereit ist, die "Sache" auf sich beruhen zu lassen?

Ein Dialog über das Thema scheint nicht möglich zu sein

An dieser Stelle kommt ein Problem zu Tage, das kaum zu lösen ist. Cohn-Bendits Äußerungen wären dann vom Tisch, wenn er eine tatsächlich glaubwürdige Erklärung liefern würde, warum er gesagt hat, was er gesagt hat. Eine glaubwürdige Erklärung, die keinen Raum für Zweifel lässt. Bisher ist er, selbst bei einigem Wohlwollen, noch weit davon entfernt. Und damit kommt das eigentliche, das größere Problem zum Vorschein.

Daniel Cohn-Bendit ist nicht irgendwer. Er ist der wohl einer der führende Politiker auf europäischer Ebene, er ist hochangesehen, im Ausland genauso wie in Deutschland. Er ist gern gesehener Gast in Talkshows, seine Expertisen zu Europa erscheinen in Medien im ganzen Land.

Wie passt es ins Bild, wenn auf der einen Seite ein Video bei YouTube zu sehen ist, in dem Cohn-Bendit über den Sex auch mit Kleinkindern schwärmt, und dieser Cohn-Bendit dann an einem Sonntagabend bei Günther Jauch neben Josef Ackermann unter dem Motto "Revoluzzer trifft Banker" sitzt? Wie ist es zu erklären, dass einerseits Kindersex, völlig zu Recht, als absolutes Tabu in unserer Gesellschaft gilt, andererseits ein Vorzeigepolitiker, der Aussagen getätigt hat, die heute von Pädophilen zur Rechtfertigung ihrer Neigung und eventueller Übergriffe auf Kinder genutzt werden können, hofiert wird?

Zeugt die Akzeptanz von Cohn-Bendit im Kreise der gesellschaftlichen Elite und in den Medien schlicht davon, dass diese eben nach vernünftigen Maßstäben sich mit der Biographie Cohn-Bendits auseinandergesetzt haben und seine Äußerungen im Kontext Pädophilie als unproblematisch bewerten? Oder sind sie vielmehr ein Zeichen für eine kollektive Blindheit gegenüber einem Problem, das man mit Nachdruck ignorieren möchte?

Argumente, gute Argumente wären an dieser Stelle angebracht. Doch ein Dialog zu dem Thema scheint kaum möglich. Günther Jauch, dem sonst so redseligen Moderator, verschlägt es die Sprache, wenn er gefragt wird, ob ihm die Einlassungen Cohn-Bendits zum Thema Kindersex bekannt waren und wie er diese bewertet. Selbst eine Beschwerde bei der Intendanz des NDR bewirkte keine Transparenz. Weder die Produktionsforma von Herrn Jauch noch der NDR wollen zu dem Thema Cohn-Bendit und Kinder Fragen beantworten. Warum wird bei Fragen zu diesem Thema gemauert?

Auch Christian Pfeiffer, angesehener Kriminologe, der immerhin maßgeblich eingebunden war in die Aufarbeitung kirchlicher Missbrauchsfälle, war noch nicht mal im Ansatz bereit, über die Einordnung Cohn-Bendits Aussagen aus seiner Sicht zu sprechen. Kurz nach dem Scheitern der Missbrauchsstudie im Januar wollte Telepolis ein Gespräch mit Pfeiffer zu Cohn-Bendit führen (also noch bevor die Debatte wieder hochkochte). Als Pfeiffer zurückrief und die Worte Cohn-Bendit und Kinder fielen, sagte Pfeiffer nur, dass er dazu nichts sagen würde und legte, ohne sich zu verabschieden, den Hörer auf.

Nicht anders verhält es sich mit den Grünen. Eine Anfrage an Cem Özdemir, der die Verleihung des Theodor-Heuss-Preises an Cohn-Bendit unterstützte, sowie eine Anfrage an den Vorstand der Grünen, sind seit fast drei Wochen, auch nach mehrmaligen Nachfragen, unbeantwortet. Und so wird auch durch das Verhalten derjenigen, die Kraft ihrer gesellschaftlichen und beruflichen Stellung etwas zu dem Thema sagen könnten, es aber nicht tun, deutlich, dass die ganze Angelegenheit längst nicht so unproblematisch ist, wie von manchen dargestellt. Viele entziehen sich dem direkten Dialog, sie ziehen sich zurück, schweigen lieber. Warum?

Alleine dieses Verhalten ist bereits unerträglich. So wird erneut die Gelegenheit verpasst, endlich auch im Sinne einer echten Diskussionskultur, über das schwierige Thema zu reden.

Deutlich wird, dass der Konflikt um Cohn-Bendit nicht zu lösen ist. Seit 2001 lösen seine Äußerungen immer wieder öffentliche Kritik aus. Wer hier alleine wahlkampftaktische Manöver vermutet, irrt. Sie dürften, leider, auch eine Rolle spielen. Aber man muss schon merklich realitätsfremd sein, wenn man an den Äußerungen, unabhängig von einem parteipolitischen Geplänkel, keinen Anstoß findet. Das, was Kinder durch sexuelle Übergriffe durch Erwachsene erleiden, ist zu schlimm, als dass man auch nur im Ansatz den Anschein erwecken darf, pädophiles Gedankengut dürfte verniedlicht werden, und die, die es verbreitet haben, dürften einen Platz in der gesellschaftlichen Mitte einnehmen.

Die gesellschaftliche Elite, die Cohn-Bendit Preise verleiht und ihn emporhebt, darf sich vor einer Diskussion darüber, wie sie die Äußerungen des Grünenpolitikers im Zusammenhang mit Kindern bewertet, nicht drücken.

Doch mir scheint, es ist längst zu spät. Daniel Cohn-Bendit, genauso wie die Grünen, haben sich zu lange Zeit gelassen, um eventuelle Missverständnisse mit Nachdruck aus dem Weg zu räumen. Reagiert wurde und wird nur, wenn der Grad der öffentlichen Aufmerksamkeit zu groß wird. Das war und ist der falsche Weg.

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